Auf der Suche nach den Spitzenmittelstrecklerinnen von morgen (Teil 3)

Besonderheiten bei der Entwicklung junger Mittelstrecklerinnen

2008-03-08-mittelstreckenansatz-308. März 2008 (Ring) - Als wissenschaftlich gesichert angesehen werden kann, dass sich die Entwicklung vom noch vorpubertären Mädchen (ein zeitlich oft sehr unterschiedlicher Bereich zwischen 11 und 14 Jahren) verbunden mit der ersten Regelblutung, dem ersten Busenansatz bis hin zur jungen erwachsenen Frau (zwischen 20 und 23 Jahren) nicht linear gestaltet, sondern nach einem Stufenmodell verläuft mit sprunghaften, heftigen Entwicklungsphasen und plateauartig verlaufenden Ruhephasen. Deutlich ist das bei jungen Mädchen beim Längenwachstumsschub (um das 13-15. Lebensjahr) als auch beim Breitenwachstum (16. bis 18. Lebensjahr) zu sehen, verbunden mit allen Schwierigkeiten, die starke Hormoneinschüsse sowohl mental als auch physisch anrichten können.

Leider hat sich die sportwissenschaftliche Forschung mit der besonderen Problematik einer Leistungssport treibenden Heranwachsenden in den letzten Jahren wenig beschäftigt. So basieren die dabei gemachten Beobachtungen weitgehendst auf persönlichen Erfahrungen, die sich auf Grund der bei Mädchen zeitlich recht unterschiedlich einsetztenden Entwicklungsschüben auch nur schwer standardisieren lassen.

Meine Erfahrungen haben mir gezeigt:

  • dass die jeweilige Genetik der Mädchen indivuelle Entwicklungschübe für die Grundlagenausdauer, als auch für die Weiterentwicklung der Schnelligkeit veranlasst, die auf Grund der ausfallenden Stäke durchaus Aufschluss auf die Streckentalentierung geben können.
  • dass gerade im Bereich Ausdauer bei für den Lauf ungünstiger körperlicher Entwicklung sogar deutliche Rückschritte im Grundlagenausdauerbereich entstehen.
  • dass bei allen Mädchen deutliche Leistungsplateaus im ungünstigen Falle oft Leistungsrückschritte zu verzeichnen waren (oft ersten Jahr wJA)
  • dass eine Stabilisierung der Grundlagenausdauerwerte mit Hilfe der klassischen Möglichkeiten des Erwachsenentrainings wenig Wirkung zeigen
  • dass Ausdauer im hohen Maße über spezielle Mittel erarbeitet werden muss. Das ergibt die Konsequenz, das jene erarbeitenden Ausdauerwerte meist in der Jahresregeneration wieder stark verfallen (drei bis vier Wochen genügen da meistens). Dies ist dann beim Übergang zum Erwachsenwerden ganz anders. Die vL3 aus dem Ende der Wettkampfsaison kann in aller Regel mit geringen Verlusten in die VP1 (Grundlagentraining) mit rüber gerettet werden oder aber wieder schnell zurückgewonnen werden.
  • dass die Beibehaltung eines schmalen Beckenbereichs, schmale Beinfesseln und geringe Zuwüchse des Oberschenkelumfangs deutliche Zeichen für eine günstige Leistungsentwicklung während des Jugendaufbautrainings sind, der athletisch angesetzte Körperschnitt der leistungsgünstigste für den Mittelstreckenbereich sind
  • dass Ausdauer- bzw. Schnelligkeitsentwicklungsschübe nicht parallel stattfinden müssen
  • dass die Tendenz im sogenannten Babyspeckalter (18-20 Jahre) zu einer hormonell anderen, für die Ausdauerentwicklung nicht immer günstigen Verstoffwechslung, nicht von der Hand zu weisen ist.
  • dass die Trainingsgewohnheiten im Alter zwischen 18 und 23 Jahren stark geprägt werden. Das heißt in aller Regel, heranwachsende Läuferinnen, die noch keine Spezialprägung auf eine Strecke getätigt haben, tun sich in aller Regel leichter auf ein anders geartetes Langstreckentraining umzusteigen
  • dass die Strecke/Disziplin mit der größten genetischen Zuweisung auch über die genetisch festgelegte Zusammensetzung der Muskulatur hier auch die größten Fortschritte auswirft.

Kennzeichen eines überdurchnittlichen Talents

Talente sind mit Sicherheit nicht nur am Bestenlistenplatz im deutschen M/W 14/15 Ranking auszumachen. Allein die Tatsache, dass nur eine verschwindend kleine Anzahl die Frauen/Männerklasse erreicht bestätigt diese Aussage. Dies bemängeln kritische Betrachter der deutschen Leichtathletikszene schon lange. Das Kaderauswahlverfahren sollte sich zudem im deutschen Fördersystem auf mehr als physische Daten bei der Sichtung stützen. Der Begriff Talent ist im leichtathletischen Leistungsbereich ein vielschichtigerer, der hier einmal ein wenig aufgezeigt werden soll:

  • Ausreichend hohe Ausgangswerte für den späteren internationalen Standard
  • Körperliche Voraussetzungen, hohes Beweglichkeits- und Koordinationsvermögen
  • Hohe intrinsische Motivation für ihre sportliche Betätigung
  • Starke und schnelle Leistungsfortschritte
  • Hohe psychische Belastbarkeit, Bereitschaft zur Belastung
  • Hohe körperliche Belastbarkeit
  • Hohe Lernfähigkeit im koordinativen Bereich
  • Hohe Regenerationsfähigkeit
  • Langanhaltende Leistungsentwicklung

Die Erkennungspunkte 1-3 sind Ausgangswerte, die Punkte 4-8 sollten sich während des Jugendaufbautrainings bestätigen, der Punkt 9 entscheidet über die eigentliche Klasse beim Entreten in den Hochleistungssport. Bewertet man diese Fähigkeiten auf einer Skala von 1 (sehr schlecht vorhanden) bis 10 (sehr gut ausgeprägt) kann man sehr gut seine Athletinnen in der eigenen Vereinstrainingsgruppe klassifizieren und nach dem Durchlaufen des Jugendaufbautrainings feststellen, dass eben die, mit der höchsten Punktzuweisung auch am weitesten kommen.

Konsequenzen für Sichtungs- und Kadermaßnahmen

Unter Berücksichtigung aller bisher besprochenen Aspekte mit dem Ziel auf spätere Internationalität im Frauenalter sollten für die Sichtungsmaßnahmen in den D-Kadern im Altersbereich der W14/15 andere Kriterien ins Auge gefasst werden. Die bisher hauptsächlich im 800 m Bereich auffälligen Jungtalente entsprechen in aller Regel nicht dem späteren internationalen Schnelligkeitsanspruch.
Die später einmal auf dieser Ebene erfolgreich agierenden Läuferinnen sollten einen 30 m fliegend Wert von weit unter vier Sekunden im Bereich von 3,40-3,60 sec aufweisen, was in der Folge auch 100 m Zeiten zwischen 12,10 und 12,50 Sekunden entspräche. Ein großer Wert sollte dementsprechend auch auf den begleitenden 300 m Wert gelegt werden. Bewegt sich der auf einem Niveau unter 41 Sekunden, kann durchaus auf eine hohe Veranlagung im mittelzeitigen laktaziden Bereich geschlossen werden, weil jene noch sehr jungen Läuferinnen schon auf Grund ihrer körperlichen Entwicklung (man geht davon aus, dass die Leistungsbereitstellung vorpubertär fast ausschließlich über die aerobe Schiene läuft, also hier keine Schnelligkeitsausdauerschulung stattfinden konnte) diese Fähigkeiten in so kurzer Zeit nicht über Training erlangt haben. „All you need is speed“ ist also nicht nur für die Sprinterinnen ein geflügelter Satz sondern auch für zukünftige Mittelstrecklerinnen mit höchsten Ansprüchen ein Muss. Die derzeitigen Handhabe, dass alles, was in diesem Alter schneller als 12,50 „sprintet“ auch im Nachwuchssprintkader eingegliedert wird, um anschließend meist viel zu früh lauf/sprinttechnisch spezialisiert zu werden, muss gründlich überdacht werden.
Der lineare Entwicklungsansatz der Kaderrichtlinien ist aufzugeben. Den Heranwachsenden müssen, sofern die körperlichen Anzeichen und die entsprechend hohe Schnelligkeitsfähigkeit vorhanden ist im Zeitraum der stürmischen Entwicklung zur Frau Leistungsplateaus (vielleicht sogar über zwei und mehr Jahre) zugestanden werden, ohne sie gleich mit Gedanken wie falsches Training,schlechtes Umfeld etc. permanent zu verunsichern.
Die leistungsbestimmenden Parameter Schnelligkeitsausbildung, Ausdauerausbildung und Kraftausdauerausbildung müssen in der Gesamtheit der allumfassenden Konditionierung permanent und klug gewichtet bearbeitet werden.
Weltklasseniveau muss rechtzeitig sowohl qualitativ als auch quantitativ durch permanente Steigerungen langfristig vorbereitet werden. Der Ansatz, in jungen Jahren nur auf die Schnelligkeit und Unterdistanz zu setzen, kann im Höchstleistungsalter vor allem auf der Langstrecke sehr schnell zum Pferdefuß werden, weil die dann damit verbundenen quantitativen Anforderungen zu sprunghaft gesteigert werden müssen und unweigerlich zu Serieien von körperlichen Überforderungen und Verletzungen führen. Abschließend sollen folgende Vorschläge als Denkansatz zu Änderungen führen. Die bisher angeandten Maßnahmen haben jedenfalls in den letzten Jahren nicht zum Ziel geführt.

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Fotos: Lutz Susi (Lutz-Foto)