Hindernislauf im Schüleralter (Teil 2)

Analyse des bisherigen Stands

 Hindernis, der Hemmschuh: die Wettkampfbestimmungen

2007-05-01-hindernislauf-2_monz-diez01. Mai 2007 (Monz-Dietz) - Warum dürfen Schüler keine Hindernisläufe bestreiten? Warum sind für B-Jugendliche die Hindernisse höher (91cm) als die Hürden der Langsprinter (84cm)?

Der Hindernislauf ist im offiziellen Wettkampfprogramm der Schüler nicht vorgesehen. Grund dafür ist die Befürchtung, dass die Kinder durch die komplexen (vor allem orthopädischen und psychischen) Anforderungen dieser anspruchsvollen Disziplin überfordert werden könnten. Da aber Schüler die Disziplinen Dreisprung und Hammerwurf bestreiten dürfen, erscheint mir das nicht mehr ganz zeitgemäß. Allerdings werfen Schüler auch nicht mit dem 7,27 (SA) bzw. 4,00 kg (SiA) schweren Hammer!

Abb.: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/18/London_1908_Steeplechase.jpg/240px-London_1908_Steeplechase.jpg

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Eine Überforderung stellt allenfalls das bisherige Wettkampfsystem dar. Erst mit 16 Jahren dürfen Hinderniswettkämpfe bestritten werden. Daraus erwächst die Gefahr, dass Trainingsinhalte innerhalb eines kurzen Zeitraumes stark verändert und gesteigert werden müssen, um den Anforderungen der Disziplin gerecht zu werden. Plötzliche Belastungswechsel, die auf einen unvorbereiteten Organismus treffen, gelten aus orthopädischer Sicht als äußerst bedenklich (vgl. WEINECK, J.: Optimales Training. 2003). Für die erfolgreichsten Jugendlichen ist dann innerhalb von zwei bis drei Jahren der Umstieg auf die international geforderte 3.000-m-Hindernisstrecke erforderlich.

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Kinder laufen in ihrer Freizeit gerne über „Stock und Stein“, um monotones „Geradeauslaufen“ zu vermeiden und freuen sich über Hindernis-Parcours im Rahmen des Hallentrainings. Laufen über Hindernisse entspricht also durchaus dem kindlichen Naturell, verbessert Grundlagenausdauer und im koordinativen Bereich vor allem Rhythmisierungs-, Differenzierungs- und Orientierungsfähigkeit. Durch attraktive, abwechslungsreiche Hindernisparcours lassen sich auch Kinder zum Ausdauertraining motivieren, die sonst diesem Thema eher ablehnend gegenüber stehen. Bei den Schnupperläufen in Kamen war der hohe Aufforderungscharakter von kleinen Hindernissen und dem vereinfachten Wassergräben unübersehbar. Viele Kinder wollten gar nicht aufhören, Hindernisse und Wassergraben zu überqueren.

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Grundlegende Voraussetzungen für den Hindernislauf sind das beidseitige Überqueren der starren Hindernisse mit und ohne Aufsetzen des Fußes. Diese Technikgrundlagen sollten bereits im Schüleralter gelegt werden. Ansonsten gestaltet sich der Übergang zum Hindernislauf in der B-Jugend problematisch.

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An dieser Stelle ist zusätzlich der Hinweis notwendig, dass für die männlichen B-Jugendlichen über 110 m Hürden die gleiche Höhe von 91 cm zu überwinden ist wie im Hindernislauf. Über 400 m Hürden ist die Hürdenhöhe mit 84 cm sogar niedriger als bei den starren Hindernissen des „Steeple“. Für die Mädchen gestaltet sich der Übergang etwas einfacher, da ihre Hürden bzw. Hindernisse in Relation zur durchschnittlichen Körpergröße sowieso niedriger als bei ihren männlichen Kollegen sind.

Gerade von Athleten, die sich im ersten B-Jugendjahr befinden, gibt es viele Bilder, die keine Werbung für den Hindernislauf darstellen. Die Vorbereitung auf die Hindernisstrecke ist zu kurzfristig angelegt.
Aus entwicklungsphysiologischer Sicht wäre es für die meisten männlichen B-Jugendlichen sinnvoll, die Hindernishöhe zu verringern. Da es bereits höhenverstellbare Hindernisse für Männer (91 cm) und Frauen (76 cm) gibt, ist es nicht schwierig, eine weitere Bohrung für 84 cm hohe Hindernisse anzubringen.
Andere Wassergrabenmaße (z.B. 3,00 m Länge) wären durch einen „Schwenkarm“, wie es ihn bereits im Jahr der Einführung des Frauenhindernislaufes gab, möglich. Eine solche Lösung ist allerdings aus Kostengründen deutlich schwieriger umzusetzen. Eine weitere Möglichkeit wäre, das Hindernis vor dem Wassergraben zu entfernen und ein genügend breites Balkenhindernis ca. 65 cm weiter nach hinten aufzubauen. Die Fläche zwischen Wassergrabenbeginn und Hindernis wird dann mit einer üblichen Wassergraben-Abdeckung aus Aluminium versehen.
Dem Anliegen, die Hindernisanforderungen altersgemäßer zu gestalten, steht gegenüber, dass bei den U18-Weltmeisterschaften bereits über Männerhindernisse und Wassergräben gelaufen wird. Das wirft die – auch in anderen Breichen (Wurfgewichte, Hürdenhöhen und –abstände) – nicht ganz neue Frage auf, ob es wichtiger ist, einzelne Athleten auf die internationalen Anforderungen ihrer Altersklasse vorzubereiten oder einer ganzen Altersgruppe ein aus entwicklungsphysiologischer Sicht günstigeres Wettkampfangebot zu unterbreiten.

An diese Überlegungen schließt sich dann die Frage an, inwieweit ernsthaft eine internationale Regeländerung für die B-Jugendlichen (U18) angestrebt werden sollte und inwieweit die Einflussmöglichkeiten interessierter Kreise in internationalen Gremien ausreichen, eine solche Lösung durchzusetzen.

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Der Übergang zum Hindernislauf in der B-Jugend wird sicher erleichtert, wenn A-Schüler und –Schülerinnen bereits unter erleichterten Bedingungen Hindernisläufe bestreiten dürfen. „Schnupperläufe“ im B- und C-Schüleralter sind eher unter dem Gesichtspunkt der Motivationsförderung und der vielseitigen Schulung von Grundlagenausdauer und Koordination zu sehen.

Internationale Anforderungen

Die national erfolgreichsten 16- bzw. 17jährigen sind potenzielle Kandidaten für die Teilnahme am 2.000-m-Hindernislauf der U18-Weltmeisterschaften. 2001 startete Chr. Pomp (5:57,59 min im Vorlauf) in Debrecen (Ungarn), 2003 konnte der DLV keinen geeigneten Hindernis-Läufer nach Sherbrooke schicken. 2005 lief Felix Hentschel in Marrakesch 5:55,15 min im Vorlauf. International haben die U20-Athleten bereits die 3.000-m-Hindernisstrecke zu bewältigen.

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Hindernislauf im Schüleralter (Teil 1)

Sinnvolle Heranführung an einen Hindernis-Wettkampf im Juni

2007-04-27-hindernislauf-1_monz-diez27. April 2007 (Monz-Dietz) - Seit 2002 werden „Schnupperläufe“ über Hindernisse für Schüler- und Schülerinnen C, B und A im Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) durchgeführt. Sie finden im Rahmen-programm der Westfälischen Hindernismeisterschaften statt. 2006 hatten dazu mehr als 70 Kinder ihr Meldung abgegeben. Die Wettbewerbe der A-Schülerinnen und A-Schüler sollen den Übergang zum Hindernislauf der B-Jugend erleichtern. „Schnupperläufe“ im B- und C-Schüleralter sind eher unter dem Gesichtspunkt der Motivationsförderung und der vielseitigen Schulung von Grundlagenausdauer und Koordination zu sehen.

Abb.: LEICHTATHLETIK-TRAINING 06/2006

Warum Hindernisläufe?

Hindernisse genießen allgemein einen hohen Aufforderungscharakter und fördern rhythmische Elemente. Durch attraktive, abwechslungsreiche Hindernisparcours lassen sich auch Kinder zum Ausdauertraining motivieren, die sonst diesem Thema eher skeptisch gegenüber stehen. Bereits im frühen Grundschulalter sind spielerische Formen wie Geschicklichkeitsparcours und Staffeln oder Brennball mit kleinen Hindernissen im vielfältigen Formen möglich. Eine geeignete Wahl der Abstände entwickelt Rhythmusgefühl und Entfernungssehen.

Im Grundlagentraining sind außerdem gymnastische und athletische Grundlagen wesentliche Trainingsinhalte. Sie stellen die Voraussetzungen sowohl für eine ökonomische Hindernis- als auch die Wassergrabentechnik dar. Eine angemessene Beweglichkeit ermöglicht es, die Hin-dernisse mit beiden Beinen als Schwung- bzw. Nachziehbein zu überlaufen. Eine kräftige Rumpf-, Waden- und Fußmuskulatur schützt vor Verletzungen und ist Voraussetzung für das Erlernen der Zieltechnik.

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Abb.: LEICHTATHLETIK-TRAINING 02/03.2006

Schnupperläufe in Kaiserau

Für den 2. Juni 2007 sind erneut Schnupperläufe am SportCentrum Kaiserau in Kamen-Methler geplant.
Schülerinnen und Schüler C und B laufen 800 m über vier starre Hindernisse (50 cm hoch) pro Runde. Der Wassergraben wird ohne davor stehendes Hindernis überquert. Das erste Hinder-nis steht in Höhe des 1.500-m-Startes.
Schülerinnen und Schüler A laufen über die 76 cm hohen Frauenhindernisse. Ansonsten gelten für sie die gleichen Bedingungen wie für die Jüngeren.

Zur Vorbereitung auf eine solches „Event“ nachfolgend einige Trainingsvorschläge.

Langfristige Vorbereitung

Kinder sollten niemals unvorbereitet in solche Schnupperläufe geschickt werden

Hindernisparcours für die Jüngsten

Für die Jüngeren stehen dabei Hindernisparcours in der Halle und im Freien im Vordergrund. In der Halle können Turn-/ Gymnastik-/Weichbodenmatten, Kästen, Kastenteile, Kastendeckel, Hürden, Bananenkartons, Bänke, Reifen, Hütchen und ähnliche Gegenstände als Hindernisse dienen. Dabei wird zunächst die Aufrecherhaltung des Laufcharakters bei der Hindernisüber-querung in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt.
Im Freien können Weitsprunggruben, niedrige Geländer und Hecken ( Beachte: Verletzungs-gefahren!), Treppen, Erdwälle u.ä. zur vielseitigen Ausdauer- und Rhythmusschulung mit ein-bezogen werden. Die Weitsprunggrube dient dabei als Wassergrabenersatz.

Ausdauerschulung

Zur Ausdauerschulung können ausdauerorientierte Spiele, Dauerläufe, extensive Intervallläufe mit Laufabschnitten zwischen 100 und 400 m, Fahrtspiele oder Ausdauer-Trainingsformen aus anderen Sportarten wie Schwimmen, Radfahren, Inline-Skaten oder Ski-Langlauf herangezo-gen werden. Die Dauer- und extensive Intervallmethode stehen dabei im Vordergrund. Hohe anaerobe Belastungen durch die Wiederholungsmethode sind zu vermeiden.
Für die A-Schüler stellen daneben Läufe im Gelände (Wald, Wiese, Parkwege) über kleine Hin-dernisse mit unterschiedlichen Abständen eine geeignete Vorbereitung dar.

Schulung der Hürdenüberquerung

Die Hürdenhöhe ist so zu wählen, dass der Laufcharakter erhalten bleibt. Die Kinder sollen die Hindernisse überlaufen und nicht überspringen. Bereits nach den ersten Versuchen ist es sinn-voll zu differenzieren und mehrere Hürden-/Hindernisbahnen mit unterschiedlichen Abständen und Höhen aufzubauen.
Zunächst können Bananenkartons, Schaumstoffblöcke, Bänke mit und ohne aufgelegte Bälle, später auch Übungshürden mit Schaumstoff benutzt werden.

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Abb.: Lehr-CD für die C-Trainer-Ausbildung des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen (FLVW)

Mit der Erhöhung der Hindernisse/Hürden wird die Notwendigkeit der seitlich abgewinkelten Nachziehbeineinführung für die Schüler erfahrbar. Bei einigen Athleten wird dann auch die mangelnde Beweglichkeit im Hüftbereicht sichtbar.

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• Übungsaufbau für Nachziehbeinschulung
Abb.: Lehr-CD für die C-Trainer-Ausbildung des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen (FLVW)

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Abb.: LEICHTATHLETIK-TRAINING 02/03.2006

2007-04-27-hindernislauf-1_monz-diezHürden- und Hindernistraining benötigt vorbereitendes Beweglichkeitstraining

Methodische Reihe

  • Eine Hürde mit niedrigster Einstellung zunächst im Gehen, dann im Traben, später in höherer Geschwindigkeit überqueren
  • über 3 Hürden/Hindernisse im 3-er Rhythmus (5,50 bis 7,00 m Abstand – je nach Fähigkeit der Kinder), mit beiden Beinen schulen
  • Dann 5-er, 7-er, aber auch 4-, 6-, 8-er Rhythmus
  • Allmählich wird die Hürdenhöhe den Fähigkeiten der Kinder angepasst

Abb.: LEICHTATHLETIK- TRAINING 06/2006

Technikmerkmale
Der flache Verlauf der Körperschwerpunktkurve steht im Vordergrund:

  • auf die Hürden aktiv zulaufen,
  • schnelles Anheben des Schwungbeines,
  • Schwungbein schwingt gerade nach oben und setzt greifend auf dem Ballen hinter der Hürde auf
  • Schnelles Durchschwingen des Nachziehbeines bei hoher Knieführung
  • Schulter über der Hürde parallel zur Hürde

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Schulung der Wassergrabenüberquerung

HindernisgrabenDa bei den Schnupperläufen an der Sportschule Kaiserau der Wassergraben ohne davor stehendes Hindernis überlaufen wird, soll zunächst auf diese Variante eingegangen werden.

Abb.: LEICHTATHLETIK-TRAINING 02/03.2006

Technikmerkmale

Zügiges Heranlaufen an den Graben, flacher Sprung mit einbeiniger Landung im flachen Teil des Wassergrabens. Ein zu stark gesteigertes Tempo vor dem Wassergraben führte in der Ver-gangenheit bei der Landung in der schiefen Ebene des Grabens durch den Geschwindigkeits-überschuss vereinzelt zu Stürzen.

Methodische Reihe

  • Kurzer Anlauf vor der Weitsprunggrube, Absprung, einbeinige Landung in der Grube, zügiges Weiterlaufen
  • Verlängerung des Anlaufes auf ca. 50 m, danach gleiche Distanz weiter laufen
  • falls möglich: Überquerung eines gefüllten Wassergrabens ohne davor stehendes Balkenhindernis

Trainingsvorschläge zur Vorbereitung auf die Läufe am 2. Juni in Kaiserau

Nach dem Bausteinprinzip des DLV-Rahmentrainingspanes (26 Bausteine) für das Grundlagen-training SCHÜLERLEICHTATHLETIK können nachfolgende Trainingsbausteine, die je-weils 20 bis 30 Minuten dauern, auf die Schnupperläufe vorbereiten. Um diese Hindernis-Inhalte sind die anderen Bausteine (Sprinten, Springen, Werfen/Stoßen, Turnen, Spielen, Gym-nastik, allgemeiner und LA-Joker) des Grundlagentrainings zu planen.

B-Schüler

Tempoorientierung: 18 – 23 sec. pro 100 m
Tabelle: Tempoorientierung: 18 – 23 sec. pro 100 m

A-Schüler

Tempoorientierung: 17 – 22 sec. pro 100 m
Tabelle: Tempoorientierung: 17 – 22 sec. pro 100 m

Vorbereitung auf „richtigen“ Wassergraben

Um 15-jährige (und ältere) auf den ersten Hindernis-Wettkampf in der B-Jugend vorzubereiten, ist eine weitere Steigerung der Anforderungen am Wassergraben unabdingbar.

Technikmerkmale

2007-04-27-hindernislauf-1_monz-diezZiele:

  • Beibehaltung einer hohen Horizontalgeschwindigkeit bei flachem Verlauf der Körperschwerpunktkurve
  • Laufrhythmus beibehalten und auf dem Balken mit dem hinterem Bein möglichst lange Kontakt zum Balken halten,
  • tiefer Körperschwerpunkt über dem Balkenhindernis

Foto: Schlebach

 

Methodische Hilfe 2007-04-27-hindernislauf-1_monz-diez

  • Niedriges Hindernis (Kasten oder Balkenhindernis) vor der Weitsprunggrube stellen bzw. Hindernis in die Weitsprunggrube „einbuddeln“, damit es niedriger wird. Dabei ist der gesamte Weitsprunganlauf nutzen und aus der Grube herauszulaufen.
  • Höhe des Balkenhindernisses schrittweise erhöhen
  • Übergang zum richtigen (gefüllten) Wassergraben

Abb.: LEICHTATHLETIK-TRAINING 02/03.2006

 

Im weiteren Verlauf der hindernistechnischen Vorbereitung wäre das Entfernungssehen geziel-ter zu schulen und zusätzlich Ermüdungsfaktoren zu berücksichtigen.

Ausblick

Oft wird nur das trainiert, was im Wettkampf verlangt wird. Deshalb ist die Forderung, das Wett-kampfprogramm so umzustellen, dass die erforderlichen Inhalte gesichert werden, nicht ganz neu. Der Hindernislauf ist die einzige leichtathletische Disziplin, die erst mit 16 Jahren wett-kampfmäßig bestritten werden kann. Wer langfristig sportliche Leistung entwickeln will, muss die Trainingszeit und das zeitliche Fenster für die optimale Entwicklung ökonomisch und sinn-voll nutzen.

Teamarbeit in der Leichtathletik (Teil 1)

Regensburger Modell zwischen Anspruch und Wirklichkeit

 2007-05-04-teamarbeit-in-der-leichtathletik-104. Mai 2007 (Ring) - „Die Leichtathletik hat ein ausgemachtes Trainerproblem. Zum einen fehlen engagierte und qualifizierte Trainer, zum anderen sind die aktiven Trainer von der Vielzahl der Aufgaben schier überfordert“, so die Aussage von Autor Ulrich Becker in der jüngsten Ausgabe von Leichtathletiktraining, erschienen im April 2007, zu einem der größten Aufgaben der olympischen Sportart Nummer eins. In seinem Beitrag will der Verfasser Abhilfe durch Teamarbeit schaffen, ist sich dabei durchaus im Klaren, dass diese in der Leichtathletik bisher eine untergeordnete Rolle spielt. In seinem Beitrag gibt er sich große Mühe, einen theoretischen Ansatz zu zeigen, wie Teamarbeit dazu beitragen kann, das Trainerproblem in der Leichtathletik zu lösen, welche Rolle Teamarbeit in der täglichen Leichtathletik-Praxis auf Vereinsebene spielen kann, welche Chancen durch eine funktionierende Zusammenarbeit von Trainern Betreuern und Eltern geschaffen werden können und wie Teamarbeit gelingen könnte.

Der Verein als Kernzelle der Leichtathletik

Die Regensburger Sportvereine sind geordnet wie viele Sportvereine in Deutschland. Ein Gebilde aus mehreren Abteilungen, zumeist ehrenamtlich verwaltet, oft mit maroden Obliegenschaften belastet, mit wenig bis gar keinen finanziellen Mitteln, gestalterisch in ihre Abteilungen einzugreifen. Dieser Zustand des sogenannten „Traditionsvereins“ reicht inzwischen bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück und forderte von Sportartverbänden Handlungsbedarf. Der DLV begegnete diesem Problem mit der Gründung von Leichtathletik Gemeinschaften, deren Ziel die Neugestaltung des Trainings- und Wettkampfgeschehens im Verbund mehrerer LA-Abteilungen war und die kleinen Vereine vor dem „Ausverkauf“ seiner Talente bewahren sollte. Dies wäre nicht unbedingt erwähnenswert, wenn nicht darin der Urkeim neuer Möglichkeiten bis in die heutige Zeit läge. Mit dem Zusammenschluss war man nämlich sofort alle Probleme der Stammvereine los, um nun „seine“ Sportart zielgerichtet entwickeln zu können. Regensburg war mit seiner LG Regensburg von Anfang an dabei (LG-Gründung 1972). Dabei setzte man klugerweise auf die Kopffinanzierung durch die LG selbst. Die Vergangenheit zeigte, dass die kopffinanzierten LG’s dabei die größten Überlebenschancen hatten. Das immer schwächer werdende allgemein tätige Netzwerk des Sportvereins konnte erfolgreich mit einer speziell leichtathletisch zielgerichteten Organisation ersetzt werden, die den Anforderungen bis in die späten 90er Jahre befriedigend gerecht werden konnte.

Nachwuchs- und Trainermangel machen auch vor den LG’s nicht halt

2007-05-04-teamarbeit-in-der-leichtathletik-1Spätestens beim Übergang ins neue Jahrtausend musste auch eine LG Regensburg feststellen, dass eigener Nachwuchs nicht im Überfluss aus den Stammvereinen nachkam, qualifizierte Trainer/Innen aus dem Lehrpersonal der Schulen weniger an der eigenen Motivation als an ihrem immer enger werdenden persönliche Zeitkontingent aus der Leichtathletik ausstiegen oder erst gar nicht damit anfingen. Diese Entwicklung wurde von der sportlichen Leitung der LG Regensburg frühzeitig erkannt und eine veränderte strukturelle Arbeit eingeleitet. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit (regionale Presseberichte, Laufkalender und eigene Homepage) konnten Sponsoren gewonnen werden, die zusammen mit der beinharten, aber sehr erfolgreichen Organisation von Veranstaltungen für den finanziellen Rahmen zur Neustrukturierung sorgten. Unter dem „Schutzmantel“ einer inzwischen prima funktionierenden Leistungsleichtathletik der Erwachsenen konnte zielgerichtet am neuen Haus gebastelt werden. Dabei setzte man nicht nur auf eigenes Knowhow. Zug um Zug gelang es, ausgemachte Experten wie unter anderem Altbundestrainer Lothar Pöhlitz oder Dr. Dr. Homayun Gharavi für die Arbeit an der schönen blauen Donau zu interessieren. Diese Experten setzten neue Eckpfeiler für eine nun schon seit mehreren Jahren erfolgreiche Teamarbeit in der Vereinigung.

Teamarbeit in der Leichtathletik (Teil 2)

Regensburger Modell zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Das Talent steht immer im Mittelpunkt eines Kompetenzteams

09. Mai 2007 (Ring) - Ob gerade mal entdeckt im zarten Alter von 12, 13 oder 14 Jahren oder schon auf den Sprung zur Internationalität, mit einer Meinung waren sich die Handelnden immer einig: Der/die Athlet/In steht immer im Mittelpunkt seiner Umfeldfaktoren, die sein leichtathletisches Leistungsstreben erfolgreich aber auch mindernd beeinflussen können. Ulrich Becker fordert für diese Korrelationen Zusammenarbeit, eben Teamfähigkeit und benennt folgende Arten von Teams:

  • Trainerteam
  • Trainer-Assistententeam
  • Trainer-Elternteam
  • Trainer-Betreuerteam
  • Trainer-Beraterteam
  • Sportübergreifendes Team

Wir in Regensburg haben auf ein Kompetenzteam gesetzt, dass ständig erweiterbar ist, sofern sich personelle Fachkompetenzressourcen auftun.

Kompetenzteam

Dabei ging es uns nicht nur um eine personelle Kompetenzbindung sondern vielmehr auch um eine institutionelle, die den Weg des Talents bis zur Olympiareife begleiten soll. Erfahrungen im Hochleistungssport besitzen wir. Alle drei aus bayerischen Vereinen kommenden Athener Olympiateilnehmer/Innen (2004) sind oder waren Mitglied unseres Leichtathletikteams, wenn auch festgehalten werden muss, dass sie bisher nur am Rande vom neu installierten System profitierten. Manche mag es verwundern, die Eltern nicht als „Partner“ im Kompetenzteam vermerkt zu wissen. Wir betrachten „unsere Eltern“ natürlich als ganz wichtiges Bindeglied zwischen Verein und Athlet/In, wissen aber auch, dass deren Bindung stark emotionell subjektiv geprägt ist und deren leichtathletische Kompetenz in der Regel einen geringen Status aufweist. Meistens gelingt es uns, sie zielgerichtet für Betreuer/Kampfrichter/Helfertätigkeiten zu gewinnen und sie von dem, was wir fachspezifisch machen, ausreichend aufzuklären, ohne sie direkt damit in die Verantwortung zu nehmen. Der nur indirekt einwirkende wissenschaftliche Ast der leichtathletischen „Theorie“ konnte in Form einer eigenen LA-Coaching-academy erweitert werden und genießt derzeit schon in Leichtathletik-Deutschland via eigenem Internet-Portal www.la-coaching-academy.de über respektables Ansehen. Die Leitung für diese unabhängige Projekt liegt in Händen von Lothar Pöhlitz, Kurt Ring und Lukas Ziegler. Die Anzahl der ständigen freien Mitarbeiter wächst permanent.

Verschiedene Entwicklungsstufen fordern verschiedene Anforderungen

Von Anfang waren wir uns im Klaren, dass sich die Umfeldfaktoren je nach Entwicklungsstand des Sportlers stark verändern können. Deshalb versuchten wir einen so genannten „Leistungsbaum zu entwickeln, aus dem die verschiedenen „Talententwicklungsmöglichkeiten“ abzulesen sind.

Leistungsbaum

Belastungsaufbau Hürdensprünge für Läufer

 

2007-05-17-belastungsaufbau-huerdenspruenge17. Mai 2007 (Pöhlitz) - Im Rahmen des Schnellkrafttrainings zur Verbesserung der Schnelligkeitsfähigkeiten und Abdruckkraft aus dem Fußgelenk für Läufer spielen die Hürdensprünge eine wichtige Rolle. Sie stehen am Ende der Kette Kraft – Sprungkraftausdauer – Schnellkraft und erfordern eine hohe technische Präzision. Wegen der erforderlichen Genauigkeit der Bewegungsanforderungen (hohe Verletzungs - Sturzgefahr durch hängen bleiben), der anzustrebenden Wirkung (Höhe) und möglichst kurzen Bodenkontaktzeiten, ist ein systematischer Aufbau (niedrige Hürdenhöhe, Einzelsprünge, Technikkorrekturen bis zur Feinform, Koordination Arme-Beine, Übung der Konzentration, Pausen) bereits im Jugend-Aufbautraining unerlässlich.

Beachten Sie dabei, dass mit zunehmender Bewegungsgeschwindigkeit die Bewegungsgenauigkeit abnimmt. Mehrfache beidbeinige Hürdensprünge sollten deshalb erst dann eingeführt werden, wenn die Technik beherrscht wird. Eine Vorbereitung durch beidbeinige Kastenaufsprünge (ohne Niedersprung, d.h. absteigen) ist sinnvoll. Bei sichtbarer Ermüdung sollte die Übung abgebrochen werden. Für die KZA- und MZA-Disziplinen steht die zunehmend anzustrebende Höhe im Vordergrund, während sich für die LZA-Disziplinen eine hohe Wiederholungszahl bei auch mittleren Höhen (submaximale Belastungsanforderungen) bewährt hat.

Eine hohe Wirkung des Schnellkrafttrainings wird erreicht, wenn Hürdensprünge im Anschluss an ein maximalkraftorientiertes Krafttraining oder ein Schnellkrafttraining oder auch an vorbelastende Sprungformen durchgeführt werden. Daran können sich auch noch , mit dem Ziel der Umsetzung in den Vortrieb, kurze Steigerungsläufe » submaximale Sprints anschließen.

Belastung: 6 – 10 x 6 – 10 Hürden
beidbeinig --> einbeinig
systematischer Belastungsaufbau
Gesamt: max. 100 pro TE
Hürdenhöhe: » 50 cm
» 76 cm
» 92 cm
» 106 cm (bis 20 Einzelsprünge)
evtl. Vorbereitung durch Kastenaufsprünge
Technik: » Ballensprünge
» kurze Stützzeit
» Knie zur Brust ziehen
» Arme unterstützen Absprung
» Oberkörper aufrecht /Spannung halten

 

Foto: Schlusssprünge (Lutz-Foto)