Leistungsausprägung / Tapering und UWV

Ein sicherer Weg zur Bestleistung beim Jahreshöhepunkt
2008-07-08-leistungsauspraegung-tapering08. Juli 2008 (© Lothar Pöhlitz) - Alle trainingsmethodischen Maßnahmen sollen im Verlaufe eines Jahres die sportliche Form so entwickeln, dass zum jeweiligen, individuellen sportlichen Jahreshöhepunkt – also beispielsweise zur Deutschen Meisterschaft, EM, WM oder zu den Olympischen Spielen die geplante Zielleistung, die neue persönliche Bestleistung auch abgerufen werden kann. Das bedeutet zugleich, dass diese Leistung im Verlaufe von Wettkampfperioden nicht immer gezeigt werden muss, weil in den Laufdisziplinen die verschiedenen „taktischen Spielchen“ das verhindern. Ersatzweise kann eine alternative Einschätzung „erfolgreich“ im Vergleich zu etwa leistungsgleichen Gegnern die vorhandene höchste sportliche Form bestätigen oder vermuten lassen. In der Praxis wird aber immer davon ausgegangen, dass damit die „nächste Aufgabe“, das Nahziel realisiert wurde. Eine optimale Leistungsausprägung (Tapering) und eine UWV sind erprobte Maßnahmen zur Erreichung der höchsten sportlichen Leistungsfähigkeit zum gewünschten Zeitpunkt.

„Sportliche Form widerspiegelt die im Augenblick des Wettkampfes realisierbare sportliche Leistung, die von einem optimalen Zustand der Kondition, der Technik, der Taktik, der Leistungsbereitschaft, der psychischen Stabilität und der Stimmung abhängig ist“

(P. Röthig, Sportwissenschaftliches Lexikon 1983)

Sportliche Form ist durch eine hohe psychologische Komponente mehr als Trainingszustand, sie ist abrufbarer sportlicher Leistungszustand. Die erwartete öffentliche positive Leistungsdarstellung, auch unter öffentlichen Druck, macht den Unterschied. Als Frühform werden fälschlicherweise oft gute Leistungen bezeichnet, die relativ früh im Jahr nicht erwartet, gezeigt werden. Da man zu diesem Zeitpunkt die sportliche „Endleistung zum Höhepunkt“ nicht voraussehen kann, handelt es sich oft um die durch einen optimalen Belastungsverlauf erarbeitet Leistungsfähigkeit. Von Frühform kann man nur dann sprechen, wenn als Folge falschen Trainings die gezeigte Leistung danach in der eigentlichen Wettkampfperiode nicht mehr groß steigerungsfähig ist.
Bei optimaler Trainingssteuerung und zielgerichtetem Einsatz der Wettkämpfe muss man davon ausgehen, dass die zu Beginn der Wettkampfperiode gezeigten Leistungen bis zum ersten Jahres-Höhepunkt (z.B. im Jahre 2008 Deutsche Meisterschaften als letzter logischer Qualifikationshöhepunkt für die Olympischen Spiele in Peking) systematisch weiter ansteigen.

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Die Ausprägung einer Höchstleistung ist ein aktiver komplexer Prozess, in deren Ergebnis die speziellen Fähigkeiten der jeweiligen Disziplin, einschließlich der psycho-physischen Bereitschaft zur Leistungsabgabe im entscheidenden Moment, auf individuell höchstem Niveau abgerufen werden können. Außergewöhnliche Ergebnisse setzen ein außergewöhnliches Training bei gleichzeitiger Nutzung „brauchbarer formentwickelnder Wettkampftermine“ voraus. Eine Wiederholung des Trainings vom letzten Jahr bringt in der Regel auch nur die Ergebnisse vom letzten Jahr.

Für Spitzenathleten, deren Qualifikation auf Grund ihrer hohen Grundleistungsfähigkeit auch ohne persönliche Bestleistung bei der DM „gesichert ist“, gilt, dass der trainingsmethodische Aufbau so erfolgen sollte, dass erst bei den Olympischen Spielen ihre höchste Leistungsfähigkeit abrufbar ist.
Für jüngere Athleten, die eine persönliche Bestleistung schon zur Qualifikation brauchen, muss der Leistungsaufbau so erfolgen, dass nach dem ersten Jahreshöhepunkt eine Wiederholbarkeit oder auch leichte Steigerung beim 2.Jahreshöhepunkt erwartet werden kann. Dafür ist zu empfehlen, die letzte Phase der Vorbereitung als UWV zu gestalten.

Im Olympiajahr ist eine UWV ein sicherer Weg zur persönlichen Bestleistung

Die vor allem im letzten Jahrzehnt veränderte internationale Wettkampfgestaltung führte auch zu deutlichen Veränderungen im trainingsmethodischen Vorgehen. Es sind höhere disziplinspezifische Leistungsvoraussetzungen über längere Zeiträume gefragt, die eine verbesserte spezifische Belastbarkeit und ein höheres GA- und KA - Niveau erfordern. Ein Weg dazu ist eine veränderte qualitativ wirksamere Gestaltung des Trainings in der ersten Vorbereitungsperiode, als Voraussetzung für ein höheres Belastungsniveau im März – Mai. Nicht nur deutsche Trainer und Athleten müssen sich immer wieder die Frage stellen, wie durch innovative Ideen das Training wirksamer gestaltet werden kann, um schneller den Abstand zum Weltniveau zu verkürzen.

„Die unmittelbare Wettkampfvorbereitung (UWV) ist der letzte Trainingsabschnitt zur Vorbereitung auf die konkreten Bedingungen des Jahres-Wettkampfhöhepunktes mit dem Ziel, die Sportler zu befähigen, ihre langfristig erworbene Leistungsfähigkeit zu einem im voraus bestimmten Zeitpunkt unter den zeitlich, klimatisch und organisatorischen Bedingungen am Wettkampfort in sportliche Höchstleistungen umzusetzen“

(TRAININGSWISSENSCHAFT 1997)

Die veränderte internationale Wettkampfpraxis hat im letzten Jahrzehnt die bewährte Praxis einer UWV durch eine verstärkte Wettkampftätigkeit mit Zwischenwettkampf -Trainingsphasen von Mai bis August abgelöst. Aber schon in Vorbereitung auf die letzten Olympischen Spiele konnte man beobachten, dass viele Athleten in der Welt zur UWV, wenn auch oft modifiziert, (d.h. mit Starts aus dem Training heraus, auch aus der Höhe mit sofortiger Rückkehr, mit verkürzter Dauer) zurückgekehrt sind, weil sie durch diesen speziellen, aber sehr sensiblen Trainingszyklus auf der sicheren Seite einer zielgerichteten, ungestörten Vorbereitung, in der Regel unter Höhenbedingungen, sind.

2008-07-08-leistungsauspraegung-taperingUWV unter Höhenbedingungen dient schwerpunktmäßig dem Ziel der aeroben und athletischen Auffrischung. Vor allem für die „schnellen Disziplinen“ ist anschließend ans Höhentraining ein ausreichender Zeitraum zur Intensivierung und Transformation bei einem optimalen Verhältnis von Belastung und Erholung, einzuplanen. Der Tag des ersten Wettkampfeinsatzes (kann ja gleich zu Beginn bzw. auch am Ende z.B. der Spiele liegen) ist für den Intensitätsaufbau entscheidend. Die wettkampfspezifische Leistungsfähigkeit, die Leistungsbereitschaft und die Laktatmobilisationsfähigkeit müssen beim Zusammentreffen der Weltbesten auch schon beim Vorlauf optimal ausgeprägt sein.

In der Praxis hat sich unterschiedlich für die einzelnen Laufdisziplinen eine Dauer von ~ 6-8 Wochen (Mittelstrecke 6, Langstrecke besser 8 Wochen) als wirksam erwiesen. Die UWV beginnt unmittelbar nach der Qualifikation. Es ist von Vorteil, wenn sofort in die Höhe gereist wird, so dass die erforderliche Regeneration nach dem letzten Wettkampf und die Höhenanpassung in der ersten Woche (Zeitersparnis) verbunden werden. In der 2.-4. Woche der UWV wird in der Regel eine hohe Trainingsbelastung realisiert. Ein ungestörtes trainingsmethodisches Vorgehen setzt den Verzicht auf Wettkämpfe in dieser Zeit voraus.

In der nachfolgenden Abbildung ist das System einer praktizierten, erfolgreichen UWV in Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften 1983 schematisch dargestellt, in derem Ergebnis eine der erfolgreichsten deutschen Läuferinnen Brigitte Kraus über 3000 m mit 8:35,11 die Silbermedaille gewann und Margrit Klinger über 800 m mit 1:58,11 Vierte wurde:

Tapering Diagramm

Leistungsausprägung – Tapering ist für das Endresultat entscheidend
Die letzten 20 Tage – die letzten 10 Tage – die letzten 3 Tage

UWV bedeutet Orientierung am Training in der VP II (April-Juni), die Berücksichtigung aller, für eine relativ kurzfristige Wiederholung des Leistungsaufbaus notwendigen Inhalte, bei Konzentration auf eine geschwindigkeitsgeführte Belastungsgestaltung innerhalb des speziellen Trainings. Optimale Belastung und Erholung, eine gute Platzierung innerhalb der Mikrozyklen sowie die Steuerung (Puls, Laktat) der Trainingsinhalte in Richtung des Leistungsziels entscheiden über die Endleistung.

Nach einer Phase hoher Belastung (in der Regel 2 Wochen – das Umfangsmaximum liegt in der 5.-3.Woche vor dem WK.), auch im Höhentraining, in der die Kraft und das aerobe und aerob-anaerobe Ausdauer- bzw. auch Kraftausdauertraining im Mittelpunkt stehen, beginnt etwa 20 Tage vor dem jeweils ersten Start die Phase der Ausprägung der sportlichen Form, der komplexen Wettkampfleistungsfähigkeit, bei „Olympia“ z.B. in der Regel bereits im gemeinsamen Vorbereitungslehrgang schon vor Ort. Dies erfordert zuerst eine intensive Regeneration (mit kurzfristiger Absenkung der Intensität) im Verhältnis zu den realisierten „Gipfelbelastungen“ der letzten Wochen, als auch in Vorbereitung der nachfolgenden Intensivierung, durch umfassende Maßnahmen, auch zur Beschleunigung des Regenerationsprozesses.
Bei Berücksichtigung individueller Ausnahmen und unterschiedlicher Erfahrungen in den einzelnen Disziplinen lehrt die Erfahrung, das viele Sportler etwa 3 Wochen Transformationszeit brauchen, um das im Training schon mögliche, auch im Wettkampf zu zeigen.

Ist es organisatorisch möglich, könnte man für die LZA -Disziplinen bei entsprechenden vorherigen „Probeläufen“ auch eine direkte Anreise aus der Höhe am Tag vor dem Start favorisieren.

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Der Schlüssel zu einer optimalen komplexen Leistung ist der systematisch zu reduzierende Umfang bei gleichzeitigem Anstieg der Geschwindigkeit bei wettkampfnahen Belastungen oder auch durch Wettkämpfe. Der Erholung (» Frische beim Wettkampf) kommt im Zusammenhang mit der psychischen Vorbereitung auf bisher (von der Mehrzahl der Qualifizierten) nicht gekannte Anforderungen, in dieser Phase eine außerordentliche Bedeutung zu.

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Auf der Grundlage einer gründlichen individuellen Analyse des Trainings in den letzten 20 – 10 – bzw. 3 Tagen vor erfolgreichen Wettkämpfen der letzten Jahre, erfolgt die konkrete Planung für die UWV 2008

10 Tage vor dem Start beginnt die geistig-organisatorische Orientierung auf den Start
Die psychische Verfassung am Start ist für das Ergebnis wesentlich
Nichts wird dem Zufall überlassen

Etwa am 10. Tag vor dem Start sollte die letzte hohe komplexe (Umfang/Intensität) wettkampfspezifische TE absolviert werden. Dies kann z.B. für Marathon der letzte lange Lauf um oder > 93 % vom L-Ziel sein oder für Mittelstreckler ein wettkampfspezifisches Training mit Sparringspartner oder auch ein Aufbauwettkampf „mit angezogener Handbremse“. Dieser TE kommt eine außerordentliche Bedeutung zu und erfordert deshalb eine umfassende, optimale Vorbereitung, auch durch den Trainer. Von ihrem Erfolg hängt wesentlich die Weiterentwicklung der sportlichen Form ab. Jetzt kommt es darauf an die mentale Stärke, das Selbstvertrauen für den ersten Start in den Mittelpunkt zu stellen und der Gestaltung einiger weniger sehr schneller TE (am günstigsten SA –TL) in Verbindung mit komplexen Regenerationsmaßnahmen, in den nächsten Tagen die Hauptaufmerksamkeit zu widmen. Gelingt dies besteht eine wesentliche Aufgabe des Trainers bzw. des engen Umfeldes in dieser Zeit darin, die Konzentration auf die bevorstehende Aufgabe unter dem Gesichtspunkt einer realistischen Leistungseinschätzung (wenn möglich bei Dämpfung der Erwartungshaltung und Euphorie nach außen, vor allem gegenüber den Medien!) zu sichern.

Tapering bedeutet auch Erholung im Training mit dem Ziel der Superkompensation. Tapering muss individuell ausgerichtet sein. Trainer beobachten ihre Läufer und stellen sicher dass sie jetzt im Training das Rennen nicht schon vorwegnehmen. Bei zu reduzierendem Trainingsvolumen muss die Geschwindigkeit steigen, aber ohne die Reserven zu erschöpfen.

Gewinne an Kraft, Ausdauer und Selbstvertrauen, denke aber auch einmal darüber nach wie Du reagierst, wenn es im Wettkampf einmal ganz schwer wird.
» ich habe gut trainiert, ich bin fit, ich schaffe das Leistungsziel!

In dieser Zeit sollten auch die organisatorischen Voraussetzungen für den Erfolg Programm sein. Dazu gehört die rechtzeitige Besichtigung der Wettkampfstätte, des Einlaufplatzes, wenn möglich auch des Call-rooms, der Laufwege (z.B. vom Einlaufplatz zum Call-room, weil auch damit zu rechnen ist, das der Trainer den Athleten nach dem Einlaufen nicht weiter begleiten kann). Auch die Erkundung der Busfahrzeiten und des Abfahrtplatzes vom Olympischen Dorf zum Stadion / Einlaufplatz), einschließlich der Festlegung der individuellen, reichlich bemessenen Abfahrzeiten, gehört dazu. Zu differenzieren ist in dieser Hinsicht der Umgang mit den alten Hasen und den Neulingen, wobei davon auszugehen ist, dass die Wettkampfstätten bei Olympischen Spielen immer Neues bieten und auch alte Hasen, wenn es wieder ernst wird, erstaunlich aufgeregt und unsicher sein können.

Sobald die Vorläufe / Startlisten aus dem Computer abzurufen sind, sollte der Trainer sich umfassend informieren, eine erste Strategie erst mehrmals gründlich überlegen, um sie dann zu einem möglichst individuell günstigen Zeitpunkt mit ihm allein (von der Mentalität seines Athleten abhängig) zu besprechen. Sichern muss der vor Ort verantwortliche, akkreditierte Trainer auch den Umgang mit dem vielleicht anwesenden Heimtrainer. Er sollte, da dieser keinen Zugang zum offiziellen Gelände hat, nicht aus dem Geschehen ausgeschlossen werden, zumal der Athlet sowieso immer mit ihm Kontakt hat. Geklärt werden muss aber möglichst schon zu Hause, dass nur der Bundestrainer bzw. verantwortlich eingesetzte Trainer vor Ort das Sagen hat.

In den letzten 3 Tagen ist Ruhe die „erste Athleten- aber auch Trainerpflicht“

Abhängig von den individuellen Erfahrungen findet in der Regel am 3. oder auch 4. Tag vorm Start das letzte Kontrolltraining statt. Inhalt und Tag müssen eine große Sicherheit vermitteln und lassen deshalb keine Experimente zu!!! Ablenkung und gezielte Aktivitäten sind in diesen Tagen, vor allem an einem auch möglichen Ruhetag, zu organisieren, ohne zu überfordern.
Es sollte auch verhindert werden, dass der Athlet sich vor Ort den ganzen Tag im Bett „ausruht“ oder auf dem Einlaufplatz stundenlang seine Gegner beobachtet. Das oben genannte Stadionprogramm sollte in diesen Tagen, wenn möglich (z.B. kurzfristige Anreise), bereits abgehakt sein.

Fazit: Ziel ist die Verallgemeinerung von Bestlösungen: