Olympia 2008 in Peking - WM 2009 in Berlin (Teil 2)

Die Vorbereitung hat bereits begonnen

 Die Belastungsbewältigung muss organisiert werden

2007-08-23-olympia-2008-wm-200923. August 2007 (Pöhlitz) - Leistungen, die Erfolge bei Olympia ermöglichen sind nur durch außergewöhnliche Belastungen, erprobte Trainingswege, ein klares trainingsmethodisches Konzept und eine optimale, offene Mitarbeit des Sportlers bei der wenn nötig auch flexiblen Realisierung des Vorhabens, zu erarbeiten. Die Erfahrung lehrt, das ein solches Anliegen nur gelingen kann, wenn in einem relativ dichtem Lehrgangssystem unter besten Bedingungen (ESSEN – SCHLAFEN – TRAINIEREN) die oftmalige Realisierung eines täglich zweimaligen, z.T. mehrstündigen Trainings – einschließlich der erforderlichen Regenerationsmaßnahmen – organisiert ist. Eine wiederholtes Training über 3 oder mehr Wochen in mittleren Höhen (~2000 m oder mehr), Gipfelbelastungen unter Reizklimabedingungen erfordern Erfahrung und die Begleitung durch ein TEAM. Dies unterstützt durch ein System der Belastungsobjektivierung (HF, Laktat, CK o.ä.) die Trainingssteuerung, eine optimale sportmedizinischen Versorgung, eine belastungsabhängige Ernährung und damit die praktische Realisierung von „Bestlösungen“ im Training im Vergleich zu den Vorjahren. Sie müssen in solchen Phasen möglichst oft wissen, ob das realisierte Training auch die gewünschte Wirkung hatte, ob Sie „getroffen“ haben oder nicht.

Nutzen Sie noch mehr als bisher die Olympiastützpunkte,
sie sind für eine erfolgreiche Vorbereitung auf Olympische
Spiele geschaffen worden.

Es gilt also die notwendige Belastung nicht nur aufzuschreiben, sondern es ist auch erforderlich die möglichen Wege zu ihrer Realisierung rechtzeitig zu organisieren. Auch hier darf es im Olympiajahr keine Nachlässigkeiten, keine Experimente und keine Zufälle geben! Bedenken Sie auch, dass sie im Schnee zu Hause über längere Zeiträume die Pläne auf keinem Fall realisieren können. Unsere Gegner trainieren in dieser Zeit nicht langsamer, nur weil in Deutschland Winter ist!

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Achtung: Jeder hat seine Schwäche(n)!

In einer Olympiaanalyse von Ralf Beckmann (Teamchef Schwimmen bei den Olympischen Spielen 2004 – in Leistungssport 1/2005 – S. 52) finden wir Schwächen / Defizite von Olympiateilnehmern (!), die ergänzend zusammengestellt sicher auch für Läufer und Geher vorbereitend auf die Höhepunkte 2008 und 2009 in ein Ausbildungsprogramm „Erziehung“ aufgenommen, nicht falsch wäre:

  • Ess- und Trinkverhalten (trotz umfangreicher Aufklärung)
  • Gestaltung / Nichtgestaltung von Ruhe- und Schlafzeiten
  • unzureichende Eigenverantwortung, Selbständigkeit und Eigendisziplin
  • Ablenkungsbereitschaft, auch bis kurz vor den Rennen (z.B. „Problem Handy“)
  • Vorbereitung auf Umgang mit den Medien (z.B. Flash-Interviews unmittelbar nach den Rennen)
  • Realistische Erwartungshaltung (die der Sportler, Trainer und „Externer“), aber auch eine Zielstellung, die über die Teilnahme bei Olympia hinausgehen muss
  • Bereitschaft zur Leistung (Willensqualitäten, Steigerungsfähigkeit)
  • Bereitschaft zur Inanspruchnahme von Psychologen

Das Zwischenwettkampftraining muss optimiert und organisiert werden

In den Wettkampfabschnitten muss der weiteren Optimierung des Zwischenwettkampftrainings eine große Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Hauptaufgabe besteht in der Sicherung eines möglichst hohen Basisniveaus bis zu Beginn der UWV und die Stabilisierung der wettkampfspezifischen Ausdauer über den Qualifikationszeitraum. International konnte man in den letzten Jahren beobachten, dass 3-4 Wettkämpfe innerhalb 10-14 Tagen mit einem 10-14 tägigem (oder auch mehr) Zwischenwettkampftraining – oft auch in der Höhe – verbunden wurden. Neue Erfahrungen gewinnt man nur durch rechtzeitiges „üben“, vielleicht nutzen sie dazu eine von ihnen selbst konzipierte Hallensaison. Beobachtungen bei wichtigen Wettkämpfen lassen den Schluss zu, dass die deutschen Läufer nur in Einzelfällen standardisierte Vorbelastungen einsetzen. Auch hier sind Reserven zu erschließen.

Sie sollten sich einen Psychologen leisten, der Kopf gibt die „Befehle“

Im Verlaufe des Jahres haben wir in einer Fortsetzungsreihe über die besondere Bedeutung der mentalen Fähigkeiten, der Überzeugungen und des Selbstvertrauens für Erfolge in wichtigen Wettkämpfen hingewiesen. Vergessen sie deshalb nicht frühzeitig die Hilfe eines Psychologen ihrer Wahl zu nutzen und bedenken sie, dass Selbstvertrauen vor allem mit erfolgreichen, hochklassigen wettkampfspezifischen Trainingseinheiten aufgebaut werden kann! Auch der Kopf muß trainiert werden, ab sofort! Die Prüfungen werden aber im Wettkampf bestanden. Voraussetzung ist neben der Leistungsfähigkeit, die subjektive Leistungsbereitschaft des Sportlers, die auf früheren Erfahrungen, Erfolgen, Misserfolgen, seiner Intelligenz, Angst, Motivation, Anstrengungsbereitschaft und dem Anspruchsniveau im Hinblick auf den bevorstehenden Wettkampf basiert. Wesentlichen Einfluß auf diese außerordentlich wichtige psychologische Eigenschaft haben das private und sportliche Umfeld, der führende Trainer, der Bundestrainer und der „Lebenspartner“. Vor und im Training muss vor allem nicht der Kopf wehtun, sondern es muss „Spaß machen schnell zu laufen, grenzwertige Belastungen erfolgreich zu bewältigen, um danach sehr zufrieden nach Hause zu gehen und die Freizeit zu genießen. Trotz der Bedeutung der Aufgabe sollten sie sich ihre mentale Ausgeglichenheit erhalten.“

Leistungsausprägung – Transformation – Tapering

Erfolge oder Misserfolge bei Wettkampfhöhepunkten werden oft in den letzten 10 -14 Tagen vor dem Wettkampf „produziert“. Der Umsetzung des absolvierten grenzwertigen Trainings in diesem Zeitraum durch Körper und Geist in die Wettkampfleistung kommt deshalb eine außerordentliche Bedeutung zu und erfordert entsprechende methodische Schritte. Leistungstransformation ist individuell und beruht auf Erfahrungen und „Experimenten“.

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Sammeln sie deshalb weitere Erfahrungen mit der Leistungsausprägung. Es ist die Phase der weiteren Intensivierung zum Wettkampf hin bei zu reduzierender Gesamtbelastung (Superkompensation). Zuviel Ruhe tut aber der Leistungsausprägung auch nicht gut. Aber die Energiespeicher werden geladen und die „Spritzigkeit“ durch verstärkte (erprobte) regenerative Maßnahmen zurückgeholt. Die Verallgemeinerung individueller Bestlösungen ist auch für sie der Weg. Dazu analysieren sie alle Wettkämpfe ihres Athleten die in der Vergangenheit zu sehr guten Ergebnissen und zu persönlichen Bestleistungen führten und leiten daraus ein für sie zu praktizierendes „Schema“ ab. Dazu sollten sie mindestens das Training (einschließlich begleitender Maßnahmen) der letzten 10-14 Tage vor solchen Höhepunkten vergleichen und besonderen Wert auf die Gestaltung der letzten 3-4 Tage vor dem Wettkampf legen. Es gibt genügend Wettkämpfe zu „Versuchszwecken“. Wagen sie auch einen Blick über den Zaun. Vergessen Sie nicht bei Wettkampfserien (VL, ZWL, HF, F) ihren Athleten täglich „zu bewegen“. Raus aus dem Bett, morgens und abends ein kleines Läufchen, Gymnastik, ein paar Steigerungen und ablenken, lassen sie sich etwas einfallen.

Einige Worte noch an die Athleten

Olympische Spiele sind kein Dorfsportfest

12. IAAF Leichtathletik Weltmeisterschaften berlin 2009Das Besondere Olympischer Spiele spürt man nur vor Ort. Auch wenn man schon bei einer EM oder WM war, „Olympia“ ist alles zusammen. Da sind sie alle, die Großen dieser Welt, eine unvergleichliche Atmosphäre, vielleicht erstmals das Leben im Olympischen Dorf, das übertrifft alles bisher erlebte. Hoffentlich auch in Peking. Es beginnt schon mit dem besonderen Empfang am Flughafen, der Presserummel beginnt, man hat das Gefühl es gibt mehr Journalisten, Organisatoren und Funktionäre als Athleten. Hoffentlich bist Du darauf gut vorbereitet. Einzug ins Dorf, am besten Du gehst erst einmal davon aus, das es anders ist als zu Hause. Aber wie? Sei auf alles vorbereitet. Mach am besten erst einmal ganz in Ruhe einen Rundgang, damit Du sicher bist wo Dich Deine Wege in den nächsten Tagen hinführen. Möglicherweise ist Dein Bett nicht wie erhofft, zu kurz, zu weich, zu ..., im Notfall kommt die Matratze auf den Boden. Beim Frühstück sitzt Du vielleicht direkt neben Olympiasieger XYZ und er ist so normal wie Du, beim Abendspaziergang triffst Du sie alle, die 2,15 m großen Basketballer, die kleinen muskelbepackten Gewichtheber, die Schwimmer, Turner, Leichtathleten, auch in ihrer Heimattracht, auf der Suche nach tollen Pins, oder die, mit denen Du morgen um den Einzug ins Finale kämpfst. Du bist zwar optimal vorbereitet, glaubtest Du zumindest noch im Flugzeug, aber nun bist Du da, das krippeln hat begonnen und es wird von Tag zu Tag mehr. Hoffentlich wirst Du parallel dazu nicht jeden Tag ein Stück „kleiner“. Alle wollen ins Finale, jetzt spürst Du plötzlich den richtigen Druck, so war es noch nie, es wird Ernst. Nur wenn Du auch unter diesen Bedingungen noch da ganz oben hin willst, hast Du Chancen sie alle zu besiegen. Du musst es wollen und alles dafür tun. Du bewältigst alle scheinbar negativen Probleme leicht und hast nur die eine Aufgabe, wie bewältige ich meine sportliche Aufgabe erfolgreich. Du weißt, das Glas sollte immer halb voll sein, auch wenn der Vorlauf scheinbar nicht erfolgreich werden kann. Erst im Ziel wird abgerechnet, Du bist doch sehr gut vorbereitet. Vertrau Dich voll dem Trainer an, der für Dich zuständig ist, auch wenn es nicht Dein Heimtrainer ist. Es können ja nicht alle akkreditiert werden. Rufe auch nicht ständig zu Hause an ob Du das eine tun oder das andere besser lassen sollst. Vor Ort muss entschieden werden, rechne damit, dass dies von China aus vielleicht schwierig wird.
Die Ernährung ist wichtig (auch in fremder, ungewohnter Umgebung, keine Hausmannskost, aber Du musst ausreichend essen, zumindest bis zu Deinem Wettkampf), ausreichender Schlaf, Disziplin, die Konzentration auf das Ziel, für das Du mehrere Jahre gearbeitet hast. Du musst nicht glauben, das Du etwas verpasst, wenn Du nicht in der Disco jeden Abend dabei bist.
Olympische Bewährung hattest Du Dir doch zu Beginn der Vorbereitung im letzten Jahr vorgenommen. Jetzt gilt´s. Vielleicht hast Du nur einmal im Leben die Gelegenheit, vielleicht kannst Du, willst Du eine Medaille. Die hast Du im ganzen Leben, eine Medaille bei Olympia zählt. Dafür hat sich das ganz Training, die ganzen Entbehrungen, die „Schinderei“ gelohnt. Sie ist nur aller 4 Jahre möglich, beim größten Sportfest der Welt! Und sie wird Dich noch lange begleiten, auch wenn Du schon lange Deine Brötchen mit einer anderen Aufgabe verdienst. Viel Erfolg!

Noch eins zum Schluss: wenn Du zu den Youngstern gehörst, von Deiner Ausgangsposition her Sensationelles gar nicht zu erwarten war, es zu dem Ergebnis, was vor allem die Medien oder Dein Umfeld, dein Landesverbandspräsident, erwarteten, nicht gereicht hat, Du aber alles gegeben hast, vielleicht eine persönliche Bestleistung aufgestellt hast, Kopf hoch, das Leben geht weiter, es kommen neue schöne Wettkampferlebnisse. Bei den nächsten Höhepunkten wird es besser. Aber nutze die Zeit, Augen auf, nimm alles auf, was Dir für Deine weitere Karriere nützlich sein könnte.
Auf den Trainingsplätzen triffst Du die Großen der Läuferwelt, dort kann man sich viel abgucken, dazulernen, um es für die nächste Olympiavorbereitung zu nutzen. Erfahrung sammeln heißt zugleich die kostbare Zeit vor Ort auch zu nutzen. Vielleicht reicht es schon beim nächsten Mal für eine Medaille.

Olympische Spiele und Gefahren

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Die Gesundheit ist die wichtigste Voraussetzung in einer solchen Vorbereitung. Deshalb sollen einige Erfahrungen zur Ernährung und Verhalten in Trainingslagern im Ausland, aber auch im Vorfeld von Olympia in Peking und Umgebung oder auch im olympischen Dorf helfen, den Erfolg zu sichern:

  • Vor der Abreise, besser vor der UWV, vor der Höhe, Infektionsherde, auch an Zähnen (Röntgenkontrolle) und Entzündungen, z.B. der Nasennebenhöhlen, Blinddarm, ausschließen. Auch rechtzeitig prüfen welche Impfungen sinnvoll wären.
  • Bei der Anreise lauert die erste Gefahr im Flugzeug. Klimaanlagen sind nicht nur oft zu kalt, sondern verbreiten auch Krankheitserreger. Vergessen sie nicht bei langen Flügen ordentlich Flüssigkeit zu sich zu nehmen und hin und wieder einen „Spaziergang“ zu machen.
  • „Gekocht, gebraten, geschält oder vergessen!“
    Speisen sollten immer nur gekocht, gilt auch für Gemüse, gut durchgebraten oder Obst geschält gegessen werden. Vorsicht auch bei „nicht ganz frischen Fisch“, aber wer weiß heutzutage was frisch ist.
  • Eine besondere Gefahr geht von Salaten aus, weil man nicht weiß wie gut sie gewaschen sind.
  • Keine „offenen“ Getränke! Trinken Sie nur abgekochtes Wasser oder Flüssigkeiten aus gut verschlossenen Behältnissen, niemals Wasser aus der Wasserleitung, auch zum Zähneputzen und zum Waschen von Obst und Gemüse nur abgekochtes Wasser verwenden! Oft werden Fruchtsaftgetränke (Orangensaft o. ä.) zum Frühstück aus Konzentrat und Leitungswasser hergestellt. Bedenken Sie, dass Einheimische in dieser Hinsicht immun sind, aber Sie nicht.
    Vermeiden sie durch Umsicht und Aufmerksamkeit Magen-/Darminfekte oder Durchfallerkrankungen
  • Lassen Sie ihre offenen Getränke nicht unbeaufsichtigt stehen, zum Beispiel um Essen nachzuholen oder in nicht verschlossenen Wohnräumen. Es besteht die Gefahr der Verunreinigung durch „andere“, z.B. auch mit Dopingsubstanzen.
    Gefahr kann auch von Eiswürfeln und Speiseeis ausgehen, wenn sie mit Leitungswasser produziert wurden oder wenn, wie oft im TV berichtet, in den Produktionsräumen die hygienischen Anforderungen nicht erfüllt werden.
  • Nehmen Sie keine Nahrung auf Märkten oder an „offenen Ständen“ zu sich.
  • Vorsicht vor Infektionen, auch durch Insekten (Insektenabwehrmittel mitführen).

 

Weitere inhaltliche Details zur Olympiavorbereitung finden Sie in unserem Beitrag (Archiv) Optimismus, Leidenschaft, aufopferungsvolle Teamarbeit sind ein Weg – Teil 4: Aufgabenkatalog zur Leistungsoptimierung – (vom 20. September 2006).

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Wir wünschen allen viel Erfolg

 


Foto: offizielles Logo der " 12. IAAF Leichtathletik Weltmeisterschaften berlin 2009 "