Schwerpunkte der sportlichen Ausbildung im Jugend – Aufbautraining (Teil 1)

Komplexe Ausbildung von Talenten erfordert vielfältige Inhalte

2008-08-20-schwerpunkt-der-sportlichen-ausbildung-120. August 2008 (© Lothar Pöhlitz) - Nach einem 3 – 4 jährigen Grundlagentraining wird in der Etappe des Jugend-Aufbautrainings planmäßig das Hauptziel des Nachwuchstrainings weiterverfolgt, sportliche Höchstleistungen im Erwachsenenalter vorzubereiten. Am Ende dieser Ausbildungsetappe sollen Leistungen und Belastungen stehen, Voraussetzungen geschaffen sein, die einen problemlosen Übergang zunächst in den nationalen Spitzenbereich (Anschlusstraining) ermöglichen, zugleich aber durch eine weitere systematische Belastungssteigerung in den folgenden Jahren zum internationalen Spitzenniveau (Hochleistungstraining), oder, bei weniger talentierten Athleten, zur persönlichen Höchstleistung führen können. Das Ausbildungssystem muss auch darauf ausgerichtet sein, dass Hochbegabte sich ihren Möglichkeiten entsprechend entfalten und verwirklichen können. Solche Talente sind erst dann Ausnahmepersönlichkeiten, wenn sie es geschafft haben, mit Hartnäckigkeit, Energie, Disziplin und Intelligenz die ihnen möglichen Spitzenleistungen zu erarbeiten und sie in wichtigen Wettkämpfen zu zeigen.

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Zum Erreichen sportlicher Höchstleistungen ist ein hohes Niveau sportlicher Begabung Voraussetzung.

Das Aufbautraining ist mit seinen zwei Etappen auf die Vorbereitung von Läufern und Gehern auf die Anforderungen des Hochleistungstrainings auszurichten. Unter diesem Aspekt sind vor allem „Begabte“, die längerfristig für einen solchen Weg geeignet erscheinen, in diesen Prozeß und seine Systematik einzubeziehen.

Für die jungen Mittel-, Langstreckler, Hindernisläufer und Geher bedeutet das vor allem, langfristig die leistungsbestimmenden Faktoren so systematisch auszubilden, dass im Höchstleistungsalter (individuell unterschiedlich ab 20 - 22 Jahre) die Ausschöpfung der persönlichen Möglichkeiten im Sinne maximaler Leistungen auf einer „Spezialstrecke“ gelingt.
Während in der Etappe der Grundlagenvermittlung das Training eine umfassende vielseitige Ausbildung zum „Läufer bzw. Geher“ zum Ziel hat und eine spezielle Eignung erkannt werden soll, soll im Jugend-Aufbautraining bei einer zunehmenden Spezialisierung durch eine noch vielseitige, aber bereits zielgerichtet spezielle Ausbildung der / die Mittelstreckler/in oder Langstreckler/in oder Geher gefunden werden.
Erst in der zweiten Phase dieses 3 – 5 jährigen Ausbildungsabschnittes soll die Entscheidung zugunsten der Mittelstrecke oder Langstrecke fallen. Dies schließt aber einen späteren Wechsel z.B. von der Mittelstrecke zur Langstrecke keineswegs aus.
Gleichzeitig verfolgt die allgemeine Ausbildung weiterhin das Ziel möglichst umfassende, vielseitige, aber auch spezielle Voraussetzungen (z.B. Fuß- und Fußgelenkskraft, optimale Ausbildung des „Zentrums“) für die notwendige Trainingsbelastung während der folgenden Jahre zu schaffen. Dies soll auf der Grundlage vielseitiger Trainingsformen aus der Leichtathletik, aus anderen, geeigneten Sportarten und vielen allgemeinen Übungen zur Entwicklung der Kondition und Kraft erfolgen.

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Die Schrittlänge zu vergrößern und gleichzeitig den Energieverbrauch zu minimieren erfordert Kraft und Dynamik in den Bewegungen. Je besser die Qualität der Schritte und je besser deren automatisierter Ablauf umso höher ist die Laufökonomie. Die angestrebte spezielle Ausbildung setzt Trainingsformen und Intensitäten voraus, die den speziellen Anforderungen und Leistungszielen der Lauf- bzw. Gehdisziplinen auch gerecht werden. In diesem Rahmen muss Kraft aus schlanken Muskeln sowohl für den Antrieb, als auch für die Stabilität des Gesamtsystems entwickelt werden. Dies schließt die Nutzung von Beweglichkeitsreserven, von Gleichgewichtsfähigkeit und einer optimalen Nerv-Muskelarbeit (Propriorezeptoren) im gesamten System der „Muskelstreckschlinge für Läufer oder Geher“ ein.

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Abb. Leistungsstruktur Mittel-/Langstreckenlauf und Gehen
© Lothar Pöhlitz – Leichtathletik 45 / 1986

Aus der Abb. Leistungsstruktur sind die komplexen Voraussetzungen für Spitzenleistungen im Mittel-, Langstreckenlauf und Gehen ersichtlich, die sämtlich als Voraussetzung für sportliche Höchstleitungen, in den notwendigen Proportionen, in die Ausbildung einbezogen werden müssen und zum Zeitpunkt der Leistungserwartung möglichst optimal ausgebildet, abgerufen werden können. Dies gilt auch in entsprechenden Proportionen für die Nachwuchssportler. Dabei können Stärken bzw. Schwächen in einem Bereich durch Stärken in anderen Bereichen ausgeglichen werden.

Stärken „verstärken“ und Schwächen minimieren

Talente sind unterschiedlich in der Muskelstruktur ausgestattet. Die mit einem hohen Anteil von „langsamen ST-Fasern“ (~ 80 %) sind für den Langstreckenlauf prädestiniert, die mit einem schon mehr als 30 % tigen Anteil an „schnellen FT-Fasern“ mehr für die schnellen Laufdisziplinen (800 – 5000 m) geeignet. Für beide Gruppen gilt aber von Anfang an das Ererbte zu pflegen, die Stärken ständig in den Mittelpunkt der Trainingsarbeit zu stellen, ohne zu vergessen auch an der Beseitigung von Schwachstellen zu arbeiten!

Früh- und Spätentwickler

Bei der Talentbeurteilung von Kindern und Jugendlichen spielt das „biologische Alter“ eine wichtige Rolle. Früher entwickelte (akzelerierte Jugendliche) verfügen durch frühere hormonelle Umstellungen (zwischen 12 – 15 Jahren steigt vor allem bei Jungen der Testosteronspiegel beträchtlich) über ein vergrößertes Kraftpotential und damit über eine veränderte Trainierbarkeit der Kraft, der Schnelligkeit und auch der anaeroben Stoffwechselmechanismen. Die Trainer müssen rechtzeitig die Unterschiede zu „retardierten Jugendlichen“ (Spätentwickler die in ihrer Entwicklung etwas spät sind, hinterherhinken) erkennen, die oft erst spät, aber dann sprunghaft ihre Leistungen steigern. Die verbesserte Trainierbarkeit von Frühentwicklern ist natürlich zu nutzen, eine gewisse „Abgrenzung“ von den Spätentwicklern dabei sinnvoll. Dabei ist zu beachten, dass eine höhere, speziellere Trainingsbelastung auch verstärkte Aktivitäten in der Dehn- und Entspannungsfähigkeit der Muskulatur und entsprechende Aktivitäten in der Prophylaxe erfordern. Aufmerksame Beobachter können bereits in diesem Altersbereich typische Muskelverkürzungen und damit Einschränkungen in einer ökonomischen, technisch guten Bewegungsstruktur feststellen. Versäumnisse im frühen Jugendalter sind Basis für später häufig auftretende Verletzungen.

Erziehung setzt Anleitung und Kontrolle voraus

Ein langfristiger Trainings- und Leistungsaufbau lässt sich nur mit einer gesundheits- und leistungsgerechten Lebensgestaltung realisieren. Durch Zusammenarbeit von Trainer, Elternhaus und anderen Einflusspersonen ist auf die Sportler Einfluss zu nehmen, damit durch leistungssportgerechte Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Gesamtbelastung, sich feste Gewohnheiten ausprägen. Dazu gehört auch den Sportlern die Bedeutung der physioprophylaktischen Maßnahmen zur Unterstützung einer schnelleren und tieferen Regeneration zu verdeutlichen, sie anzuleiten und auch gegebenenfalls zu kontrollieren, weil dies eine wichtige Voraussetzung zum Erfolg ist.
Für alle Lauf- und Gehdisziplinen nehmen die Maßnahmen zur Infektprophylaxe eine außergewöhnliche Stellung ein. Dazu gehören eine witterungsabhängige Sport- und Freizeitbekleidung (Kälte-, Wind-, Hitze-, Strahlen- und Regenschutz) und Maßnahmen zur Abhärtung (Sauna, Bürstenselbstmassagen, Kaltwasseranwendungen - Wechselduschen). Den Sportlern sollte frühzeitig vermittelt werden, dass sie sich in der Regel nicht während des Trainings, sondern davor oder danach oder in den Pausen leicht und schnell erkälten. Zur Unterstützung der Regeneration haben sich Entmüdungsbäder (heiß, aber kurz 10 – 15 Minuten), Bürstenselbstmassagen unter der Dusche, Kneipp-Güsse, Sauna oder Unterwassermassagen bewährt.

Das Training Begabter sollte schon früh optimal gesteuert werden

Der Mehrjahres-Zeitraum des Jugend-Aufbautrainings erfordert schon früh für Begabte eine längerfristige und gründliche Mehrjahres-Planung, aber auch eine begleitende Trainingsdokumentation, eine ständige vergleichende Trainingsanalyse, sowie Tests und eine möglichst komplexe Leistungsdiagnostik um das Training aktuell optimal und effektiv führen und steuern zu können.

Wer altersgerechte Spitzenleistungen will, muss hier schon den organisatorischen Rahmen, die erforderliche Zeit für die notwendige Trainingsbelastung sichern und organisieren. Training im Nachwuchsbereich ist nur effektiv, wenn die vorgesehene Belastung auch der individuell aktuellen Leistungsfähigkeit entspricht. In der Trainingspraxis kann man noch zu oft beobachten, dass Gruppen von Läufern- oder Gehern mit z.T. deutlich unterschiedlichem Leistungsniveau zusammen zum Dauerlauf losgeschickt werden oder sogar Tempolaufprogramme auf der Bahn gemeinsam absolvieren müssen. In der Regel trainiert in solchen Fällen nur der Erste (Beste) effektiv, während die mit Abstand ins Ziel kommenden schon beim zweiten Lauf überfordert sind.
Die richtige Trainingsgestaltung muss vorgegeben, dem individuellen Ausbildungsstand entsprechen und darf im Nachwuchs nicht dem Gefühl überlassen werden. Im Gruppentraining muss verhindert werden, dass täglich der Sieger im Dauerlauf oder im Tempolauftraining ermittelt wird.