Einige Gedanken zur Trainerarbeit in kleinen Leichtathletik-Vereinen

Wenn der Spaß an der Arbeit an seine Grenzen stößt

2009-08-06-gedanken-zur-trainerarbeit-in-kleinen-vereinen06. August 2009 (© Dagmar Schenten) - Auf dem Titelfoto kann man sehen, dass wir heute noch Spaß an der Leichtathletik haben, vor allem als „Fans der Pänz“. Vor mehr als 25 Jahren haben wir gemeinsam in einer Mannschaft bei Bayer 04 Leverkusen um Ruhm und Ehre gekämpft, ich über die Hürden, Claudia Steger im Sprint und Ulli Meyfarth, unsere erfolgreichste, im Hochsprung. Kürzlich haben wir uns wiedergetroffen und Spaß am Nachwuchs gehabt. Man sieht´s wohl.

Eines Tages hat´s mich nach Eltingen verschlagen, einen kleinen Verein im Raum Stuttgart. Nach dem Leistungssport arbeitete ich zunächst als Diplom-Sportlehrerin, später wollte ich unseren sportlich interessierten Söhnen eine gute sportliche Ausbildung sichern. Also habe ich, wie fast alle Übungsleiter und Trainer in unserem kleinen Verein wegen meiner Kinder angefangen zu helfen. Vor 6 Jahren übernahm ich dann eine Schülergruppe mit 5 Mädels und 6 Jungs. Zwei von ihnen haben es inzwischen in den D- bzw. C-Kader geschafft. Einige sind irgendwann einfach verschwunden, weggeblieben, Fluktuation.

Neue kamen hinzu, aus den unteren Schülergruppen oder unsere Athleten brachten Schulfreunde mit. Eine Mutter stand plötzlich mit ihrer Tochter am Platz, sie glaubte, dass ihre Tochter was werden könnte im Sport: „Ich glaube sie kann schnell rennen.“ Sechs Wochen nach ihrem ersten Training gewann die junge Athletin die  Landesmeisterschaften der Schülerinnen und inzwischen mehrere Landesmeisterschaften im Sprint. Wenn nur noch mehr Eltern uns ihre Talente bringen würden.

Meine Gruppe ist inzwischen auf 25 Schüler und Jugendliche angewachsen. Um sie in Takt zu halten folge ich dem individuellen Leistungsprinzip. Jeder soll an seine persönlichen Leistungsgrenzen herangeführt werden und möglichst viel aus diesem Prozess lernen. Der Zeitaufwand stieg zusammen mit den Leistungen und Trainingsauwand, meine Hobby-Arbeit aber kommt an ihre Grenzen. Kaderathleten erwarten mehr Engagement ihres Trainers, wollen schneller vorwärts. Je besser einzelne Athleten werden, desto weniger lässt sich das Training der „Normalen“ und der Kaderathleten miteinander verbinden. Dazu kommen die unterschiedlichen Anforderungen der Disziplinen. Mit jedem Erfolg eines Athleten in einer anderen Disziplin wird die Steuerung des Trainings im bestehenden Zeitbudget immer komplizierter. Da wird Dir schnell bewusst was für jeden Kaderathleten eigentlich notwendig wäre. Wie aber soll dies mit all den anderen täglichen Anforderungen im Beruf und Familie gelöst werden. Die Wettkampfreisen kommen ja auch noch hinzu die die nicht wenigen Wochenenden blockieren. So ist das Zeitbudget schnell überstrapaziert, die Anpassungsmöglichkeiten des im Prinzip „Hobby-Nachwuchsleistungsport-Trainers“ erschöpft. Mein „schlechtes Gewissen“, nicht alles leisten zu können, was für die sportliche Zukunft meiner Athleten wünschenswert wäre, macht mir ganz schön zu schaffen.

Manchmal zweifelt man an seinem Einsatz, auch weil z.T. hochtalentierte Athleten nicht in der Lage sind das Mindestmass an Selbstdisziplin aufzubringen, das für einen erfolgreichen Leistungssportler notwendig ist. Leider spielen sie nicht immer so mit wie Du hoffst. Das nahezu kostenlose Leistungstraining wird als selbstverständliches Angebot des Vereins wahrgenommen. Sie bleiben dem Training fern und halten es nicht einmal für nötig sich zu erklären. Erziehung ist Widerspiegelung der objektiven Realität. Dies hätten wir uns früher nicht getraut. In solchen Fällen erkenne ich auch wie gering mein Einfluss im Vergleich zum Elternhaus und Schule ist und fühle mich ausgenutzt.

Klar ist, dass meine Spitzenathleten nach Übergang in die Aktivenklasse, der meistens ja auch mit dem Weg zur Universität oder Hochschule verbunden ist, nur über mehr professionelle Trainingsbedingungen den nächsten Schritt nach oben schaffen können, die nächsten Sprossen der Leiter nach oben erreichen. Ein kleiner Verein wie unserer kann das natürlich nicht leisten, dazu muss man sich ehrlich bekennen, noch dazu wenn ich an früher denke, beispielsweise an meine Bedingungen und Trainer bei Bayer Leverkusen. Meinen Athletinnen und Athleten werde ich daher einen Vereinswechsel empfehlen, aber ihnen auch klar machen, dass das schneller, höher, oder weiter nun mit mindestens täglichem Training und dem eigenen Wollen, der in der Jugend nicht immer vorhandenen Selbstdisziplin verbunden werden muss. Ich mache mir auch schon Gedanken wo die besten Trainer sind die mein bisheriges Bemühen auf höherem Niveau fortsetzen können. Ich werde sie darauf vorbereiten und bis dahin alles tun was ich kann, um ihnen die bestmöglichen Voraussetzungen für eine Leistungssportkarriere mitzugeben.

Um als ambitionierter Trainer in einem kleinen Verein tätig zu sein braucht es Pioniergeist, außerordentliches Engagement. Man behält das Wesentliche im Blick und improvisiert gleichzeitig so gut es geht. Die Belohnung für die Arbeit besteht in der Freude, die ich mit den Athleten teilen kann, wenn eine neue Bestleistung erreicht oder eine Meisterschaft gewonnen wurde. Dafür investiere ich derzeit soviel Zeit wie Andere in eine gut bezahlte Nebentätigkeit.

Dazu möchte ich mir mehr Unterstützung, auch durch die Verbandstrainer wünschen. Eine Schwachstelle und Ärgernis im System. Schon mehrfach wurden Athleten zu Lehrgangs- oder Kadermaßnahmen eingeladen, ohne dass ich als Trainer davon erfahre. Kennen Sie das auch? Es wäre doch einfach die Einladung über den Trainer zu leiten oder ihm eine Kopie zukommen zu lassen, ich jedenfalls erwarte das. Athleten wurden auch mit lapidaren Begründungen zu internationalen Meisterschaften nicht nominiert („sportliche Bewertung“, „andere Gewichtung“) und ich musste selbst mühevoll recherchieren um die Begründung zu erfahren. Junge Athleten in der Entwicklung, so viele Gute haben Dir doch wirklich nicht, um so mit ihnen umzugehen. Sind unsere Verantwortlichen nicht mehr in der Lage den Wert unserer „ehrenamtlichen“ Arbeit zu schätzen, Ehrenamt ist doch nichts Minderwertiges, man kann doch wenigstens miteinander kommunizieren. Hier zeigen sich die Schwachstellen im ungenügend funktionierenden System Leichtathletik. Landes- oder Bundestrainer sind doch Beauftragte der Verbände und zur Arbeit angestellt und das schließt für mich auch Zusammenarbeit mit den Heimtrainern ein, die doch eigentlich für sie die Basisarbeit leisten, Talente suchen und ausbilden.

Sorgen sie sich aber nicht, solange ich motiviert bin mache ich weiter, es macht ja auch Spaß mit Talenten zu arbeiten. Dabei würde ich mir wünschen, dass für erfolgreiche Trainerarbeit auch begleitende Bedingungen zur Verfügung gestellt werden. Für das Funktionieren werden doch eigentlich Funktionäre gewählt, oder? Auch denen scheint das nicht immer bewusst zu sein. Wenn mir eines Tages die Lust abhanden kommt oder die Hilfen ausbleiben bleibt mir immer noch der Weg zum „Privatier“.