Sind Erfolge oder Misserfolge im Leistungssport Zufall?

Erfahrungen die in Vorbereitung auf London 2012 auch für die
deutschen Läufer und Geher hilfreich sein können
Ein Blick über den Zaun

2009-05-24-erfolge-und-misserfolge-im-leistungssport24. Mai 2009 (© Dr. Lutz Nordmann*) - Viele Verbände stehen in einem harten Wettbewerb sowohl auf internationaler wie auch auf nationaler Ebene. Betrachtet man die „Szene“, fällt auf, dass es Verbände gibt, die über einen gewissen, nicht unbedingt kurzen Zeitraum erfolgreich sind, während andere sich zwar nach Kräften bemühen, den Anschluss an die internationale Spitze zu schaffen, aber eben dies genau nicht schaffen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn man nach Ursachen für die skizzierten Konstellationen sucht.

Die Frage, ob Weltklasse oder internationales Mittelmaß „produziert“ wird, ist nicht einfach zu beantworten. Es zeigt sich in einer Vielzahl von Sportarten, dass Spitzenleistungen in aller Regel keine singulären Ereignisse sind. Z.B. ist es auch im Hockey* so, dass sich führende Nationen nicht punktuell in der Weltspitze befinden und danach wieder von der Bildfläche verschwinden. Vielmehr bringen führende Hockey-Nationen über zusammenhängende Zeiträume vergleichsweise stabile Leistungen. Mit anderen Worten sind es wohl vor allem Systemfragen, die das Bild einer Hockey-Nation bestimmen. So wie nicht ein Psychologe allein eine Weltmeisterschaft gewinnen kann, sind es- wie bei einem Puzzle- viele Einzelteile, die ineinander greifen müssen, wenn ein Bild (ein Titel, eine Medaille) entstehen soll.

Erfolgsentscheidende Kriterien

Hilfreich kann es sein, wenn man neben der sachlichen Analyse von Zuständen, Prozessen und Entwicklungen in einer Sportart über den Tellerrand hinaus schaut. Im Ergebnis dieser Betrachtungen sehe ich folgende Problemkreise, die in ganz besonderer Weise über Weltklasseleistungen oder über internationales Mittelmaß entscheiden:

  1. Die Persönlichkeit der Sportlerinnen/Sportler und die Einstellung zu hohen Leistungs- und Trainingsmaßstäben sowie deren konsequente Umsetzung im Trainingsprozess und im Wettkampf

  2. Der Leistungsstrukturbezug und die Zielgerichtetheit des Trainings, vor allem im Sinne auf die Ausrichtung des Trainings auf die zu erwartenden Anforderungen der Wettkampfleistungen

  3. Die Belastungshöhe und die Belastungsentwicklungen sowie die Zuwachsraten der Trainingsreize im Jahres- und Mehrjahresverlauf sowie die Effektivität der Regenerationsmaßnahmen in den verschiedenen Abschnitten

  4. Der erreichte Entwicklungsstand des grundlegenden und des spezifischen Fähigkeitsniveaus vor Beginn der trainingsmethodische relevanten Abschnitte

    • der Entwicklung der Wettkampfspezifik,
    • der Leistungsausprägung sowie
    • der Stabilisierung der grundlegenden Leistungsvoraussetzungen in den Phasen zwischen den Wettkämpfen
  5. Die Nutzungsbreite und -intensität leistungs- und trainingsunterstützender Maßnahmen

  6. Der verfügbare Zeitrahmen, der Grad der Professionalität, auf dem das gesamte Training und das Lebensregime der Sportler basiert.

Gründe für Leistungsdefizite

Differenzierte Analysen der Leistungsentwicklung und des Trainings aus einer Vielzahl von Sportarten, bei den Leistungsstagnationen und – rückgang auftreten, verweisen in diesen Fällen auf folgende Merkmale:

  1. Verminderung der Leistungs- und Trainingsmaßstäbe bei Sportlern und Trainern;
  2. Fehlende kontinuierliche Heranführung von Anschlusskadern an den Spitzenbereich;
  3. Verspätetes Erkennen und Umsetzen von internationalen Entwicklungstendenzen;
  4. Zu langes Festhalten an ineffektiven Trainingskonzepten und die Suche nach Umgehungsstrategien für hohe Trainingsbelastungen;
  5. Fehler in der Trainingsperiodisierung;
  6. Missachtung von Trainingsprinzipien;
  7. Differenzen in den Konzepten und in der Zusammenarbeit zwischen Heim- und Lehrgangstraining bzw. Heim-, Landes- und Bundestrainern;
  8. Ungenügende Wirksamkeit oder Nicht-Vorhandensein von Trainer-Berater-Systemen in der Trainingssteuerung. Wir haben in diesem Bereich inzwischen auch eine beachtliche Vielfalt von Strukturen (Technik-Analysen, Taktik-Analysen, Wettkampfanalysen, Leistungsdiagnostik-Systeme Kraft/Ausdauer/ Schnelligkeit), führen aber die Einzelaussagen oft noch nicht effektiv zu Gesamtaussagen zusammen. Wir brauchen neben einer fundierten Leistungs-diagnostik auch eine adäquate Trainingsanalyse.
  9. Ein der zielgerichteten Vorbereitung auf den Jahreshöhepunkt widersprechen-des nationales Wettkampfkonzept bzw. Wettkampfeigeninteressen;
  10. Eine teilweise mangelhafte leistungssportgerechte Lebensführung der Spielerinnen/Spieler.

Leistungsdefizite haben ihre Ursache immer in einem ganzen Komplex von Defiziten im Trainingssystem, die oft (oder mitunter) teilweise unerkannt vor dem Leistungseinbruch einsetzen. Bei Stagnationen / Einbrüchen ganzer Disziplinen sind in der Regel eine Vielzahl der genannten Defizite beteiligt, die als komplexe Kette wirken und einen Systemfehler signalisieren!
In der Spitze müssen wir unter Mitwirkung aller beteiligten die Trainingsgestaltung dahingehend weiter ausbauen und optimieren, dass notwendige Zuwachsraten in den Fähigkeitsbereichen zu Beginn der Wettkampfabschnitte erreicht werden. Wir müssen versuchen, Vorbereitungsphasen für Leistungsvoraussetzungen und Wettkampfphasen, Wettkampfabschnitte und Zwischen-Wettkampf-Trainingsabschnitte (die leider bei uns viel zu kurz sind) in sinnvoller Weise aufeinander aufzubauen. Kumulative Effekte müssen sowohl für die Steigerung der Leistungsvoraussetzungen als auch für die Steigerung der Wettkampfleistung gezielter genutzt werden. Die Wirksamkeit des Trainings muss erhöht werden. Die Trainingsbelastungen sind zu steigern und zwar im Jahresverlauf und im mehrjährigen Verlauf der Trainingssysteme.

Es muss gelingen, positive Ansätze zu stabilisieren und auszubauen, diese aber auch permanent zu erneuern und hemmende Aspekte zu beseitigen. Das skizzierte Spektrum der Problem- und Aufgabenstellungen kann nicht von einzelnen Personen allein, etwa den Bundestrainern, gelöst werden.


* Der Verfasser war von 1996 – 2004 Sportdirektor beim Deutschen Hockey-Bund. In diesem Zeitraum wurden die deutschen Herren erstmalig Weltmeister (2002). Darüber hinaus haben sowohl die Damen wie auch die Herren Weltmeistertitel im Hallenhockey (2003) gewonnen. Hinzu kommen Europameistertitel im Feld- und im Hallenhockey sowie zahlreiche Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften. Auch im Nachwuchs gehört Deutschland zur internationalen Spitze im Hockey. 2004 wurde er zum Sportdirektor der Trainerakademie Köln berufen.