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Trainer haben es in der Welt der Leichtathletik nicht immer leicht

2009-07-25-coaching-mitleiden-mitfeiern-motivieren-lehren25. Juli 2009 (© Kurt Ring) - Sie sind für die Athleten der Mittelpunkt, für viele Funktionäre ein unvermeidbares Inventar jeder Veranstaltung, meist mit Stoppuhr oder Kamera ausgerüstet, immer unter Spannung und rastlos zwischen Einlaufplatz und Stadion unterwegs. Die Coaches oder auch Trainer/Innen haben es nicht leicht in der Welt der Leichtathletik. Immer unter Adrenalin und doch im Hintergrund leiden sie bei Wettkämpfen mit ihren Schützlinge Höllenqualen und sind dennoch ohne direkten Zugriff auf die Leistungen. Dies führt bisweilen auch zu „Fehlgriffen“, weil die Emotionen fröhliche Umständ feiern. Da man bei Wettkämpfen immer wieder so seine Beobachtungen macht, soll dies einmal Anlass sein, einige Coaching-Regeln erneut ins Gedächtnis zu rufen.

Athlet – Trainer – das Umfeld und das Team

Natürlich steht der/die Athlet/In – in der Folge nur noch Athlet genannt – im Mittelpunkt. Ihn zu lieben, ihn in seinen Zielen zu unterstützen, ihn dabei fachgerecht zu führen, Erfahrungen des Alters zu vermitteln, seine eigenen Vorstellungen einzubringen, ist nicht immer einfach. Junge ehrgeizige Trainer neigen gern dazu, sich in den Vordergrund zu schieben, zu schnell das Optimum zu wollen. „Ich mache jeden schnell“ hört man Trainer-Statements nach Erfolgen, die nicht nur Selbstbewusstsein, das jeder Coach natürlich braucht, sondern auch dessen Imagepflege in eigener Sache deutlich aufzeigen. Erfahrene Coaches nehmen da bewusst die Formulierung „Wir haben in diesem Jahr mehr an der Schnelligkeit gearbeitet oder so ähnlich …“ in den Mund. Dieses „wir“ beinhaltet die fruchtbare Symbiose einer gemeinsamen Arbeit. Auf der einen Seite der „dienende, im Hintergrund arbeitende möglichst kompetente Trainer, auf der anderen der Leistung bringende, den Coach respektierende Athlet, wenn möglich auch noch im Team. Ein Miteinander, das beiden Parteien genug Luft lässt, echte Leistung zu generieren. Ein Schuss autoritär, wenn schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen, in der Anlage aber ein sozial-integrativer Führungsstil.

Die Trainingsmethodik muss nicht jedes Jahr neu erfunden werden, das breite Fundament der Konditionierung kann über sehr viele Wege erreicht werden. Wer aber letztendlich nicht „Gras frisst“ wird in aller Regel kein ganz Großer werden. Die Spitzenleistung braucht ihr breites Fundament aus Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer mit allen Mischformen. Die noch so filigrane Technik wird zur stumpfen Speerspitze, wenn ein schlecht ausgebildetes Herz-Kreislaufsystem dahinter steht. Verletzungen können viele Ursachen haben, eine davon liegt in dieser mangelhaften Grundausbildung. Das, was Kinder früher durch ihr stundenlanges tägliches Spielen mit unzähligen Fang- und Ballspielen schon mitgebracht haben, muss heutzutage nachgearbeitet werden. Unzählige Studien allein über die fehlende Skelettmuskulatur von Heranwachsenden beweisen das. Sätze wie „Konditionierung macht langsam“ hört man nicht selten von bewegungsfaulen Schnellkrafttalenten. Eine kurze Orientierung in der in der Trainingslehre könnte sie eines besseren belehren.

Erziehung zur Selbstständigkeit ist Teil einer Erfolgsstrategie

Junge talentierte Athleten sind keine Wickelkinder. Die Trinkflasche, das Abgeben der Stellplatzkarten, die Startnummer auf dem Trikot und die dafür nötigen Sicherheitsnadeln sind eigentlich nicht Aufgaben des Coaches. Ein hohes Maß an Athletenselbstständigkeit wird überlebensnotwendig, wenn es zu den wirklich großen Meisterschaften geht und der Coach dort schon beizeiten von seinem Schützling „getrennt“ wird. Die Stunde vor dem Wettkampf gehört dem Athleten ganz allein, zur inneren Sammlung und zur Konzentration auf seine Aufgabe, Ein automatisierter Ablauf, der leider im Training nur zu selten geübt wird. Eine Zeitplanverzögerung, eine plötzliche Gewitterunterbrechung, was ist zu tun? Das sind alles Problemstellungen, die der Athlet im Laufe seiner Ausbildung lernen muss, selbst zu beantworten. Der letzte Wunsch für ein Gelingen des Wettkampfes, selten auftretende Unwägbarkeiten schnell und leise beseitigen, das ist bei einer JEM oder JWM nicht mehr möglich. Schon längst ist der Athlet im Callroom verschwunden und ganz auf sich selbst gestellt.

Umfangreiche taktische und technische Anweisungen noch in dieser Stunde der Fokusierung auf ein Ziel, den Wettkampf, sind fehl am Platz. Taktische Besprechungen sind schon zuvor bei der Besichtigung der jeweiligen Wettkampfstätte durchzuführen. Allein ein kurzer Einwurf über die Einsortierung ins Feld oder die Zwischenzeiten geben Sinn. Die langjährige Erfahrung zeigt, rechtzeitig die Athleten vor ihrem privatem Umfeld zu „isolieren“. Es ist in solchen Situationen verständlicherweise emotionsgeladen, sportlich zu meist zu wenig kompetent und ablenkend. Der Wunsch ist nicht selten Vater des Gedankens, in der Realtität nicht erfüllbar und mit der nachfolgenden Enttäuschung schon vorbelegt.

Techniktrainer mögen es sicher ungern hören: der Wettkampf ist kein Training mit ständigem Feilen an der Technik. Abgesehen davon, dass all der Taktik- und Technikschwall beim gut fokusierten Athleten unmittelbar vor Wettkampfbeginn und im Wettkampf selbst mental sowieso nicht mehr ankommt. Auch Läufer können im Rennen mehr als einen gut gemeinten Rat, eine Korrektur kaum umsetzen. In den Endphasen wäre dann oft eine Frequenzerhöhung nützlicher als das deutlich zu hörende „Ziehen“ aus vielen Trainermündern. Auch die Unsitte bei kleineren Wettkämpfen auf Bahn drei im Innenraum zu stehen und im Schreiwettbewerb mit anderen Kollegen die Zwischenzeiten zu übermitteln, muss nicht sein.

Zur Vorbereitung auf wichtige und weniger wichtige Wettkämpfe

Mehr Mut in den Tagen vor wichtigen Wettkämpfen wäre vielen noch unerfahrenen Coaches anzuraten. Natürlich müssen Kräfte geschont werden vor dem Saisonhöhepunkt, natürlich soll hier nicht mehr quantitativ / qualitativ geklotzt werden. Es gibt aber auch keinen Sinn, schon Tage vorher auf Schongang zu gehen. Immer wieder berichten Athleten, dass nach Regenerationsphasen die erste Einheit eher schwer fällt. Alte Dieselautos mussten vorglühen, der Athlet sollte das auch, was nichts anderes heißt, als selbst zwei bis drei Tage vorher bei geringer Quantität eine hohe Qualität abzurufen, bis hin zur Wettkampfbelastung. Aus der Trainingslehre wissen wir: bei weniger wichtigen Wettkämpfen sollte 2 Tage, bei wichtigen Wettkämpfen 3 Tage vor dem Rennen die letzte Qualitätseinheit liegen.

Eine schlechte Leistung, die nicht eingeplante Niederlage, ist oft nicht einfach wegzustecken, schon gar nicht, wenn der Coach deutliche Fehler gesehen hat. Eine tiefgreifende Analyse unmittelbar nach dem Wettkampf bringt nichts. Schlafen Sie besser erst eine Nacht darüber, bevor Sie ihren Schützling ins Gebet nehmen. Nicht selten braucht er auch vor seinem „Umfeld“ Schutz vor unsachgemäßen Vorwürfen. Schließlich hat er doch nicht mit Absicht „versagt“. Es wird beim jetzt erschöpften Athleten nur zu Aggressionen gegenüber dem Umfeld, im schlimmsten Falle aber meist gegenüber sich selbst führen, was einen dann dringend notwendigen Positivtrend in den nächsten Tagen nur verschleppt.

Verletzungen kommen immer zum ungünstigen Zeitpunkt

Noch etwas zu schweren, längeren Verletzungen zum ungünstigen Zeitpunkt: Versuchen Sie sofort, den Athleten nach Auftreten der Verletzung mit einer klaren Diagnose via Fachärzte, einer konsequent ausgerichteten Rehabilitationsphase mit Zeitangabe und neuen Zielen und alternativen Trainingsinhalten zu versorgen. Der Athlet darf mental nicht runterfallen. „Es ist eben so, wie es ist“. Die Reha ist mit der gleichen Konsequenz anzugehen wie der Leistungssport. Und für die Trainer sollte auch dies Teil des Trainingsprozesses sein und auch hier Quantität und Qualität der verordneten Maßnahmen „überwacht“ werden. Es fehlen letztendlich nur wenige Wochen, der Athlet ist nicht bei Null. Coaches müssen ein Alternativ-Schnellprogramm in ihrem Repertoir haben und nicht nur Trainingsinhalte aus dem Grundlagentraining abrufen mit der nicht ausgesprochenen Botschaft: „Du kannst gleich für die nächste Saison planen. Ein in Sack und Asche fallender, tief frustrierter Coach trägt in dieser Phase wenig zur schnelleren Genesung bei. Beginnen Sie vielmehr sofort mit dem möglichen alternativen Training und begleiten sie ihren Athleten bis zur Genesung, als wäre er gesund auf der Bahn. Viele Beispiele aus meiner eigenen Trainingspraxis zeigen, dass die Form dann oft schneller wiederkommt als gedacht. Verletzungen im Winter müssen das Leistungsziel im Sommer nicht gefährden. Diese positive Grundhaltung beim sportlichen GAU konsequent einzunehmen, musste auch ich im Laufe meiner Trainer-Jahre erst nach und nach lernen.