Auf der Suche nach den Spitzenmittelstrecklerinnen von morgen (Teil 1)

Von der Kritik zur Analyse im weiblichen 1500 m Bereich

 2008-02-29-mittelstreckenansatz-129. Februar 2008 (Ring) - „Über 1500 m der Frauen sieht es derzeit düster aus in Deutschland. Seit Jahren hinken die besten Läuferinnen der internationalen Konkurrenz hinterher.“, so beginnt die Zeitschrift leichtathletik ihre Analyse vom 18. Dezember 2007 (Heft Nummer 51/52 – Seite 7) für den deutschen Mittelstreckenlauf weiblich des vergangenenen Jahres. Auch Bundestrainerin Beate Conrad stellt sich seit einigen Jahren die Frage nach dem „Warum“, hat aber darauf auch noch keine Antwort gefunden. Explizit bemängelt sie, dass eben „ein jeder sein eigenes Süppchen kocht und im Training vieles falsch gemacht werde“, Außerdem prangert sie vor allem strukturelle Fehler für die Misere bei den Mittelstrecklerinnen an. Dies möchten wir zum Anlass nehmen, einmal etwas tiefer in die Materie einzudringen.

Grundsätzliche Voraussetzungen für ein hohes Leistungspotential auf den Mittelstrecken

Grundsätzliche Voraussetzungen für ein hohes Leistungspotential auf den Mittelstrecken wurden von Lothar Pöhlitz im » 1500 m Beitrag erst im Januar 2008 beschrieben. Daraus ergibt sich, dass Mittelstreckenergebnisse das Produkt einer Mischenergiebereitstelltung von anaeroben und aeroben Anteilen ist. Für den Fall der 1500 m geht man von einem hälftigen Verhältnis aus. Die Fachliteratur weist den ähnlich strukturierten MZA - Disziplinen eine Zeitdauer von 2 – 11 Minuten, Laktatwerte von 14-22 mmol/l und eine aerob : anaeroben Anteil an der Energiegewinnung von 70-80 % : 20-30 % (NEUMANN u.a.) bzw. 60: 40 % zu 40:50 % (ZINTL 1994) zu. So sind denn grundsätzlich jene Talente am Ende des Grundlagentrainings gefragt, die beide Fähigkeiten vereinen: eine gleichermaßen im hohen Maße bereits vorhandene Grundschnelligkeit und Grundlagenausdauer. Wie sehr eine dritte Komponente, die Laktattoleranz ausprägbar ist, muss sich dann wohl in der weiteren Ausbildung des Jugendaufbautrainings und des Anschlusstrainings zeigen. Besondere Bedeutung sollte daher bei der Sichtung des Nachwuchskaders auf den Wert der Grundschnelligkeit (30 m fliegend) gelegt werden. Allein der gibt gesicherte Auskunft über spätere 400 m Ausgangswerte bezüglich der Unterdistanz von Mittelstrecklerinnen. Jene Grundschnelligkeitsfähigkeit ist in den weiteren Jahren ohne spezielle Disziplinschulung dann auch nur noch wenig veränderbar. Der Ansatz, aus einer fliegenden 4,0 im Verlauf des Jugendaufbautrainings eine 3,5 zu erzielen, scheitert in meist allen Fällen. Weniger Probleme stellt die Verbesserung des anderen Fixpunktes, der vL3, der Geschwindigkeit bei 3 mmol Laktat/l im Blut des Probanden als Parameter für die Grundlagenausdauer dar, wenn auch diese Entwicklung viel Zeit und viel Trainingsfleiß beansprucht. Um nun den hohen Anforderungen der Weltklasse im Alter zwischen 20 und 25 Jahren später einmal gerecht werden zu können, muss man von folgenden Voraussetzungen für eine 4:05 (DLV-Norm für die Olympischen Spiele 2008) ausgehen:

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Die Zubringerleistungen für Typ A sollten sich bei 54 sec für die 400 m, 8:55 für die 3000 m, 15:45 für die 5000 m und 34:00 für die 10.000 m bewegen, diejenigen für Typ B bei 56 sec für die 400 m, 8:47 für die 3000 m, 15:20 für die 5000 m und 32:50 für die 10.000 m bewegen, wobei der aerob veranlagte Typ B hier eine starke Affinität zum späteren Langstreckentyp besitzt, wenn die dafür notwendigen Ausdauerkomponenten frühzeitig bereits schon im Jugendaufbautraining vorbereitet wurden, die für eine weitere Langstreckenentwicklung ab dem Erwachsenenalter notwendigen Jahreskilometerumfänge auch geleistet werden.

Die deutsche Wirklichkeit

2008-02-29-mittelstreckenansatz-1Geht man von oben genannten Grundprofilen aus, schaut es in Deutschlands Mittelstreckenszene weiblich derzeit nicht rosig aus. Keine der in den deutschen Bestenlisten zu findenden Läuferinnen entspricht auch nur im Entferntesten den geforderten 4:05 Anforderungen des DLV, ob nun von einem eher anaerob oder aber auch anaerob veranlagten Läuferinnentypus. Die spärlich vorhandenen 5000 m Ressourcen mit dem Anspruch einer 15:10 werden von eher älteren Athletinnen mit einer eindeutigen Tendenz zum Marathon geliefert, die Unterdistanzvoraussetzungen für jene 4:05 ausschließlich von absoluten 800 m Spezialistinnen, deren Gesamtprofil aber die 1500 m kaum zulassen. Auf Grund der absolut dünnen Decke der überhaupt in Frage kommenden Nachwuchsläuferinnen ist nicht zu erwarten, dass die 5000 m bzw. 10.000 m Strecke die so dringend notwendige Auffrischung von Mittelstreckenumsteigern im Alter oberhalb 20 Jahren erhält. So ist denn allein auf das Wunder „Ausnahmen bestätigen die Regel“ zu setzen, dass Deutschlands Leichtathletikszene einem in diesen Dingen geschulten und gleichermaßen erfahrenen Lauftrainer jenes grundschnelle Ausdauermodell liefert, ehe eine allseits wirkende Sprintsichtungsmaschinerie jenes Talent in die Laufbahn einer mittelmäßigen Sprinterin befördert.

Fotos: Moeldner/Werner/Becker, Janina Goldfuss (Kiefner-Fotos)