Zur technischen Ausbildung von jungen Gehern

Grundlagentraining – Techniktraining ist immer auch Koordinationstraining
von Manja Berger – DLV-Disziplintrainerin Gehen U20

 2008-02-21-technische-ausbildung-im-gehen-121. Februar 2008 (M.Berger) - Das Tempo der Leistungsentwicklung im sportlichen Gehen wird bestimmt von der Konstitution und Eignung der Sportler, von der Nutzung des biologisch günstigen Lernalters zum Training, von einer möglichst guten trainingsmethodischen Grund-Ausbildung im Kindes- bzw. frühen Jugendalter, vom Niveau der Kraftfähigkeiten, von der Qualität und Stabilität der Gehtechnik bei den altersabhängigen Wettkämpfen und nicht zuletzt von der Kompetenz der Trainer.

Zur koordinativen Ausbildung

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Die koordinativen Trainingselemente müssen einen großen Anteil des Nachwuchstrainings ausmachen. Das frühe Jugendalter ist besonders prädestiniert zum Lernen von technischen Bewegungsabläufen und zur Schulung der Koordination. Bei der Koordinationsschulung wird das Zusammenspiel zwischen Zentralnervensystem und Muskulatur geschult; dieses Zusammenspiel hat beim Techniktraining die herausragende Rolle.

Bei gleichen oder sogar schwächeren physischen Voraussetzungen erreichen koordinativ besser befähigte Sportler höhere sportliche Leistungen. Koordinative Fähigkeiten bilden die Basis für weitere Leistungssteigerungen, sie sind deshalb grundlegend und besitzen damit für das Nachwuchstraining eine zentrale Bedeutung.

Es besteht eine direkte Beziehung zwischen koordinativen und konditionellen Fähigkeiten, weil nämlich fehlende koordinative Voraussetzungen leistungsbegrenzend wirken. Weiterhin wird das Tempo eines motorischen Lernprozesses durch den Entwicklungsstand der koordinativen Fähigkeiten in erheblichem Maße mitbestimmt.

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Koordinative Lern- und Trainingsprozesse müssen unter dem Aspekt großen Variantenreichtums und unter wechselnden räumlich-zeitlichen Bedingungen erfolgen:

  1. Erleichterung und Erschwerung der Normbedingungen
  2. Veränderung der Dynamik
  3. Varianten der Intensität und der Wiederholungsfrequenzen.

Die physischen Belastungen sind gering; sie gehen nicht über natürliche Ermüdungsgrenzen hinaus; sie werden gegen geringe Widerstände durchgeführt. Wegen ihrer Wichtigkeit ist die Entwicklung und Vervollkommnung der koordinativen Fähigkeiten eine zwingende Notwendigkeit für den gesamten Trainingsprozess. Der „Aufwand“ lohnt sich, weil u. a. als Folge einer intensiven Schulung der koordinativen Fähigkeiten die technische Ausbildung besser, schneller und präziser erfolgen und der spätere Ausnutzungsgrad des physischen Potentials erheblich höher sein wird.

Auf der Grundlage einer stabilen Koordination, kann eine technikorientierte Ausbildung beginnen.

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Die Koordinationsschulung ist aber weitaus mehr und darf auf keinen Fall schon frühzeitig nur auf Techniktraining reduziert werden.

Die technische Ausbildung im sportlichen Gehen

Wettkampfregel des sportlichen Gehens:

2008-02-21-technische-ausbildung-im-gehen-1Die Technik des sportlichen Gehens wird entscheidend durch die Wettkampfregeln (Regel 230 der IAAF) bestimmt.

Ständiger Bodenkontakt und deutliche Streckung des Stützbeines, vom Moment des Aufsetzens auf den Boden bis zum Vertikalmoment (Kniestreckung) werden als Kriterien einer regelgerechten Gehtechnik verlangt. Verstöße dagegen führen zur Verwarnung oder zur Disqualifikation.

Hinweise zum Erlernen der Gehtechnik

Das Grundprinzip für den Trainer/ Übungsleiter beim Erlernen der Bewegung des sportlichen Gehens soll sein:
» aus dem natürlichen Gehen durch Temposteigerung zum sportlichen Gehen.

  • Durch Steigerung des Tempos wird der Sportler versuchen, seine Arm- und Beinbewegung miteinander zu koordinieren, die Bewegungsstruktur des natürlichen Gehens mit dem Leitbild der Gehtechnik in Übereinstimmung bringen.
  • Durch die Streckung im Kniegelenk beim Aufsetzen des vorschwingenden Beines und deren Aufrechthaltung über den Vertikalmoment hinaus, wird der Sportler ein schnelleres Vorwärtskommen verspüren.
  • Die Geschwindigkeit ist nur soweit zu steigern, dass die rhythmische und koordinative Gesamtbewegung und der Bodenkontakt im Doppelstütz aufrechterhalten bleiben. Die Übungsstrecke soll eben und übersichtlich sein und Bodenmarkierungen ermöglichen.
  • Die Länge der Übungsstrecke und die Häufigkeit der Wiederholungen sollen sich am Entwicklungsstand der Gehtechnik des jeweiligen Sportlers orientieren.
  • Es sind zu Beginn des Lernprozesses kurze Abschnitte von 20-60 m mit geringem Ermüdungsgrad zu wählen.
  • Bei der Entwicklung einer effektiven und regelgerechten Bewegungsstruktur ist besonders auf eine optimale Schrittlänge zur Entwicklung einer hohen Schrittfrequenz zu orientieren. Dabei spielt die aktive Armarbeit eine wesentliche Rolle. - Auf die Führung der Armbewegung soll von Beginn an, auch mit Hilfe von Imitationsübungen, großen Wert gelegt werden.
  • Elemente der Technikstruktur, wie Kniestreckung, Fußaufsatz, Abrollbewegungen, Beweglichkeit, Armbewegung u. a. sind in Form von speziell vorbereitenden Übungen und des Geh - ABC mit der Teillernmethode zu entwickeln.

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Grundübungen zum Erlernen der Gehtechnik

  1. Marschieren
    Zweck: Vorstufe des Gehens
    Beobachtungspunkte: Freies Ausschreiten mit aufrechtem Oberkörper
  2. Marschieren mit allmählicher Temposteigerungen
    Zweck: Höhere Geschwindigkeit erfordert stärkere Armarbeit und entsprechenden Abdruck des hinteren Fußes
    Beobachtungspunkt: (Angewinkelte Arme), optimaler Schritt, betontes Abrollen des Fußes
  3. Gehen in mittlerem und hohem Tempo
    Zweck: Alle Merkmale des sportlichen Gehens sollen zusammenwirken.
    Beobachtungspunkte: Ständiger Bodenkontakt und rationeller Bewegungsablauf
    • Gehen auf der Linie: zur Aneignung einer parallelen und geradlinigen Fußführung, betonter Einsatz der Hüfte mit Verwringung zwischen Becken und Schulterachse
    • Betontes Aufsetzen der Ferse und Anheben der Fußspitze: erste Übung zum Erlernen des technischen Bewegungsablaufs; hiermit beginnt eine geschulte Schrittstruktur
    • In der Grundstellung Körpergewicht von einem Fuß auf den anderen verlagern, um das Gefühl der Beinstreckung und der Hüftverlagerung zu erlangen
    • Die gleiche Übung mit Raumgewinn und Armeinsatz.
  4. Gehen mit Tempowechsel
    Zweck: Festigung und Vervollkommnung der technischen Fertigkeiten
    Beobachtungspunkt: Ständiger Bodenkontakt, lockeres Gehen

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Wesentliche technische Elemente

  • die Doppelstützphase, in der beide Beine Bodenkontakt haben müssen
  • die hintere Stützphase, in der eine optimale Abstoßkraft für den Vortrieb entwickelt werden muss
  • die für die Entspannung der Muskulatur und eine optimale Schrittlänge wichtige hintere und vordere Schwungphase
  • die vordere Stützphase, in der das Stützbein beim Aufsetzen im Kniegelenk völlig gestreckt sein muss und in der die Bremskräfte möglichst klein gehalten werden müssen
  • die der Bewegung unterstützende Becken-, Schulter- und Armarbeit
  • die Haltung des Rumpfes und des Kopfes

Der Technikcheck

  1. Der Kopf: entspannt, aufrecht, Blick nach vorn, ca.30 bis 40 m zum Boden
  2. Der Schultergürtel: hängende Schultern, möglichst locker
  3. Der Rumpf, Hüfte: leichte Oberkörpervorlage, gestreckt, kein Hohlkreuz und keine Beugung nach vorn
  4. Becken: vorwärts gerichtete Beckendrehung auf der Seite des Stützbeines zum schnelleren lockeren Vorbringen des hinteren Beines (eine Seitwärtsbewegung der Hüfte „Hüftwackeln“ ist unökonomisch)
  5. Die Arme: Ca. 90° im Ellenbogengelenk, keine Verschränkung, nicht ganz parallel, Arme schwingen bis etwa vor die Körpermitte, Armführung aktiv nach hinten/ passiv nach vorn
  6. Die Füße: geradliniger Fußaufsatz, Anstellen des Fußes, aktives Abrollen
  7. Vorderstütz (Kniestreckung) und Hinterstütz („lange halten“) » Doppelstütz
  8. Der Abdruck: Horizontal gerichteter Kraftstoß am Ende der hinteren Stützphase