Das Trainingslager als effektives Mittel zur Leistungssteigerung

Voraussetzungen – Planungsansätze – Grundsätze

22. März 2007 (Ring) - Die Zeit der Ostertrainingslager steht bevor. Für viele ein absolutes Highlight im Jahrestrainingsaufbau, für einige aber auch der Anfang vom Ende einer ursprünglich hoffnungsvoll angegangenen Saisonplanung. Verletzungen im Trainingslager sind oft das Ergebnis nicht ausreichender Belastbarkeit, ungenügender Belastungsvorbereitung, Fehl- oder Überbelastungen mit Dingen, die den Sehnen, Bändern und Gelenken bis dahin völlig unbekannt waren oder auch unangebrachten Belastungssteigerungen gegenüber den 3-4 TE im Heimtraining.  Beobachtungen, aber auch eigene Fehler machen oft erst im Nachhinein deutlich, dass sie auch hätten vermieden werden können.

Wir wollen deshalb in diesem Beitrag einige wichtige Aspekte in Erinnerung rufen.

Die Zielsetzung:

Die Zielsetzung für ein leistungsorientiertes Trainingslager muss sein, unter optimalen Voraussetzungen bei Berücksichtigung der Grundsätze der Trainingslehre einen deutlichen Impuls in Richtung Quantitäts- und Qualitätssteigerung zu setzen, ein optimales Ergebnis zu erzielen. Dabei muss bereits vor dem Trainingslager klar sein, dass Wunder (wie aus Fußballtrainingslagern bekannt)  in 2 Wochen nicht möglich sind. Das Ergebnis kann nur so gut sein, wie es die Ausgangsposition vor Beginn des Trainingslagers zulässt. Es ist zu berücksichtigen das Trainingslehrgänge weiter weg immer mit Klima- und Reizwechsel verbunden sind, die in den ersten Tagen eine gewisse Anpassungsreaktion auslösen.
Trainingslager sind Möglichkeiten für Gipfelbelastungen. Sie müssen aber individuell und disziplinorientiert (Ostertrainingslager können nur Umfangs- oder Umfangs-/Intensitätsgipfel sein) sein und der „Gipfel“ sollte erfahrungsgemäß nicht viel höher als 30 % über dem Heimgipfel liegen!^

Allgemeine Voraussetzungen:

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BusfahrtEin Trainingslager ist weder Klassenfahrt, noch Urlaubsreise bzw. Sightseeing-Tour im Ausland. Gruppen, die keinen Ansatz zum professionell geplanten Training zu Hause haben, können nicht erwarten, dass dies dann im Trainingslager gelingt. Trainieren wollen wie die Profis reicht hier nicht. Körper und Geist ermüden schnell bei ungewöhnlich hohen Belastungen. Disziplin gerade im dazugehörigen regenerativen Bereich ist unumgänglich. Ausreichend Schlaf (auch für Sie eine bekannte Problematik) ist die einfachste und wirkungsvollste Form der Regeneration. Dies durchzusetzen setzt aber vorbereitend schon zu Hause umfangreiche Überzeugungsarbeit voraus.

Legen Sie ihre wichtigsten Sportler/Talente (auch unterschiedlicher Disziplinbereiche) die wissen was sie wollen und nicht die „jungen Wilden“ zusammen auf ein  Zimmer. Machen sie aber auch hier schon zu Hause klar, welche Ziele damit verfolgt werden. Auch die Abläufe des geplanten Trainings (Tages- bzw. Wochenorganisationsplan) müssen bekannt sein. Essen – Schlafen – Trainieren sollten so optimiert sein, dass auch zum Ende der zweiten Woche mit möglichst allen noch gut trainiert werden kann.

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Männliche Trainingsgruppe LGR TL 06Nicht selten wird gerade im Langstreckenbereich der Erwachsenen der gesamte Urlaub für Trainingslager geopfert und oft fallen die Umfangssteigerungen gegenüber dem Heimtraining verdammt hoch aus, so dass es im Anschluss nicht leicht wird dies in sportliche Form umzuwandeln, Ein tiefes, großes Loch ist deshalb nicht selten, obwohl der Trainingsansatz überlegt und methodisch richtig angesetzt war. Es fehlte schlicht und einfach die nötige Regeneration vor oder auch innerhalb der zwei Wochen ( 2:1 = günstig 2 Tage 2x, dann 1 Tag 1x regeneratives Training, dann wieder 2 Tage 2x + 1 Tag 1x Training, dann folgt ein Ruhetag, der zum Ausflug gut genutzt werden kann, aber nicht anstrengend, vielleicht ein Bummel + Thermalbad o.ä.). Bei einer Woche Trainingslager kann etwas komprimierter vorgegangen werden (Ruhetag fällt weg), dafür muss eine ausreichende Regenerationsphase mit einem Ruhetag unmittelbar nach Rückkehr aus dem Trainingslager zu Hause erfolgen.

Für alle sollte darauf geachtet werden, dass nicht das Training der eigentlich nach dem TL folgenden Wochen vorweggenommen wird, nur weil es schön warm ist und in kurzen Hosen trainiert werden kann. Die Inhalte,
die sie zu diesem Zeitpunkt auch zu Hause trainieren würden sind dran und müssen besser zu dieser Zeit mit erhöhter Quantität / Qualität realisiert werden. Dazu sollten sie im TL die Zeit auch zur Schwachstellenbeseitigung nutzen.

VerpflegungKranke Athleten/Innen sollten niemals glauben, dass sich der Heilungsprozess im „Urlaubsambiente“ des Trainingslagerortes beschleunigt vollzieht (ein bisschen Training kann ja vielleicht doch nicht schaden!) Die Anreise und das für den Körper ungewohnte Umfeld bewirken eher das Gegenteil, ganz abgesehen von der großen Ansteckungsgefahr des übrigen Teams hinsichtlich grippaler Infekte oder Halsentzündungen. Außerdem wirken die meistens vorhandene Ungeduld und Unzufriedenheit mit der Situation negativ auf das Umfeld.

 

Umfeldfaktoren bezüglich Anreise-, Quartier-, Ernährungs- und Trainingsbedingungen

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KneippgängeSpezialtipp: Zur besseren Regeneration der Beine sollten im Meer möglichst oft unmittelbar nach dem Training 5-10 Minuten Kneipp-Gänge (bis zum Knie im Salz-Wasser gehen, Oberkörper und die Nierenpartien unbedingt gegen den am Meer unvermeidlichen leichten Wind schützen ) durchgeführt werden. Danach die Füße gründlich abfrottieren und direkt warme Strümpfe anziehen. Stützkniestrümpfe beschleunigen den Flüssigkeitsrückfluss noch zusätzlich.

 

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Die Betreuung durch den/die Trainer

SchattenspieleEin qualitativ gutes Trainingslager setzt die Bildung homogener Trainingsgruppen voraus. Erfüllt ein Vereinsteam diese Voraussetzung nicht, ist die Kooperation mit disziplin- und leistungsadäquaten anderen Gruppen anzuraten. Einfach das Training zu Hause unter erhöhten Anforderungen im Trainingslager zu adaptieren, ist nicht als ideal anzusehen. So sollte jeder Trainingsaufgabe auch ein Trainer zur Verfügung stehen und nicht permanent zwischen den Gruppen hin und her springen. Der Wechsel der Trainer innerhalb der Gruppen scheint uns keineswegs abwegig. Warum sollte eine spezielle Sprinteinheit vom Sprinttrainer nicht positiv bemerkbar machen.

Die Athleten lernen, sich auf anderes Lehrpersonal einzustellen. Für solche, die später in Verbandstrainingslager reisen, sollte dies kein unerheblicher Vorteil sein.
Wir meinen, die Coaching-Teamarbeit des Trainerkollegiums ist der Betreuung durch den Trainer, „der alles macht“ vorzuziehen. Die Vorteile dieser Form des Vorgehens sind unübersehbar. Trainer und Athlet als voneinander abhängige Zweckgemeinschaft reiben sich durch ausschließliche Zusammenarbeit nicht ab. Bei der Fehleranalyse nm oft auftretenden Störfall tritt der Sachzusammenhang in den Fordergrund, emotionale Personaldiskussionen sind weniger wichtig. Der/die Athlet/In wird selbstständiger in der Beurteilung seines Tuns, übernimmt Verantwortung für sein Handeln, kann eigene Initiativen setzen und die Sache lässt sich im Lehrteam besser ausdiskutieren. Gerade im Nachwuchsbereich wird die Beschulung vielfältiger, weil bewusst oder unbewusst jeder Trainer/In auch seine Stärken mit einbringt.
Ein detaillierter Trainingsplan ist vor dem Trainingslager jedem Athleten/In an die Hand zu geben. Dieser muss auf die Vorleistungen der einzelnen Athleten/Innen aufbauen. Eine Protokollierung des Trainings durch die Athleten/Innen ist Pflicht.

Physiotherapeutische und ärztliche Betreuung

In Hochleistungsgruppen muss die zumindest zweitägliche physiotherapeutische Betreuung strikt umgesetzt werden. In Anschlusstrainingsgruppen sollten zumindest nach den harten Einheiten die heilenden Hände zur Geltung kommen. Bei den Jugendlichen ist der Physio spätestens dann gefragt, wenn es irgendwo zwickt. Je höher die Quantität und Qualität der Trainingsgruppe ist, desto geringer sollte die Anzahl der zu betreuenden Sportler durch den Physio sein.

Männliche Trainingsgruppe LGR TL 06In Zusammenarbeit mit weiterem medizinisch geschultem Personal können die Physios auch die gezielt angesetzten Laktatabnahmen übernehmen. Das Material dafür muss rechtzeitig besorgt werden. Die Abnahme muss fachgerecht ausgeführt werden, eine Praxiserfahrung im Vorfeld des Trainingslagers kann durchaus nicht schaden. Die Abnahme durch Trainer sollte nur im Notfall geschehen. Als absolutes Optimum im Trainingslager ist die Anwesenheit eines leistungssporterfahrenen Arztes anzusehen. Wer die Möglichkeit dafür hat, sollte weder Kosten noch Mühen scheuen. Nichts drückt mehr auf die Stimmung eines Trainingslagers als kranke und verletzte Athleten/Innen, die im Falle des Fehlens eines Arztes gar nicht oder nur schlecht therapiert werden können. Das unweigerlich folgende „Heimschicken“ ist dann der SuperGAU.
Sind Physios und Arzt vorort, haben die im Krankheits- und Verletzungsfall das absolute Sagen. Der Trainingsplan wird zum Therapieplan und geht in die Hände des medizinischen Personals über.

Kooperation ist alles

Im Idealfall aller Fälle sind all die geforderten Personen vor Ort. Wer jedoch an diese Arbeit der konzertierten Aktionen nicht gewöhnt ist, vergisst leicht die dazu nötigen Absprachen. Vor dem Trainingslager (in ausführlicher Weise), aber auch während des Trainingslagers (in kürzerer Form) sind Teambesprechungen zwischen Trainer/Innen, Physios und Ärzten/Innen eigentlich unverzichtbar.
Ein kleiner Tipp: Achten Sie vor allem bei Athleten/Innen, die erstmals so ein „Angebot an Betreuung“ geboten bekommen, dass diese ihr Personal nicht vereinnahmen. Im Klartext: Der Doc ist nicht für jedes Pflästerchen zuständig!