Praxiserfahrungen mit Training in 600 – 3500 m Höhen (Teil 5)

Künstliche Höhe – Barokammertraining schon in den 60 igern
Erfahrungen auch aus der Unterdruckkammer in Kienbaum

2008-11-25-hoehentraining-525. November 2008 (© Lothar Pöhlitz) - Schon in den 60iger Jahren, in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1968 in Mexico-City wurden in der DDR erste Erfahrungen mit Unterdruckkammertraining bei der Luftwaffe in Berlin gesammelt. Der Durchbruch gelang 1972 mit dem Olympiasieg von 20 km – Geher Peter Frenkel, der sozusagen direkt aus dieser Unterdruckkammer noch am Anreisetag in München siegte und den olympischen Rekord um fast drei Minuten verbesserte. Im Herbst 1979 wurde in der Sportschule in Kienbaum den DDR-Sportlern eine große Unterdruckkammer zum Training zur Verfügung gestellt.

Seit diesem Erfolg wurde in der DDR das Ziel hartnäckig verfolgt eine Anlage zu bauen, in der möglichst viele Sportler, auch unterschiedlicher Ausdauersportarten, gleichzeitig Höhentraining unter künstlichen Bedingungen bzw. die Vorbereitung auf Höhentraining unter natürlichen Bedingungen betreiben konnten. Dabei war man sich von vornherein darüber klar, das natürliche Höhentraining nicht ersetzen zu wollen, sondern in einer Kombination die Effektivität dieses Trainings zu erhöhen, in dem man vorbereitet, sozusagen vorangepasst in die natürliche Höhe reisen konnte, sich einen Vorteil verschafft in dem man die Akklimatisierungswoche nicht brauchte und in der Höhe sofort mit der normalen Belastung beginnen konnte. Gleichzeitig war nach der Rückkehr aus der Höhe eine längerfristige Stabilisierung des aeroben Niveaus Ziel. Außerdem wurde diese Anlage verstärkt für die besten Sportler des Kaderkreises II und die besten und ältesten Nachwuchssportler genutzt. Damit wurde in der Kosten-Nutzen-Rechnung die Einsparung von Devisen (die tatsächlich sehr knapp, aber nicht so knapp wie derzeit im deutschen Spitzensport, waren) und schnellere Leistungsfortschritte in den Ausdauersportarten angestrebt.

Der „Fuchsbau“ von Kienbaum

Im Herbst 1978 wurde dem Arbeitskreis Höhentraining im DTSB mitgeteilt, dass am 31.7.1979 die „Sporthalle Kienbaum“ fertig gestellt wird und dafür eine entsprechende Nutzungskonzeption mit den in Frage kommenden Sportarten zu erarbeiten ist. Da diese „Sporthalle“ in der Tat „streng geheim“ war und unterirdisch, durch Wald getarnt, gebaut wurde, bekam sie bald von den Sportlern den Namen „Fuchsbau“.

Die im Endeffekt abgespeckte Version Baro- bzw. Unterdruckkammer in Kienbaum, -eine angedachte Sporthalle mit Rundbahnen wie ursprünglich vom Sport gewünscht wurde von der Regierung aus Kostengründen nicht genehmigt. Nach der deutschen Einheit wurde sie stillgelegt, aber nicht zerstört. Sie ist zweigeschossig mit Trainingsflächen oben 18 x 18 m und unten von 10 x 18 m. Der obere Teil war mit 2 großen und 2 kleinen Laufbändern, mit Fahrradergometern, mit allgemeinen und speziellen Kraftgeräten und mit Freiflächen (Matte) zur Konditionierung ausgerüstet. Im unteren Bereich befand sich ein Paddelbecken mit Kajak- und Canadiertrainingsplätzen.
Der Unterdruckbereich war für 39 Personen konzipiert und wurde durch eine Schleuse betreten bzw. verlassen. Die Aufstiegshöhen lagen zwischen 1000 und 4000 m. Wie unter natürlichen Höhenbedingungen wurde in der Praxis der ökonomische Effekt in der „Kammer“ in Höhen zwischen 2000 und 3000 m gesehen. Es wurde von den besten Ausdauersportlern, wie z.B. auch Hartwig Gauder und Waldemar Cierpinski in den 80iger Jahren regelmäßig genutzt.
Inzwischen wird in vielen Ländern der Welt in der Mehrzahl der Ausdauersportarten Ausdauertraining unter künstlichen Bedingungen mit mehr oder weniger positiven Ergebnissen durchgeführt.
Das Hypoxietraining in dieser Unterdruckkammer basierte in ihrer Wirkung auf der künstlichen Reduzierung des Luftdrucks im Zusammenhang mit abnehmenden Sauerstoffpartialdruck, abnehmender Luftdichte und Wasserdampfdruck. Auch wenn sich damit die Wirkungsfaktoren gegenüber natürlicher Höhe nicht ändern, die nätürliche Umgebung, das Klima und die reizvolle Mittelgebirgslandschaft haben auf die Psyche und Leistungsbereitschaft der Sportler immer eine außerordentlich positive Wirkung. Deshalb ist Höhentraining unter künstlichen Bedingungen immer unter den Aspekten der Ergänzung, Vorbereitung, Stabilisierung des aeroben Ausdauertrainings zu sehen. Es muss kein Zweifel aufkommen, natürlich wären die DDR-Sportler zu damaliger Zeit lieber immer in die Höhentrainingszentren in der Schweiz, Frankreich oder Mexico gefahren.
Ein Vorteil der künstlichen Hypoxie ist die mögliche Verbindung des aeroben Ausdauertrainings in der „Kammer“ mit anaerobem Training in hohen Geschwindigkeiten im Freien.

Training unter künstlicher Hypoxie unterstützt wirksam die Ausdauerentwicklung

Die etwa 10 jährigen Erfahrungen mit Training unter künstlicher Hypoxie in Kienbaum wurden 1990 von FUCHS / HERZBERG (TuPL 4/1990) wie folgt zusammengefasst (auszugsweise, gekürzt):

„Der Aufenthalt in der Unterdruckkammer erschließt eine eigenständige Form des Trainings unter Hypoxiebedingungen, die gegenüber einem alleinigen Training unter Normalbedingungen (NN) wirkungsvoller die Entwicklung der Ausdauerleistung unterstützt.
Die Aufstiegshöhe wird vom Trainingsinhalt und den vorgesehenen Belastungen bestimmt. Mit zunehmender Höhe steigt bei vergleichbaren Geschwindigkeiten (siehe Abb.) das Laktat bis in den anaeroben Bereich."

Abb.  Lactat - Geschwindigkeits-Verläufe im Stufentest

Dafür gelten eine Reihe von Prinzipien des Einsatzes gleichermaßen für natürliche und künstliche Bedingungen:

  • Das Training unter Hypoxie fördert die Leistungsentwicklung zusätzlich, wenn es ziel- und aufgabenbezogen in ein insgesamt tragfähiges Gesamttrainingskonzept im Jahres- und Mehrjahresaufbau eingeordnet ist. Durch das Hypoxietraining dürfen Keine Verschiebungen in der Belastungsstruktur entstehen.

  • Die Unterschiede zum Training unter NN sind durch veränderte Zeitabläufe vieler biologischer Reaktionen vor, während und nach der Belastung, durch ein dadurch zeitlich verlängertes Pausen- und Wiederherstellungsverhalten und durch eine erhöhte Reizstärke der Belastung gekennzeichnet.

  • Der erhöhte Wirkungsgrad des Trainings unter Hypoxie bei hochtrainierten Sportlern ist stets ein Ergebnis der Einheit von Training und Hypoxie, wobei dem Training die primäre Rolle zukommt. Eine effektive Nutzung ist nur auf der Basis eines vorhandenen stabilen Niveaus der Grundlagenausdauer möglich.

  • Trainingsaufgaben und –inhalte sind nach ihrem abschnittsbezogenen Akzent als Training mit „bestimmendem“ oder „begleitendem“ Charakter in erforderlichen Proportionen zu planen und zu realisieren.

Bei passivem Aufenthalt vollziehen sich keine leistungsfördernden Anpassungen.

Für das grundsätzliche trainingsmethodische Vorgehen beim Training in der Unterdruckkammer werden folgende 3 Empfehlungen gegeben:

  • Die trainingsmethodische Grundvariante mit einem täglichen Wechsel von Training unter künstlichen Hypoxie- und Normalbedingungen hat Priorität. Ausgehend von der Ziel- und Aufgabenstellung des Trainingsabschnittes hat das Training einen „begleitendem“ oder „bestimmendem“ Charakter.

  • Das Training mit „begleitendem Charakter ist einzusetzen, wenn der Entwicklungsschwerpunkt des MEZ auf der Steigerung der Geschwindigkeit unter Wettkampfbedingungen gerichtet ist und Schnelligkeitsausdauer- bzw. Wettkampfausdauerbelastungen im Mittelpunkt stehen.

    Dieses Training wird unter Normalbedingungen durchgeführt und durch ein Grundlagenausdauertraining 1 zur aeroben Stabilisierung unter Hypoxie „begleitet“.

  • Training mit „bestimmenden“ Charakter ist einzusetzen, wenn eine schwerpunktmäßige Entwicklung der Geschwindigkeit unter aeroben oder aerob- anaeroben (GA1 + Ga2 + KA) Hypoxie - Bedingungen wirkungsvoller erreicht werden kann. Das Training unter NN unterstützt diesen Prozeß durch zusätzliches GA1-Training.

Bei allen hypoxiegestützten trainingsmethodischen Lösungen sind übergreifend spezielle Einflussfaktoren und Aspekte zu berücksichtigen:

  • die Wahl der Aufstiegshöhe

  • die Belastungsdauer

  • der Realisierungsgrad der Sporttechnik

  • die Gestaltung der Phase der „scharfen Akklimatisation“

  • die Gestaltung der Phase der Readaptation“

2008-11-25-hoehentraining-5

Fazit: Wer die Möglichkeit zu einem höhenvorbereitenden Training in einer „Höhentrainingskammer/-tunnel“ hat, sollte eine solche aktive Möglichkeit unter Berücksichtigung der gegebenen Empfehlungen nicht auslassen. Wichtig ist anschließend die entstandenen Vorteile durch diese Vorbereitung eines Trainings unter natürlichen Höhenbedingungen zu nutzen.