Viel oder wenig trainieren – wo sich die Geister scheiden

In Deutschland neigt man derzeit zur sanften Tour, besonders im Schülertraining

16. Dezember 2006 (Ring) - Deutschlands Leichtathleten/Innen haben im Vergleich zur Weltspitze derzeit mit Ausnahme der Werfer/Innen keinen guten Stand. Von Initiativen, dies zu ändern, hört man wenig. Der Fußballverband erklärte gerade, 50 Eliteschulen an Schwerpunkttrainingszentren zu schaffen, bei uns herrscht Ruhe. Als wichtigster Faktor zur Leistungsentwicklung ist das Training anzusehen. Darüber wird in Leichtathletikkreisen zu wenig und zu allgemein gesprochen. Eckpunkte des Leistungstrainings sind die Trainingshäufigkeit, die Qualität des Trainings und Belastungsverteilung in den einzelnen Zyklen. Derzeit neigt man aber im Nachwuchstraining zur deutlichen Reduzierung der Quantität, zur sanften Tour. Darüber muss diskutieret werden.
Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, waren wir als Kinder, aber auch als Heranwachsende immer auf den Beinen. Man würde uns wahrscheinlich alle nach heutigem Gesichtspunkt mit der Eigenschaft „hyperaktiv“ versehen. Im Sommer wurde nach der Schule am Nachmittag bis zum Umfallen Fußball gespielt. Drei, vier Stunden waren keine Seltenheit und das wohl gemerkt jeden Tag und fast bei jedem Wetter. Weil der Fußballplatz schlappe zwei Kilometer von zu Hause entfernt war, musste man auch noch seine Beine in die Hand nehmen, vorher wie nachher. Im Winter ging’s zum Skihang. Da der auch nicht gerade vor der Haustür lag, wurde zwanzig bis dreißig Minuten lang Skilanglauf mit den Abfahrsbrettern „gekämpft“, um überhaupt mal hinuntersausen zu können, dann die Piste getreten und auch Schanzen gebaut. Rauf und runter den ganzen Nachmittag, bis es dunkel wurde und am Sonntag vor und nach dem Mittagessen mit zweimal Anmarsch und zweimal Rückmarsch und natürlich ohne Lift. So manche Hausaufgabe wurde dem Sport geopfert, über zwanzig Stunden Bewegung pro Woche kamen zusammen und waren für uns das Normalste der Welt, für viele kam am Abend noch Training im Verein dazu.
Heutzutage werden 13-, 14-Jährige meist nur zweimal die Woche ins Training gebracht. Per Auto, versteht sich. Im Schulunterricht, wer Glück hat dreimal eine dreiviertel Stunde pro Woche, fließt selten mehr der Schweiß – Jonglieren und Pedalo-Fahren ist wichtig, zur Konditionierung der Kids trägt es wenig bei. Einheimische Skihänge gibt es kaum noch, der weiße Sport hat sich in die Alpen verlagert mit all den modernen Aufstiegshilfen. Damit geht’s zwar öfter und rasanter runter, aber selten mehr per pedes hinauf. Nicht selten hört man von Stadtkindern als Entschuldigung für das Fehlen im Training: „Meine Mami hatte heute kein Auto.“ Drei oder vier Kilometer Fußweg sind heutzutage ein unüberwindbares Hindernis.
Die Dinge sind eben so, im Jahr 2006 nach Christi, der Zeitgeist ein anderer. Grundsätzliches im Trainingsaufbau hinsichtlich einer Leistungsentwicklung bleibt aber gleich. Die Trainingspyramide mit dem Sockel der Grundkonditionierung, der Schnelligkeit und der Grundlagenausdauer als Basis für jegliches zielorientiertes Trainieren wird sicher keiner in Frage stellen, die Qualitätsverteilung mit wenig hohen Anforderungen, einer breiten Palette von normal belastenden Übungseinheiten und einem gehörigen Maß an Regenerationseinheiten wohl auch keiner. Regenerationseinheiten werden gerne als „Ruhetage“ betrachtet. Wie die erforderlichen Inhalte (siehe auch RTP) in zwei Trainingseinheiten plus zwei bis drei Schulstunden und die allseits geforderte Belastungsverträglichkeit aufgebaut werden sollen, bleibt offen. Dem früheren Rhythmus der sich abwechselnden Trainings- und Wettkampfphasen folgt auch keiner mehr, man denkt viel zu oft nur von Rennen zu Rennen und in den  Kaderlehrgängen sollte die „Lehre“ Vorrang haben.
Die immer höher werdenden mentalen Anforderungen schon im Nachwuchsalter durch ein permanentes Höhepunktangebot (wettkampffreie Phasen im Jahreskalender über mehrere Wochen sind selten geworden) müssten sich eigentlich mit der geringen Umsatzzahl an Training beißen. Fortschritte der rasanten Form, werden den wenigen speziellen Trainingsformen zugewiesen. „Schaut her, das war alles mit drei Trainingseinheiten pro Woche möglich“, ein geflügeltes Wort im Jugendbereich. An die Basisarbeit für „übermorgen“ wird wenig gedacht. Ich meine, vieles, wenn nicht sehr vieles, ist auf die Entwicklungssprünge in diesem Alter zurückzuführen, wenn’s läuft, aber auch wenn es nicht läuft. Erfahrene Trainer wissen, dass Training meist erst dann richtig zu bewerten ist, wenn die körperliche Entwicklung etwa mit 20 - 22 Jahren abgeschlossen ist. Dann wird’s oft zäh, es dauert, der Körper wehrt sich gegen die erhöhten Anforderungen. Zuerst trainiert man für’s Training später erst für die besseren Ergebnisse. Geht man von einer jährlich mindestens notwendigen 10-15%igen Steigerung der Quantität des Trainings aus, braucht man sieben bis acht Jahre, bis man dort angelangt ist, wo die Weltklasse heute schon mit „Anfang 20“ steht. Die Aussicht auf einen sozialen Aufstieg beschleunigt die Entwicklung zusätzlich.
Nachdem wir sie nicht mehr geliefert bekommen, die durch und durch grundkonditionierten 14-17-Jährigen, um dann mit ihnen schnellstens Richtung Hochleistungssport marschieren zu können, müssen wir den Mängeln selbst entgegenwirken. Die Zubringerleistung aus den Schulen ist oft ganz versiegt. Strukturell wären Sportnachmittags-Horte ein Weg, die gibt es aber  nicht. Individuell sollte es mit  „Hausaufgaben“ versucht werden, mit selbstständig machbaren Inhalten wie Fußballspielen, Radfahren, Schwimmen, Skirollern / Skilanglauf o.ä., eigentlichtäglich.  Die  zu fordernde hohe Anzahl von sechs Einheiten pro Woche für 14- oder 15-Jährige mag von Kritikern verteufelt werden, wäre aber der erste Schritt und Basis für einen späteren Hochleistungssport von Talenten . Talente definieren sich nicht nur über ihre hohe, noch nicht trainierte Einstiegsleistung, sondern auch über die schnelle Umsetzung von Trainingsreizen, die höhere Belastungsverträglichkeit und über schnellere Regenerationszeiten.  Der Trainer muss bei „Basics“ nicht dabei sein. Grundkonditionierung kann durchaus auch bei freiem Spiel, beim Skilauf, beim Radfahren oder im Schwimmbad intuitiv individuell verbessert werden.

© Kurt Ring