Zwei Strecken sagen Dir wo Deine Reserven liegen

Christian Weder: “Ausdauer ist berechenbar“

2008-06-28-ausdauer-ist-berechenbar28. Juni 2008 (© Kurt Ring, Lothar Pöhlitz) - Erst kürzlich fiel uns das kleine, eigentlich unscheinbare, nur 79 Seiten umfassende Buch von Christian Weder „Ausdauer ist berechenbar“ wieder einmal in die Hände. Es hatte sich im Büro unter der umfangreichen Literatur zur Trainingslehre versteckt. Ein 1987 erschienenes Büchlein, in dem der 1916 in Zittau/Sachsen geborene Autor, ein Vorkriegs-Hürdenläufer und Zehnkämpfer, seine Erkenntnisse zu Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhängen von Wettkampfleistungen auf unterschiedlich langen Strecken aufschrieb, die er auf der Grundlage des von ihm definierten „Ermüdungsfaktors e“ bereits im englischen Kriegsgefangenenlager entwickelte. Danach sind die Leistungen von Läufern oder Schwimmern oder anderer Ausdauersportarten über jede Strecke logarithmisch zu berechnen (also vorauszusagen), wenn man von zwei Strecken ausgehen kann, die der Betreffende Sportler unter optimalen Voraussetzungen bereits grenzwertig gelaufen oder geschwommen ist. Ein Verfahren um festzustellen welche Reserven man auf welcher Strecke hat und mit welchen Durchschnittstempo man diese „Prognose“ erreichen kann.

Geschwindigkeit – Streckenlängen – Sauerstoffschuld – Ermüdung

Weder schreibt, dass z.B. möglichst optimale Bestleistungen die von Läufern und auch Gehern auf verschiedenen Strecken erzielt wurden, die Tendenz erkennen lassen, dass die durchschnittliche Geschwindigkeit mit jeder verdoppelten Streckenlänge durch Ermüdung (um den individuellen Ermüdungsfaktor „e“ = Widerspiegelung der Ausdauerleistungsfähigkeit ) gleichmäßig abnimmt, bei Sprintern mehr, bei Langstrecklern weniger, abhängig natürlich von ihrer genetischen, aber auch durch Training beeinflussten Stoffwechsel innerhalb der Muskelfaserverteilung. Mit steigender Geschwindigkeit entsteht dann eine Sauerstoffschuld, die am Maximum zum Abbruch führt. Somit kann man aus zwei Richtzeiten diesen Ermüdungsfaktor berechnen. Multipliziert mit der dann gewünschten Streckenlänge ergibt sich daraus die mögliche Zielzeit

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„Es ist ein logarithmisches Prinzip, dass dem Anwachsen der Sauerstoffschuld im Quadrat zu einer bestimmten Beschleunigung die Abnahme der Geschwindigkeit mit jeder Verdoppelung der Strecke entspricht“ „Das Gesetz der logarithmischen Ermüdung macht es uns möglich, aus zwei Streckenwerten auch die Zeiten auf anderen Strecken zu berechnen“

Aus dieser Erkenntnis resultiert die Möglichkeit das läuferische Potential eines Athleten individuell einzuschätzen und nicht am Beispiel leistungsgleicher Athleten (auf einer Strecke) abzugleichen. Praktisch heißt das beispielsweise: zwei über 3000 m gleich starke Athleten werden auf Grund ihres unterschiedlichen Ermüdungsfaktors auf den Unter- und Überdistanzen u. U. ganz andere, unterschiedliche Werte erreichen. Was vordergründig nur Einfluss auf das zu erwartende Wettkampfergebnis zu haben scheint, hat bei näherer Betrachtung eine sehr hohe Relation zur Trainingstätigkeit, vor allem im aeroben Bereich. Jener individuelle Ermüdungsfaktor hat nämlich auch eine Relation zum individuellen aerob-anaeroben Schwellenbereich bei ~ 3 mmol Laktat. Das Training in jenem Schwellenbereich, der bekannten Schwelle um 3 mmol/l Laktat (vL3), beeinflusst im hohen Maße die Leistungsentwicklung im aeroben Bereich. So können Läufer/Innen mit gleicher 3000 m Wettkampfleistung durchaus unterschiedliche Schwellengeschwindigkeiten haben (bis zu 0,7 m/sec Unterschied), je nachdem, ob sie der eher schnellkräftigen oder eben ausdauernden Gruppierung angehören.

Rückschlüsse für das Training

Nachdem jegliches individuelles Leistungsspektrum von der Unter- bis zur Überdistanz von den Eckpfeilern Grundgeschwindigkeit und Ausdauervermögen abhängt, muss dies im Training mit den jeweiligen Inhalten bis hin zum Langsprint berücksichtigt werden. Der Bundestrainer Nachwuchs für den Bereich 400 m / 400 m Hürden weiblich, Andreas Knauer erkennt „die Grundlagenausdauer inzwischen als leistungsbestimmenden Faktor auch für den Langsprintbereich an, der ganzjährig trainiert werden muss“.
Was bedeutet das für unsere Trainingsarbeit. In erster Linie muss erkannt werden, dass leistungsgleiche Athleten/Innen auf einer bestimmten Strecke mit unterschiedlichen Ermüdungsfaktoren, also auch unterschiedlichen Unter- bzw. Überdistanzleistungen sowohl im aeroben Bereich als auch bei den anaeroben Tempoläufen eben auch unterschiedlich trainieren müssen, angepasst an die jeweils angepeilte Zielzeit, die sich im Training eben nicht immer nur an der Hauptwettkampfstrecke ausrichtet, sondern auch am Unter- und Überdistanzziel.
Die oft zu beobachtende Praxis, die Athleten/Innen bei den Dauerlaufeinheiten einfach in Gruppen rauszuschicken, ist uneffektiv und führt zumindest bei einem Teil der Gruppe zu keiner bedeutenden Entwicklung im aeroben Bereich. Der Begriff „leere Kilometer“ hat hier durchaus seine Bedeutung. Im Übrigen ergibt sich eine hohe Werteangleichung bezüglich der vL3, einmal gemessen über einen Schwellentest (z.B. 5-6x2000 oder 4x3000 m) oder über die Berechenbarkeit nach Weder (Schnittstelle Ermüdungsfaktor mit der Zeitangabe 1 h). Diesen Zusammenhang hat Lothar Pöhlitz bereits in den 80er Jahren vermittelt: „Die vL3 kann und muss etwa eine Stunde lang gelaufen werden können“.

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Fazit: Weder unterstreicht unsere Auffassung Extreme im Training nicht zuzulassen: sowohl der reine Ausdauerwahn („Kilometerfresser“) als auch die totale Zuwendung zum Tempo wird langfristig nicht zur optimalen Leistungsentwicklung führen. Beides muss mit entsprechender Gewichtung ganzjährig trainiert, d.h. entwickelt werden. Der von Weder als grundsätzlich genetisch festgelegte Ermüdungsfaktor kann zwar trainingstechnisch über eine entsprechende Anpassung der speziellen Muskelfasern verändert werden, aber eben nicht entscheidend. Für jedes Individuum wirkt aktuell eine optimale Streckenlänge und je näher sie an einer klassischen Wettkampfstrecke liegt, desto erfolgreicher wird er sein, natürlich immer auf der Grundlage seiner Schnelligkeits- bzw. Ausdauerveranlagungen. Weder schlussfolgert auch, dass bei Berücksichtigung des individuellen Ermüdungsfaktors vor allem eine möglichst gleichmäßig hohe Renngeschwindigkeit zum optimalen Wettkampfergebnis (Zeit / Bestleistung) führt

„Wir sind alle entweder Sprinter, Mittelstreckler oder Langstreckler und können daran nichts ändern“.