„Weniger und sanfter trainieren heißt oft besser trainieren“

Die U20-Bundestrainer Langhürde weiblich Andreas Knauer und Jörg Peter setzen auf Grundlagenausdauer

20. November 2006 (Knauer) - im Gegensatz zum RTP-Sprint des DLV vertreten wir die Auffassung, dass eine systematische Leistungsentwicklung im Jugendbereich auch mit deutlich geringeren Trainingsumfängen und mit sehr viel niedrigerem Anteil im speziellen Training machbar ist. Wir gehen sogar soweit zu sagen, dass es falsch ist, zu früh bereits sehr speziell zu trainieren. Aus unserer Sicht sind alle ungewohnten Trainingsmittel leistungswirksam. Deshalb sind wir der Meinung, dass zunächst der Effekt allgemeiner Trainingsmittel ausgeschöpft werden sollte, bevor spezielle Trainingsmittel forciert werden.
Die von uns empfohlene Dauer der Ausbildung der Leistungsgrundlagen (siehe RTP C-Kader 2006/07) ist deutlich länger, als im RTP-Sprint des DLV empfohlen. Insbesondere die Ausbildung der Schnelligkeitsausdauer beginnt deutlich später als im DLV-RTP. Wenn die Schnelligkeitsausdauer aber eine dominierende Leistungsvoraussetzung für den Sprint darstellt, warum wird dann nicht früher mit ihrer Ausbildung begonnen? Ganz einfach, weil der Anteil der Grundlagenausdauer auf die Leistung bei Sprints ab 100m einen deutlich höheren (direkten) Anteil hat, als dies langjährig angenommen worden ist. Dies belegen sportmedizinische Untersuchungen zu dieser Problematik. Darüber hinaus bieten Läufe in niedriger Intensität viele Möglichkeiten der Variation. Sie haben einen erheblich höheren Einfluss auf die Ausbildung eines ökonomischen Sprintlaufs als landläufig angenommen.

Wir empfehlen darüber hinaus, deutlich unter den vom RTP-Sprint empfohlenen Trainingsintensitäten zu bleiben. Läufe in Intensitäten über 90% sollten nur sehr selten zur Anwendung kommen. Maximale Tempoläufe haben aus unserer Sicht im Nachwuchstraining überhaupt nichts verloren und werden von uns kategorisch abgelehnt. Zwei wesentliche Gründe für diesen trainingsmethodischen Ansatz möchten wir nachfolgend näher beschreiben:

  • Bei intensiven Tempoläufen bilden die Muskeln hohe Laktatkonzentrationen. Hohe Laktatkonzentrationen fallen im Übrigen bereits bei zu umfangreichem Sprint-ABC an! Wie physiologische Untersuchungen belegen, beeinträchtigen zu häufig hohe Laktatkonzentrationen (wie sie bei intensiven Tempolaufprogrammen gebildet werden) die Funktion des Nerven-Muskel-System nachhaltig. Es gibt eindeutige Belege dafür, dass sehr hohe Laktatkonzentrationen sogar das männliche Funktionssystem schädigen.
  • Maximale (Tempolauf-)Intensitäten werden ausschließlich in Wettkämpfen gelaufen. Sprintwettkämpfe werden ohnehin sehr häufig durchgeführt. Sie führen somit zu sehr hohen Gesamtbelastungen.
    Maximale Sprints zur Entwicklung der Sprintschnelligkeit kommen im Gegensatz dazu regelmäßig, aber sehr sparsam während der gesamten Vorbereitungsperiode zum Einsatz. Geeignete Trainingsmittel hierfür sind fliegende Läufe, Starts und Stabwechsel.
  • Wir legen in vielen Trainingsbereichen großen Wert auf Variation einzelner zum Einsatz kommender Trainingsmittel bzw. -übungen. Hopserläufe und Sprungläufe sind genauso zu variieren wie Sprints und Tempoläufe. Ein Steigerungslauf ist nicht gleich ein Steigerungslauf. Die Armhaltung oder die Zunahme der Geschwindigkeit führen neben den konditionellen Reizen zu erheblichen Anforderungen an die Bewegungskoordination. Und darum geht es uns ja letztlich, gleichermaßen konditionell wie koordinative Leistungsgrundlagen bei unseren Sportlern zu legen. In hohen Intensitätsbereichen wird es unseren Nachwuchssprintern noch nicht gelingen, im Bewegungsvollzug zu variieren bzw. bestimmte Bewegungsaufgaben zu erfüllen. Häufig wird eine verkrampfte Ausführung zu beobachten sein. Wir wollen aber geschmeidigen Sprinter und keine „Bolzer“ ausbilden. Die Leichtigkeit der Bewegung ist letztlich der Ausdruck der Bewegungsökonomie bzw. -effizienz. In niedrigeren und mittleren Intensitäten (niedriger als 90%) gelingt es unseren Nachwuchssprintern aber bereits sehr gut, während des Laufs mit der Frequenz und der Geschwindigkeit "zu spielen" - somit die Ökonomie ihres Sprints zu verbessern.

Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance. (Winston Churchill)

von Andreas Knauer, leitender Landestrainer in Bayern und Bundestrainer U20 Langhürde weiblich