Zur Rolle von Aufbauwettkämpfen im Jugend-Aufbautraining

Unter- und Überdistanzen sind für den Leistungsfortschritt unterstützend

2009-05-07-rolle-von-aufbauwettkaempfen07. Mai 2009 (© Lothar Pöhlitz) - Unabhängig vom Entwicklungsstand früh- / normal- oder auch spätentwickelter Schnelligkeits- oder Ausdauertypen kommt in allen Phasen des Jugend-Aufbautrainings von Läufern der Wettkampfgestaltung eine außerordentliche Bedeutung zu, auch weil die zur Leichtathletik kommenden Jugendlichen ihre Kräfte messen und den erzielten Leistungsfortschritt durch Training erfahren wollen. Aufgabe des Trainers ist dabei die Wettkampfteilnahme so zu steuern, dass jeweils am Jahresende klare Aussagen zu Fortschritten auf mehreren Strecken möglich sind. In Abhängigkeit vom Typ sollten so vom Mittelstreckler in Aufbauwettkämpfen entweder über 400 – 800 – 1500 m oder 800 – 1500 – 3000 m, vom jungen Hindernisläufer über 1500 m – 2000 m Hindernis und 3000/5000 m und vom Langstreckler über 3000 m – 5000 m – 10000 m kontinuierlich und ausbildungszeitabhängig Wettkampferfahrung gesammelt werden. Dies schließt die Teilnahme an anderen Strecken oder z.B. auch am Cross natürlich nicht aus. Bestandteil des Trainings sollten außerdem notwendige trainingssteuernde Hilfen durch die Leistungsdiagnostik oder aerobe Tests über 10 bzw. 15 km sowie regelmäßige Tests auch zur Entwicklung der Schnelligkeit (z.B. 60 m oder 100 m a.d. HST) sein.

Die persönliche Bestleistung beim Jahreshöhepunkt ist das Ziel

Innerhalb des mehrjährigen Aufbautrainings muss von Anfang an das Ziel verfolgt werden, das Training so zu steuern, dass die höchste Leistungsfähigkeit zum Zeitpunkt der wichtigsten Wettkämpfe abgerufen werden kann. Auch wenn das in der ersten Etappe des Aufbautrainings noch nicht immer so klappt wie man das gern hätte, jedes „Experiment macht schlauer“. Damit werden die jungen Läufer von Anfang an mit der Philosophie des Trainers konfrontiert, dass bei weniger wichtigen Wettkämpfen (was die Zeit betrifft) übertragene Aufgaben zu realisieren sind und auch abgerechnet werden und bei den Deutschen Meisterschaften z.B. die der individuellen Leistungsfähigkeit entsprechende Leistung (Zeit bzw. Platzierung) abgerufen werden soll. Da eine Meisterschaft immer auch mit hohen psychophysischen Belastungen, mit Stress verbunden ist, sollte der Konzentration auf eine Strecke (keine Doppelstarts zur Medaillensammlung, sondern die persönliche Bestleistung oder eine bestmögliche Platzierung auf der gegenwärtig leistungsstärksten Strecke) der Vorrang gegeben werden. Das sind die Anforderungen, die den jungen Leistungssportler später im Hochleistungsbereich immer wieder begegnen werden. Gleichzeitig werden damit die Erziehung zu einem gewissen Mittelmaß und Überforderungen verhindert. Doppelstarts implizieren außerdem immer (ob der Trainer will oder nicht) eine gewisse „Schonung“ für das zweite Rennen und die Aussicht beim Athleten, dass wenn es auf der einen Strecke nicht klappt, ja noch die Ersatz-Erfolgsmöglichkeit morgen besteht. Bestandteil einer Erziehung zur Vorbereitung auf einen „Punkt“ im Hochleistungsalter muss auch sein, dass Meisterschaften nie zu Trainingswettkämpfen degradiert werden dürfen. Eine Deutsche Meisterschaft ist wie eine JEM oder JWM ein Jahreshöhepunkt, vor allem für einen Jugendlichen und wer auf Grund irgendwelcher Probleme im Vorfeld nicht fit für den Jahreshöhepunkt ist, sollte besser auf einem „Nebenkriegsschauplatz“ im Bereich seines derzeitigen Niveaus üben. Bei Meisterschaften erfolgt die Rechenschaftslegung über die geleistete Trainingsarbeit innerhalb des letzten Jahres für den Sportler, aber auch für den Trainer.

Meisterschaften sind keine Aufbauwettkämpfe

Eine besondere Problematik für Jugendliche ist mit der gegenwärtigen ganzjährigen Inflation von Meisterschaftsangeboten verbunden. Nicht nur mit Talenten sollte man besonders sparsam mit solchen psychophysischen Grenzbelastungen umgehen, auch wenn der Verein sich möglichst oft in der regionalen Presse mit Gold, Silber oder Bronze (und wenn es bei den Kreismeisterschaften ist) präsentieren möchte. Lernen sie wieder einmal „NEIN“ zu sagen, da gibt es für Früh-, Normal- oder Spätentwickler keine Unterschiede. Ausreichende Trainingsabschnitte, in denen in Ruhe trainiert werden kann, sind für Jugendliche genauso wichtig wie zeitlich begrenzte Wettkampfphasen und hin und wider einmal eine Woche zur umfassenden, möglichst gut organisierten Regeneration. Da passt die eine oder andere Meisterschaft bestimmt nicht immer rein.

Die Zwischenziele werden mit Tests oder Aufbauwettkämpfen kontrolliert

2009-05-07-rolle-von-aufbauwettkaempfenIst das Hauptziel des Jahres fixiert werden innerhalb des zu planenden trainingsmethodischen Vorgehens die schrittweise aufzubauenden und zu realisierenden Leistungs-Zwischenziele nach Ausbildungsschwerpunkten festgelegt. Das sind neben Tests die Auskunft z.B. über Athletik-/Kraft-/Beweglichkeits – Fortschritte geben, vor allem auch Tests in den der Hauptstrecke „verwandten, nahen Strecken“, wie sie eingangs genannt wurden, in der aeroben Leistungsfähigkeit (die vor allem bei den vielen angebotenen Straßenläufen, aber auch innerhalb einer Leistungsdiagnostik möglich sind) und in der Schnelligkeit.
Ausnahmsweise die schnellen 400 m – 800 m Typen sollten im Zusammenhang mit der Aufgabe der gleichzeitigen 400 m – Entwicklung, auch Aufbauwettkämpfe im Sprint (60 m, 100 m, 200 m) z.B. in einer Hallensaison oder im Mai ins Programm nehmen. Alle anderen, auch die Langstreckler, testen ihre Schnelligkeit im Training, wenn möglich in längerfristig vorher bekannt gemachten Trainingseinheiten, damit dem Schnelligkeitstest auch die entsprechende Bedeutung zugeordnet und ihre Wichtigkeit unterstrichen wird. Damit soll auch der oft verbreiteten Meinung entgegengewirkt werden, das Schnelligkeitstraining für Ausdauertypen unnütze „Liebesmüh“ sei. Vor allem ihnen muss verdeutlicht werden, dass jede mögliche Geschwindigkeitsreserve im Vergleich zu den Geschwindigkeitsanforderungen im Wettkampf (mittleres 100 m – Tempo) für einen optimalen Ablauf der energetischen Prozesse auch zur Sicherung einer Langstreckenleistung hilfreich sein kann. Geeignete Trainingsprogramme schaffen auch die motorischen Voraussetzungen, im Zustand der Ermüdung in der Endphase von Rennen noch siegentscheidend reagieren zu können.

Wettkämpfe, auch Aufbauwettkämpfe sind immer auch Bewährungssituationen

Eine Wettkampfteilnahme sollte immer mit bestimmten Zielen, mit Aufgaben verbunden werden, sonst könnte man ja besser trainieren, die Kosten sparen und die Reisezeiten einschränken. Insofern sind auch Aufbauwettkämpfe als Bewährungssituationen anzusehen, in denen unter „Gegnerkontakt und einer gewissen Drucksituation“ geprüft werden soll, ob das im Training geübte auch Wirkung zeigt, die mentale Stärke der Athleten schon wettkampfgerecht abrufbar ist, oder auch ob der Athlet zur Umsetzung der vom Trainer gestellten Aufgabe(n) in der Lage ist. Insofern sind Aufbauwettkämpfe Testwettkämpfe, in denen entweder eine Unterdistanzstrecke, die Zielstrecke oder eine Überdistanzstrecke auch mit dem Ziel gelaufen werden einen aktuell angemessenen Beitrag zur Entwicklung der wettkampfspezifischen Ausdauer zu leisten. Der Unterdistanzbereich (105-120 %) und die Überdistanzen (möglichst >93 %) sind immanenter Bestandteil einer Vorbereitung auf eine bestimmte Strecke und deren komplexer Vorbereitung.
Wenn man unter wettkampfspezifisch wettkampfnah in Strecke und Geschwindigkeit versteht, so helfen Aufbauwettkämpfe in der Leistungsentwicklung vor allem wenn sie zur Saison hin immer schneller (im Bereich zwischen 93 und ~96-97 %) im Vergleich zur Leistungszielgeschwindigkeit möglichst wettkampfstreckennah absolviert werden. Wichtig ist, dass Belastungsreize (wettkampfnahe Funktionszustände des Organismus mit dem Ziel der Erweiterung der gegenwärtigen komplexen Leistungsfähigkeit) gesetzt werden, die so im Training nicht möglich sind. Wichtig ist aber auch, dass die Läufer bei einer unbefriedigenden Konkurrenzsituation, das angedachte Ziel offensiv, allein vornweg, geschwindigkeitsorientiert verfolgen sollten. Dabei ist die Geschwindigkeit aber so – möglichst gleichmäßig mit Endbeschleunigung - zu programmieren, dass das Training in den nächsten Tagen weiter planmäßig fortgesetzt werden kann.

Erfolge setzen wiederholtes Üben im individuellen Grenzbereich voraus

Wettkämpfe sind immer mit Herausforderungen verbunden. Die vom Trainer gestellte Aufgabe – ob der Sieg oder eine bestimmte Zeit erreicht werden soll – schließen im Misserfolg zunehmende Versagensängste oder im Erfolg eine zunehmende Selbstsicherheit, ein ansteigendes Selbstvertrauen für höhere Aufgaben ein. Die Angst vorm Versagen ist oft größer, als zu Zuversicht wichtige Gegner zu schlagen. Deshalb gehört im Nachwuchstraining auch dazu, den Umgang mit Niederlagen zu erlernen. Nicht nur im Sport, auch im täglichen Leben hat derjenige die besseren Karten, der aus einem wiederholten scheitern die besseren Lehren zieht, aus der Niederlage gestärkt zurückkommt. Dabei gehört zu einer gewünschten steigenden Qualität der Leistung eine steigende Risikobereitschaft. Ein Teil kann sich besser Konzentrieren, negative Umfeldeinflüsse ausblenden, sich abschotten, sozusagen „im Tunnel“ ihre Aufgabe realisieren, ein anderer Teil lässt die Angst zu und vermindert damit seine eigene Leistungsfähigkeit. Aus Angst vor Fehlern verlässt sie der Mut die für sie schwierige Aufgabe offensiv anzugehen, das Ergebnis bleibt mittelmäßig, ist kein Erfolg, aber auch keine richtige Niederlage. Hier gilt es rechtzeitig anzusetzen. Die Trainer-Aufgabe ist den Umgang mit der Niederlage zu lehren. Deshalb sollte zuerst vermittelt werden, dass auch im täglichen Leben die Niederlagen allgegenwärtig sind und das es Mittel und Methoden und in letzter Konsequenz auch einen Psychologen gibt, um sie zu umgehen. Dabei steht immer an erster Stelle die eigene sportliche Leistungsfähigkeit. Erfahrung ist: überzeugen kann vor allem ein oder besser noch mehrere erfolgreiche Tests über eine wettkampfnahe Strecke in einer für den Sportler „sehr schnellen“ Geschwindigkeit. Darüber hinaus helfen eine Orientierung auf die individuellen Stärken, eine Positive Körperhaltung, Entspannungstechniken und die Vermittlung des Glaubens, das er/sie die Aufgabe bestimmt erfolgreich lösen kann.

Langstreckler laufen Überdistanzen bei Straßenläufen

Eine besondere Bedeutung haben Aufbauwettkämpfe für zukünftige Langstreckler, weil es vor allem schwer ist allein im Training grenzwertige Überdistanzen zu bewältigen, ohne die der Leistungsfortschritt auf den langen Strecken oft auf sich warten lässt. Das Straßenlaufangebot ist derzeit ganzjährig überwältigend, alle Strecken, mit und ohne Gegner, flach und profiliert, sogar der Volkslauf gleich um die Ecke motiviert. Dabei sind Untergründe zu bevorzugen, die ein technisch gutes, geschwindigkeitsorientiertes Laufen, bei möglichst optimaler Schrittgestaltung, einem guten Abdruck, wie er dann auch auf der Bahn über 3000 m Hindernis, 5000 m oder 10000 m gebraucht wird, zulassen. Zu Hause allein werden sie nicht besser trainieren. Aber auch hier gilt: „trainiere“ so, dass dieses intensive Training Bestandteil Deiner Wochenplanung ist.

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Aufbauwettkämpfe gehören zur Wettkampf- oder Kontrollmethode innerhalb des Trainingsprozesses und dienen, immer abhängig von der Jahresvorbereitungsetappe, der Erweiterung des disziplinspezifischen Leistungsniveaus auf immer höherem Niveau. In der unmittelbaren Vorbereitung auf den jeweils bevorstehenden Wettkampfabschnitt sind sie als entscheidende Reize möglichst oberhalb 95 % vom Leistungsziel für die mögliche Zielleistung entwicklungsunterstützend. Mit Aufbauwettkämpfen erweitert man das eigene Wettkampferfahrungspotential und wird sicherer im Umgang mit geübten eigenen taktischen Verhaltensstrategien in wichtigen Wettkämpfen.