Beweglichkeit, Stabilität und Kräftigung der Füße


Verletzungsmechanismen

28. Dezember 2006 (Dr.Dr.Gharavi) - Fast alle Verletzungen geschehen während der sogenannten exzentrischen Belastungsphase. Das ist jene Phase, in der der Muskel gegen seine Kontraktion gestreckt wird (z.B. Umknicken mit dem Fuß = Supinationstrauma). Die Verletzungen, die dabei auftreten. können sowohl am aktiven (z.B. Muskelfaserriss, Sehnenriss), als auch am passiven (Bänderriss, Knorpelschaden, Knochenbruch) System erfolgen.

Übungsauswahl

In der Literatur findet sich sehr viel Erforschtes über die Feuerungsaktivität der Fuß stabilisierenden Muskulatur während der Verletzung. Allerdings bleiben die Zweifel offen, inwiefern ein kräftiger seitlicher Unterschenkelmuskel in der Lage wäre, das Umknicken eines Fußes zu verhindern, wenn das Körpergewicht den Fuß in die Verletzung hineinzwingt. Daher konzentrieren wir uns im Aufwärmprogramm auf die Schulung der Körperschwerpunktführung. Dieser sollte, samt der entstehenden Kraftvektoren während der unterschiedlichen Beschleunigungsphasen (Start, Kurve, Abbremsen, etc.), sauber über der Unterstützungsfläche des Fußes geführt werden. Ähnlich der Fahrttechnik im Alpinski „offener Skischuh“.

Darüber hinaus sensibilisieren wir das neuromuskuläre System unserer Athleten, indem wir exzentrische Übungen (Verletzungsmechanismus!) betonen. Dadurch wird die Feuerungsaktivität der sprunggelenksführenden Muskulatur entsprechend geschult. Aus der Vielzahl an Übungen, sei hier die einfachste Variante zur Erläuterung des prinzipiellen Ablaufes beschrieben:

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Stellung 1 Stellung 2 Stellung 3 Stellung 4 Stellung 5

Stellung 1 : Schulterbreiter symmetrischer Stand
Stellung 2: Konzentrische Belastung beidbeinig oder nur mit dem gesunden Fuß.
Stellung 3: Belastung der verletzten Seite und
Stellung 4: Exzentrische Belastung mit Hauptgewicht (bis hin zu vollständig) auf der verletzten Seite.
Herablassen der Ferse bis
Stellung 5 / 1: Ausgangsstellung.

Diese Übungen wenden wir auch bei schweren Supinationsverletzungen des Fußes ab dem 2. - 3. Tag nach Verletzung an, sofern die Gelenkstabilität gewährleistet ist und Frakturen ausgeschlossen sind. Belastungsaufbau streng im Rahmen der Schmerztoleranz, die zu jederzeit respektiert wird. Übungen auf Kreisel und Wackelbrett sind ebenfalls zu begrüßen. Einbeinstand mit externem Störfaktor (Fangen und Werfen eines Balles in unterschiedlichen Höhen und Winkeln).

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Mediales Längsgewölbe
Quergewölbe

! Alle aktiven Übungen stärken das aktive System (nicht das Fußgewölbe! Das wird passiv getragen!) und schulen die propriozeptiven (Wahrnehmung über die Gelenkstellung) Fähigkeiten. Als kleine Übung für den Leser dieses Artikels: Ohne unter den Tisch zu blicken – stellen Sie Ihre Füße mit einem Fuß Abstand voneinander parallel auf, wobei der rechte Fuß um die Länge der Großzehe vor dem Linken steht. Nun sehen Sie nach. Bei guter propriozeptiver Fähigkeit stehen Ihre Füße tatsächlich parallel und der Rechte leicht versetzt vor dem Linken. Dazwischen passt ungefähr ein dritter Fuß.

Belastungsaufbau

Im Falle von Verletzungen, die die unmittelbare Vollbelastung nicht zulassen, halten wir jeden Athleten unbedingt auf Tuchfühlung mit seiner sportlichen Disziplin. Eine Trainingsabstinenz darf zum Wohle der Psyche des Athleten nie ausgesprochen werden. „Sportmediziner“, die kritiklos einen Sportler aus dem Sport nehmen, sind ihrer Verpflichtung als Sportarzt ab dieser Verordnung nicht gewachsen. Das Training geht nahtlos weiter ... lediglich angepasst an die Möglichkeiten des Verletzten mit einer klaren zeitlichen Zielsetzung zur Rückführung in den Wettkampf!

Hierzu ist das Wasser ein perfektes Medium. Aquajogging dient dem Erhalt der Ausdauer, Kraftausdauer und der kardiovaskulären Fitness und sollte behutsam im Verlauf der ersten Woche 'hochgefahren' werden.

Der technische Teil des Trainings (Skippings, Steigerungen, Drills, etc.) kann und muss (!) von Tag 2 – 3 nach der Verletzung voll ausgefahren werden, und zwar beginnend im brusttiefen Wasser. Die Wassertiefe wird dem Grad der Schmerzfreiheit angepasst und wird sukzessiv in flachere Bereiche des Beckens verlagert. So kann der Athlet alle Elemente des regulären Trainings im Wasser absolvieren, während er sich stets die Laufbahn mental vor Augen hält. Nach 7 Tagen finden die Trainingseinheiten teilweise dann schon barfuß auf Sand (Weitsprunggrube, Sandkasten / Kinderspielplatz) statt. Dann auf Rasen (Fußballplatz, Park, etc) und letztlich wieder auf der Bahn. Hierbei können die Medien jederzeit miteinander frei kombiniert werden und auf das subjektive Empfinden des Sportlers abgestimmt werden (z.B. Aufwärmprogramm auf Grass, Hauptteil auf Sand, Auslaufen im Wasser. Oder: Montag Grass, Dienstag Wasser, Mittwoch Sand, Donnerstag frei, etc.)

Besondere Wichtigkeit kommt hier dem Gangrhythmus zu, der wieder regelmäßig und symmetrisch ablaufen muss. Zunächst im Wasser und rasch folgend auf Land. Sobald der Gang rhythmisch ist, legen wir bei unseren Athleten der LG-Regensburg die Gehhilfen ab.

! Es ist unsere Auffassung, dass die optimale sportartspezifische Konditionierung des Bewegungssystems nur mit der jeweiligen Sportart passieren kann. Begleitende Übungen bestehen daher nur aus Phasen der Bewegung. z.B.: Treppenläufe, Skippings, Sprünge, etc. Das Fußgewölbe lässt sich nicht auf- oder abtrainieren, da es vornehmlich von passiven Strukturen gehalten wird. Wäre es anders, würden alle untrainierten Füße im entspannten Stand sich platt wie ein Kamelfuß dem Boden anschmiegen.

Lockerung / Entspannung

Eine Verletzung führt zur Freisetzung von Entzündungsmediatoren, die das Einschwämmen von Gewebswasser  in die Region der Verletzung bewirken. Dies spannt das Gewebe und hemmt gleichzeitig die Kontraktionsfähigkeit der Muskulatur. Letzteres ist ein Schutzmechanismus und im Grunde eine gute Sache. Unter kontrollierten Bedingungen wollen wir dennoch diese Kontraktionslust des Muskels nicht nur wecken, sondern erhalten. Dabei ist die Überbelastung der Muskulatur schnell erreicht, da diese (insbesonder die kleinen Fußmuskeln) unter höchster Alarmbereitschaft stehen, um den Fuß zu schützen und zu stützen, was eigentlich nicht ihre, sondern die Aufgabe des passiven Systems ist. Ein ähnliches Szenario findet sich bei intensivem Training, ohne akut sichtbare Verletzung, wieder.

Deshalb sind lockernde und entspannende Phasen essentiell für die aufstrebenden Füße. Dazu bedienen wir uns erneut des Wassers und schulen die Athleten in der Do-it-Yourself Fußmassage. Grundprinzipien sind: Verstärkung und Dehnung der Längs- und Quergewölbe. Lymphdrainage und Massage der Räume zwischen den knöchernen Strahlen. Triggermassage der Sehnen- und Bänderansatzpunkte am Knochen.

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von Dr. med. Dr. disc. pol. Homayun Gharavi,
Sportmediziner und Sportwissenschaftler, Direktor der DAASM,
Arzt der LG Domspitzmilch Regensburg (05/2006 - 10/2008)