Grundlagenausdauerentwicklung effektiver, aber wie? (Teil 6)

Der Hauptweg: Laktatsteuerung + leistungszielorientierter Belastungsaufbau

2007-10-02-grundlagenausdauerentwicklung-teil602. Oktober 2007 (Pöhlitz) - Der gegenwärtige Leistungsrückstand in den Laufdisziplinen im Vergleich zur Weltspitze ist das Ergebnis einer zu geringen Gesamtbelastung, einer zu geringen Effektivität in der Grundlagenausdauerentwicklung, einer ungenügenden Nutzung des Höhentrainings und einer langen Diskussion um die aerob-anaeroben Schwellenkonzepte einschließlich ihrer vorrangigen Behandlung im Rahmen der Leistungsdiagnostiken (LD). Vernachlässigt wurden vor allem in den Kurz- und Mittelzeitausdauerdisziplinen (800 m – 5000 m) die Entwicklung der VO2max, eine wirksame spezielle Ausdauerentwicklung (im Bereich von 7 – 16 mmol/l Laktat) und auch eine parallele Unterdistanzentwicklung und ihre Steuerung.

Die Wettkampfanforderungen müssen die aeroben Inhalte mehr bestimmen

Die komplexen Anforderungen, die Wettkämpfe im Mittel- und Langstreckenlauf (Leistungsstruktur) mit Laktatwerten zwischen 14 und 24 mmol/l stellen, spiegeln sich oft nicht in einer erforderlichen komplexen Leistungsdiagnostik (KLD) und auch nicht genügend im Training wieder.
Deshalb ist es erforderlich zukünftig alle Seiten der Wettkampfanforderungen im Training besser zu verbinden und die zur Verfügung stehende Zeit im Jahresaufbau besser auch in dieser Richtung zu nutzen. Dabei soll der Grundlagenausdauerentwicklung (GA) genau die Bedeutung zukommen, die für die Ausprägung einer hohen Wettkampfleistung auf den verschiedenen Strecken wichtig ist. Dies setzt eine effektivere, wirksame GA-Entwicklung als Basis für ein wirksames spezielles Ausdauertraining voraus. Dabei sollten die in der Praxis gemachten Erfahrungen beachtet werden, dass etwa nach 12 Wochen optimalen GA-Trainings meist eine Stagnation eintritt und kein weiterer Fortschritt in der Entwicklung der aerob-anaeroben Schwellen messbar ist.

Die Energiebereitstellungssysteme „verlangen“ zielgerichtete Belastungen

Die Ausdauer ist aus stoffwechselorientierter Sicht eine von der Strecke abhängige spezifisch aerob-anaerobe Mischform. Von der Art der Energiebereitstellung (aerob bzw. anaerob) überwiegt bei ausreichender Sauerstoffzufuhr, bei der KZA (800 m) die anaerobe Energiegewinnung, bei den MZA - Disziplinen (1500 m / 3000 m Hindernis, aber auch bei 5000 m) eine gemischt aerob - anaerobe und bei den darüber liegenden Strecken der LZA eine überwiegend aerobe Energiegewinnung.
Während in den LZA - Disziplinen bis etwa 90 Minuten Dauer der Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel anteilige Energieträger sind, bestimmt im Marathonlauf und 50 km Gehen der Fettstoffwechsel (Triglyceride) als Hauptenergieträger die Leistung. Die möglichen Laktatanforderungen bei Ausdauerwettkampfbelastungen unterschiedlicher Zeitdauer werden von NEUMANN in der folgenden Abbildung verdeutlicht.

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Unser komplexer Organismus erfordert mehr Wissen von allen

Es muss unterstrichen werden, dass eine Trainingssteuerung allein aus den Ergebnissen von leistungsdiagnostischen Tests (oft allein aus der Feststellung der aerob-anaeroben Schwelle aus dem Stufentest) nicht optimal möglich ist, weil dabei die komplexen Vorgänge im menschlichen Organismus auf keinem Fall erfasst werden können. Deshalb ist die gegenwärtige Praxis der Leistungsdiagnostik (Laktat- / Herzfrequenzsteuerung im vorwiegend submaximalen aeroben Bereich) unbefriedigend und nur als eine Hilfe für Trainer und Athleten bei der Feststellung von Veränderungen in der Leistungsfähigkeit anzusehen. Ohne den oft fehlenden engen Bezug zum Training (Trainingsanalyse) sowie ausreichende Kenntnisse zur Energiebereitstellung, der individuellen Muskelstruktur und den komplexen Stoffwechselgeschehen, ist eine wirksame Verbesserung des Trainings in den nächsten Wochen schwer. Optimal wäre auch, wenn der begleitende Sportmediziner über ausreichende trainingsmethodische Kenntnisse als Grundlage der Diskussion der Testergebnisse verfügen würde und der Trainer über ausreichende biologisch-medizinisch-physiologische Kenntnisse zu den Vorgängen im Organismus eines Hochleistungsathleten verfügt. Hier gibt es hier und da beidseitig Handlungsbedarf.

Effektive Grundlagenausdauerentwicklung durch Laktatsteuerung

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Ein sicherer Weg zu einer wirksamen Entwicklung der aerob-anaeroben Schwelle ist der mit Hilfe der Laktatsteuerung aus den Ergebnissen der Leistungsdiagnostik (LD), weil er besser als der „nur“ leistungszielorientierte Belastungsaufbau auch das individuell-aktuelle aerobe Stoffwechselgeschehen widerspiegelt. Dies setzt aber eine regelmäßige Wiederholung der Leistungsdiagnostik oder auch eines 15 km Lauf-Tests in 6-8 Wochen Abständen und die Herausarbeitung von Konsequenzen aus den aktuellen Ergebnissen, voraus.
Auf der Grundlage einer für die jeweilige Disziplin möglichst hohen Schwelle erfolgt dann die disziplinspezifische Ausdauerentwicklung leistungszielorientiert.

Faktoren, die die aerobe Leistungsfähigkeit (Grundlagenausdauer) limitieren und deshalb komplex an der Entwicklung beteiligt sind, sind:

  • die Atmung
  • die Herzleistung (Pumpkapazität / Sauerstofftransportkapazität)
  • der Mitochondrienbesatz („sauerstoffverarbeitende Energiefabriken“)
  • die Glykogenkonzentration im Muskel
  • der Fettstoffwechsel
  • die VO2max
  • der Wasserhaushalt
  • die Elektrolytoptimierung
  • die psychische Leistungsbereitschaft in Abhängigkeit vom Zuckerspiegel (Hypoglykämie / kritischer Glucosespiegel)

Voraussetzung zur Steuerung der aeroben Ausdauerentwicklung mit Hilfe des Laktats in Verbindung mit der Herzfrequenz ist die regelmäßige (6-8-10 Wochenabstand) Wahrnehmung einer entsprechenden Leistungsdiagnostik, weil sich in einem solchen Zeitraum bei effektiven Training die „Steuerungsgrößen“ verändern müssten. Der Test ist individuell und muss, um vergleichbar zu sein, möglichst immer gleich sein (Feldstufen- oder Laborlaufband-Test, gleiche Bedingungen, gleiche Streckenlängen). Die bei dem jeweiligen Laktatwert ermittelte Geschwindigkeit in m/s oder min/km oder km/h (vL 2 / vL 3 / vL 4) widerspiegelt zusammen mit der ermittelten Herzfrequenz die individuell - aktuelle aerobe bzw. aerob-anaerobe Schwelle und bildet die Basis (= 100 %) für die Steuerung des aeroben Ausdauertrainings in den nächsten Wochen.
Noch einmal: die oft diskutierte Praxis dass in Untersuchungszentren mit unterschiedlichen Schwellenkonzepten gearbeitet wird ist nicht das Problem, wenn der Athlet immer mit den gleichen Tests und den gleichen Auswertungsparametern, sowie den daraus abgeleiteten Empfehlungen für das Training, konfrontiert wird.

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In der Laufbandstufentestanalyse (Abb.) einer Nachwuchsläuferin (vL 3) wird deutlich, gleich aus welchen Gründen, das sich das Ergebnis vom ersten Test (17.12.02) bis zum zweiten Test am 16.9.03 (vorausgegangene Wettkampf- und auch Übergangsperiode - Linksverschiebung) verschlechterte und anschliessend in einem 3 monatigen Ausdauerentwicklungs-Schwerpunkt auf einen bis dahin besten individuellen Wert entwickelte (Rechtsverschiebung), ein 12 Monate später durchgeführter Test brachte eine weitere Rechtsverschiebung, d.h. eine weitere Verbesserung der aeroben Ausdauer. Die Herzfrequenz verläuft parallel zum Laktat an- bzw. absteigend.

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