Norwegische Läufer und Geher in der Weltspitze

von Stephan Plätzer - Trainer Lauf/Gehen in Norwegen

Frank Möckel24. Februar 2007 (Plätzer) - Das norwegische Ausdauerathleten in den Wintersportarten eine führende Rolle einnehmen, ist sicher nichts Neues. Aber in der Sommersportart Leichtathletik? Sicherlich werden sich noch viele daran erinnern, dass man vor vielen Jahren mit Grete Waitz und Ingrid Kristiansen durchaus Ausnahmeathletinnen im Laufbereich hatte, und auch das Olympiagold 1996 über 800m ging durch Vebjørn Rodahl nach Norwegen.
In den letzten Jahren hat sich nun aber wieder etwas in Norwegen entwickelt, denn die Norweger hatten bei den Europameisterschaften in Göteborg mit Susanne Wigene die Silbermedaillengewinnerin über 10.000m, mit Kjersti Tysse Plätzer (20km Gehen) und Trond Nymark (50km Gehen) zwei vierte Plätze. Und mit Kjersti’s Bruder Erik im 20km Gehen der Männer auch noch einen siebten Platz. Also, durchaus eine erwähnenswerte Quote. Alle vier Athleten lieferten in der Saison 2006 absolute Weltklassezeiten ab. An die Tatsache, dass speziell das Gehen in den letzten Jahren/Jahrzehnten durchaus von europäischen Athleten, vor allen Dingen russischen Athleten, geprägt wird, hat man sich auch gewöhnt. Das hierbei auch immer mal wieder Geher/innen aus den südlichen Ländern Europas vorne mitmischen, ist eigentlich nichts ungewöhnliches. Aber das man in den letzten Jahren auch norwegische Geher/innen in der Weltspitze findet, ist vielleicht überraschend. Umso mehr, wenn man daran denkt, unter welchen Bedingungen diese Athleten gerade während der Herbst und Wintermonate trainieren. So gab es z.B. in der norwegischen Geherhochburg Bergen, ab dem 29. Oktober 2006, 84 (!!!) Tage in Folge Niederschläge. Und man sollte nicht vergessen, dass es in ganz Norwegen nicht eine Leichtathletikhalle gibt.

Dieser Beitrag versucht einen kleinen Eindruck zu vermitteln, was sich hinter diesen Ergebnissen an Organisation, System und Training, verbirgt. Wie trainieren, leben, erarbeiten sich diese Athleten ihren Weg in die Weltspitze, und wer unterstützt sie dabei?
Ein Blick auf das norwegische Sportsystem ist durchaus hilfreich, um zu erkennen, dass man in Norwegen durchaus sportartübergreifend zusammenarbeitet. An oberster Stelle steht mit dem Norwegischen Olympischen Komitee (Olympiatoppen) eine Organisation, die im Vergleich zu vielen anderen Nationen eine wesentliche Rolle im Trainingsalltag der Athleten, einnimmt. Sehr zentral wird hier vom Olympiastützpunkt in Oslo der Spitzensport gesteuert. Die besten Athleten Norwegens, gehören zwar ihren Verbänden an, werden aber auch direkt von Olympiatoppen unterstützt und betreut. So gibt es zur Zeit in Norwegen weder im Lauf, noch im Gehbereich, Bundestrainer. Olympiatoppen leistet neben der finanziellen Unterstützung für die Athleten (A+B Stipendien), auch in Bezug auf die Trainerfortbildung einen entscheidenden Beitrag. So finden z.B. mehrfach im Jahr Seminare für Ausdauer statt. Hier treffen sich Ausdauertrainer aller Sportarten, um Erfahrungen auszutauschen. Man versucht auch immer wieder verschiedene Sportarten während der Trainingslager am gleichen Ort zusammenzuführen. So waren z.B. der Kanuolympiasieger Erik Veraas Larsen, 5000m Läufer Marius Bakken, und das Gehergeschwisterpaar Tysse/Tysse Plätzer im letzten Sommer in St. Moritz. Oder Trond Nymark kehrte vor wenigen Tagen von einem Höhentrainingslager auf der Seiser Alm zurück. Sein Trainingspartner dort? Olaf Tufte, Olympiasieger von Athen im Ruder Einer. Olympiatoppen zieht also die Fäden, betreut, untersucht, führt Studien durch, und hat natürlich die volle Verantwortung für die Betreuung während der Olympischen Spiele. Athleten mit Kindern hilft man mit Au-pair oder Trainingslagerzuschuss, Physiotherapeuten reisen mit in die Trainingslager oder Ernährungswissenschaftler stellen Speisepläne auf. Auf Grund der vielen Erfolge in den Wintersportarten hat man natürlich gerade im Bereich des Höhentrainings viel Erfahrung. Der Weggang von Ørjan Madsen (jetzt Sportchef im deutschen Schwimmverband) war natürlich ein großer Verlust. Denn das Höhentraining ist fester Bestandteil der meisten norwegischen Ausdauerathleten, und auf Ørjan Madsen’s Höhentrainingsphilosophie griffen immer wieder viele Trainer/Sportarten zurück.

Olympiatoppen fordert die Verbände, Trainer und Athleten immer wieder heraus, das Optimale aus sich herauszuholen, neu zu denken, neue Wege zu gehen, und neugierig zu sein. Olympiatoppen’s  Hauptslogan: „Was trainieren und wie regenerieren die besten Athleten der Welt?“ Jeder Athlet der Spitzensport betreibt, trifft eine Wahl, und Olympiatoppen erinnert die Athleten zu jeder Zeit daran, welche Konsequenzen diese Wahl hat.
In Norwegen haben die Geher einen eigenen, sehr finanzstarken, Verband (NGF), der international zusammen mit dem Leichtathletikverband (NFIF) die Meisterschaften bestreitet. 1997 startete man in diesem Verband einen erneuten Versuch mit einem hauptamtlichen Trainer, etwas Grosses zu erreichen. Ohne Zweifel kann man zehn Jahre später stolz auf das Erreichte sein. Nicht nur die Ergebnisse der Athleten belegen dies, nein auch das im Trainerbereich ein Trainer für Olympiatoppen von 2001-2004 arbeitete, und einer dies seit 2006 tut, zeigt, dass man in Norwegen diese Kenntnisse sportartübergreifend nutzen will. Am Ende jeder Saison führen die Kaderathleten des Geherverbandes eine SWOT-Analyse (Englisch: Strength, Weakness, Opportunities, Threats) durch. Hierbei dokumentiert man Stärken, Schwächen, Möglichkeiten und Bedrohungen im Trainings/Wettkampfalltag. Diese Analyse ist die Grundlage für den Aufbau der neuen Saison, zusammen mit den Entwicklungsstufen für die Meisterschaften, das Training und die unterschiedlichen Entwicklungsräume (s. Tab. 1).

Frank Möckel
Tab. 1 Entwicklungsstufen am Beispiel eines norwegischen Gehers (20km/50km)

Die Tatsache, dass die Athleten schon früh gelernt haben, diese Dinge und klare Ziele in ihrem Training zu berücksichtigen, ist heute von großem Vorteil. Für alle gilt dennoch, egal ob Laufbereich oder Gehen: Es gibt keine Abkürzungen! Um konkurrenzfähig zu sein, gilt es ein mehrjähriges zweimaliges Training pro Tag und die dazu erforderliche Regeneration, durchzuführen. Olympiatoppen und die Verbände sorgen für die notwendigen Rahmenbedingungen. Der Athlet soll Athlet sein, der Trainer Trainer, und nicht Reiseführer oder „Saftmischer“.
Es gilt Qualität in jedem Bereich zu sichern. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr!

Bei einer Untersuchung gaben Norwegens Medaillengewinner als wichtigsten Grund für ihren Erfolg an, dass sie so dicht und häufig, wie nur möglich, von ihren Trainern betreut wurden. Sicherlich interessant, wenn man daran denkt, wie häufig man doch Athleten alleine, im Training oder auch in Trainingslagern, antrifft.