Die 800 m im weiblichen Nachwuchsbereich

Über die ganz besonderen Anforderungen an der Schnittstelle vom Langsprint zur Mittelstrecke

2008-09-02-800m-athletenvergleichbarkeit02. September 2008 (© Kurt Ring) – Corinna Harrer hatte gerade ihren ersten internationalen Einsatz beim Nachwuchsländerkampf in Polen beendet, als sie 400 m Betreuer Olaf Klein nach ihren Zielen für’s nächste Jahr speziell über die 800 m befragte. „Eigentlich möchte ich eine 2:05er Zeit laufen“, gab die U18-Läuferin bereitwillig Auskunft, um sich dann auch gleich den Expertenkommentar dazu einzufangen. „Da musst du aber über 400 m deutlich schneller werden, eine 53,8 sollte es schon sein“, legte der Experte die Prognose gleich einmal fachkundig fest. Ohne irgendwelche Hintergrundinformationen zum geplanten und realisierten Aufbau und zu den Anlagen der 2008 vielseitigsten deutschen Nachwuchs-Mittelstrecklerin, mit einer gewünscht sehr breiten Leistungsamplitude muss man diese Intervention als nicht gerade geglückt ansehen. Wir möchten uns deshalb im Folgenden bemühen, grundsätzliche Zielsetzungen für die junge Athletin zu erhellen.

Der Blick in die Bestenlisten

Ein Blick in die Bestenlisten ergibt zunächst einmal ein wenig Konfusion. In der in diesem Fall relevanten Liste der B-Jugendlichen finden wir die unterschiedlichsten 400/800 m Zeitkombinationen, natürlich auch noch davon abhängig, welche Aussagegenauigkeit gerade jene individuellen 400 m oder 800 m Zeiten über die entsprechenden Maximalwerte der jeweiligen Läuferin auf der einen oder anderen Strecke haben. Eins lässt sich aber bei längerer Betrachtung feststellen: Man kann die Läuferinnen in zwei Gruppen einteilen. Die mit der vergleichsweise „besseren“ 400 m Zeit sind wohl den schnellkräftigen Spezies zuzuordnen, mit erheblicher Grundschnelligkeit ausgestattet und mit noch geringeren Ausdauerwerten. Die andere Gruppierung lebt indessen wohl mehr von ihren natürlichen Ausdauerfähigkeiten. Dazwischen gibt es sicher auch eine „Mischvariante“ zu der man vielleicht Corinna Harrer zählen könnte. Eine Anne Kesselring, derzeitige deutsche Jugendmeisterin und U20-WM-Teilnehmerin, gehört mit ihren 56,54 und 2:04,96 eher zur Ausdauer - Gruppe, eine Fabienne Kohlmann, U20-Europameisterin über die 400 m Hürden, mit ihren 53,68 und den 2:05,32 eher zu den Schnellkraftveranlagten. Beide untermauern das noch durch die entsprechenden Nebenstrecken. Kohlmann taucht über 100 m (12,24) und 200 m (24,61) im Ranking auf und Kesselring hat sich in diesem Jahr mit einer feinen 4:22,65 über 1500 m geoutet. Die Ermüdungskoeffizienten sind also bei beiden Athletinnen unterschiedlich. Auf den ersten Blick etwas verwirrend in diesem Zusammenhang das Leistungsspektrum von Corinna Harrer, der 400 m U18-Meisterin der vergangenen zwei Jahre. Sowohl auf der Unterdistanz mit 25,14 (bei Gegenwind) und 55,18 (als deutsche B-Jugendmeisterin), als auch auf der Überdistanz mit 4:28,08 (als U18-DLV-Beste) bzw. 10:05 und einer 800 m Leistung von 2:06,95 konnte sie auf allen Strecken überzeugen.

800 m, eine Mischung aus Schnelligkeit, Ausdauer und Tempohärte

Schnelle 800 m Zeiten sind immer eine Summe aus Schnelligkeit, Schnellkraft, Ausdauer und Tempohärte. In der sportwissenschaftlichen Betrachtung geht man davon aus, dass sich der Lauf über zwei Runden aus zirka 30 Prozent aeroben und zirka 70 Prozent anaeroben Anteilen für Energiebereitstellung zusammensetzt.

Energiebereitstellungsgraph

Olaf Klein hat schon Recht, wenn er beim 800 m Lauf der dem anaeroben Bereich zuordenbaren Schnelligkeit bzw. Schnelligkeitsausdauer, aus der sich der 400 m Lauf vor allem zusammensetzt, große Bedeutung zumisst. Nicht zu unterschätzen sind die Anteile der Laktatverträglichkeit, vor allem gegen Ende der Strecke, was aber gerade bei Jugendlichen noch nicht so ausgeprägt vorhanden bzw. trainiert werden sollte, weil jenes Training dieser Fähigkeit zunächst einmal hohe Grundlagen erfordert und eben dann auch hoch substanzraubend ist. Aus diesem Grund ist auch verständlich, wenn die zweite Runde von Jugendlichen meist weit langsamer ausfällt als die erste. Selbst die Olympiasiegerin Pamela Jelimo, dies im zarten Alter von 18 Jahren geworden, weist dieses Phänomen mit einer satten Differenz von über neun Sekunden zwischen Runde eins (55,13) und Endzeit (1:54,87) auf. Im Allgemeinen siedelt man eine Optimalzeit von austrainierten Läuferinnen bei einer Verteilung von 1. Runde plus 2. Runde in einem gleichmäßigem Rennverlauf bei +2-3 Sekunden an. Nur mit 30 Prozent beteiligt spielt die aerobe Komponente bei der kürzesten Mittelstrecke wohl eine höhere Rolle als bisher angenommen, nicht nur deshalb, weil sie zunächst einmal eine Einflussgröße für die wichtigen Trainingsbereiche Schnelligkeitsausdauer, Stehvermögen und Kraftausdauer ist, aber auch als konditionelle Grundlage für die Gesamtbelastung hilft. Was früher gut konditionierte Talente von Haus aus durch Spiel und Schulsport mitbrachten, muss jetzt erst in der Leichtathletik konditioniert werden. Geringe Belastungen bei hoher Wiederholungszahl und kurzen Pausen war früher im Schulsport beim normalen Kreistraining keineswegs eine Zauberformel. Im Zeitalter der Schnelligkeits- bzw. Technikausbildung wird das gerade bei Jugendlichen oft vergessen. Man meint, für die Ausdauer hat man später noch genügend Zeit, ohne zu berücksichtigen, dass gerade die Ausprägung dieser Grundeigenschaft im Endeffekt die größte Zeitspanne des Gesamttrainings bis hin zum Höchstleistungsalter braucht.

Die Schwelle ein leistungsbestimmendes Fixum zur Ausdauerentwicklung

Dass dies so ist, haben inzwischen die deutschen Langsprintkader (hier wird inzwischen fleißig die Leistungsdiagnostik bemüht) erkannt und leider auch die (unehrliche) Weltspitze bewiesen. Immer wieder werden auch schnellkräftige Topathletinnen beim Dopen mit EPO erwischt, einem Stoff der eindeutig über die Anhebung der Sauerstoffträger im Blut nicht nur die schnellere Regeneration sondern eben auch erheblich die vL3 als Parameter der Ausdauerfähigkeit verbessert. Man spricht von mindestens 10 Prozent, das sind über 5000 m ganz schnell mal dann 40-50 Sekunden auf die vorher bestehende Bestzeit.
Es lohnt sich also, jene vL3 für die Ausdauertypen bzw. vL4 für die „Schnellen“ (anaeob-aerober Übergang bei 3 bzw. 4 mmol Laktat/l Blut) auch schon bei den ganz jungen Läuferinnen mitzuschulen und dann auch über die Leistungsdiagnostik ständig mindestens zweimal im Jahr (VP1 Dezember und VP1 März) zu messen. Nicht selten sind die Leistungseinbrüche adoleszenter Mittelstrecklerinnen im Alter von 17 bis zirka 21 Jahren) im Rückgang der vL3 zu suchen. Unsere Erfahrungswerte zeigen, dass jene Ausdauerplateaus, in nicht seltenen Fällen sogar rückläufigem Ausdauervermögen entwicklungsbedingt auf dem Weg vom Mädchen zur jungen Frau begründet sind und oft große Geduld bei der Weiterentwicklung der Athletin erfordern.
Genetisch festgelegt ist auch die Anzahl von schnellen und langsamen Muskelfasern, deren Verteilung selbst durch spezielles Training nur gering verändert werden kann. Der deutsche Mathematiklehrer und Freizeitleistungssportler Christian Weder hat diese Zusammensetzung von SCHNELL (=schnelle Muskelfasern) und AUSDAUERND (langsame Muskelfasern) in einen mathematischen Zusammenhang gebracht und dies als individuellen Ermüdungskoeffizienten, bezeichnet. Dies konnte er mit x-Beispielen aus der Weltklasse beweisen und auch unsere Berechnungen von vielen Jahren an eigenen Athletinnen geben dieser These Recht.

Ermuedungsgeradengrafik

Lothar Pöhlitz, renommierter Sportwissenschaftler und langjähriger Bundestrainer im Bereich Lauf, geht von einer vL3 für „die Ausdauertypen“ von um 4,50 m/sec für eine 2:00 auf 800 m aus. Das ist, man höre und staune, ein 10.000 m Vermögen um die 34-34:30 über 10.000 m. Setzt man nun die vorhandene Schnelligkeit bei Olympiasiegerin Pamela Jelimo mit einer 52,5 im Vorfeld von Olympia gelaufen in Verbindung mit einem sehr hohen Ausdauervermögen (vL3 bei mehr als 4,6 m/sec) sind Zeiten um die 1:55 durchaus möglich. Die genetischen Voraussetzungen dafür jedenfalls scheinen Hochland-Afrikanerinnen auch schon in jungen Jahren zu haben. Man scheut sich dort auch nicht, diese speziellen Ausdauerveranlagungen frühzeitig zu trainieren. Wie sonst wären 5000 m Zeiten von U20-Läuferinnen um die 14:30 möglich? Basierend auf der Annahme, dass auch bei den Äthiopierinnen alles sauber zugeht, kann man einer Tirunesh Dibaba auf den 800 m und 1500 m „Abfallprodukte“ von um die zwei Minuten und um die 3:56 zutrauen. Dabei sollte der Grundwert über 400 m kaum höher als 56,5 liegen, einer eher bescheidenen 400 m Zeit. Wir halten es demnach auch für durchaus möglich mit relativ langsamen 400 m Zeiten sehr schnelle 800 m Zeiten zu erzielen, wobei die Erfolgsaussichten jener „langsamen Typen“ im Spurtvermögen auf Grund der geringeren Laktatverträglichkeit gegenüber adäquat gleichstarken, aber eben grundschnelleren Läuferinnen geringer sein müsste. So ist auch durchaus jene Flucht nach vorn der jetzigen Olympiasiegerin Pamela Jelimo zu verstehen, die im langsameren Angang im harten 100 m Spurt wohl auch Probleme bekommen könnte.

Wie sieht nun eine weitgehendst perfekte 800 m Läuferin aus?

2008-09-02-800m-athletenvergleichbarkeitGesucht ist die komplexe Läuferin, die über genügend Ausdauer verfügt, um das Grundtempo möglichst hoch zu halten, aber auch über genügend schnelle Muskelfasern, um das im Endspurt bis über 20 mmol ansteigende Laktat noch abpuffern zu können. Wie sagte Lothar Pöhlitz in einem seiner Beiträge auf www.la-coaching-academy.de: „Der Entwicklung der Ausdauer ist neben jener der Schnelligkeit auch in jungen Jahren schon große Bedeutung beizumessen“. Dies ist bei Corinna Harrer auch der Grund gewesen, eine so große Spannweite an hochwertigen Ergebnissen von 200 m bis zur 5 km langen Crossstrecke anzustreben. Ihre Jahreswanderung von der deutschen B-Jugendvizemeisterin im Crosslauf (3,8 km, gut und gerne mit einem 5000 m Lauf vergleichbar), über eine 10:05 über 3000 m Anfang Mai, einer 25,14 (Mitte Juni), einer 2:06,95 Anfang Juli, einer 55,18 (Ende Juli) bis zur 4:28,08 über 1500 m wurde vor allem durch jenes komplexe Training erreicht, wohl wissend für deren Trainergespann, dass das Jungtalent durch jene schweren Jahre des Erwachsenwerdens mit seinen ganzen Querschlägen erst noch durch muss und Vorschlusslorbeeren nicht angebracht sind.

Was ist unter komplexem Training zu verstehen?

Diesen Bereich auch nur ein wenig zu erhellen, hieße, den Rahmen dieses Beitrages zu sprengen. Eins kann jedoch festgehalten werden. Das Regensburger Trainingssystem hat Schluss gemacht mit der gängigen Einstellung, Ausdauer bei schnellen Läuferinnen über langsame Dauerläufe, Ni-Serien ohne genaue Pausenzuweisung (nach dem Motto „trab einfach mal locker zurück“) zu fördern. Gemäß dem Grundsatz „Ausdauer lässt sich nur durch ein Training im hohen aeroben Bereich (also im Schwellenbereich und zwischen 3-6 mmol/l) entwickeln“, werden die Nachwuchsbereich die Athletinnen sehr schnell, anfangs noch durch relativ kurze, aber intensive Dauerläufe zur gezielten Entwicklung der vL3 erzogen. Selbstverständlich hat sich damit auch die Anzahl der Trainingseinheiten pro Woche erhöht, um überhaupt komplex, also alle Bereiche erfassend, trainieren zu können, was aber noch lange nicht heißt, dass jede Einheit nicht ewig lange dauern muss. Ganzjährig Schnelligkeit und ganzjährig Ausdauer ist ein klarer Grundsatz im Trainingskonzept, wobei im Sommer mit Inhalten für die Schnelligkeitsausdauer anfangs noch sehr zurückhaltend umgegangen wurde, mit jenen der Laktrattoleranzerbesserung noch zurückhaltender.

Schlussbemerkung

Es wäre wünschenswert, wenn mehr grundschnelle Talente und ihr Systeme nicht „den Spatz in der Hand“ über ein hochspezialisiertes Langsprinttraining als zukünftige nationale Nachwuchsgröße suchen, sondern eher nach der „Taube auf dem Dach“ streben. Ist einmal eine Athletin mit „Spezialtraining“ auf einer ganz bestimmten Strecke geprägt, oder im Spezialsystem gebunden, fällt der Umstieg auf die Mittelstrecke oder nächstlängere Strecke umso schwerer. In vielen Fällen gelingt das überhaupt nicht.

© Kurt Ring