Zur technischen Ausbildung von jungen Gehern

Grundlagentraining – Trainingsformen - Fehlerkorrekturen
von Manja Berger – DLV-Disziplintrainerin Gehen U20

2008-02-26-technische-ausbildung-im-gehen-226. Februar 2008 (M.Berger) - Nachfolgend finden Sie konkrete Vorschläge für das ganzjährige praktische üben. Am besten Sie wählen pro Trainingseinheit immer nur wenige Übungen aus und lassen sie wiederholt üben; bis die erarbeitete Handlungsgenauigkeit im Ergebnis dem Optimum nahe kommt. Weniger ist in diesem Falle mehr, wenn der Lernfortschritt im Ergebnis größer wird. Techniktraining ist immer auch Lehrarbeit. Die angeführten Fehler und Korrekturmöglichkeiten weisen Sie vor allem auf die Schwerpunkte hin.

Übungen zum Entwickeln der Gehtechnik

  1. Gehen auf kurzen Strecken (30-100m) mit Aufgabenstellung (Geher - ABC)
    • auf einer Linie
    • mit Nackenhalte der Arme
    • mit verschränkten Armen auf dem Rücken
    • mit verschränkten Armen vor der Brust
    • Arme in Seithalte
    • Gehen mit gestreckten Armen und gefalteten Händen vor dem Körper
    • Gehen mit Vortiefbeugen zum vorderen gestreckten Bein – Hände zielen unter die Fußsohle des vorderen Beines/ „Affengang“
    • Gehen mit Übersetzen einer Linie
    • Fersengang
    • Zehengang
    • Kurzschrittgehen
    • betont längere Schritte
    • frequenzbetonte Schritte
  2. Beschleunigung des Gehtempos bis zur technisch beherrschbaren Geschwindigkeit auf kurzen Strecken
    • Gehen als lange Steigerung durch verstärkten Abdruck aus dem Fußgelenk und/ oder frequenzbetontes Gehen mit deutlicher Streckung des Kniegelenks
  3. Gehen in erhöhter Geschwindigkeit mit betonter Armarbeit auf kurzen Strecken
    • weiträumige Armbewegungen unterstützen die Verlängerung der Schritte
    • frequenzbetonte Armbewegungen zur Steigerung der Schrittfrequenz
  4. Gehen mit mittlerer, hoher und individuell höchster Geschwindigkeit auf unterschiedlichen Strecken (bis 400m) zur Festigung der Gesamtbewegung

  5. betonte Abrollbewegung Hacke-Ballen und Abdruckstreckung im Fußgelenk mit aktivem Hüfteinsatz
    die Beine werden locker und direkt nach vorn geführt

Wesentliche Fehler und Korrekturmöglichkeiten

Grundsätze der Fehlerkorrektur

» Voraussetzungen für das Erkennen der Fehler sind

  • genaue Kenntnis über die Zieltechnik
  • detaillierte Bewegungsvorstellung
  • Fähigkeit des Bewegungssehens
  • Bewegungserfahrungen

» Regeln für die Fehlerkorrektur

  • Beginne mit der Fehlerkorrektur so zeitig wie möglich, damit sich keine Fehler verfestigen!
  • Achte in jeder Trainingseinheit auf die Durchsetzung des Prinzips von Einheit zwischen koordinativ - technischer und konditioneller Ausbildung!
  • Verwende die jeweils wirkungsvollste Korrekturübung und –methode zur Beseitigung des Hauptfehlers!
  • Versuche immer die Ursache für die Fehler zu finden!
  • Verbessere immer erst den Hauptfehler, dann Nebenfehler!
  • Gib kurze, prägnante und verständliche Korrekturhinweise!

Beispiel einer Techniktrainingseinheit im sportlichen Gehen
Gesamtdauer: ~ 90 Minuten

  1. 2008-02-26-technische-ausbildung-im-gehen-2Einlaufen: 1,5 km
  2. Gymnastik: 15 min Lockerungs- und Dehngymnastik
  3. Geh-ABC: 15-20 min, jede Übung 30-40 m
  4. Fußgelenkarbeit
  5. Schreitwippgang
  6. Kreuzschrittgehen seitwärts (re, li)
  7. Gehen mit Arme in Nackenhalte
  8. Gehen mit Vortiefbeugen zum vorderen gestreckten Bein – Hände zielen unter die Fußsohle des vorderen Beines
  9. Überkreuzgehen vorwärts – seitliches Übersetzen der Füße
  10. Slalomgehen
  11. Kurzschrittgehen mit Abrollbewegung – Hacken-Ballenaktion
  12. Kurzschrittgehen mit Hochhalten der Fußspitze – Fersengang
    1. Erläuterung der Technikschwerpunkte anhand von Film- oder Videoaufnahmen (Leitbild und/ oder der Sportler) bzw. von Reihenbildern

    2. Videoaufnahmen
      3-4 x 80-100 m Steigerungen aus dem Kurzschrittgehen; Pause jeweils 2-3 min
      • Schnellinformation durch Hinweise des Trainers oder durch Partner, der mit der Beobachtung beauftragt ist
      • Sofortinformation durch Betrachten der Videoaufnahmen nach jeder Steigerung
    3. Ideomotorisches Training – gedankliches Bewusstmachen der individuellen Technikschwerpunkte – nach mehrmaliger Videoauswertung (5-10 min)

    4. Spezielles Technikprogramm mit sofortiger Videoauswertung
  13. 100-m-Steigerung aus Kurzschrittgehen bis ind. max. Geschwindigkeit
  14. 200-m-Steigerung aus Kurzschrittgehen bis ind. max. Geschwindigkeit
  15. 100-m-Tempogehen mit gleichmäßiger submaximaler Geschwindigkeit
  16. 200-m-Tempogehen mit gleichmäßiger submaximaler Geschwindigkeit
  17. 100-m-Minderungsgehen; nach maximaler Beschleunigung allmähliche Minderung des Tempos bis zur regelgerechten beherrschten Geschwindigkeit
  18. 200-m-Tempolauf mit maximaler Anstrengung
  19. 100-m-Steigerung bis zur ind. max. Geschwindigkeit
  20. 200-m-Tempolauf im Bereich der ind. kritischen Geschwindigkeit und bewusste Beachtung der regelgerechten Technik
    • Auslaufen: 1 km; Lockerungs- und Dehnungsgymnastik
    • Abschluss und Auswertung der Trainingseinheit

Kriterien für eine bewegungsökonomisch rationelle und regelgerechte Gehtechnik:

  1. Ständiger Bodenkontakt und deutliche Streckung des Standbeines vom Aufsetzen an bis zum Vertikalmoment
  2. Optimales Verhältnis zwischen Schrittlänge und Schrittfrequenz
  3. Harmonie zwischen Arm-, Hüft- und Beinbewegung
  4. Ruhige Kopfhaltung
  5. Keine Bewegung der Schulterachse
  6. Aufrechte Rumpfhaltung
  7. Die Arme schwingen gebeugt in Bewegungsrichtung bis etwa vor die Körpermitte.
  8. Vorwärts gerichtete Beckendrehung auf der Seite des Stützbeines zum schnelleren lockeren Vorbringen des hinteren Beines (Eine Seitwärtsbewegung der Hüfte „Hüftwackeln“ ist unökonomisch!).
  9. Geradliniger Fußaufsatz auf der Ferse und angehobene Fußspitze.
  10. Elastisches Abfangen des Körpergewichts beim Fußaufsatz ohne Geschwindigkeitsverlust.
  11. Gute Abrollbewegung Hacke-Ballen bis zur optimalen Streckung des Fußgelenks.
  12. Horizontal gerichteter Kraftstoß am Ende der hinteren Stützphase.

2008-02-26-technische-ausbildung-im-gehen-2

Kontrolle und Bewertung der Technik

Die Kontrolle und Wertung des technischen Entwicklungsstandes hat im (täglichen) Trainingsprozess durch Trainer und Athlet zu erfolgen.

  1. Beobachtung
    » Bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und bei allen Wettkämpfen und Ermüdung
  2. Konkretisierung/ Objektivierung der Technikentwicklung
    » mittels Videoaufnahmen, beim Wettkampf durch Fachleute (Gehrichter, Trainer)
  3. Korrekturmöglichkeiten und Grenzen
    » Steigerungsläufen, wechselnden Geschwindigkeiten, Eigenbeobachtung/ Bewusstheit machen, konkrete Aufgaben stellen, „Zementierung“ beim GA1

Grenzen für das Tempo der Leistungsentwicklung

  1. Konstitution (genetische Eignung)
  2. Mangelnde Bereitschaft zur notwendigen Trainingsbelastung
  3. Das „biologische Zeitfenster“ wurde nicht berücksichtigt bzw. genutzt
    (biologisch günstige Lernalter)

  4. Fehler und Ignoranz im Grundlagenlagentraining
  5. Mangelhafte Kraftfähigkeiten (Ganzkörperkraft)
  6. Nicht kompetente Trainer