Es ist ein langer Weg bis zur persönlichen Höchstleistung (Teil 1)

KinderTraining - GrundlagenTraining - JugendAufbauTraining - AnschlussTraining - HochLeistungsTraining

19. Januar 2007 (Pöhlitz/Ring) - Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben für die da zu sein die schnell Laufen oder Gehen wollen. Unter diesem Gesichtspunkt soll in diesem Fortsetzungs-Beitrag der idealtypische Belastungsaufbau  mit den zu lösenden Aufgaben für eine sportliche Leistungskarriere zu einer möglichst langen erfolgreichen Zeit im Hochleistungsbereich beschrieben und Anregungen zur Verbesserung des Trainings gegeben werden.

Teil 1 Kindertraining

Die Entwicklung von Spitzenleistungen ist ein vieljähriger Prozess und sollte wenn irgend möglich bereits im Schüleralter (mit 11-12 Jahren oder früher) beginnen. Dabei scheint ein Durchlaufen der dargestellten Ausbildungsabschnitte unumgänglich.

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Die Praxiserfahrungen zeigen das talentierte Sportler, die erst später den Zugang zum Leistungstraining finden, aus anderen Sportarten zur Leichtathletik wechseln oder auch erst durch Scouts animiert z.B. ins Aufbautraining einsteigen, oft genauso erfolgreich sein können, wie langfristig aufgebaute Läufer oder Geher. Sie haben sich meist bestimmte Grundlagen in anderen Sportarten erarbeitet.

Phase des Lernens nach Aufgaben
Die besten Voraussetzungen haben aber diejenigen, die in der Zeit bis zur Aufnahme einer zielgerichteten Leistungsvorbereitung, der Phase des Lernens nach Aufgaben,  sich vielseitig, möglichst zeitintensiv sportlich betätigt haben ( eine „wilde Kindheit hatten“, Spieler, Schwimmer waren oder aus anderen Ausdauersportarten kamen oder sich auch parallel in zwei oder mehr Sportarten betätigt haben). Wem solche Talente „zulaufen“ oder durch Eltern, Sportlehrer bzw. Scouts zugeführt werden, sollte nach einer gründlichen körperlichen und Umfeld- Bestandsaufnahme als erstes einen Zweijahresplan aufstellen, der die Aufarbeitung von Defiziten und den Aufbau der in der Regel nicht vorhandenen spezifischen Voraussetzungen für das Laufen zum Ziel hat ( z.B. Laufen in Spikes, Lauftechnik, in bestimmten vorgegebenen, auch hohen Geschwindigkeiten (Tempogefühl), Wettkampferfahrung als Einzelkämpfer, muskuläre Voraussetzungen, um beim Wettkampf eine optimale Bewegungsstruktur über die Dauer der Strecke aufrechterhalten zu können, Fuß- und Fußgelenkskraft usw.).

Diese spezifischen Grundlagen müssen Sie schaffen, auch wenn zu Beginn ein schneller unerwarteter Leistungsfortschritt dies nicht als erforderlich scheinen lässt. Die Probleme ( Verletzungen, Schäden usw. ) treten in der Regel erst dann auf, wenn der gewünschte Leistungsfortschritt  eine  entsprechend höhere  Belastung ( z.B. tägliches Training ) erfordert. Die Spontaneität im Sporttreiben der letzten Jahre muss nun mit einem möglichst täglichem zielgerichteten  „Wie“ innerhalb der Ausbildung verbunden werden. Nachfolgend wollen wir die Phasen eines langfristigen Leistungsaufbaues (Abb.) kennzeichnen und charakterisieren, die vom Grundlagentraining an bis zum Hochleistungstraining durchlaufen werden sollten, damit im Erwachsenenalter der Einzelne seine persönlichen Möglichkeiten optimal ausschöpfen kann.

Foto: Ludwig Lutz

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Abb. Modell „Idealtypischer Verlauf eines langfristigen Leistungsaufbaus bis zum Hochleistungstraining“ © Lothar Pöhlitz

Kindertraining – Grundlagentraining

Talente entwickeln sich bei gleichem Training in einer Gruppe schneller als die anderen
Beim langfristigen Aufbau von talentierten Kindern  – es soll an dieser Stelle nochmals unterstrichen werden, dass wir über Talente für eine außergewöhnliche Leistungsentwicklung reden wollen, die in einer frühen Phase der „Spielleichtathletik“ erkannt wurden - entwickeln sich Talente bei gleichem Training in einer Gruppe schneller als die anderen. Deshalb müssen sie im Belastungsfortschritt auch immer anders bewertet und behandelt werden. Dabei unterscheiden sie sich nicht von besonders begabten Kindern einer Schulklasse, die rechtzeitig mit höheren Anforderungen konfrontiert zum Gymnasium oder einer anderen Spezialschule wechseln. Wir haben zu bedenken:

  • dass heutzutage Schüler – sogar „die vom Dorfe“ - nicht mehr die wilde Kindheit – Spiele bis zur Ermüdung / Steine werfen ins Wasser / Fangspiele usw. - von früher erlebt haben
  • wir meistens auch nicht mehr auf die Hilfen für die Grundausbildung aus dem Schulsportunterricht zählen können,
  • die Schüler oft erst mit 12-/13 Jahren zu uns kommen
  • wir eine Reihe nicht erlernter oder erfühlter Fähigkeiten ( wie Geschmeidigkeit, Koordination in der Körperwahrnehmung, vielseitige Bewegungserfahrungen, allgemeine Kondition, Gefühl für Krafteinsätze, Spielfähigkeiten usw. ) in der Ausbildung nachholen müssen.

Gute Qualität des Trainings braucht ausreichend Zeit
Dies ist nicht nur inhaltlich zu bedenken sondern braucht auch zusätzliche Zeit. Nur innerhalb einer ausreichend vorhandenen Trainingszeit können auch unsere Vorstellungen von einer inhaltlich guten Qualität des Trainings umgesetzt werden.

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Unter diesen Aspekten ist für uns Kindertraining als Vorstufe zum Jugendaufbautraining als eine Kombination von allgemeiner Grundausbildung (die eigentlich dieser Phase  vorgeschaltet bereits gut realisiert sein müsste, aber meist nicht durchlaufen, nachgeholt werden muss!) und Grundlagentraining (Lerntrainingsphase) als erste Etappe des dargestellten langfristigen Leistungsaufbaus behandelt werden muss. Dabei muss lernen immer mit üben und üben mit oftmaligen Wiederholungen verbunden sein.
Es ist die bekanntlich wichtigste Lernphase vor Beginn des Aufbautrainings, die gleichzeitig zur Herausbildung von Verhaltensweisen und Einstellungen gegenüber einem leistungsorientiertem Training  und dem Streben nach Leistungsfortschritt in Wettkämpfen genutzt werden muss. Aber lernen bedeutet üben, wenn möglich abwechslungsreich und mit Spaß verbunden. Besonders in diesem Altersabschnitt ist zu beachten, dass die Differenz zwischen kalendarischen und biologischen Alter bis zu 2 Jahren betragen kann und in diese Zeit Phasen mit besonderen Wachstumsschüben fallen können. Dies muss sich letztendlich im Training widerspiegeln.
Nehmen wir also einmal an es handelt sich um Kinder im Altersbereich zwischen 11-13/14 Jahren die auffällig schneller oder auch länger Laufen oder Gehen können als ihre gleichaltrigen Altersgenossen und die erforderliche Körperkonstitution für die Lauf- bzw. Gehdisziplinen haben oder erwarten lassen. Dann sind für möglichst homogen zusammengestellte Leistungsgruppen (gemischte Gruppen von Jungen und Mädchen sind in diesem Alter sehr sinnvoll) in einem etwa 2-3 jährigen GLT vor allem folgende Aufgaben / Inhalte / Ziele / Leistungsvoraussetzungen zu realisieren:

Erlernung bzw. Präzisierung der Techniken aller Übungen im Training

An die Spitze aller Aufgaben dieses Ausbildungsabschnittes ist die Erlernung bzw. die Präzisierung der Techniken aller im Training  ( bis einschließlich der ersten beiden Jahre des Aufbautrainings ) genutzten Übungen zu stellen. Auch der Ausprägung einer schon guten, wenn auch altersgemäßen, vom Ausbildungsstand der Kraft abhängigen Lauf – bzw. Gehtechnik, kommt eine große Bedeutung zu („Was Hänschen nicht lernt.....“ / das beste Lernalter nutzen!)
Techniktraining ist zugleich auch immer Koordinationsschulung, aber die Ausbildung der Koordination geht weit über das Techniktraining hinaus, weil eine hohe Koordinationsfähigkeit Voraussetzung  für ............viele Dinge ist, die auf den jungen Läufer / Geher demnächst zukommen.

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© Lothar Pöhlitz

Konditionierung auf eine spezielle vielseitige Ausbildung

- das Training ist neben einer allgemeinen vielseitigen Ausbildung mit dem Ziel einer möglichst umfassenden Konditionierung auch auf eine spezielle vielseitige Ausbildung mit dem Ziel des Aufbaus einer altersgemäßen speziellen Belastbarkeit (aller an der Lauf-/Gehbewegung entsprechend der Wettkampfanforderungen beteiligten Körperpartien, speziell der Beine, Füße und Becken/Hüftmuskulatur) auszurichten.
Dabei ist es in diesem Alter angebracht, die Aufgaben der allgemeinen vielseitigen Vorbereitung mit der speziellen vielseitigen Vorbereitung zu kombinieren, weil damit verhindert wird, das der spezielle Teil der Übungen innerhalb einer TE überbetont wird. Vielseitigkeit darf nie Ziellosigkeit heißen. In diesen  Aufgabenbereich fallen auch die Entwicklung der Koordinationsfähigkeit (Lauf-ABC) und der Flexibilität. Eine umfassende koordinative Ausbildung ist auch Basis für eine erhöhte Lernfähigkeit in den nächsten Jahren. Eine gute Geschmeidigkeit der Lauf- oder Gehbewegung mit optimaler Schrittgestaltung (Schrittlänge im Verhältnis zu den Körperproportionen -> Vortrieb) ist am Ende das Ziel.

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Der Beweglichkeitsentwicklung kommt in dieser Entwicklungsphase des Organismus eine  außerordentliche Bedeutung zu. Dabei sollte die Phase des „langandauernden Stretchings“ endlich  überwunden werden und die Gymnastik als Kombination von Dehn-, Pendel- und Lockerungsübungen mit dem Ziel der Erhöhung der Gelenkbeweglichkeit zum Zwecke der Schrittverlängerung vor dem Training über etwa 10 -15 Minuten – durch den Trainer kontrolliert-, durchgeführt werden. Dehn-, Pendel- oder Spreizübungen sollten vor allem der Vergrößerung der Bewegungs-/ Schwingungsweite in den Gelenken (auch im Fußgelenk) dienen.

Vielseitige, altersgerechte, ausbildungsabhängige Wettkampfteilnahme

- Eine vielseitige, altersgerechte, ausbildungsabhängige Wettkampfteilnahme und  deren systematische Vorbereitung. Dabei geht es um eine Überprüfung des Ausbildungsstandes, um Verdeutlichung des Leistungsfortschrittes, um Schaffung von Erfolgserlebnissen, um Bewährungssituationen, um positive oder auch negative Wertungen von Tests und  Leistungsentwicklungen. Es sollte aber nur das geprüft und anschließend sachlich  bewertet werden, was im Trainingsprozess vorher auch ausreichend geübt wurde! (Sprint, Hürden, Sprünge, alle Lauf-/Gehdisziplinen für diesen Altersbereich, vielleicht haben sie so eine starke Trainingsgruppe, dass sie im Winter an einer Basketballspielrunde, Mannschaftswettbewerben o.ä. teilnehmen können). Positive Verstärkungen sind vorrangig pädagogisches Mittel der Wahl, seltene Tadel sollten immer mit einem für den Sportler möglichen Ausweg verbunden werden.

Anspruchsvolle Form der Lauf- bzw. Gehtechnik - Erlernung der Techniken der gebrauchten Trainingsübungen

- Ausprägung einer bereits anspruchsvollen Form der Lauf- bzw. Gehtechnik, sowie die Erlernung der Techniken, aller in naher Zukunft gebrauchten Trainingsübungen, einschließlich der Techniken der geplanten alternativen Sportarten. Je besser die technische Ausführung von Übungen umso geringer ist später die Verletzungsgefahr und umso höher ist der Wirkungsgrad  der Trainingsbelastung. Eine besondere Bedeutung kommt neben der Lauf- / Gehtechnik der Erlernung technischer Abläufe des Sprints, einschließlich der Starttechnik und des Hürdenlaufs für die „schnellen Talente“ zu, damit sie auch bei Unterdistanz-Wettkämpfen erfolgreich sein können.

Foto: Daniel Deister, DLV

Schnelligkeits- und Schnellkraftausbildung  vor Ausdauer in diesem Altersbereich

- Auch wenn die konditionellen Fähigkeiten Ausdauer und Kraftausdauer nicht speicherbar sind und die Maxime gilt, dass in ihrer Bedeutung Schnelligkeits- und Schnellkraftausbildung  vor Ausdauer in diesem Altersbereich rangiert, kommt der Ausbildung der Ausdauer (auch im Umgang mit den Trainingsformen Dauerlauf, Fahrtspiel und Intervalltraining) von Läufern und Gehern eine wichtige Rolle zu. Vorrang sollten dabei nicht DL im „DL  Schlappschritt“ haben, sondern besser Läufe, die auch in ihrer Dauer im mittleren Tempo oder variabel absolviert werden können. Am Sonntag könnte mit einem „Erlebnislauf im Gelände querfeldein“ als alters- und ausbildungsabhängiger „Long Jog“ (mit schrittweiser Verlängerung - auch mit Gymnastikpausen) ihrem bisherigen Training eine neue Qualität angefügt werden. Wenn sie als älterer Trainer diese Aufgabe nicht selbst oder mit dem Rad begleiten können, findet sich sicher ein  Läufer/In aus ihrem Umfeld der/die diese dankbare Aufgabe übernehmen könnte.
Es sollte  im Jahresverlauf das Ziel verfolgt werden parallel die Geschwindigkeit mit kuren DL und die Dauer mit längeren langsamen DL zu entwickeln. Parallel zur Entwicklung der aeroben Basis sollen die Kinder gerade in diesem Altersbereich auch den Spaß am schnellen Laufen nicht vermissen müssen. Wenige kurze 100-150-200m - Programme in Richtung Unterdistanzleistungsfähigkeit oder Tempowechselläufe bis 200 m Länge mit langen Gehpausen sind dafür geeignete Trainingsformen.

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Auch für bereits früh erkannte „Langstreckler“ gilt das Prinzip: der Schwerpunkt muss immer   zuerst auf dem Ausbau der Stärken liegen, ohne den Abbau von Schwachstellen nicht auch zu betreiben. Insofern können ihre Strecken hin und wider etwas länger sein und auch bei Tempoläufen dürfen sie schon mal ein paar Läufe mehr machen (Erfolgserlebnisse gegenüber den „Schnellen“ schaffen, in der Gruppe deutlich machen, das es nicht die „schlechteren“ innerhalb der Trainingsgruppe sind) !  Basis für die Festlegungen ist immer der individuell, aktuelle Leistungsstand. Dem sich in diesem Alter herausbildenden Unterschied in der Belastbarkeit nach einem z.T. schon mehrjährigen Training ist auch hier durch Bildung von Leistungsgruppen gerecht zu werden, damit die Fortgeschrittensten nicht unter- und die „Schnellen“ nicht überbelastet werden.

Systematische Verlängerung der Trainingseinheiten

- Um die möglichst vielen Wiederholungen, die für Leistungsveränderungen in einer bestimmten Richtung erforderlich sind, auch schaffen zu können, müssen im Grundlagentraining die TE systematisch verlängert werden. Für 30 Minuten Dauerlauf lohnt der Weg zum Stadion oder Wald nicht! Deshalb sind in diesen Jahren in Abhängigkeit von den bereits absolvierten Trainingsjahren der Kinder, täglich kombinierte TE schon bis zu 120 Minuten zur Gewohnheit zu entwickeln. Gestalten sie diese Zeit wenn möglich so, dass die  Kinder „schade“ rufen, wenn die 2 Stunden um sind ! Darüber hinaus sollten sie überlegen, wie sie möglichst bald zur „täglichen Sportstunde(n)“ kommen, der Nachholbedarf ist doch auf Grund des unbefriedigenden Sportunterrichts in der Schule und der veränderten frühen Kindheit  beträchtlich.

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Beispiel für ein Talent-Grundlagentraining im 3.Trainingsjahr

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