Sollen junge Langstreckler wie Mittelstreckler trainieren?

Keine Unsicherheiten im Jugend - Aufbautraining zulassen

2008-10-21-sollen-junge-langstreckler-wie-mittelstreckler-trainieren21. Oktober 2008 (© Lothar Pöhlitz) - Im Verlaufe des letzten Jahres haben wir mehrfach im Zusammenhang mit einer notwendigen Effektivierung des Jugendtrainings die Problematik der Talentvoraussetzungen, der anlagebedingten Muskelstruktur, der Früh- und Spätentwickler und einer notwendigen altersgemäßen Differenzierung des Trainings zwischen Mädchen und Jungen diskutiert. Wir haben uns zu einer frühzeitigen Orientierung der Ausbildung zum Mittel- oder Langstreckler auf Grund erkannter anlagebedingter Voraussetzungen und des gegenwärtigen Leistungsniveaus in den Jugendklassen bekannt. Dabei wurden wir durch die vielen sportmedizinischen Hilfen in der Literatur unterstützt, die umfangreiche Aussagen zur Talententwicklung, zur Trainierbarkeit, zu besonders wirksamen Zeiträumen in der Schnelligkeits- oder Ausdauerentwicklung von Kindern und zur vielseitig-zielgerichteten allgemeinen Ausbildung im frühen Jugendtraining, gemacht haben.

Damit keine Missverständnisse entstehen soll vorausgeschickt werden:

das Training für jede Laufdisziplin – unabhängig von der Streckenlänge – unterliegt einem komplexen trainingsmethodischen Vorgehen, in dem inhaltlich sowohl die Unterdistanzleistungsfähigkeit, die Überdistanzleistungsfähigkeit und die spezielle Leistungsfähigkeit über die Zielstrecke zusammen mit allen anderen notwendigen Voraussetzungen auszubilden sind.

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Vielseitigkeit im Nachwuchstraining darf aber nicht bedeuten auch nur auf eine, innerhalb einer Spezialisierung, erforderliche Adaptation zu verzichten.

Leichtathletiktraining 2 + 3 - 2008

Nun fanden wir innerhalb von „Leitsätzen für das Training des Läufers“, in denen von Henning von Papen in leichtathletiktraining 2/3-2008 ein neuer, noch nicht erschienener Rahmentrainingsplan für die Jugend vorgestellt wurde, Empfehlungen zum Training junger Langstreckler:

„Bei der Trainingsplanung sind die individuellen Voraussetzungen der Athleten zu beachten. Dies gilt nicht nur bei der Differenzierung zwischen Mittel- und Langstrecke, die ohnehin relativ spät und teils nur geringfügig erfolgen sollte, sondern auch innerhalb einer Disziplin“

Dem ersten Teil des Zitats kann man uneingeschränkt zustimmen, für den zweiten „blau“ hervorgehobenen findet man leider keine überzeugende Begründung, und man wird das Gefühl nicht los, das eine solche Aufgabenstellung des verantwortlichen Bundestrainers zu einseitig orientiert und zu wenig die Gesamtaufgabe berücksichtigt. Im daneben stehenden Kasten unter Info 3 wurden die Unterschiede im Training für Langstrecken-Läufer noch unterstützend wie folgt definiert:

„Da im Aufbautraining schwerpunktmäßig die Unterdistanzleistungsfähigkeit entwickelt werden soll, können die Langstrecken-Läufer überwiegend mit den Mittelstrecklern trainieren“. Spätestens hier müsste man doch den Aufschrei der Langstrecken-Bundestrainer erwarten, auch wenn im nachfolgenden Text alles wieder ein wenig relativiert wird: „Punktuell müssen sie aber bezüglich der Streckenlänge bei Dauerläufen eine individuelle Ausrichtung des Trainings erfahren.“ Was ist aber punktuell, wenn sie „überwiegend“ mit den Mittelstrecklern trainieren sollen? Man findet wenn man weiter liest schon, dass Dauerläufe stets in guter Qualität, spezifische GA2-DL häufiger und längere Tempoläufe bis 3000 m regelmäßig zum Einsatz kommen müssen. Dass es unseren jungen Langstrecklern im Unterschied zu den Mittelstrecklern vor allem an Trainingsumfang und Trainingsqualität zur besseren Entwicklung ihres GA-Niveaus fehlt, wird nicht ausgeführt. Sicher steht es aber im RTP.

Die psychophysischen Anforderungen der Zielstrecke bestimmen die Inhalte

In Abhängigkeit von den anlagebedingten Stärken sind die jungen Läufer/Innen schon recht früh auf bestimmten Strecken erfolgreich und trainieren dafür auch „lieber“, d.h. die „Schnellen“ laufen lieber schneller, dafür aber nicht so lang und die „Langsamen“ lieber etwas länger.
Insofern bestimmen auch schon früh die energetischen Anforderungen der Wettkämpfe die Inhalte und Methoden eines auch schon in der Jugend geschwindigkeitsorientierten Trainings und die trainingsmethodischen Konsequenzen für den Gesamttrainingsprozeß. Dabei beinhaltet auch ein geschwindigkeitsorientiertes Jugend-Training ausgewogene Anteile an allgemeinen und speziellen Leistungsgrundlagen, die Ausbildung aller für eine spätere Spitzenleistung benötigten Voraussetzungen. Dazu gehören, ob Mittelstrecke. Langstrecke oder Straßenlauf das Ziel ist, die allgemeine und spezielle Belastbarkeit, eine möglichst hohe Grundgeschwindigkeit, optimale Kraftfähigkeiten, natürlich die Unterdistanzleistungsfähigkeit – die für den Langstreckler selbstverständlich die Mittelstreckendisziplinen einschließlich 3000 m sind – eine hohe aerobe Kapazität, die VO2max und die Entwicklung einer altersgemäßen, nicht forcierten, aber trotzdem zielgerichteten mittel- oder langstreckenspezifischen Leistungsfähigkeit. Die Forderung nach einem solchen komplexen Training darf kein Widerspruch zur Aufgabe sein, im Aufbautraining auch mögliche Geschwindigkeitsreserven durch Unterdistanztraining, z.B. auch für die LZA - Disziplinen zu schaffen.

Fazit:

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Unabhängig vom anlagebedingten Schnelligkeits- oder Ausdauertyp sollte ein altersgemäßes, entwicklungsabhängiges, geschwindigkeitsorientiertes allgemeines und laufspezifisches, komplexes Training, mit systematisch steigenden Anforderungen im Verlaufe eines etwa 5 jährigen Jugend-Aufbautrainings, durchgeführt werden. Dabei sollen von Beginn an vor allem die anlagebedingten Stärken des jungen Sportlers aus- und die Schwächen abgebaut werden. Geschwindigkeitsorientiertes Training bezieht sich auf alle Belastungsbereiche, auf die Entwicklung der Schnelligkeit, der Schnelligkeitsausdauer, der speziellen Ausdauer, der aeroben Kapazität, aber auch auf das allgemeine und spezielle Kraft- und Athletiktraining. Dazu sind, wie in der Praxis üblich, schon im Jugendtraining andere Inhalte für 800 m und 5000 m Läufer/Innen erforderlich.