Schwerpunkte der sportlichen Ausbildung im Jugend – Aufbautraining (Teil 2)

Ziele und Aufgaben in der ersten und zweiten Phase

2008-08-24-schwerpunkt-der-sportlichen-ausbildung-224. August 2008 (© Lothar Pöhlitz) - Nur wenn die Trainingsreize und die Trainingswirkung auf die individuell– aktuelle Leistungsfähigkeit treffen und auch dem Leistungsziel auf der jeweiligen Strecke entsprechen, ist die geplante, gewünschte Leistung auch möglich. Zur Steigerung aller funktionellen Möglichkeiten des Organismus müssen auch Belastungen mit hoher Intensität (z.B. zur Schnelligkeitsausdauerentwicklung) eingesetzt werden. Auch im Nachwuchstraining dürfen bestimmte Intensitätsbereiche nicht über Monate ausgeklammert werden.

  • Eignungserkennung und frühe Ausrichtung auf einen Disziplinbereich
  • Weiterentwicklung und Stabilisierung aller Grundvoraussetzungen aus dem Grundlagentraining, weitere Erhöhung der Belastungsverträglichkeit / Belastbarkeit auch im Sinne der speziellen Anforderungen der Disziplinen, gezielt an Schwachstellen wie z.B. der Füße, des Zentrums etc.
  • Entwicklung der speziellen Leistungsvoraussetzungen des Disziplinbereichs
  • Erfolgreiche Teilnahme an Wettkämpfen (einschließlich Unter- und Überdistanz), Sammlung von Wettkampferfahrung,
  • Schrittweise Erarbeitung psychischer Voraussetzungen, die aktuell und später mit zunehmenden Anforderungen für eine möglichst erfolgreiche Karriere im Hochleistungsalter(Training und Wettkampf) gebraucht werden
  • Technik- und Taktikausbildung
  • Vermittlung von Anforderungen an eine leistungssportgerechte Lebensweise, physio- und infektprophylaktischer Maßnahmen und einer belastungsabhängigen Ernährung

Aufgaben in der ersten Phase des Jugend-Aufbautrainings (~ 2 Jahre)

Auf der Grundlage einer guten Gesundheit ist die Entwicklung einer hohen Belastungsverträglichkeit / Belastbarkeit, die Grundlage für eine positive Perspektive im Hochleistungssport, d.h.

  • Ganzkörperkonditionierung / Muskelkorsett - schnellkraftorientiert
  • harmonisch ausgebildete Muskulatur, besonders des Stütz- und Bewegungs- apparates, des „Zentrums“,
    spezielle Ausbildung der Fuß- und Beinmuskulatur, Fußgelenkskräftigung,
  • Grundlagenausdauer / Entwicklung der Organsysteme
  • Schnelligkeit / Schnellkraft

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Im Zusammenhang mit der biologischen Reifung, mit körperlichen Veränderungen, können Phasen einer beschleunigten oder auch verlangsamten Leistungsentwicklung mit Phasen zeitweiliger Stagnation abwechseln. Deshalb sind realisiertes Training und Leistungsfortschritt in diesem Altersbereich nicht in direkter Abhängigkeit. Eine Plateaubildung, von der es später wieder weiter nach oben geht, ist erfahrungsgemäß durch verstärkte Motivation durch den Trainer und vergrößerte Trainingswirkungen durch Schwerpunktbildungen in solchen für den Athleten schwierigen Zeiträumen möglich.

  1. Weiterentwicklung der nichtspeziellen konditionellen und koordinativen Fähigkeiten, der Beweglichkeit und Dehnfähigkeit
  2. Entwicklung der wesentlichen konditionellen Voraussetzungen entsprechend den Anforderungen des Disziplinbereichs (altersgerecht, geschlechtsspezifisch, Trainingsalter und biologisches Alter beachten)
  3. Ausbildung / Weiterentwicklung einer optimalen Lauftechnik, der Technik aller eingesetzten Trainingsübungen und der notwendigen Techniken in Sportarten die im Rahmen der sportlichen Ausbildung eine Rolle spielen sollen, wie z.B. Skilanglauf, Skiroller, Schwimmen, Radfahren oder Ausdauerspiele.
  4. Entwicklung allgemeiner und disziplinspezifischer Willensqualitäten. Im Dauerlauftraining werden andere Willensqualitäten (Willensspannkraft) als im Tempolauftraining (vor allem Willensstoßkraft) benötigt.
    Besondere psychische Aufgabenrealisierung in Wettkämpfen, Erziehung sowohl zur offensiven Renngestaltung mit dem Ziel persönlicher Bestleistungen, als auch zu Siegläufern, Lösung bestimmter taktischer Aufgaben, Aufbau des Selbstvertrauens und der Selbständigkeit. Schaffung von Bewährungssituationen.
  5. Vielseitige Teilnahme an Wettkämpfen, vor allem im Disziplinbereich, entsprechend der Ausbildungsinhalte innerhalb des Jahresbelastungsaufbaus (Unter- und Überdistanz / Taktikausbildung), im Sprint und Hürden- bzw. Hindernislauf bzw. Gehen. Sammlung von Wettkampferfahrung. Doppelperiodisierung.

 

Ausbildungspyramide

Abb. Ausbildungspyramide

Aufgaben in der zweiten Phase des Jugend-Aufbautrainings (~ 2 - 3 Jahre)

In diesem Ausbildungsabschnitt wird die Belastung weiter systematisch erhöht und zunehmend spezieller ausgerichtet.

Es ist erforderlich, Phasen erhöhter spezieller Belastungen erhöhte Anforderungen im Athletik-Training vorzuschalten. Einer verstärkten speziellen Arbeit, einer Steigerung der Intensität / Qualität des Trainings muss stets ein verstärkter Ausbau der grundlegenden physischen Fähigkeiten, der Kondition und auch einer vielseitigen Belastbarkeit für die aufzubauenden speziellen Fähigkeiten vorausgehen. Ein erhöhtes Kraftniveau erfordert eine „Neujustierung“ der Bewegungstechnik. Läufern und Gehern muss in dieser Phase vermittelt werden, dass Trainingsumfangserhöhung die Voraussetzung für Leistungsfortschritt ist.

In dieser Etappe der Ausbildung sind folgende Aufgaben zu lösen:

  1. Die wichtigste Voraussetzung für ein leistungsorientiertes Training und den damit verbundenen steigenden Trainings- und Wettkampfanforderungen ist jetzt eine optimale Planung des Tages-/ Wochen-/ Jahresablaufs, ein Organisationsplan, der die für die Ausbildung von Eliten erforderliche Zeit zum Üben auch ermöglicht.

  2. Trainingseinheiten und der Trainingsumfang (in Stunden und Kilometern) sind in dieser Phase vor allem für Talente spürbar zu erhöhen. Die Notwendigkeit dafür muss ihnen rechtzeitig erläutert werden.

  3. Eine gute sportmedizinische Begleitung muss, auf die Gesundheit ausgerichtet, Trainings- bzw. Wettkampfausfälle durch Krankheiten und Verletzungen möglichst verhindern. Dazu gehören eine vorausgehende Aufklärung, regelmäßige Gesundheitskontrollen, eine sportgerechte Ernährung, Physiotherapie, unterstützende Maßnahmen für die Regeneration und eine trainingsbegleitende Leistungsdiagnostik.

  4. Die Sportler sollen in dieser Phase vertieft mit trainingsmethodischen, biochemischen und sportmedizinischen Zusammenhängen konfrontiert werden. Ihnen muss „ihr eigener Anteil / Beitrag am gewünschten Leistungsfortschritt“ verdeutlicht werden. Diese Aufgaben stellen an die Trainer außerordentlich hohe Anforderungen, aber es besteht ja auch die Möglichkeit sich Hilfe zu holen!

  5. In den Trainingsabschnitten zu Beginn der jeweiligen Vorbereitungsperioden (VP I) und zu Beginn der VP II sind die Kondition und eine hohe physische Belastbarkeit für das spezielle Training systematisch zu vervollkommnen, einschließlich speziell-vorbereitender Übungen und der Aufarbeitung von Schwachstellen

  6. Zur Entwicklung auch der speziellen Leistungsfähigkeit im Disziplinbereich müssen jetzt Trainingsformen eingesetzt werden, die die speziellen Fähigkeiten auch ausbilden. Dazu gehören auch erste Erfahrungen im Höhentraining (z.B. in Höhen um 1000 m)

Im Komplex ergeben sich folgende Aufgaben:

  • die Schnelligkeitsentwicklung
  • die Schnellkraftentwicklung
  • der Ausbau der speziellen Kraft
  • die technisch – koordinative Schulung und die Ausprägung der Beweglichkeit
  • die Entwicklung der aeroben Leistungsfähigkeit und VO2max
  • die schwerpunktmäßige Entwicklung der Schnelligkeitsausdauer und der speziellen Ausdauerfähigkeiten
  • einer zunehmenden psycho-physischen Belastbarkeit

Die psychischen Anforderungen werden zielgerichtet erhöht und sind sowohl auf das Training als auch auf die Wettkampfanforderungen und ihre Bewältigung auszurichten (Selbstvertrauen, Selbständigkeit, Willensstoß- und Willensspannkraft, Risikobereitschaft  z.B. Frontläufer u.a.). Motivation und Spaß an der Leistung und dem Leistungsvergleich und deren Herausbildung sind in dieser Ausbildungsetappe für den Verlauf der Leistungssportkarriere grundlegend.

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Die bei Mädchen früher abschließende körperliche Entwicklung muss sich auch entsprechend im Training widerspiegeln, d.h. Mädchen sind im Aufbautraining schneller / früher an höhere Belastungen heranzuführen und es können auch frühzeitiger höhere Anteile an speziellen Trainingsbelastungen als bei Jungen eingesetzt werden.

Es soll auch darauf hingewiesen werden, dass rationelle Überlegungen (Aufwand-Nutzen-Denken) im Zusammenhang mit der Leistungsfähigkeit im Wettkampf bei Mädchen früher (etwa mit 16 / 17 Jahren) zur Aufgabe des Leistungstrainings führen können als bei Jungen, wenn die erwarteten Leistungsfortschritte nicht eintreten. Es muss Spaß machen, aber „es muss sich auch lohnen, wenn ich schon diese Anstrengungen auf mich nehme“, ist der meisten Devise! Der Trainer muss deshalb vor allem einen jährlichen Leistungsfortschritt „organisieren“, gelingt er nicht auf der Spezialstrecke müssen andere Kriterien (z.B. Tests / Unterdistanz, Nebenstrecken) zur Verfügung stehen, die den Leistungsfortschritt überzeugend nachweisen!

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Vor allem für Mädchen gilt: wer Erfolg hat bleibt!

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Eine besondere Aufgabe leitet sich für diesen Altersbereich der Mädchen auch aus den anlagebedingten Kraftdefiziten für die Ausbildung der Kraftfähigkeiten ab.

Biologisches Alter und Quereinsteiger

Individuelle Unterschiede müssen auch bei der Belastung von Früh- und Spätentwicklern (im Zweifel biologisches Alter feststellen lassen) berücksichtigt werden. Die körperliche Entwicklung hochgewachsener Jugendlicher täuscht oft über den noch zurückgebliebenen Stand der Entwicklung der inneren Organe hinweg. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung für die Trainer, weil parallel zum wachsenden kalendarischen und biologischen Alter auch die Trainingsbelastung kontinuierlich gesteigert werden muss, ohne die erforderlichen Regenerationsphasen (Urlaub) zu vergessen.
Die positiven Erfahrungen mit sogenannten „Quereinsteigern“ aus anderen Sportarten (Skilanglauf, Eisschnelllauf, Spielsportarten, Schwimmen, u.a.), die das Leichtathletiktraining erst in der Aufbautrainingsphase aufgenommen haben, dürfen nicht dazu führen, dass Grundvoraussetzungen für die neue Spezialdisziplin die bisher nicht ausgebildet wurden, vergessen werden.

Deshalb ist in solchen Fällen ein möglichst zweijähriges, auf der Grundlage einer umfassenden Analyse / Gesundheitsscheck aufgebautes Grundlagentraining mit „Nachholcharakter“ (zur Schwachstellenbeseitigung) nebenbei unbedingt durchzuführen. Besonders solche Läufer mussten in der Vergangenheit Versäumnisse in dieser Hinsicht im Hochleistungsbereich mit Verletzungen und sich wiederholenden Trainingsausfällen bitter bezahlen.


Aufgaben im Jugend – Aufbautraining Lauf / Gehen
„Talent – Begabtenbereich“
Zusammenfassung

Anforderungen

  • Zielgerichtete Talentauswahl
  • umfassende konditionelle Grundlagen
  • koordinative Fähigkeiten
    technische Fertigkeiten, Lauf- /Gehtechnik,
    Technik aller Trainingsübungen
  • mentale Fähigkeiten
  • Taktikausbildung in Theorie und Praxis
  • altersgemäße, individuelle Leistungsausprägung
Schwerpunkte

aerobe + anaerobe Ausdauer - Schnelligkeit – Schnell-Kraft /
Athletik - Beweglichkeit - Koordination
Grundlagentraining
Vielseitig - zielgerichtete Vorbereitung auf spätere sportliche Höchstleistungen, Basistraining

  • Talentauswahl , Scouting, Eignungsbestimmung
  • Individuelle Entwicklungspotenzen, Ziele
  • Trainierbarkeit feststellen (Muskelfaserstruktur)
  • Physische + Psychische Belastbarkeit entwickeln
  • Kraftentwicklung des „Zentrums“ (Bauch-Rücken-Hüft- - und Beckenmuskulatur) und der Füsse
  • Technik- Koordinations- u. Beweglichkeitsausbildung - möglichst vieler, aller Trainingsübungen
  • Zeitorganisationsplan gemeinsam erarbeiten, Familiäres Umfeld, Schule / Beruf, Hobbys Verein, Trainingsgruppe
  • Erziehung zur Selbständigkeit und des Selbstbewusstseins
Aufbautraining
Zielgerichtete Entwicklung der spezifischen Leistungsfähigkeit des Läufers / Gehers

   Ausbau von Stärken + minimieren von Schwächen
   Systematischer Umfangsaufbau
   Voraussetzungstraining für das Erwachsenenalter
   breite Leistungsamplitude
   Technikpräzisierung, Handlungsgenauigkeit
   ausreichend steigende Gesamtbelastung
   geschwindigkeitsorientierte Belastungsgestaltung
   Leistungsdiagnostik-Trainingssteuerung - Testsystem
   Trainingsprotokollierung, Trainingsanalyse
   Wettkampferfahrung
   Zuordnung Mittelstrecke oder Langstrecke
   Erste Erfahrungen mit Höhentraining

  • Schnelligkeit / Schnellkraft bzw. Kraftausdauer » Laufmuskulatur, besonders Fußkräftigung, Kniehub, „Zentrum“ » Schrittlänge
  • Unterdistanzleistungsfähigkeit, Schnelligkeitsausdauer
  • Submaximale und maximale aerobe Ausdauer (aerobe Schwelle + VO2max + Fettstoffwechsel)
  • systematischer Aufbau der disziplinspezifischen Ausdauer (SA + wsA)
  • Weiterentwicklung der konditionellen Basis, schrittweise Einbeziehung spezieller Kraftbelastungen
  • Lauf- und Hürden- / Hindernis-Technik
  • Spezielle Willensqualitäten ausbauen
    • im qualitativen Dauerlauf + im Tempolauftraining
    • für den Wettkampf
Wettkämpfe

  • in Verbindung mit Aufgabenstellungen + Analysen
  • Aufbauwettkämpfe
  • wichtige und weniger wichtige Wettkämpfe
  • Erziehung zur offensiven, aktiven Renngestaltung
  • Spurttraining (kurz + lang)
  • Konzentrierte Wettkampfphasen
  • psycho-physische Vorbereitung auf Wettkampfhöhepunkte mit dem Ziel persönlicher Bestleistungen (Leistungsausprägung)