Einblick in das Training der norwegischen Geher

von Stephan Plätzer - Trainer Lauf/Gehen in Norwegen

28. Februar 2007 (Plätzer) - Die wohl bekannteste Geherin Norwegens ist Kjersti Tysse Plätzer, die bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney über 20 km die Silbermedaille gewann, und zuletzt bei den Europameisterschaften Vierte wurde. Aber auch der 50 km Geher Trond Nymark hat sich mehr und mehr in der Weltspitze etabliert. Sein zweiter Platz beim Weltcup 2006 in La Coruna ist sein bisher größter Erfolg. Zudem zeigen seine vierten Plätze bei der WM 2005 und der EM 2006, dass dies durchaus kein Zufall war. Mit Erik Tysse (Kjersti’s jüngerer Bruder) hat sich in den letzen Jahren nun auch ein Geher über 20 km, und den Unterdistanzen 5 km (18:33 min) und 10 km (37:33 min), immer häufiger in den Spitzengruppen gezeigt. Seine 2006 Platzierungen, als Neunter beim Weltcup und Siebter bei der EM in Göteborg dokumentieren dies. Auch wenn Kjersti Tysse Plätzer bereits auf eine sehr lange erfolgreiche Karriere zurückblicken kann (als 14-jährige Elfte bei der EM 1986 in Stuttgart), so hat sie sich, genau wie Erik und Trond, doch erst ab der Saison 1998 wirklich in der Weltspitze festgesetzt. Mit unterschiedlichem Erfolg haben alle drei an den internationalen Juniorenmeisterschaften (JEM, JWM oder U23EM) teilgenommen, bevor sie sich bei EM, WM oder Olympia platzieren konnten (s. Tab 2).

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Tab 2: Platzierungen bei den großen Geherevents

Auch wenn diese drei Athleten noch so unterschiedlich sind, so sind in ihrem Training doch viele Gemeinsamkeiten zu erkennen.

Alle drei Athleten richten ihren Saisonaufbau ganz auf den Hauptevent aus. Von dort wird die Saison sozusagen „rückwärts“ aufgebaut. Eine weitere Gemeinsamkeit zeigt sich auch, dass alle drei, ähnlich, wie der vierfache Geherolympiasieger Korzeniowski, viele Wettkämpfe während der Saison bestreiten. Hierdurch sollen speziell die Wettkampfhärte und taktische Elemente geschult werden. Diese Wettkämpfe werden häufig als „normale“, intensive Trainingseinheiten in die Trainingspläne eingeflochten.

Alle Athleten haben in den letzten acht bis zehn Jahren zahlreiche Höhentrainingslager durchgeführt, und befinden sich im Verlauf einer Saison zum Teil ca. 100 Tage in der Höhe. Dies ist meiner Meinung nach für Ausdauerathleten auf diesem Niveau absolut notwendig. Ausnahmen gibt es natürlich immer, und wird es auch immer geben. Es ist aber sehr wichtig, dass, wenn man sich zahlreiche Tage in der Saison in Höhentrainingslagern befindet, man sich an diesen Orten 100% wohlfühlt. Die Tatsache, dass die drei norwegischen Athleten sich nicht an den gleichen Orten vorbereiten (Kjersti/Erik in Flagstaff/St. Moritz, Trond in Südafrika/Font Romeu), ist deshalb durchaus nicht überraschend. Trond meidet den Zeitunterschied nach Flagstaff, Erik und Kjersti haben damit kein Problem.

Der Einstieg in die Saison im Oktober/November verläuft ähnlich der Lydiard Philosophie, in dem fast zwölf Wochen/drei Monate nur im Grundlagenbereich gearbeitet wird. Die Umfänge werden nach und nach gesteigert, die Intensitäten sind niedrig, selten über 85% vom Leistungsziel. So soll gewährleistet werden, dass Grundlagen für die Leistungsentwicklung aus dem Fettstoffwechseltraining erarbeitet werden (Laktatwerte

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Trainingswoche 49/2006 Erik Tysse in Bergen/Norwegen

Im Winter (Dezember/Januar) erfolgt das erste Höhentraining (auch Skilager/Trond). Das Hauptziel in dieser Periode liegt weiterhin darin, soviel, wie nur möglich auf das Konto „Ausdauer“ einzuzahlen. Erst Mitte bis Ende Januar tauchen Einheiten im Fahrtspielbereich  (2-4-6-8-10-7-5-3-1 min mit 2’ Pause) oder mittlere Tempoläufe (1-3km) auf.
Alle (!!!) Trainingseinheiten werden mit Polar Herzfrequenzmessern durchgeführt, und viele Einheiten werden zusätzlich mit Hilfe von Lactate Pro Maschinen kontrolliert und dokumentiert. Diese Form von Trainingskontrolle, und das die Trainer zu 95% beim Training dabei sind, sind meiner Meinung nach die wesentlichsten Gründe, dass die Athleten den Weg nach oben geschafft haben.
Ziel ist es verletzungsfrei zu bleiben und sich von Krankheiten fernzuhalten. Bei allen Einheiten, die länger als 40 Minuten andauern, nehmen die Athleten während der Einheit Kohlenhydrate in flüssiger Form zu sich. Im Anschluss an das Training werden innerhalb der ersten 20 Minuten kohlenhydrat –eiweißreiche Energieriegel zusichgenommen. Besonders in Höhentrainingslagern wird auf die zusätzliche Eiweißzufuhr geachtet.

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Trainingswoche 07/2005,  Trond Nymark Höhentraining Dullstrom/Südafrika

Mitte bis Ende März, im Anschluss an das zweite Höhentrainingslager der Saison, steigen Kjersti, Erik und Trond häufig in die Saison ein. In den letzten Jahren konnten sie alle bei der von der IAAF im Jahre 2003 gegründeten IAAF Racewalk Challenge Erfolge vorweisen. Kjersti wurde 2003 Gesamtzweite, Trond 2005 Fünfter und Erik 2006 ebenfalls Fünfter.
Diese Wettkämpfe werden zum größten Teil aus dem Training bestritten und als gute Tempoeinheiten genutzt. Diese erste Wettkampfperiode erstreckt sich bis in den Juni. Mitte bis Ende Juni wird dann das dritte Höhentraining durchgeführt. Dieses meist vierwöchige Trainingslager bereitet den Hauptwettkampf vor. Es wird noch einmal versucht das „Konto“ Ausdauer wieder aufzustocken. Nur wenige Trainingseinheiten (2xWoche) liegen über 3 mmol/l oder im Bereich 90%-95% vom Leistungsziel. Während der gesamten Saison wird darauf geachtet, dass der Belastungsaufbau sich an der Geschwindigkeit orientiert und systematisch zur Zielgeschwindigkeit hinstrebt. Die Saisonumfänge liegen bei 6700km-Kjersti, 7500km-Erik und 9000km-Trond, verteilt auf 364 Tage.

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Trainingswoche 25/2006 Kjersti T. Plätzer Höhentraining St. Moritz/Schweiz

Am wievielten Tag nach der Höhe bestreiten nun aber die Athleten ihren Hauptwettkampf? Hierbei spielt die Erfahrung Einzelner mit dem Höhentraining eine entscheidende Rolle, denn es ist schwer, einen für alle gültigen Tipp abzugeben. Erik und Kjersti gehen ihren Hauptwettkampf mehr als vier Wochen nach dem Verlassen der Höhe. Trond hält sich mehr an 17-18 Tage nach der Höhe.
Es sollte zusätzlich auch erwähnt werden, dass jederzeit für eine möglichst schnelle Regeneration gesorgt wird, und dass alle drei Geher mehrfach in der Woche durch Physiotherapie/Osteopathie betreut/behandelt werden.

Zusammenfassend hier noch einmal Gemeinsamkeiten der norwegischen Geher:

  • Saisonstart mit mehrwöchigem Fettstoffwechseltraining (Puls und Laktatkontrolle)
  • „sehr nahe“ Betreuung durch den Trainer, bei ca. 95% aller TE
  • Aerobe Kraftausdauer (viele Kilometer in profiliertem Gelände)
  • Stabile Umfänge während der gesamten Saison
  • Höhentraining
  • Großer Anteil DL-km in mittlerer Geschwindigkeit 80%-85% vom Leistungsziel
  • Mehrfach mittlere (1-3km) und lange (4-6km) TL im Bereich 95-100% vom Leist.ziel
  • Regeneration
  • Flüssigkeitszufuhr während der Belastungen
  • Physiotherapie/Osteopathie