Warum sind „Papa – coaches“ von Begabten zu selten erfolgreich

Frühe harmonische Ganzheitsausbildung von Körper und Geist ist Basis für Erfolge

2007-11-06-papa-coaches06. November 2007 (Pöhlitz) - Stellvertretend für die vielen Papas und Mamas, die in der Vergangenheit viel Zeit und Engagement in die sportliche Ausbildung ihrer begabten Söhne oder Töchter mit Erfolg investiert haben, werden derzeit keine Läufer sondern immer wieder die aktuell erfolgreichen Hochspringer Stefan Holm (SWE), der von seinem Vater aufgebaut und trainiert wurde, Mama Fredebold-Onnen, die ihren Sohn Eike in die Hochsprung-Weltspitze geführt hat, und auch unser erfolgreicher Turner Fabian Hambüchen, der von seinem Papa auf die Turn-Weltspitze vorbereitet wurde, in den Medien gelobt. Sie gehören zu den eigentlich Wenigen, denen solch großer Erfolg beschieden ist.

Bei der Mehrzahl, die in der Vergangenheit mit ähnlichen Zielstellungen viel Zeit mit ihren Kindern auf den Sportanlagen verbrachten, blieb der große Erfolg aus. Vor allem Verletzungen im späten Jugendalter, nicht ausreichende Talentvoraussetzungen, nicht ausreichendes trainingsmethodisches Wissen und Erfahrungen, eigene Überschätzungen und zu wenig Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit erfahrenen der Branche, oder ausbleibende Erfolge auf Grund von Fehlern im investierten Training sind wohl die Hauptursachen für die Verluste, die in der Leichtathletik ja nicht so selten beklagt werden.

Natürlich kann man im Rahmen eines solchen Beitrages nicht vermitteln, was einem A-Trainer, Diplom-Trainer oder Diplom-Sportlehrer in einer mehrjährigen Ausbildung vermittelt wird oder gar jahrelange Praxis - Erfahrungen mit Trainingsgruppen unterschiedlichen Alters mal schnell in wenigen Zeilen aufschreiben. Zu viele glauben dass ihre eigene frühere sportliche Betätigung ausreicht, um seinem Filius zur Deutschen Meisterschaft oder mehr führen zu können. Und dies oft noch „streng geheim“. Die Praxis aber zeigt, dass nur Wissen vor Fehlern schützt und Fortbildung auch hier sehr dringlich ist. Deshalb wollen wir sie nachfolgend einmal animieren und vor allem auf die Schwerpunkte orientieren, mit denen sie sich intensiv beschäftigen sollten, wenn sie der Verantwortung gerecht werden wollen, in die sie sich ihrem Kind gegenüber begeben wollen oder bereits begeben haben.

Der Talentbegriff wird zu oft missbraucht

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In der Trainingspraxis zeigt sich immer wieder, dass sich Talente bei gleichem Training innerhalb von Gruppen schneller entwickeln als andere. Sie zeichnen sich durch eine höhere Lernfähigkeit aus und bringen Fähigkeiten, Eigenschaften und Verhaltensweisen mit, die für den Erfolg in einer Sportart notwendig sind. So erfordert schnelles oder auch lang andauerndes Laufen eine über das durchschnittliche Maß hinausgehende Begabung, die möglichst früh erkannt werden muss, entwicklungsfähig ist und auch früh in einem bewegungsfördernden Milieu in vielfältiger Weise und altersgerechten Trainingsbelastungen auszuprägen ist.

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Neben einer möglichst optimalen Konstitution, den spezifischen physischen Voraussetzungen entscheidet eine über dem Durchschnitt liegende Bereitschaft (nicht des Trainers, sonders des Sportlers!) durch Training immer bessere Leistungen bringen und möglichst oft „Erster“ werden zu wollen über das Entwicklungstempo. Dabei ist wichtig möglichst früh „die Begabung für…“ zu erkennen und auch in richtige Bahnen zu lenken. Aber Talentvoraussetzungen sind kein Wunschkonzert. Haben sie eins, setzt dies für Vater und oder Mutter, Mama oder Papa möglichst viel Wissen um die zukünftigen Aufgaben voraus und sollte dazu führen, das sie mit der Talenterkennung ihres Kindes sofort, möglichst früh, mit ihrer individuellen Fortbildung beginnen.
An der Spitze sollten dabei das Wissen um den Körper ihres Kindes und um die spezifischen Anforderungen, die eines Tages die angestrebte Leistung ermöglichen, stehen.

Nur Talente mit Ehrgeiz werden Große

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Talente, die zur „Arbeit“, zum Spaß an der Bewältigung von Belastungsaufgaben, zum mehr gegenüber ihren Konkurrenten, zur präzisen Ausführung von Bewegungsaufgaben, zum schnell laufen usw. nicht bereit sind, ihre Ziele nicht längerfristig beständig verfolgen, können für sich den Talentbegriff nicht in Anspruch nehmen. Sie haben zwar die körperlichen Voraussetzungen, verfügen oft über eine sehr gut anzuschauende Lauftechnik, sind zeitweilig ihren Konkurrenten auch überlegen, werden aber mit zunehmenden Anforderungen nicht die notwendigen Kämpferqualitäten aufbringen können und deshalb auch eines Tages, vielleicht sogar gegen weniger begabte „Arbeiter“ im Nachteil sein. Alle möglichen Überlegungen werden angestellt, wenn solche scheinbaren „Genies“ (die es oft auch bis zum Deutschen Jugendmeister bringen) plötzlich aussteigen.
Reicht der eigene Antrieb nicht, hilft auch der Druck durch einen Trainer eines Tages nicht mehr weiter. Deshalb sollte, nicht nur in Richtung sportlicher Erfolge, schon lange vor der Einschulung überlegt werden, wie sie den Ehrgeiz ihrer Kinder positiv beeinflussen können.

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Frühe harmonische Ganzkörperausbildung ist Basis für Erfolge

Immer wieder wird das Tempo der Leistungsentwicklung bereits Jugendlicher durch Verletzungen unterbrochen oder behindert. Vor allem in Phasen steigender Belastung oder auch im Übergang vom Jugend-Aufbautraining zum Anschlusstraining, oder beim verstärkten Einstieg in anspruchsvollere, spezielle Belastungen behindern Versäumnisse aus der Vergangenheit den guten Willen. Da präsentieren sich die Bindegewebsschwächen hier und da, die Fußmuskulatur ist zu schwach, die Achillessehne zwickt oder Muskelverhärtungen verhindern die Geschwindigkeiten.
Deshalb sollte in der Ausbildung ihres Talents zuerst (ohne damit nie aufzuhören!) eine möglichst optimale harmonische Ganzkörperausbildung von „Körper und Geist“ verfolgt werden. Harmonisch bedeutet optimal im Verhältnis zu den aktuellen Körperproportionen, berücksichtigt das steigende Längenwachstum und hat von Anfang an die schlanke Läufermuskulatur zum Ziel. Informieren Sie sich über die Muskel – Streck - und Beugeschlingen des Läufers und verfolgen Sie in einer möglichst hohen Komplexität Muskeln, Sehnen, Gelenkfunktionen, Knochen, d.h. das gesamte Bewegungssystem auf immer höherem Niveau harmonisch zu optimieren. Bedenken sie dabei, das Füße und Beine in erster Linie die Leistung des Läufers „produzieren“, das aber ohne Rumpfstabilität und eine gut ausgeprägte Becken-/Hüftmuskulatur eine effektive Lauftechnik über die Dauer eines Wettkampfes nicht aufrecht erhalten werden kann. Das schließt auch die Entwicklung der Gelenkbeweglichkeit, der Koordinationsfähigkeit und Gleichgewichtsfähigkeit ein.

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Im Kindes- und frühen Jugendalter braucht man dazu keinen Kraftraum bzw. Kraftmaschinen. Vorrangig ist die Arbeit mit dem eigenen Körpergewicht, die Erarbeitung des Gefühls und der Fähigkeit zu Spannung und Entspannung, Stabilisationstraining bei Nutzung einfachster Sportgeräte, wie Latex-Bänder, Gymnastikbälle, Weichbodenmatten (dazu eignen sich gut alte Matratzen), Kreisel oder Medizinbälle in verschiedenen Größen. Wichtig ist, dass mehrmals in der Woche „etwas dran getan wird“! Vorbeugen ist besser als Trainingsausfall. Das geht auch zu Hause auf dem Teppich.

Komplexes Lauftraining von Anfang an

Nachdem die vorrangigen Aufgaben für das Kinder- und Jugendtraining von Läufern besprochen sind soll natürlich auch das Laufen nicht zu kurz kommen. Möglichst oft bei Verfolgung vielseitiger Ausbildungsziele. Stärken verstärken und Schwächen minimieren muss die Devise heißen. Soll heißen, dass das mit schnellkräftiger Muskulatur ausgestattete Talent vor allem diese Fähigkeit (seine Stärke) erhalten und ausbauen muss ohne auf die Entwicklung einer gewissen Basisausdauer zu verzichten. Das „Ausdauertalent“ (weniger gut weggekommen bei der Ausstattung mit schnellkräftiger Muskulatur, dies ist aber auch nicht nachzuholen) entwickelt vor allem diese seine Stärke weiter, ohne die Optimierung seiner Schnelligkeit/Geschwindigkeit zu vernachlässigen. Bestandteil soll deshalb für beide Typen auch die parallele Ausbildung der Schnelligkeitsausdauer sein. In keiner Phase der Ausbildung sollten Extreme in irgendeiner Richtung zugelassen werden.

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Unterschiedliche Geschwindigkeiten in unterschiedlichen Streckenlängen beanspruchen unterschiedliche Systeme und bilden sie aus. Organe und Muskeln die nicht entsprechend angesprochen, gereizt werden, entwickeln sich nicht oder verkümmern sogar.

Qualität und ein bisschen mehr muss für Talente gelten

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Die Aufgaben sind vielfältig, die Zeit dafür muss organisiert werden. Junge begabte Pianisten, Violinisten oder Artisten üben selbstverständlich täglich mehrere Stunden. Auch junge Lauftalente müssen täglich trainieren, wenn sie optimal auf die Aufgaben von Morgen vorbereitet werden sollen. Vielleicht ist dies weiter oben bei der Nennung der vielfältigen Aufgaben bewusst geworden. Dabei geht es nicht in erster Linie um einen hohen Laufumfang, sondern vielmehr entscheidet immer auch die Qualität des Trainings, die Qualität in der Bewegungsausführung, in der Lauf-Technik, in der Laufökonomie, aber auch die Qualität der einen oder anderen Lauftrainingseinheit über den Leistungsfortschritt. Je besser die vielfältigen Aufgaben in einer komplexen Ausbildung eines jungen, ständig in der Entwicklung befindlichen Organismus gelöst werden, umso mehr Freude werden sie an ihrem Talent später haben.

Väter / Mütter sind doch als Trainer keine anderen Pädagogen

Natürlich unterscheiden sich Trainer und Väter/Mütter in ihrer Beziehung zum jungen Athleten. Die private Nähe über mehr als ein Jahrzehnt, die Prinzipien der Erziehung im Elternhaus und das Wissen über alle Stärken und Schwächen und die kleinen Geheimnisse ermöglichen den Eltern eine Nähe zum Athleten, die der Trainer nie oder nur sehr selten erreicht. Dafür ist der Respekt gegenüber dem Trainer in schwierigen Situationen, wie z.B. der Bewältigung komplizierter Programme / Aufgaben sicher oft größer als gegenüber dem eigenen Vater oder der Mutter. Vieles hängt natürlich von den Charaktereigenschaften der Eltern ab, sind sie „zu weich oder vielleicht sogar zu hart“, sind sie fähig die für einen Erfolg erforderlichen Prinzipien auch durchzusetzen. Dabei unterscheiden sie sich nicht gegenüber dem Trainer. Eigene Beobachtungen lassen den Schluss zu, das bei Wettkämpfen weiter hinten die Zurückhaltenden stehen, das tun ihrer Tochter oder Sohnes aufmerksam verfolgen und anschließend, mit gebührendem Abstand, in Ruhe über Erfolg und Schwachstellen mit ihnen reden und versuchen die Mängel in den kommenden TE abzustellen. Da sind aber auch die „trainingsmethodisch Schwachen“, die glauben die Leistung beim Wettkampf herausschreien zu können, sie laufen durch den Innenraum von der 200 m zur 400 m Marke und wieder zurück, oder stehen im Innenraum auf Bahn 3, versuchen den Sohn oder Tochter nach vorn zu peitschen, obwohl sie schon lange am Ende sind. Und hin und wider werden die „erfolglosen Würmchen“ anschließend sogar beschimpft, obwohl sie sich alle Mühe gegeben haben. Man sieht: die Lauftechnik hat sich in den letzten 2 Jahren kaum verbessert, ist höchstens „drei minus“ weil Beweglichkeitsübungen nicht im Programm sind, es fehlt an Lockerheit, Rennübersicht, Variabilität, Spurtkraft o.ä. – vielmehr ist der Schülerkreisrekord das Nahziel und bei Misserfolg wird es in der nächsten Woche gleich noch einmal versucht. Die Angst vor der nächsten „Niederlage“ (weil er/sie die Wünsche des Papas bestimmt wieder nicht erfüllen kann) wird so immer größer. Auch mentale Fortschritte werden so verhindert. Die Handbremse bleibt auch beim nächsten Rennen angezogen.

Abgrenzung behindert die Entwicklung der jungen Persönlichkeit

Zum Schluß noch eins: die meist gegebene Abgrenzung von der Konkurrenz, das meist allein zu absolvierende Training, die fehlende Konkurrenz oder Vergleichbarkeit in der täglichen Trainingspraxis, die Nichtteilnahme an zentralen Lehrgängen im Landesverband oder auch beim Bundestrainer behindern in der Regel die Entwicklung der jungen Persönlichkeit. Mentales Training muss Bestandteil der Ausbildung sein und ist für die Ausschöpfung der Möglichkeiten des begabten Talents unabdingbar. Es reicht nicht allein das „Feindbild“ für den nächsten Wettkampf zu kennzeichnen oder die angepeilte, oft unrealistische Zielzeit einzuhämmern. Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein können nur optimal entwickelt werden, wenn man die eigenen Möglichkeiten und Grenzen realistisch bewertet und auch die Fähigkeiten, Leistungsfähigkeit und mentalen Stärken und Schwächen seiner Gegner möglichst gut kennt. Deshalb ist von Vorteil dort hinzugehen wo man sie trifft. Den Maßstab für seine Arbeit sollte man nicht allein von den eigenen Möglichkeiten, sondern auch von Zielen und den Gegnern ableiten. Lernen sie ruhig von ihren „Feinden/Gegnern“, sie werden merken, es wird nicht schaden.

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