Die letzte Stunde vor dem Wettkampf ist der Sportler allein

Das „Einlaufen“ muss auf die Anforderungen des Wettkampfes optimal vorbereiten

2008-05-19-letzten-stunden-vor-dem-wettkampf19. Mai 2008 (© Lothar Pöhlitz) - Beobachtungen lassen den Schluß zu, dass bei der unmittelbaren Vorbereitung auf Wettkämpfe, vor allem auch in den schnellen Laufdisziplinen, die Anforderungen des nachfolgenden Rennens , die dafür notwendige Erhöhung der Körpertemperatur, die Aktivierung des Bewegungssystems, des Stoffwechsels und des zentralen Nervensystems, zu wenig berücksichtigt werden. Oft sieht man, dass der Organismus auch nicht oder zu wenig auf die Präzision der erforderlichen motorischen Handlungen und der Koordination des Gesamtsystems in der nachfolgend geforderten Geschwindigkeit vorbereitet wird.

Warmmachen bzw. Einlaufen vor nachfolgenden Trainings- oder Wettkampfbelastungen muss in ihrem Ergebnis eine optimale Leistungsbereitschaft für die geforderte Leistung erzeugen. Dies setzt eine aktive, in den Anforderungen ansteigende „Erwärmung“ voraus, die alle Funktionssysteme des Organismus einschließt und die dann auch, wenn nötig von Beginn des Trainings oder des Wettkampfes an, zu Höchstleistungen bereit und fähig sind.

„Einlaufen“ erfolgt in 5 Phasen

Die Gestaltung der Erwärmung ist als komplexer Prozess zu betrachten, in dessen Ergebnis ein sehr gutes Training oder eine individuell optimale Leistung im Wettkampf möglich wird. Neben der Stimulierung des Herz-Kreislaufsystems, des Stoffwechsels, der Geschwindigkeit und Ausdauer der Muskelkontraktionen, beobachtet man in der Praxis zu wenig die gleichzeitig erforderliche psychisch-mentale Vorbereitung, Konzentrationsphasen auf die bevorstehenden Anforderungen, einen gewissen positiv-emotionalen Stress, eine Mobilisierung der Willensqualitäten und die „geistig-moralische“ Vorbereitung auf die Umsetzung der geplanten Taktik im Rennen. Im Gegensatz dazu widerspiegelt sich oft in einer schon defensiven Körperhaltung am Ende des Einlaufprogramms „die Angst“ vor der Aufgabe. Nun fehlt ihm/ihr nur noch dass der Gegner fragt: „warum bist Du so blass, warst Du krank?“

  1. Konzentrationsphase, Phase der Vorbereitung auf die Erwärmung für den Wettkampf oder das Training im Kopf. Psychisch-mentale Vorbereitung, geistige Einstellung auf die bevorstehende Leistungsanforderung, kurze Planung des Einlaufens auf der Grundlage der derzeitigen klimatischen Bedingungen und der Gegner. Letzte strategische Festlegung für die Wettkampfgestaltung. Trainer-Aufgabengespräch.

  2. Die zweite Phase beginnt mit ruhigen Laufen und aktiviert zunehmend ansteigend das Gesamtsystem. Dies kann auch mit unspezifischen Trainingsformen (Ergometer) erfolgen. Die Temperaturen und die Wettkampfstreckenlänge bestimmen die Dauer und Intensität. Dabei sollten einem langsamen ersten Drittel ein mittleres zweites Drittel und danach eine weitere Intensivierung bis zu einer anspruchvollen Geschwindigkeit folgen. Optimalkörpertemperaturen im Wettkampf liegen um 39 Grad C, darauf muss der Organismus vor Wettkämpfen / Training vorbereitet werden.

  3. Im dritten Teil der Erwärmung erfolgt die spezifische koordinativ –technische Vorbereitung entsprechend den Anforderungen der Strecke. Dazu sind Übungen aus dem Lauf – ABC, aus dem Beweglichkeitsprogramm und aus den vorbereitend festgelegten Dehnübungen geeignet. Entscheidend ist, dass das feststehende Programm ungestört von außen, möglichst zügig (10-15 Minuten) als Anteil einer auf die nachfolgenden Anforderungen vorbereitenden Belastung „intensiv“ abläuft. Es geht um Dehnung und Lockerung, um Erhöhung der Muskelelastizität und Herstellung einer optimalen Gelenkbeweglichkeit.

  4. Die 4.Phase ist gekennzeichnet durch eine weitere Anforderungssteigerung durch spezifische Trainingsformen wie Steigerungsläufe über unterschiedliche Streckenlängen, einige Sprints und 1-2 „kurze“ wettkampfnah „gefühlte“ Läufe (d.h. Wettkampfsimulation z.B. über 200 m). Diese wichtigste Phase der Vorbereitung ist systematisch zu erarbeiten, zu erproben, individuell anzupassen, so dass die höchste Wirkung, beste Vorbereitung letztendlich beim Wettkampfhöhepunkt „garantiert“ ist.

  5. Etwa 15 Minuten vor dem Start sollte eine solche Erwärmung beendet sein, damit die 5. letzte Phase der „Erholung“ und der psychisch-mentalen Vorbereitung gewidmet werden kann.
    Da der Aufwärmeffekt erfahrungsgemäß 30 Minuten und mehr anhält (beobachten sie die Leistungsfähigkeit von Athleten z.B. nach längeren Zeitplanverschiebungen, die Mehrzahl ist uneingeschränkt leistungsfähig – auch solche Situationen sind konkret, am besten zunächst im Training, aber auch möglicherweise bei Aufbauwettkämpfen zu simulieren, um den Athleten Sicherheit für den Ernstfall zu geben) wird in dieser Ruhephase am besten das mit dem Trainer oder und einem Psychologen erarbeitete Ritual (d.h. positive formelhafte Vorsatzbildung, die vor allem Sicherheit vermittelt) „irgendwo in einer Ecke“ ablaufen.
    Danach geht der Athlet allein, ruhig und konzentriert zum Start und auf dem Wege dorthin allen möglichen negativen Einflussfaktoren (keine Gegner- oder Funktionärsgespräche) aus dem Wege. Auch der eigene Trainer sollte nicht bis zuletzt auf den Sportler einreden. Alles ist vor Beginn der Erwärmung besprochen, am besten vorher im Hotel oder zu Hause im Training.

  6. Die Wettkampf-Nachbereitung der durch den Trainer beobachteten Fehler in der Vorbereitung oder auch aus dem Rennen erfolgt mit Abstand, am nächsten Tag oder beim nächsten Training! Vor allem bei unerwarteten Niederlagen, die der Athlet bestimmt nicht wollte, sollte sich der Ärger erst einmal in der folgenden Nacht verziehen dürfen.

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Eine solche komplexe Wettkampfvorbereitung erfordert „das Programm im Kopf“ und die erforderliche Zeit. Ein rechtzeitiger Beginn vor dem Start, aber auch ein abweichen vom erarbeiteten Schema, weil der Sportler zwischendurch noch 1-3 x zur Toilette muss, darf den Erfolg nicht behindern.

Wettkampf - Vorbelastungen

Eine Reihe von Spitzenathleten haben gute Erfahrungen mit Wettkampf - Vorbelastungen gemacht. In Abhängigkeit von der vorzubereitenden Wettkampfstrecke, seiner Dauer und Geschwindigkeit werden gut vorbereitet 30 – 60 Minuten vor dem Start unterschiedlich lange Strecken (200 – 400 m oder auch länger) in Wettkampfgeschwindigkeit oder auch schneller zurückgelegt.

Rechtzeitige Anreise – Konzentration – Selbstständigkeit erarbeiten

Reisen sie deshalb rechtzeitig zum Wettkampf an, geben Sie dem Athleten vor dem Erwärmen die Ruhe sowohl die Atmosphäre im Stadion aufzunehmen, als auch die Laufwege zu erkunden, vor allem in unbekannten Sportstätten (Callroom, Toiletten, Einlaufplatz, Treffpunkt mit dem Trainer, Stellplatz usw.)

Prüfen sie vor Beginn der Einlaufarbeit besser noch einmal: habe ich oder auch hat er/sie alles, Startnummer am Hemd, Ersatz-T-Shirt für unerwartete Situationen (z.B. Regen, Gewitter), Spikes, die Trinkflasche etc. Die Erfahrung lehrt die Trainer, dass sie mit fast jedem Sportler anders umgehen müssen. Nur der Erfolg widerspiegelt im Endeffekt das positive Arbeitsergebnis.

Bedenken sie aber auch dass die Trainer im Hochleistungsbereich bei vielen großen Events, bei EM, WM oder OS nicht immer Zugang zu den sensiblen Vorbereitungsplätzen der Athleten haben, auch dass sie vielleicht gar nicht zum Team gehören, oder auf Grund anderer Verpflichtungen gar nicht mitreisen können. Je besser die Sportler auf solche Situationen vorbereitet sind umso näher sind sie am „gemeinsamen“ am Erfolg.

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Die mentale Vorbereitung auf den Wettkampf ist der wichtigste Teil der notwendigen Aktivitäten um eine optimale Leistungsbereitschaft für die persönliche Bestleistung oder auch für die individuell aktuell mögliche Höchstleistung zu erreichen. Deshalb sollte die letzte Stunde vor dem Wettkampf allein, ohne Gegnerkontakt, nach den erprobten Gewohnheiten und Ritualen ablaufen.