Der Weg zur Spitzenleistung verläuft nie linear

Besonderheiten bei der Entwicklung und beim Training von jungen Läuferinnen

2009-07-07-entwicklung-jugendlicher-laeuferinnen07. Juli 2009 (© Kurt Ring) - In der Fachliteratur bin ich auf einen bemerkenswerten Artikel von Wolfgang Killing gestoßen, den er als Referat anlässlich der DLV-Trainerfortbildung vom 16.-18.3.2007 in Mainz zur Belastbarkeit von bzw. zum Training mit jungen Frauen vorstellte und der jetzt modifiziert in der letzten Ausgabe von „Leichtathletiktraining“ vom April 2009 unter dem Titel „Besonderheit beim Training von Frauen“ erschien. Die dabei allgemein aufgestellten Thesen sind durchaus übertragbar auf die spezielle Problematik junger Läuferinnen. Da ich zutiefst davon überzeugt bin, dass viele junge Talente beim ersten Leistungshoch falsch eingeschätzt werden und dann meist an den Erwartungen der anderen (Öffentlichkeit, Trainer, Verbände) defacto mit ihren folgenden Leistungsentwicklungen scheitern, oft verbunden auch mit der Beendigung der Karriere in den schwierigen Jahren der U20 bis U23. Ich möchte daher mit der Zusammenfassung des Killing-Referats und der speziellen Polarisierung auf den Bereich Lauf vielen jungen Läuferinnen Mut machen, die Flinte nicht vor Erreichen des Höchstleistungsalters jenseits der Zwanzig ins Korn zu werfen, auch wenn sie von den meist linear denkenden „Experten“, wo auch immer sie herkommen, vorzeitig zumindest partiell fallen gelassen werden. Auch die weniger Talentierten haben gute Chancen, vorausgesetzt, sie sind längerfristig zu umfangreicher Arbeit bereit.

Die Pubertät, Schnittstelle für die Verschiedenheit von Jungen und Mädchen

Während im Kindesalter die körperliche Leistungsfähigkeit von Mädchen und Jungen annähernd gleich ist, kommt es mit Einsetzen der Geschlechtsreife zu bedeutsamen Unterschieden. Die setzt bei Mädchen in der Regel früher als bei Jungen ein. Unterschiede werden vor allem durch eine unterschiedliche Sozialisation erzielt. Während Jungen durch entsprechende Spielformen (Rangeleien etc.) zu einem höheren Risikoverhalten bzw. athletischen Grundvoraussetzungen erzogen werden, neigt man bei Mädchen zur eher sozial-integrativen Form, um sie auf ihre spätere Familien- bzw. Mutterrolle als „Bewahrende“ und Zusammenhaltende“ vorzubereiten. So neigen sie denn auch mehr zu musischen Sportarten wie Ballett, Tanz oder Turnen, während jungs in ihrer sportlichen Betätigung viel mehr den (Wett-)Kampf mit einbinden. Ohne jene erzieherischen Eingriffe gibt es jedoch bis zur Pubertät keinerlei Unterschiede in der konditionellen Grundentwicklung von Jungen und Mädchen. In der Pubertät ändert sich dies schon allein dadurch, dass jene Zeit der Geschlechtsreifung bei Mädchen wesentlich früher (10-12 Jahre) als bei Jungen (12-14 Jahre) einsetzt. Auf Grund der verstärkten Ausbildung und Ausschüttung von weiblichen Hormonen kommt es zur Reifung von primären und Ausprägung von sekundären Geschlechtsmerkmalen. Dieser Phase schließt sich ein deutliches Längenwachstum, beginnend mit den Beinen, an, wobei die Mädchen zeitweise deutlich größer als die gleichalten Jungen sind, was vor allem bei Zwillingspärchen unterschiedlichen Geschlechts auffällt. Die aussgeschütteten Östrogene bewirken unter anderem auch einen deutlichen Muskel- mit folgendem Kraftzuwachs. Da die Entwicklung der weiblichen Formen (Busen-/Lendenregion) erst verspätet einsetzt (plus zwei Jahre im Alter von 13-15 Jahren) fallen die Mädchen hier mit sehr schlanken Körpern auf, die die leichtathletische Leistungsfähigkeit schon durch ihr günstiges Last-Kraft-Verhältnis verbunden mit den großen Bein- und Armhebeln begünstigen. Dies führt in aller Regel zu einer rasanten Leistungsentwicklung in diesem Alter, zum ersten Leistungshoch (teilweise bei retardierten Typen – im Laufbereich nicht selten anzutreffen – bis zum 17 Lebensjahr). Bei den Jungen setzt die Geschlechtsreife erst deutlich später ein. Zuständig dafür sind wieder die entsprechenden männlichen Hormone, unter anderem auch das Testosteron. In der Regel werden dann Jungen zehn Zentimeter größer mit einem im Vergleich zu den Mädchen erhöhten Muskelwachstum und dem damit verbundenen mehrere Jahre anhaltenden Kraftzuwachs.

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Am Ende der Pubertät

„Bei jungen Frauen setzen nach dem Längenwachstum und erfolgter Geschlechtsreife, etwa im Alter von 13-16 Jahren, das sekundäre Breitenwachstum ein. Dann kommt es durch Fett-, Bindegewebe- und Wassereinlagerungen in wenigen Monaten zu einer deutlichen Gewichtszunahme, ohne dass die Kraft vergleichbar steigt. Die Folge ist eine Leistungsstagnation, teilweise sogar ein Leistungsrückgang“ (Killing, 2007). Bei Läuferinnen, in der Regel der retardierten Art von Jugendlichen zuzuordnen, kann diese Wachstumsphase auch erst im 17. oder 18. Lebensjahr auftreten. Deutliches Indiz dafür sind die gegenüber der B-Jugend eher rückläufigen Leistungen in den jeweiligen Laufbestenlisten der A-Jugend. Auch die Teilnehmerzahl und die erzielten Leistungen bei deutschen Jugendmeisterschaften bestätigen dies. Es kann jedoch festgehalten werden, dass jene für den Bereich Lauf ungünstigen Gewichtszunahmen durch einen sich permanent steigenden Trainingsumfang in Grenzen gehalten werden kann, dies die Mädchen in aller Regel auch gut verkraften. Messungen bei der Leistungsdiagnostik haben jedoch ergeben, dass in dieser Phase auch der weibliche Körper eine natürliche „Pause“ bei der Weiterentwicklung der Grundlagenausdauer macht. 2009-07-07-entwicklung-jugendlicher-laeuferinnenDie vL3-Werte der entsprechenden Laufprobandinnen haben trotz Intensivierung des Trainingsprozesses in dieser Zeit nur unbedeutend oder teilweise überhaupt nicht zugenommen. In einigen Fällen, oft verbunden auch mit einem Belastungsasthma, haben sie sich sogar zeitweise verringert. Große Gefahr geht in dieser Phase auch von der negativen Wahrnehmung des eigenen Körpers aus. Viele fühlen sich dann „zu dick“, neigen zum Hungern bis hin zur Magersucht und wenden sich fast ausschließlich der Methodik der extremen Ausdauerschulung zu. Bei den Jungen ist die körperliche Entwicklung im Alter zwischen 15 und 17 Jahren eher sportleistungsförderlich. Muskelmasse und Kraft steigen analog der Hormonausschüttung, ohne dass ein nennenswerter Zuwachs von Fettgewebe festzustellen ist (Killing, 2007). Es ist ein guter Zeitpunkt, echte Belastungsanstiege zu wagen. Dadurch kommt es in dieser Phase zu mehrjährigen drastischen Leistungssprüngen, in aller Regel auch zu einer Zunahme der Schnelligkeit.

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 Nach der Pubertät

2009-07-07-entwicklung-jugendlicher-laeuferinnenKilling sieht die unterschiedliche körperliche Ausgestaltung von Männern und Frauen als ein Ergebnis einer jahrmillionenlangen Selektion, in denen die Männer meist für den Krieg und die Jagd, die Frauen für das Austragen und Aufziehen der Kinder und häuslichen Aufgaben verantwortlich waren. Bestätigt wird diese Ansicht durch ehemalige Begriffe wie „Babyspeck“ (bei oft pummeligen Mädchen im Alter von 16-19 Jahren verwendet) oder durch medizinische Untersuchungen, die Mädchen im Alter von 17-20 Jahren am gebärfreudigsten ausweisen. Frauen werden laut Evolution eben nicht zum Laufen geboren, was aber nicht heißen soll, dass Mädchen weniger für das Laufen geeignet wären. Männer sind außerdem auf Grund der hohen Testosteronausschüttung (Androgen) größer, muskulöser und schwerer. Wegen der größeren Muskelmasse sind sie stärker als Frauen. Bei Frauen sind Stütz- (Knochen) und Bindegewebe (Bänder, Kapseln) weniger fest. Deshalb sind sie gelenkiger und beweglicher als Männer. Sie haben einen höheren Fett- und einen geringeren Muskelanteil, das Herzvolumen und die Kreislaufleistungen sind niedriger als bei den Männer (Killing, 2007). Die unterschiedliche Hormonsituation beeinflusst auch den Leistungsstoffwechsel. Frauen weisen bei gleicher Laufgeschwindigkeit höhere Adrenalin- und Noradrenalinspiegel als Männer auf, dadurch können sie ihre anaerobe Kapazität nur unvollständig ausschöpfen und zeigen eine geringere Nachbelastungsreaktion bzw. Ermüdung als Männer. Des Weiteren setzen Frauen bei Ausdauerbelastungen einen höheren Fettsäureanteil zulasten des Kohlehydratanteils zur Energiebereitstellung ein (Leichtathletiktraining, Killing, 2009). Damit erschöpfen Frauen in einem geringeren Maße und erholen sich entsprechend schneller Natürlich führt die Besonderheit der weiblichen Regel mit den wiederkehrenden Monatsblutungen zu mehr oder weniger großen Leistungsschwankungen, wobei der individuell festgehaltene Leistungstiefpunkt, oft verbunden mit starken Bauchschmerzen“ als Tag verschieden angegeben wird. Viele finden den ersten Tag als besonders beeinträchtigend. Als leistungsförderlich werden in aller Regel die ersten beiden Wochen des Zyklus angesehen, als leistungsstörend die zweiten vierzehn Tage, oft verbunden mit einem seelischen Ungleichgewicht unmittelbar vor den Einsetzen der „Tage“.

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 Konsequenzen für das Lauftraining

2009-07-07-entwicklung-jugendlicher-laeuferinnenSprach man sich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zu Beginn der Frauenlangstreckenentwicklung noch sehr zurückhaltend über den Umfang von Läuferinnen aus (siehe Lauftraining, Band 40, Karl Hofmann Verlag, Auflage 1976, Paul Schmidt: „Die Dosierung, das heißt der Belastungsumfang und die Intensität, müssen um zirka 25-30% reduziert werden.“), muss die Sicht der Dinge nach neuestem Stand genau umgekehrt sein. „Da sich Frauen und weibliche Jugendliche punktuell nicht so hoch belasten können, weisen sie geringere Nachbelastungserscheinungen als Männer auf, sind schneller regeneriert und können daher mehr trainieren“, so Wolfgang Killing, 2009. Dies motivationstechnisch sich entwickelnden jugendlichen Läuferinnen rüberzubringen, ist in Phasen der Leistungsstagnation mit der damit verbundenen Unzufriedenheit bzw. Ratlosigkeit gar nicht so einfach. Vielleicht sollten, und dazu ist Killings Artikel bestens geeignet, Mädchen schon prophylaktisch vor Auftreten etwaiger einschlägiger Probleme auf eben diese Entwicklungsrückschläge geeicht werden. 2009-07-07-entwicklung-jugendlicher-laeuferinnenZudem muss ihnen aufgezeigt werden, dass das Erreichen international üblicher Trainingsumfänge im Alter jenseits der Zwanzig nur dann möglich ist, wenn bei talentierten Läuferinnen schon in der Jugend hohe Umfangsanforderungen – und damit meine ich keineswegs eine Kilometerfresserei – realisiert werden. Lothar Pöhlitz, ein renomierter Laufwissenschaftler und lange Jahre erfolgreicher Praktiker in persona des verantwortlichen Bundestrainers von 800 m bis zur Marathonstrecke, verwendet hier den Begriff des komplexen Trainings. Er verweist stets darauf, dass Quantität und Qualität als Einheit zu betrachten sind. Andere Trainer drücken sich so aus: „Wer eine möglichst hohe Spitze erreichen will, muss beizeiten ein möglichst breites Fundament bauen. In der Konsequenz heißt dies: „Läuferinnen sind komplex und vielseitig auszubilden, der hohe Belastungsgrad im Hochleistungstraining ist im Aufbautraining gründlichst vorzubereiten, besondere Talente brauchen auch besondere und früh einsetztende Belastungsreize.“

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