Das Nachwuchstrainings- und Wettkampfsystem muss neu strukturiert werden

Altbundestrainer Lothar Pöhlitz mit einem Neuansatz der Wettkampfperiodisierung

Lothar PöhlitzKürten, 21. September 2006 (pö) - Man hat gegenwärtig das Gefühl, dass trotz der derzeit unbefriedigenden Konkurrenzfähigkeit unserer Läufer und Geher einfach zur Tagesordnung: "lassen wir doch alles so wie es ist" übergegangen wird. Hin und wider wird der Zustand dargestellt, Ursachen - wie mangelhafter Schulsport, unorganisierte, nicht zielorientierte Talentsuche, unbefriedigende Talentausbildung auf Grund zu weniger gut ausgebildeter Nachwuchs-Trainer bis zu solchen allgemeinen Formulierungen wie unzureichende Nachwuchsförderung - genannt. Auswege aus der Krise, die machbar sind, die direkt zu positiven Veränderungen führen, die unseren Jugend-Kaderathleten, den schon trainierenden Talenten helfen könnten, werden aber kaum aufgezeigt. Spitzenleistungen sind nicht das Ergebnis schwarzer Hautfarbe. Nach Dieter Baumann und Nils Schumann hat der Australier Craig Mottram unlängst mit seiner WM-Bronzemedaille über 5000 m gezeigt, dass mit harter Arbeit auch "Weiße" erfolgreich sein können und er hat sich für die Zukunft vorgenommen sie alle zu besiegen!

Alle sollten dies als Herausforderung ansehen - systematisch nach Reserven suchen, sie aufzeigen, diskutieren und möglichst schnell verändern! Geht nicht, gibt's nicht, Veränderungen im Training und in der Wettkampfgestaltung wären sofort möglich. Die dafür Verantwortlichen müssten aus dem Schatten treten, ihr Konzept einmal der Öffentlichkeit vorstellen. Mein Diskussionsbeitrag zielt - ohne Geld zu kosten - im Gegenteil er spart sogar welches ein - auf eine meines Erachtens notwendige Veränderung unseres Nachwuchstrainings- und Wettkampfsystems. Allein damit könnte die Wirksamkeit des Trainings entscheidend verbessert werden. Die gegenwärtige Praxis ist, dass unser talentierter Nachwuchs fast ganzjährig mit Wettkämpfen "ausgelastet" ist, oftmals noch bis Ende September, im November / Dezember Cross, im Januar / Februar Hallenwettkämpfe. Bereits im April fordern die Bahneröffnungen schon wieder zum Wettkampf auf, die veröffentlichten Bestenlisten reizen, schließlich will man sich ja auch mal unter den besten 10 präsentieren. Dies ist mehr als im Hochleistungsbereich der Erwachsenen. Damit bleibt für unsere Jugendlichen zu wenig Zeit zur Ausbildung, zum Training, besonders zur Basisarbeit, aber auch zur Erholung. Deshalb sollte ein wichtiges Ziel darin bestehen, mit Veränderungen Trainingszeit zu gewinnen. Dies wäre bei gleichzeitiger Verdichtung der Wettkampftätigkeit möglich. Um solche Veränderungen im Nachwuchswettkampfsystem zu erreichen, bedarf es sicher umfangreicher Überzeugungsarbeit, beginnend bei den DLV Nachwuchsverantwortlichen, bei allen Landestrainern der Landesverbände und ihren "Chefs", vor allem aber bei den Heimtrainern, die im Endeffekt die Wettkampftätigkeit innerhalb des Aufbautrainings ihrer Athleten planen und auch verantworten.

Auch bei der Ausbildung von Läufern und Gehern gibt es trainingsmethodische Zwänge. Sie müssen sichern, dass jährlich ein ordentlicher Leistungsfortschritt organisiert wird, dass aber gleichzeitig eine zielgerichtet allgemeine und spezielle Belastbarkeit in Vorbereitung auf eine schrittweise folgende Belastungserhöhung, aber auch für die Zeit des Überganges zum Hochleistungstraining (Verletzungsanfälligkeit bei steigender Trainingsbelastung), vorbereitend auszubilden ist. In der Abbildung „Ausbildungspyramide“ machen die bei der Ausbildung von Läufern und Gehern komplex zu lösenden wichtigsten Trainingsaufgaben deutlich, dass dafür viel Trainingszeit gebraucht wird, mehr als sie gegenwärtig im Nachwuchstraining in vielen Fällen eingesetzt wird. Vor allem für einen breiten Unterbau (Kondition, allgemeine Kraft, Grundlagenausdauer, Aufbau der allgemeinen und speziellen Belastbarkeit, Technikausbildung, Beweglichkeit und Schnelligkeit) wird zu Beginn der jeweiligen Makrozyklen bekanntlich viel Zeit benötigt, die in der Regel nicht vorhanden ist.

Nachwuchsarbeit

Jugend-Trainings- und Wettkampfsystem „ neu“

Die Abbildung „Periodisierung im Jugend-Aufbautraining neu ordnen“ zeigt einen konkreten Vorschlag zur Erschließung von
Reserven auf dem Weg junger Athleten in Vorbereitung auf das Erwachsenentraining. Die Hauptaufgabe besteht in der Gewinnung von Trainingszeit zur Verbesserung der inhaltlichen Ausbildung.

Das neue Trainingsjahr beginnt jeweils bereits in der 38. Woche (Mitte September). Um eine Übergangsperiode von 3 Wochen zu sichern, muss der September wettkampffrei sein, das Wettkampfjahr mit der 34. Woche beendet werden! Damit wären ein 3-wöchiger Urlaub (auch mit den Eltern) und die notwendige Regeneration gesichert. Bereits nach einer 14-tägigen trainingsfreien Zeit ist bekanntlich der Verlust an z.B. aerober Leistungsfähigkeit deutlich, nach etwa 3 Wochen gehen alle erarbeiteten Fähigkeiten z. T. schnell zurück.
Gleichzeitig wäre eine Verlängerung der VP I auf 19 Wochen, der VP II auf 15 Wochen möglich. Im Gesamtjahr beträgt damit das Verhältnis der Trainingswochen zu Wettkampfwochen 34:13, der Winterwettkampfabschnitt könnte 4 – 5 Wochen dauern,
in dieser Zeit finden „wichtige Wettkämpfe“ statt, deren Höhepunkt in der letzten Woche die Deutschen Jugendmeisterschaften
sein könnten. Vorher sind zusätzlich Aufbauwettkämpfe als Bestandteil des Trainings möglich. Für die schnellen Disziplinen (800 m – 5000 m) wäre eine Doppelperiodisierung mit Hallensaison, für Langstreckler und Geher ein langfristiger Aufbau mit Cross- / Straßenwettkämpfen wünschenswert.

Im Sommer werden 2 Wettkampfabschnitte (5 + 3-4 Wochen) durch 2-3 Zwischentrainingswochen (evtl. auch Urlaub mit aktiver Erholung / Training / Sommertrainingslager wie in anderen Ländern üblich) verbunden. Am Ende der WP I könnten die Deutschen Jugendmeisterschaften liegen, in der WP II auch internationale Höhepunkte. Wichtig ist noch, dass der Mai eigentlich zu den wichtigen „Trainingsmonaten“ (auch mit Aufbauwettkämpfen / Unter- bzw. Überdistanz) zählt und schwerpunktmäßig auch der Leistungsausprägung dient. Denkt man an den gerade vergangenen langen und intensiven Winter bis ins späte Frühjahr, besonders in Süddeutschland, wird eine solche trainingsmethodische Konsequenz noch dringlicher! Für das notwendige spezielle Training (Intensitätssteigerung) mit entsprechenden Erholungsphasen und verstärkten Regenerationsmaßnahmen muss ausreichend Zeit zur Verfügung stehen. Schnellschüsse unter Zeitdruck führen nicht zu den gewünschten Leistungsfortschritten.

In der folgenden Abbildung werden unter MEZ auch zu planende Mesozyklen im Sinne von Belastungs- und Erholungswochen (4:1 – 3:1 – 2:1) bei systematisch ansteigender Intensität im Jahresverlauf vorgeschlagen.

Periodisierung im Jugend-Aufbautraining neu ordnen heißt

- VP I ist länger als VP II (19:15 Wochen)
- Der Winterwettkampfabschnitt dauert ~ 4-5 Wochen - zusätzliche Aufbauwettkämpfe sind Bestandteil des Trainings
- 2 Wettkampfabschnitte im Sommer (5 + 4 Wochen) werden durch 2-3 Zwischentrainingswochen (evtl. auch Urlaub) unterbrochen
- die Übergangsperiode dauert 3 Wochen und beginnt bereits im August (Urlaub)
- Im September finden keine Wettkämpfe statt!
- das neue Trainingsjahr beginnt jeweils in der 38. Woche (Mitte September)
- die Deutschen Meisterschaften könnten als Höhepunkte der Wettkampfperioden jeweils in der letzten Woche dieser Abschnitte ( hier 8. bzw. 28. Woche ) stattfinden
- für die schnellen Disziplinen (800 – 5000 m) ist eine Hallensaison, für die Langstreckler und Geher ein langfristiger Aufbau mit Cross- /Straßenwettkämpfen im Winter zu empfehlen

Periodisierungstabelle

von Lothar Pöhlitz