Olympia 2008 in Peking - WM 2009 in Berlin (Teil 1)

Die Vorbereitung hat bereits begonnen

„Man ist entweder Teil der Lösung oder Teil des Problems“
Michael Gorbatschow

2007-08-22-olympia-2008-wm-200922. August 2007 (Pöhlitz) - Das Januarheft 2005 der Zeitschrift Leistungssport beschäftigte sich ausführlich mit der Analyse der Olympischen Spiele 2004 in Athen und kommt bei Würdigung der Sieger und Medaillengewinner zu dem Ergebnis „Die deutsche Olympiamannschaft ist mit einer hohen Erwartungshaltung und vielen Vorschußlorbeeren versehen in Athen an den Start gegangen. Das erzielte Gesamtergebnis kann aus deutscher Sicht nicht zur Euphorie veranlassen“. Von TSCHIENE/NICKEL wurde damals einleitend darauf hingewiesen, dass bereits erste spürbare Konsequenzen für den Spitzenbereich gezogen wurden (Förderkonzept des DSB 2012, Stützpunktkonzept, Top Team Athleten 2008), aber auch, dass das brüchige Fundament der Nachwuchsbasis dem Spitzensport nur soviel Zukunft ermöglicht, wie es ihm gelingt Talente zu entdecken, diese zu fördern und systematisch zu entwickeln.

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11 Monate vor Peking 2008 hilft dafür kein Rückblick, keine Vergangenheitsbewältigung, kein Nachwuchskonzept. Vielmehr sollen auf der Grundlage hilfreicher Analysehinweise von damals und trainingsmethodischer Prinzipien hier schwerpunktmäßig für den Bereich Lauf / Gehen die in der verbleibenden kurzen Zeit die vorrangig zu lösenden Aufgaben nochmals kurz zusammengefasst werden. Eins kann auf der Grundlage der Ausgangsposition 2007 schon heute festgestellt werden: zur Euphorie wird es auch nach Peking für Deutschlang keinen Grund geben. Eine realistische Einschätzung im Vorfeld (auch U18-, U-20, U-23) eine Konzentration der Kräfte und eine möglichst optimales Training sind erforderlich, wenn sich die Enttäuschungen in Grenzen halten sollen. Die angesagte Strukturreform im deutschen Sport ist in der Praxis bisher nicht angekommen, Veränderungen nicht zu beobachten. Die Verantwortung für das letzte Jahr liegt deshalb ausschließlich in der Führungskraft des DLV und in der Arbeit der Trainer vor Ort. Wunder sind in den restlichen Monaten nicht zu erarbeiten! Es gilt besonders für den Bereich Lauf / Gehen nach einer kurzen Phase der „Besinnung und Erholung“ aufzustehen und anzufangen, mit Optimismus an die Arbeit zu gehen, mit ordentlichem Training, Konzentration auf die Aufgabe ist in einem Jahr eine ganze Menge möglich.

Eine Konzentration auf die wenigen Besten ist sicher nicht der falsche Weg!
Dazu ein Schwerpunkt: den Nachwuchs für 2012 schneller heranführen.

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Unser Leitspruch von Michael Gorbatschow kann für alle erst nach „Olympia“ oder auch nach der WM in Berlin überprüft werden. Dann sollte jeder für sich entscheiden, ob er Teil der Lösung oder Teil des Problems war.

Die Bedeutung der Olympischen Spiele 2008 und der WM 2009 im eigenen Land, nicht nur für Trainer und Sportler, sollte möglich machen, dass für jeden Sportler rechtzeitig ein individuelles, wirksames Konzept mit ihm, durch das ihn begleitende Team (z.B. Bundestrainer, Heimtrainer, den Sportler selbst, Arzt, Physiotherapeut, Ernährungsberater, Psychologe, die begleitende Trainingswissenschaft) erarbeitet wird, deren Umsetzung möglichst bald, am TT.MM.JJJJ beginnt! Wichtig ist also nach einer entsprechenden Regenerationsphase (ÜP) rechtzeitig mit dem neuen Leistungsaufbau zu beginnen, damit in keiner Phase der Vorbereitung außergewöhnlicher Druck, Hektik, Unsicherheit innerhalb des programmierten Vorbereitungssystems entsteht. Bedenken Sie beim festzulegenden Leistungsziel auch, dass sich in den letzten Jahren international eine sehr dynamische Leistungsentwicklung vollzogen hat, die Leistungsdichte in allen Laufdisziplinen enorm zugenommen hat und die individuellen Leistungssprünge in Olympiajahren immer besonders groß sind. Auffällig war in den letzten Jahren auch, dass es auch die afrikanischen Läufer (besonders Äthiopien) immer besser verstanden haben sich zielgenau auf die Jahreshöhepunkte vorzubereiten. Bevor Sie mit der Planung beginnen denken sie auch noch einmal darüber nach welche Ursachen in der Vergangenheit bei ihrem Athleten wesentlichen Einfluss auf seine Leistungsentwicklung hatten oder sie verhinderten. Trotzdem bleibt´s dabei: der Plan muss realistisch sein!

Ab 1.September z.B. sind es noch 343 Tage bis zur Eröffnung der OS, d.h. es sind „nur“ noch 11 Monate bis zum „erfolgreichen Auftritt“, einschließlich der zu planenden zwischenzeitlichen wichtigen Regenerationsphasen, der Qualifikationswettkämpfe, einer möglichen UWV, der Höhentrainingslager, der Leistungsdiagnostiken, sportmedizinischen Kontrolluntersuchungen, der psychologischen Begleitmaßnahmen, und und und... Da bleibt eigentlich keine Zeit für Urlaub, Weihnachtsfrei oder Osterfeiertage. Haben Sie sich eigentlich schon Gedanken gemacht über das Partnertraining, an Wochenenden, in gemeinsamen Trainingslagern? Organisieren Sie wenigstens zeitweise Training mit Besseren! Vor allem in Trainingslagern kann man sich ganz auf die Aufgabe konzentrieren.

Keine Experimente im Olympiajahr

Für alle Athleten, die relativ sicher die Olympiaqualifikation im Auge haben sollten gilt, dass das individuelle Belastungssystem in den letzten Jahren erfolgreich erprobt wurde und keine größeren Experimente eingebaut werden. Wenn das vorolympische Jahr ein „Umfangsjahr“ war sollte das Hauptaugenmerk auf die Steigerung von Quantität und Qualität des disziplinspezifischen Trainings gelegt werden. Diese Aufgabe erfordert aber zwingend die konditionelle Basis, die spezifische Belastbarkeit, die Kraftvoraussetzungen, die Motorik und die individuelle - aerobe Schwelle und die VO2max in Abhängigkeit von der Spezialdisziplin von September bis etwa Mitte April so zu qualifizieren, das die notwendigen Leistungsgrundlagen nicht nur für die geplante Leistung geschaffen sind, sondern auch um in der Wettkampfsaison Spitzenleistungen möglichst stabil abrufen zu können. Lassen Sie sich davon auch nicht z.B. durch eine Hallensaison oder andere Wettkämpfe abhalten, die sie trotzdem durchführen sollten. Es ist nicht gut sich zu lange Zeit nur im niedrigen oder mittleren Intensitätsbereich zu bewegen. Es ist auch wichtig, dass der Kopf der Athleten für alle Aufgaben innerhalb einer Olympiavorbereitung frei ist. Schließen Sie für ein, besser für zwei Jahre alle Baustellen und alle individuellen „Nebenkriegschauplätze“!

Auch die WM-Vorbereitung hat bereits begonnen

Eine besondere Problematik kommt auch auf die jungen, schon leistungsstarken Athleten zu, deren Zeit eigentlich erst mit den Weltmeisterschaften 2009 im eigenen Lande beginnt, die aber schon mehrfach entsprechende Leistungsnachweise erbracht haben. Bei Nominierung sollten sie sich keinesfalls nur darüber freuen, dass sie mitgenommen werden.
„Ich kann mehr als nur im Vorlauf ausscheiden, dies will ich beweisen, eine ordentliche persönliche Bestleistung ebnet mir den Weg“. Das muss die Devise sein. Besser kann man sich nicht auf die WM 2009 und auf den weiteren Weg in die Weltspitze vorbereiten! Ihre trainingsmethodische Aufgabe besteht 2008 im Gegensatz zu den „Alten“ in einem weiteren komplexen Belastungsaufbau, in deren Mittelpunkt Umfang und Intensität gleichermaßen weiter systematisch zu erhöhen sind und nebenbei auch noch weiterhin an einigen noch offenen Baustellen zu arbeiten ist. Ein Tipp: verstärken sie aber neben ihrem Voraussetzungstraining gleichzeitig die physiotherapeutische Begleitung!
In diese Aufgabe sind auch Überlegungen einzubeziehen, wie das aus anderen Sportarten (Skilanglauf, Eisschnelllauf) erfolgreich praktizierte Gruppentraining Läufern und Gehern, wenn möglich mehrfach in der Höhe, für ein schnelleres Entwicklungstempo hilfreich sein könnte. Fangen Sie damit am besten gleich an.

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Nicht auf die Winterwettkämpfe verzichten,
nicht zu weit von der Wettkampfgeschwindigkeit entfernen

Sie haben bestimmt auch schon die Erfahrung gemacht dass das Wintertraining nicht nur über die Leistung an sich sondern auch über die Wettkampfstabilität im Sommer entscheidet. Die Gestaltung der „Winterwettkämpfe“ sollte von der Spezialdisziplin abgeleitet, vor allem dem Ziel dienen, die bis Januar erarbeitete Leistungsfähigkeit zu überprüfen, zeitweilig möglichst wettkampfnah zu trainieren, eine erste Leistungsausprägung im Sinne eines „Geschwindigkeitsgipfels“ zu gestalten, um die notwendige Sicherheit für das funktionieren des trainingsmethodischen Vorgehens für die VP II zu gewinnen. Hier soll aber auch die Erfahrung vermittelt werden eine solche Wettkampfserie so rechtzeitig (mit der 8.Woche) zu beenden, dass ausreichend ungestörte Zeit zur Realisierung der Aufgaben der VP II bleibt. Dies schließt ein, dass der Mai als ein wichtiger Trainingsmonat zu nutzen ist. Wenn man davon ausgeht, dass Läufer, die bei Olympia erfolgreich sein wollen, innerhalb ihrer Jahresvorbereitung schon mehrfach das Höhentraining genutzt haben, ist dies auch für das Olympiajahr zwingend. In die Überlegungen sollte auch einbezogen werden, ob auf der Basis individueller Erfahrungen die klassische Form der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung (UWV) zur Vorbereitung noch einmal genutzt wird, auch wenn die moderne internationale Wettkampfgestaltung in den letzten Jahren das System der UWV überholt hat.

Den Trainingsformen die die Wettkampfleistung bestimmen gilt das Hauptaugenmerk

Zunächst ist natürlich den Prinzipien zum vorrangigem Ausbau der individuellen Stärken und in den ersten Monaten des Jahres einem planmäßigen Anstieg vom allgemeinen zum speziellen Training Priorität einzuräumen. In einem intensitätsbetonten Jahr besteht aber die Hauptaufgabe in einer längerfristigen, optimalen Vorbereitung der Trainingseinheiten, die im Endeffekt die spezielle Ausdauer zunächst auf das für die angestrebte OS-Qualifikationsleistung erforderliche Niveau bringen. Vom ersten Tag des Jahres an, müssen alle Aktivitäten der Anpassung durch grenzwertige Belastungen in den Trainingseinheiten dienen, die innerhalb der Mesozyklen Schwerpunkt sind. Das setzt voraus, dass schon im mittleren Belastungsniveau (80 - 85 – 93 % v. L-Ziel) vorbereitend neue grenzwertige Belastungsumfämge realisiert werden. Diese „Basisarbeit weiter unten“ erfordert in der Regel einen doppelt so langen Zeitraum, wie die Entwicklung der wettkampfspezifischen Leistungsfähigkeit (> 93-105 % v. L-Ziel). Es muss in diesem Zusammenhang auch eine höhere Wirksamkeit der für die Leistung wichtigsten Trainingsformen (Streckenlängenaufbau, Pausen und Pausengestaltung, Regenerationstempo und – tiefe usw.) erreicht werden. Diese Aufgaben sind vor allem für die „schnellen Disziplinen“ unter frühzeitiger Einbeziehung auch des Unterdistanztrainings (Schnellkraft, Schnelligkeitsausdauer und Schnelligkeitstrainings) zu lösen.

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Dies erfordert selbstverständlich auch für die KZA- und MZA- Disziplinen ein entsprechend gutes aerobes GA – Niveau. Auch hier bestimmen die Trainingsreize – abgeleitet vom aktuellen Stufentest – die Schwellenentwicklung. Es wäre für sie vor allem wichtig die VO2max auf ein neues höheres Niveau zu bringen. Für die Langzeitausdauerdisziplinen sollte überlegt werden, ob nicht in den ersten drei Monaten schwerpunktmäßig Rückstände z.B. in der Fettstoffwechselbasis aufgearbeitet werden können.

Für Sportler, deren Höhepunkte 2009 und später liegen sollte das kommende Jahr als „Umfangsjahr in jeder Beziehung“ genutzt werden um die Basis für den nächsten Olympiazyklus so breit wie möglich zu legen.