Anlagen weisen den Weg » frühzeitiger die Weichen stellen

Anlagebedingte Eignung für KZA, MZA oder LZA?

2008-09-05-anlagen-weisen-den-weg05. September 2008 (© Lothar Pöhlitz) - In der Praxis der Vereinsarbeit sieht man oft Kindergruppen oder auch Trainingsgruppen im frühen Jugendalter, die nach Altersklassen oder auch nach Jungen und Mädchen getrennt üben. Unabhängig von ihrer Eignung, ihrem mitgebrachten „Erbgut, den Anlagen“, ihren biologischen Voraussetzungen und Entwicklungen (Normal-, Früh- oder Spätentwickler) oder der Muskelfaserstruktur üben alle nach gleichen Plänen und man ist oft baff erstaunt, dass sich bei gleicher Belastung Einzelne deutlich schneller entwickeln als andere. Differenzen von bis zu 4 Jahren zwischen Kalender- und „biologischen Alter“ oder Muskelstrukturunterschiede zwischen denen mit bevorzugt langsam - kontrahierenden ST- Fasern oder den „Privilegierten“ mit den mehr schnell - kontrahierenden FT- Fasern, weil sie eben schon früh schneller sind. Auch die z.T. deutlich unterschiedliche Körpergröße, die Kraftfähigkeiten oder auch die eingebrachten mentalen Fähigkeiten sind Ursachen für das breit gefächerte Tempo der Leistungsentwicklung im Jugendalter.

Schnelligkeits- und Ausdauertypen
Wie man Leistungsreserven im Nachwuchsleistungsbereich erschließen kann

Der geübte Blick eines Trainers sieht schon von weitem ob es sich bei einem Läufer oder einer Läuferin um Ausdauertypen, die in der Regel überwiegen, oder Schnelligkeitstypen handelt. Es ist ihm auch klar, dass die zu erwartenden Wettkampfleistungen immer nur das Ergebnis aus dem aktuellen Niveau aller auf die Wettkampfleistung wirkenden Faktoren ist. Dies sind die Konstitution und Muskelstruktur, die athletische Ganzkörpersituation, die allgemeine Ausdauer, das anlagebedingte Basisniveau aller konditionellen Fähigkeiten, die mitgebrachte mentale Stärke, aber auch die Schwachstellen. Alle Fähigkeiten und Fertigkeiten sind wichtig, die die junge, natürlich noch entwicklungsfähige Persönlichkeit derzeit in die verschiedensten Streckenlängen vom Sprint bis zu einem längeren Straßenlauf in der Lage ist einzubringen. Die Unterschiede an der Schwelle zum Jugend-Aufbautraining sind unter diesen Gesichtspunkten zum Teil gewaltig. Und trotzdem trainieren sie alle nach einem Plan, in einer Gruppe und im schlimmsten Falle allein. Praktische Erfahrung ist:

Der unterschiedliche Grad der biologischen Reife, die Körperkonstitution (Körperhöhe und Gewichtstendenz) und die anlagebedingten biologischen Voraussetzungen sind für die individuelle Trainierbarkeit und ihre Perspektive von grundlegender Bedeutung. Deshalb ist eine frühzeitige Zuordnung auf Basis mitgebrachter, deutlich zur Schnelligkeit oder zur Ausdauer neigenden Fähigkeiten junger Talente (Talentfrüherkennung) und eine entsprechende Differenzierung des Trainings bei Einhaltung trainingsmethodischer Prinzipien des Nachwuchstrainings und einer zielgerichteten komplexen Ausbildung innerhalb der KZA, MZA oder LZA - Disziplinen wichtig.

Dies alles spricht nicht gegen ein allgemein-vielseitiges Training sofern es zielgerichtet auf die Stärken des Einzelnen ausgerichtet ist. Schon früh in Gruppen zusammenführen und die anlagebedingten Stärken verstärken, ohne dabei zu vergessen, einen Teil der Trainingskapazität auf die Minimierung auch der Schwächen zu konzentrieren, erhöht das Entwicklungstempo. Das Ziel einer möglichst breiten Leistungsamplitude schließt natürlich z.B. für den schon früh auf die längeren Strecken (Ausdauertyp) orientierten Jugendlichen, die Entwicklung der Unterdistanzleistungsfähigkeit (Mittelstrecken) und Schnelligkeit / Schnellkraft ein. Dazu gehört die Vorbereitung und Teilnahme auf ein breites Wettkampfspektrum, auch um möglichst früh schon vielseitige Wettkampferfahrung zu sammeln oder ein zielgerichtetes Spurttraining, um später Siege möglich werden zu lassen. Der Möglichkeiten gibt es viele, die Wichtigste aber ist, jedem Einzelnen durch Erfolge auf den Strecken die ihm liegen, die er gern mag, für die er prädestiniert ist, die Motivation für das mehr im Training zu entwickeln.

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Eine optimale Entwicklung von Talenten setzt ein dem Entwicklungsalter entsprechendes komplexes Training voraus, dass sowohl die Voraussetzungen für später schafft, das bisher erlernte stabilisiert, immer neue Lernprozesse beinhaltet, als auch durch Wettkämpfe bei steigenden altersgemäßen Anforderungen die psycho-physische Belastbarkeit auf eine immer höhere Stufe hebt.

Früh- und Spätentwickler, Wachstumsschübe

Die in der Praxis beobachteten Wachstumsschübe vor allem bei 11 – 15 jährigen (also während der Pubertät) mit einer zeitweilig früheren Skelettentwicklung gegenüber der Entwicklung der inneren Organe übertragen dem Trainer eine besondere Verantwortung in Richtung Belastung und Erholung, weil „ein durch Überlastungen gestörter „Baustoffwechsel“ zu einer Beeinträchtigung der Wachstumsvorgänge und zu einer Verminderung der Belastbarkeit“ (WEINECK 1986 – S. 48) führen kann. Die oft beobachteten Vorgänge, dass Jugendliche in diesem Alter nach Verletzungsausfallzeiten ohne Training in wenigen Wochen deutlich gewachsen sind (bis zu 10 cm), weisen darauf hin, das ausreichende Erholungs- und Wiederherstellungszeiträume in dieser Ausbildungsetappe von ganz besonderer Wichtigkeit sind.

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Für die Trainingsbelastung bedeutet das auch, dass in solchen Zeiträumen vor allem vielseitig-zielgerichtete mittlere bis submaximale komplexe Trainingsreize, die auf den „gesamten Körper“ zielen, dominieren sollten. Dominieren bedeutet aber zugleich auch andere Inhalte zuzulassen.

Die starken Streuungen der Leistungen im Altersbereich 12 – 15 Jahre weisen uns vor allem auch auf die biologischen Entwicklungsunterschiede von Jungen und Mädchen hin. Dabei scheinen die noch schlanken Mädchen und die früh entwickelten Schnelligkeitstypen bei den Jungen bei den Wettkämpfen zu dominieren.

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Bei der Beurteilung sportlicher Leistungen ist das kalendarische, das biologische und das Trainingsalter zu berücksichtigen.

Die Leistungsentwicklungsraten bis zur Höchstleistung
können aber bei Talenten sehr verschieden sein.

Im Alter zwischen 16 - 18 Jahren liefen die späteren englischen Weltklasseathleten Coe, Cram und Ovett bereits 3:55, 3:40 bzw. 3:44. Aktuell freuen wir uns über die Leistungen von Robin Schembera und Sebastian Keiner, die schon recht stabil bei 1:46 angekommen sind. Und die englischen Beispiele zeigen, dass sich keiner mit Bedenken quälen sollte, dass die beiden nicht die Weltspitze erreichen.

„Bei Frühentwicklern – Akzelerierten – liegt eine beschleunigte Aufeinanderfolge der körperlichen Entwicklungsphasen von einem oder mehreren Jahren vor, beim Spätentwickler – Retardierten – eine verzögerte Entwicklung von einem oder mehr Jahren, während beim Normalentwickler das kalendarische und biologische Alter übereinstimmen.“ ( WEINECK 1986 – S. 46)

2008-09-05-anlagen-weisen-den-wegEs ist außerordentlich schwierig die Motivation von Spätentwicklern bei Jungen und Mädchen (in der Regel kleiner und leichter als der Durchschnitt) zu einem sinnvollen Training immer wieder aufrechtzuerhalten, ihnen eine Perspektive aufzuzeigen und Mut zu machen, dass ihre Zeit kommen und sich Fleiß in Leistung umsetzen wird und sie „bestimmt die jetzt vornweg laufenden Frühentwickler eines Tages überholen“ werden. Dies kann durch langjährige Trainererfahrung an vielen Beispielen unterstrichen werden. Dabei sollten immer wieder für sie außerordentliche Erfolgserlebnisse geschaffen werden, in dem, bei Berücksichtigung entwicklungsbedingter „Rückstände“ innerhalb der anlagebedingten Stärken auch mal Belastungen zugelassen werden, mit denen der/die vielfach noch Benachteiligten in der Gruppe „glänzen können“. Trotzdem wird dabei nichts ausgelassen, Koordination, Technikausbildung, Athletik und die Entwicklung der konditionellen Fähigkeiten werden bei zeitweiliger Akzentuierung parallel entwickelt und wenn der / die junge Spätentwickler gern „lang läuft“, dann darf er auch 1-2x mehr als die anderen lang laufen, ohne dabei zu übersehen, dass lang nicht zugleich langsam heißt, sondern nur so lang zugelassen wird, dass aktuell mindestens eine mittlere Geschwindigkeit dabei möglich ist.

Bei Spätentwicklern sollten zeitweilig, unabhängig vom anlagebedingten Typ, die konditionellen Fähigkeiten – vor allem in Phasen wo die Rückstände gegenüber den „Normalen“ deutlich sind – durch verstärkte Orientierung auf das allgemein-athletische und auch Training „mit anderen Sportarten“ (die Spaß machen) entwickelt werden.

Im Gegensatz zur gegenwärtig oft gehörten „landläufigen Lehrmeinung“, dass im Schülertraining vorrangig die Schnelligkeit trainiert werden soll und Ausdauer „erst viel später im Lehrplan kommt“ findet man bei Weineck 1986 – S. 51:

„Einer geringeren glykolytischen Kapazität steht beim Kind eine größere Fähigkeit für oxydative Stoffwechselvorgänge gegenüber: Der höhere Anteil an oxydativen Enzymen gegenüber den glykolytischen erlaubt es der Muskelzelle des Kindes, freie Fettsäuren schneller zu verwerten und damit die Glukosespeicher zu schonen, als dies beim Erwachsenen der Fall ist. Für diese Tatsache spricht auch die Feststellung, dass die Zahl der Mitochondrien – als Ort der aeroben Energiegewinnung – bei Kindern gegenüber Erwachsenen erhöht ist“

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Auch junge Läufer und Geher, die bei JEM bzw. JWM erfolgreich sein wollen, brauchen eine hohe aerobe Kapazität, möglichst gute Schnelligkeits- / Schnellkraftfähigkeiten, allgemeine- und spezielle Kraftfähigkeiten, eine möglichst außergewöhnliche Laktattoleranz, soll heißen einen sehr gut funktionierenden anaeroben Stoffwechsel und einen Kopf zum Siegen. Alles das muss im Jugend-Aufbautraining möglichst optimal vorbereitet werden! Nur das Wettkampfergebnis widerspiegelt den Stand der Ausbildung in seiner „Gesamtqualität“. Dabei muss für Läufer gelten, dass nicht nur die Schnelligkeit zu entwickeln ist, wie es oft in den „Fachzeitschriften“ betont wird.

Praktische Erfahrung ist, dass zu Beginn des Jugend-Aufbautrainings die Streubreite im Bereich der aeroben Leistungsfähigkeit auch bei Läufern groß ist. Dabei haben Ausdauertypen und Frühentwickler Vorteile im Niveau der Grundlagenausdauer gegenüber den „Schnellen“. Eindeutig ist auch, dass eine Abhängigkeit zwischen dem absolvierten GA -Training (im Unfang – Streckenlängen – Geschwindigkeit) und dem aeroben Niveau nicht in erster Linie vom Umfang, sondern auch von einer Geschwindigkeitsentwicklung im Jahresverlauf und von steigenden Streckenlängen besteht.

Mädchen üben besser mit älteren Jungen

2008-09-05-anlagen-weisen-den-wegBei der wissenschaftlichen Beschreibung von Entwicklungsphasen findet man zwischen Jungen und Mädchen immer eine Differenz von 1 - 2 Jahren. Dies sollte Anlaß sein über die Effektivität des Nachwuchstrainings vor allem der Mädchen noch einmal nachzudenken. In Schulklassen ist der Unterschied in der biologischen Reife z.T. drastisch und man hat den Eindruck, dass im letzten Jahrzehnt die Pubertät immer früher kommt. Dies wird noch dadurch unterstrichen, dass immer öfter „Kinder Kinder kriegen“. Hat der Sport aber darauf auch schon entsprechend reagiert. Hat er darauf reagiert, dass das Sportinteresse, das bis dahin bei noch vielen vorrangig war, durch Konkurrenz und andere Lebensinteressen sprunghaft nachlässt. Und wenn das nun schon junge „Fräulein“ sportlich nicht im Mittelpunkt oder besser an der Spitze steht, wenn nicht durch Freundinnen gebunden (die sportlich gar nicht immer so gut sein müssen, aber mit zum Training kommen) sind sie weg, ganz schnell. In der Leichtathletik verpasst man oft den Blick über den Zaun, übersieht die Leistungsfähigkeit und Bewegungsvielfalt junger Turnerinnen, die Leistungsqualität junger Schwimmerinnen oder die bereits technische Perfektion junger Sportgymnastinnen. Man sieht es: von nix kommt nix. Und wir lassen oft noch ungelenk über Bananenkisten hüpfen und wundern uns wie technisch schlecht unsere jungen Läufer/Innen um die Bahn laufen. Wir denken sicher auch zu wenig darüber nach wie bei einer zum Teil starken Größen- und Gewichtszunahme im Zusammenhang mit der Pubertät, die auch zu einem ungünstigeren Last-Kraftverhältnis führen kann und zur zeitweiligen Stagnation in der Leistungsentwicklung führt, zu reagieren, was zu tun ist. Über „Größe“ freut sich jeder Lauftrainer, aber über das Gewicht.

„Die Pubertät und dies gilt in besonderem Maße für die erste puberale Phase (beginnt bei Mädchen etwa mit 11 Jahren) ist das Alter der höchsten Trainierbarkeit der konditionellen Eigenschaften. Fehler in dieser Phase (zu hart, zu einseitig) stehen an der Spitze der Ursachen, warum ein nicht unbeträchtlicher Teil der Jugendlichen gerade in einer Zeit, in der sportliche Entwicklungsreize von besonderer Wichtigkeit wären, die sportliche Betätigung einstellen“ ( WEINECK 1986 – S. 58)

Sinnvoll wäre im Laufen und Gehen frühzeitig gemischte Gruppen von leistungsmäßig zusammenpassenden Jungen und Mädchen zusammenzustellen und früher mit ihnen so zu trainieren, dass sie Spaß am Erfolg haben und über die schwierige Zeit in der ersten Etappe des Jugend - Aufbautrainings (schwerpunktmäßig in den AK 12 - 15) besser hinwegkommen. Es bedarf eines entsprechenden pädagogischen Einfühlungsvermögens, einem wenn nötig auch schon individuell dosiertem Training und einer Erziehung zu den Prinzipien des Leistungssports, um die Motivation von Talenten zum sportlichem Training aufrechtzuerhalten. Es ist auch für die jungen Sportler nicht immer leicht, in solchen sensiblen Phasen Konfliktsituation mit Bravour zu meistern.
Es ist u. a. Verantwortung der Trainer z.B. ihre jungen männlichen Athleten nicht zu früh ohne ausreichende Flachvoraussetzungen zum 3000 m – Hindernis – „Dauerlauf“ in den Wettkampf zu schicken, nur um einen z. Zt. leicht zu erreichenden vorderen Platz in der Bestenliste oder den DM zu sichern.

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„Im Jugend-Aufbautraining erlauben eine ähnlich hohe psycho-physische Belastbarkeit, gepaart mit der hohen Plastizität des Zentralnervensystems die Absolvierung eines bereits umfangreichen und intensiven Trainings. Die Adoleszenz sollte für die Perfektionierung der sportartspezifischen Technik und den Erwerb der sportartspezifischen Kondition ausgenutzt werden.“