Grundlagenausdauerentwicklung effektiver, aber wie? (Teil 4)

„Schnelllaufen“ bei 2 – 3 – 4 mmol/l Laktat ist das Ziel

2007-09-26-grundlagenausdauerentwicklung-teil426. September 2007 (Pöhlitz) - Alle Läufer und Geher und ihre Trainer streben mit ihrem Training nach einem kontinuierlichen Leistungsfortschritt. Und trotzdem beobachtet man auch bei ambitionierten Leistungssportlern, das sie sich oft über längere Zeiträume im Ausdauertraining vor allem von ihrem Gefühl leiten lassen, die Fortschritte auf sich warten lassen und so die Effektivität des Trainings nicht befriedigt. In der Trainingspraxis zeigt sich, dass nur die Wenigsten mit ihrem Belastungsempfinden, mit ihrem Tempogefühl und den Pausen in der Nähe objektiv gemessener Parameter in Tests liegen. Wichtig für die Leistungsentwicklung ist, dass Grundlagenausdauertraining nicht nur langsam laufen bedeutet und in möglichst vielen Trainingseinheiten das Ziel „getroffen“ wird.

Man beobachtet, dass die Läufer relativ oft mit dem gewählten Geschwindigkeiten im Dauerlauf- oder Tempolauftraining oder auch mit den Streckenlängen den Bereich der „wirksamen Reizsetzung“ nicht treffen und so in der einen oder anderen Trainingseinheit zu langsam oder auch zu schnell laufen und eine effektivere Trainingswirkung nicht erreichen. Als Begründung für fehlende regelmäßige Tests bzw. Leistungsdiagnostiken hört man u. a., dass damit wertvolle Zeit für das Training verloren ginge. Es wird aber auch übersehen, dass auf der einen Seite die Trainer nicht genügend über die sportmedizinischen Hintergründe einer Leistungsdiagnostik informiert sind, auf der anderen Seite aber die Ärzte sich auch zu wenig um die trainingsmethodischen Konsequenzen der erhobenen Daten „sorgen“. Die Trainer verkennen auch, das eine Leistungsdiagnostik über 5 x 2000 m oder 4 x 3000 m bis in den aktuellen Grenzbereich nicht nur wertvolle physiologische Parameter (wie Herzfrequenz, Laktat und VO2max) liefert, von äußeren Faktoren (Wetter, Boden usw) unbeeinflusst einen objektiven Formverlauf im Zusammenhang mit dem absolvierten Training dokumentiert, zugleich aber hohe psychische Anforderungen im Zusammenhang mit der absolvierten Belastung vom Athleten abverlangt. Insofern ist eine solche Belastung unter „Aufsicht“ von Trainer, Arzt und MTA, evtl. auch Konkurrenten nicht mit einem normalen Training zu vergleichen, sondern gleicht immer auch einer gewünschten aktuellen Bewährungssituation. Dazu kommt, dass die Ergebnisse z.B. auch im Vergleich zu einem möglichen „ersatzweisen“ 15 km – Test vielfältiger und präziser sind.

Während noch vor Jahren mit einer Leistungsdiagnostik für den Spitzenbereich oft noch längere Reisezeiten verbunden waren, hat sich inzwischen die Dichte der LD-Untersuchungszentren so erhöht, dass jeder genaue Informationen über seine aktuelle Leistungsfähigkeit „in seiner Nähe“ erhalten kann. Wenn dabei immer die gleichen Tests Auskunft über die Wirksamkeit des absolvierten Trainings geben und nicht ständig das Untersuchungszentrum gewechselt wird, kann jede Leistungsdiagnostik für das zukünftige Training hilfreich sein.

Aber ohne Trainings-Analysen und möglichst komplexe Leistungsdiagnostiken ist im modernen Hochleistungstraining eine effektive Leistungsentwicklung nicht steuerbar. Kenntnisse über längerfristige Belastungsverläufe und die Einordnung dazugehöriger Test-Werte helfen Fehler und Leistungsschwankungen zu minimieren. Herzfrequenz- und Laktatkontrollen in einzelnen wichtigen TE auf der Basis der erhobenen Testwerte können das Training weiter optimieren.

KLD – Komplexe Leistungsdiagnostik ist mehr als der Stufentest

2007-09-26-grundlagenausdauerentwicklung-teil4Eine möglichst komplexe Labor-Leistungsdiagnostik auf dem Laufband, die wegen der Vergleichbarkeit erhobener Daten gegenüber Feldtests vorzuziehen ist, beinhaltet neben dem Laktat - Stufentest vor allem eine Atemgasanalyse, einen VO2max-Test und die Ermittlung des respiratorischen Quotienten (RQ), für den die CO2-Abgabe und die O2-Aufnahme berechnet werden. Für Mittelstreckler sollte auch der Zweistreckentest (2 x 600 m bzw. 2 x 1200 m) zur Steuerung (vL 10 = Geschwindigkeit bei Laktat 10) des diziplinspezifischen Ausdauertrainings zu Zeiten durchgeführt werden wo dieses Training im Mittelpunkt steht. Begleitend sind prophylaktisch sportmedizinische Kontrolluntersuchungen, auch um Mangelzustände auszuschließen, Tests zum Ausbildungsstand der Kraftfähigkeiten und der Laufökonomie, sowie parallel ein großes Blutbild (mit Eisenstatus) sehr hilfreich.

Um objektive Ergebnisse in der LD zu erzielen ist ein standardisierter Ablauf, einschließlich der letzten 2-3 Tage vor dem Test, unabdingbar.
Eine komplexe Leistungsdiagnostik ist auch mit der Problematik verbunden, das bei der Interpretation der gewonnenen Daten aus Unkenntnis es sowohl zur Überbetonung einzelner Größen kommt, als auch die Verbindung zum absolvierten Training wegen der Fülle von Daten (Zusammenhänge) nicht ausreichend hergestellt werden kann.

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Anforderungen an eine komplexe Leistungsdiagnostik Lauf / Gehen

  • Gesundheitscheck
  • Belastbarkeitsuntersuchung
  • Grundlagenausdauerfähigkeiten (Stufentest, VO2max-Test)
  • Spezielle Ausdauerfähigkeiten (Zwei-, Drei-Strecken-Test)
  • Kraftfähigkeiten (Kraftausdauer, Schnellkraft, Beweglichkeit)
  • Schnelligkeitsfähigkeiten (Sprint-Test : 30 m fl, 60 m H-Start)
  • Lauf- bzw. Gehtechnikanalyse (Laufökonomie, Schrittlänge, Schrittfrequenz)
  • Wettkampfanalysen (Geschwindigkeitsverläufe, Verhaltensbeurteilung)
  • Zustands- und Verlaufsdiagnostik
  • Trainingsanalyse » Wettkampfanalysen verbinden
  • Einschätzung des Standes der psychischen Bewältigung der Aufgaben
    (Belastungsbewältigung, Wettkampfbewältigung, Organisationsfähigkeiten)
  • Auswertung der Ergebnisse im Team » Schlußfolgerungen

Es ist aber zu bedenken, dass in der Praxis vieler Institute unterschiedliche Schwellenkonzepte auf der Basis von Laktat - Stufentests angeboten werden, die alle für die Sportler hilfreich sein können, vorausgesetzt die Sportler und ihre Trainer identifizieren sich mit diesen Tests und sind in der Lage die gewonnen Ergebnisse zusammen mit den aufbereiteten Trainingsdaten trainingsmethodisch umzusetzen (Hilfen erhalten sie von ihrem zuständigen Bundes- bzw. Landestrainer!) Wichtig ist, dass Leistungsdiagnostikdaten individuell sind und nicht mit Daten anderer Sportler verglichen werden dürfen, weil im Prinzip jeder Mensch unterschiedliche biologische Parameter in den Test einbringt und auch unterschiedlich trainiert und auf Training reagiert. Dies gilt auch für Daten von Instituten mit unterschiedlichen Untersuchungsmethoden und Schwellenkonzepten.