3 Jahre bis zum Sieg bei der Europameisterschaft*

Strategie einer Mehrjahresvorbereitung von Yvonne Murray (GBR)
Ein Blick zurück

2008-12-28-3-jahre-bis-zum-sieg-bei-EM28. Dezember 2008 - Tommy Boyle, Trainer der 3000 m Europameisterin 1990 Yvonne MURRAY (GBR) und des 800 m Europameisters 1990 Tom McKEAN berichtete auf dem XVI. Kongress des Europäischen Leichtathletik-Lehrer-Verbandes 1991 in Finnland über einen mehrjährigen Trainingsaufbau bis zur Europameisterschaft 1990 mit Yvonne MURRAY. Im Oktober 1987 standen ihm noch 3 Trainingsjahre bis zur EM 1990 und eine „Zeitläuferin“ MURRAY zur Verfügung. Beide wollten den Sieg, und planten gemeinsam die Europameisterschaft 1990. Wie sie dabei vorgingen ist sicher etwa 3 Jahre vor den Olympischen Spielen 2012 in London sehr interessant und hilft bei einer aufzustellenden individuellen Mehrjahreskonzeption.

1. Analyse der leistungsbestimmenden Faktoren im 3000 m Lauf der Frauen

Auf der Basis der Weltrekordentwicklung, der ewigen 10–Bestenliste (damals war das durchschnittliche Höchstleistungsalter 28,5 Jahre) und der für Medaillenränge bei Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele notwendigen Leistungen und der Aufgabe aus einer „Tempoläuferin eine Siegläuferin zu machen“ ergab sich folgendes Anforderungsprofil streckenspezifischer Ausdauer:

2008-12-28-3-jahre-bis-zum-sieg-bei-EM

Die nachfolgende Abb. zeigt das streckenabhängige Leistungsvermögen von Yvonne Murray ( 200 m – 3000m + Schwelle ) in Relation zu den bestehenden Weltrekorden. (nach T.BOYLE-GBR in Leichtathletik 14 / 91)

 

2008-12-28-3-jahre-bis-zum-sieg-bei-EM

2. Ist – Zustand der Athletin 1987 zu Beginn der 3 Jahresvorbereitung

Mit Hilfe eines Mitarbeiterstabes, bestehend aus:

  • Sportmediziner
  • Physiotherapeut
  • Ernährungsberater
  • Fußpfleger

wurde der Ist-Zustand der Athletin fixiert:

  1. Medizinischer Check (Ausdauerleistungsfähigkeit / subkutanes Fettgewebe = 13,2 % u.a.)
  2. Umfeld (Finanzierung der Reisen, Training, Wohnen, Verpflegung, sportartspezifische Ernährung)
  3. Leistungsprofil (individuelle Stärken und Schwächen im Vergleich zu den Weltrekorden)
  4. Renntaktisches Verhalten / Wettkampfeinstellung / Aufgaben
    (Videoanalysen der Wettkämpfe der letzten 2 Jahre)

3. Aspekte der Vorbereitung, was muss verbessert werden

Die kurzfristigen (OS Seoul1988

a) Reduktion der Differenz zwischen der aerob-anaeroben Schwelle und der angestrebten Wettkampfgeschwindigkeit »

Jahr aerob-anaerobe Schwelle: Wettkampfgeschwindigkeit
1987 5,00 m/s    
1988 5,26 m/s   5,98 m/s
1989 19875,41 m/s    

 

b) Geplante Trainingsformen:

  • Tempodauerlauf, Erhöhung der Belastungsintensität aller 5-6 Wochen auf der Basis von Testergebnissen (z.B. 5,22 m/s = 18,8 km/h mit 3,8 mmol/l Laktat)
  • Reduktion des Belastungsumfanges der Läufe mit niedriger Intensität von 80 » 60 km/Woche
  • Extensives Intervalltraining: Schwerpunkt Belastungsdauer
    3 Minuten bzw. 1000 m - Programme

    Beispiel - Planung des extensiven Intervall-Trainings:
    Oktober – DezemberJanuar – MärzApril – Mai
    3 x 3 x 90“ / P: 90“ 3 x 3 x 3 min / P: 2:30` 2 x 3 x 1000 m / P: 3´
    3 x 3 x 2´ / P: 2´ 3 x 3 x 3 min / P: 2:15 2 x 3 x 1000 m / P: 2:55´
    3 x 3 x 3´ / P: 3´ 3 x 3 x 3 min / P : 2:00´ 2 x 3 x 1000 m / P : 2:50´
  • Laktatsteuerung wie im nachfolgenden Trainingsbeispiel
    2 x 3 x 1000 m mit 3´ / 15´ Pause Beispiel vom 1.6.1988:

    LaufzeitenLaktat nach 2:30 min.nach 4:00 min.nach 15:00 min.
    1. 2:45 6,4 mmol/l    
    2. 2:48 8,0    
    3. 2:46 9,8 9,3 5,6
    4. 2:47 8,0    
    5. 2:46 9,5    
    6. 2:47 11,6 10,5  

4. Entwicklung der streckenspezifischen Schnelligkeitsausdauer durch:

  • Verbesserung der Maximalkraft
    (im ersten Jahr um 50 % durch Cirkeltraining mit Teilgelenkübungen)

  • Verbesserung der Kraftausdauer
    Circuit-Programm ( allgemeine Kräftigung mit dem Ziel der Verbesserung der Ermüdungswiderstandsfähigkeit und leistungssteigernden Laktatniveaus am Ende des Wettkampfes bei Aufrechterhaltung der Technik und Geschwindigkeit

  • Verbesserung der lokalen Muskelausdauer durch hohe Belastungsumfänge (Wiederholungen bei 50 % der Maximalleistung ):

5. Kraft- / Schnellkrafttraining (nach BOYLE):

MonatAbsolute KraftCirkeltrainingHantel - Circuit
11 1 x 3 x 6 / 60 % 1 x 3 x 15 o. Pause ---
12 1 x 3 x 6 / 70 % 1 x 4 x 20 o. Pause ---
1 1 x 3 x 6 / 85 % 2 x 3 x 15 mit Pausen ---
2 1 x 3 x 6 / 90 % 2 x 3 x 20 mit Pausen 1 x 3 x 15 mit 50 %
3 2 x 3 x 6 / 85 % ------- 2 x 3 x 15 mit 60 %
4 2 x 3 x 6 / 90 % ------- 2 x 3 x 20 mit 60 %
5 Schnellkraft-Pyramide 1 x 4 x 15 schnell 1 x 3 x 20 mit 50 %
6 Schnellkraft-Pyramide 1 x 4 x 15 schnell 1 x 2 x 20 mit 50

 

6. Die Verbesserung der Taktik wurde aus verschiedenen Gründen auf 1989 Verschoben (1989 kein int. Meisterschaftsjahr)

7. Technik und Ausdauerbedingungen
Aufrechterhaltung einer guten Lauftechnik trotz Ermüdung in den Finalphasen der Rennen durch Kraftausdauertraining (s. o), Verbesserung der Laufökonomie durch Techniktraining mit einem Sprint – Trainer

8. Ein optimales Umfeld als Voraussetzung zum gelingen des Vorhabens
Diesen Bereich hält BOYLE für so wichtig, dass er ein Video – Statement seiner Athletin einspielte, in dem MURRAY die vier Bereiche, in denen sich ihre professionelle Einstellung verbessert hat, wie folgt beschreibt:

  • Ernährung: computergestützte Korrektur des Ernährungsverhaltens
    • belastungs- und wettkampfspezifische Ernährung mit 5 Mahlzeiten pro Tag
    • regelmäßige Vitamin – und Eisensubstitution unter ärztlicher Kontrolle
    • computergestützter Soll-Ist-Vergleich der Nahrungsaufnahme (pro Woche) und Korrektur des Ernährungsverhaltens
  • Menstruation
    (Zyklus- und Wettkampfplanung / Zyklus und Termin von Meisterschaften / Zyklussteuerung durch Medikamente)

  • Tägliche Kontrollen
    Gewicht / Ruhe – Puls / Schlaf » 8-9 Std./Tag

  • Wettkampfgestaltung
    • Taktik - variable Möglichkeiten erarbeiten - üben
    • Bessere Trainer – Athlet - Kommunikation
    • GEWINNEN wollen
    • Beobachtung der Leistungsentwicklung der potentiellen Gegnerinnen, Stärken und Schwächen der Gegnerinnen analysieren, einprägen
    • Bewusstmachen der eigenen Stärken zur Taktikplanung und Nutzung im Rennen
    • mentale Rennvorbereitung
    • wichtige und unwichtige Wettkämpfe