Doping nein – Leistung ja

Unsere Top-Athleten brauchen aber Hilfe

2007-08-10-doping-nein_leistung-ja10. August 2007 (Pöhlitz) - Nun hat es auch Jolanda Ceplak erwischt – Epo! In Peking und sicher auch bei der WM in Berlin wird sie fehlen. Keiner aus der Leichtathletik sollte also auf den Radsport und den Skandal bei der Tour de France mit Fingern zeigen und frühzeitig jubeln. Gerade hat es wieder eine Prominente erwischt. Bis nicht auch hier weltweit richtig durchgegriffen wird bleiben noch zu selten welche im Netz mit den derzeit noch zu großen Maschen hängen. Ohne auszuschließen das auch bei uns alle sauber sind, „positiv - Meldungen“ sollten Keinen überraschen. Auch wenn die DLV-Anti-Doping-Aktivitäten präsent sind und auch Wirkung zeigen, sie schrecken ab und könnten international Vorbild sein. Das in diesem Zusammenhang nicht immer entgegenkommende Verhalten von Funktionären und auch Sportlern anderer Länder Deutschland gegenüber zeigt, das bis zum „sauber“ für alle noch ein weiter Weg ist.

 

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Wir wollen aber unterstreichen, dass mit Hochleistungstraining und den damit verbundenen Bedingungen auch ohne Dopingunterstützung Spitzenleistungen im Bereich Lauf / Gehen erreichbar sind. Die Leichtathletik Coaching-Academy möchte dazu einen Beitrag leisten.

Gegenwärtig muss eingeschränkt werden, dass Olympiasiege oder Medaillengewinne bei Weltmeisterschaften „ohne UM“ nur von außerordentlichen Talenten mit Bereitschaft zu „außerordentlichem Training“ (Hochleistungstraining) unter professionellen Bedingungen möglich sind und dies solange keine Waffengleichheit besteht. Würden weltweit alle unter gleichen, dopingfreien Bedingungen trainieren, könnten auch unsere deutschen Athleten in allen Disziplinen wieder um die Fleischtöpfe mit kämpfen. Das Können von Athleten, Trainern, Sportwissenschaftlern, Ärzten, von TEAMs die den Sportler begleiten, würde dann wieder mehr über die Leistungsfähigkeit der Sportler entscheiden. Weltrekorde würden Mangelware, die Spitzenzeiten gingen zurück, der Kampf um den Sieg wäre wieder vorrangig und Zuschauer und Fans, vielleicht auch die Medien – die sich offenbar in Unkenntnis der wahren Situation zurückgezogen haben - würden sich wieder mehr einer ehrlichen Leichtathletik zuwenden.

Ein Jahr vor Olympia 2008 muss man leider für die Leichtathletik folgende Situation konstatieren:
Das Dopingproblem in der Welt ist nicht gelöst, weltweit mangelt es an ausreichenden, ganzjährigen, zielgerichteten, für alle Länder gültigen Trainingskontrollen, vor allen in wichtigen Trainingsphasen. Dies bedeutet zugleich dass auch zukünftig nicht die Wettkampfkontrollen die Dopingpraxis einschränken sondern die „intelligenten“ Trainingskontrollen, vor allem in Phasen, in denen „die Leistung gemacht wird“.

Es gibt z.Zt. immer noch keinen Grund eines oder auch mehrere Länder bzw. auch Einzelathleten dabei namentlich hervorzuheben oder auch auszuschließen, weil keine genaue Übersicht (Offenlegung) darüber besteht, welche Spitzenathleten welcher Länder wann wo trainieren und wann sie auf welche Mittel kontrolliert wurden. Eine Vielzahl z.B. afrikanischer und asiatischer Leichtathleten verbringen Monate in europäischen „Camps“, in Japan, den USA, Australien, Marokko oder auch Quatar und werden unter der Leitung von Managern, Trainern, Ärzten, Apothekern, ehemaligen Top-Athleten und Sportwissenschaftlern vorbereitet. Die amerikanischen Leichtathleten kommen immer erst spät zu Wettkämpfen nach Europa und dies hängt nicht nur mit ihren Qualifikationswettkämpfen im eigenen Lande zusammen. Und sie verschwinden zwischendurch mehrere Wochen nach Hause „um sich dort auf den Jahreshöhepunkt vorzubereiten“. Auch die Sportler Kubas, Russlands und mehrerer ehemalig dazugehöriger Ostblock-Länder bereiten sich „unter Ausschluss der Öffentlichkeit“ in den verschiedensten Ecken des Landes scheinbar unbehelligt von Kontrolleuren vor. Dies beweisen immer wieder die ersten Wettkämpfe in der Saison zu Hause mit außerordentlichen Leistungen. Eine besondere Problematik für die deutschen Läufer leitet sich aus den vielen Weltrekordläufern und Olympiasiegern Kenias und Äthiopiens, die scheinbar wie Pilze aus der Erde schießen, ab. Sie stehen inzwischen im Dutzend an den Startlinien internationaler aber auch deutscher Events und es kommen fast „täglich“ neue dazu. Es wird noch nicht einmal in den Medien darüber spekuliert wie es wohl kommen mag. Auch die neueste Botschaft aus Äthiopien und Kenia ist zumindest interessant: 6 Wochen vor der WM bleiben die meisten Sportler im Land und es finden keine Auslandswettkämpfe mehr statt!

Das man auch bei den Wettkämpfen im Sprint fast nur noch „schwarz“ sieht und immer die gleichen Staaten SprinterInnen (bis 400 m) unter 10 bzw.11 sec. hervorbringen zeugt sicher nicht nur von hervorragenden Trainern und Talenten. Man darf doch wohl mal zweifeln dürfen. Da ist es auch nicht verboten als Trainer einmal zu fragen wie man solche Muskelproportionen überhaupt aufbaut, wie man in solcher Dichte derartige Wettkampfqualitäten abliefern kann, wie man 9,80 bei Männern oder auch 10,80 s bei den Frauen „erarbeiten“ kann.

„Ana Bolika“ hat immer noch zu viele Verehrer

2007-08-10-doping-nein_leistung-jaDurch den nachfolgenden Auszug aus dem Buch DOPING IN DER DDR von Giselher Spitzer (1998) soll aktuell noch einmal öffentlich gemacht werden (nicht nur den Fans der Leichtathletik, sondern auch Insidern und Funktionären) welche Vorteile durch Doping „unterstützte“ Sportler gegenüber „naturell – vorbereiteten“ Athleten haben können. Welche materiellen Vorteile aus solchen Leistungen erwachsen wissen alle am Prozess beteiligten selbst. Damit ist sicher auch nicht verwunderlich, dass Sportler und Funktionäre nicht nur aus den „armen Ländern“ leicht auch gesundheitliche Gefahren aus ihren Überlegungen ausklammern.
Auch wenn gegenwärtig durch die Tour de France und nun auch Jolanda Ceplak das Epo-Doping in aller Munde ist, soll mit diesen konkreten Beispielen – die nicht empirisch sondern durch „Experimente“ belegt sind, unterstrichen werden, das auch heute noch die Schnellkraftdisziplinen – wie es in der DDR hieß „trainingsunterstützende Mittel“ (UM) zur Verfügung haben. Der Begriff „uM“ wurde damals bewusst eingeführt, weil man zu Beginn dieses Prozesses nicht sofort begriffen hatte, dass Dopingmittel zur Leistungssteigerung in erster Linie eingesetzt werden „müssen“ um umfangreicher und qualitativ hochwertiger trainieren zu können. Damit wird auch deutlich, dass damals bei Wettkämpfen relativ Wenige erwischt wurden, schließlich hatte man ja für viel Geld in das Anti-Doping-Labor Kreischa investiert.

Dabei soll nicht einseitig die Schuld Richtung Osten geschoben werden, dafür gibt es zu viele Beispiele und Vermutungen auch über Verfehlungen im Westen. Konkrete Veröffentlichungen über Leistungsentwicklungsraten gibt es aber eben nur aus der DDR-Praxis, sie haben es auch noch selbst aufgeschrieben.

Bevor die konkreten Zahlen präsentiert werden, möchten wir nochmals unterstreichen, dass gegenwärtig saubere Sportler international ganz vorn kaum konkurrenzfähig sein können und den DLV und seine Landesverbände bitten baldmöglichst außerordentliche Anstrengungen zur Verbesserung der Trainingsbedingungen für unsere Talente im Hochleistungsbereich zu machen. Es sind Leistungen im Anschlussbereich zur Weltspitze (Endkampfchance) unter professionellen Bedingungen von Talenten auch ohne Doping möglich. Deshalb sollte nicht zuerst darüber diskutiert werden wo möglichst viel Geld für die Dopingbekämpfung herkommt, sondern gleichberechtigt darüber wo das notwendige Geld für die Zurverfügungstellung der Trainingsbedingungen (einschließlich Höhentraining) zu organisieren ist! Natürlich kann nur soviel verteilt werden wie zur Verfügung steht. Aber es gibt z. Zt. doch auch nur eine überschaubare Anzahl von Athleten die zum Hochleistungstraining bereit sind. Um in dieser Hinsicht konkret werden zu können sollte für alle einmal der Unterschied zwischen Leistungs- und Hochleistungstraining und seinen Zielen definiert werden.

Zum Stand der unterstützenden Mittel, auch u.M. genannt

Auszug aus einem Bericht von Dr. Manfred Höppner vom 3.3.1977 (Doping in der DDR - S. 379)

Der Verfasser des nachfolgenden Berichts Dr. Manfred Höppner war über viele Jahre im DTSB der DDR für die praktische Umsetzung der Doping-Konzeption verantwortlich und für die Realisierung, die Vorgabe und Vergabe (diese Präparate wurden durch Apotheken nicht vertrieben) an die  Sportclubs eingesetzt. Vom Vizepräsidenten des DTSB der DDR Horst Röder, wurde die jahrzehntelange Dopingpraxis in der DDR unter www.sport-ddr-roeder.de/kapitel_9_71.htm bestätigt:

„ Im Frühjahr 1989 hatte das Sekretariat des DTSB eine Antidopingrichtlinie beschlossen, die ungeachtet der damals erkennbaren Gefahr, dass sich international durch neue Mittel und Methoden (Wachstumshormone u.a.) eine weitere Ausdehnung der Dopingpraktiken andeutete, schrittweise umgesetzt werden sollte. Mir ist heute klar, dass dieser Beschluss viel zu spät erfolgte und dass er in seinen Konsequenzen noch unzureichend war. Mit der Einsicht und dem Wissen von heute möchte ich in keiner Weise versuchen, dieses dunkle Kapitel des Dopings im internationalen Sport und im DDR-Leistungssport klein zu reden oder gar zu rechtfertigen.“

Im Höppner-Bericht steht u. a.:

„Sportliche Spitzenleistungen oder ihre Weiterentwicklung ist durch alleinige trainingsmethodische Maßnahmen heute (1977) nicht mehr möglich. In Sportarten mit messbaren Leistungen lässt sich diese Tatsache durch Meter, Sekunden oder Kilogramm eindeutig nachweisen. In anderen Sportarten ist die Realisierung höherer Belastungen im Training ohne diese Mittel nicht möglich. Dazu einige wenige Beispiele.
Die Leistungen konnten mit Unterstützung dieser Mittel innerhalb von 4 Jahren wie folgt gesteigert werden (diese Entwicklungsraten waren in den vergangenen vorherigen olympischen Perioden mit reinen Trainingsmaßnahmen nicht möglich). Die bisherige Anwendung von anabolen Hormonen hat bei zahlreichen Frauen, insbesondere im Schwimmsport zu irreversiblen Schäden geführt“.

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Abschließend soll noch einmal unterstrichen werden: das Anliegen dieses Beitrags ist weiter aufzuklären. Gleichzeitig alle Verantwortlichen zu bitten über das bisherige Maß hinaus unsere Sportler auf ihrem Weg nach oben zu unterstützen. Die Quantität des Qualitätstrainings muss erhöht werden. Dazu bedarf es professioneller Bedingungen.

Es sollen an dieser Stelle auch noch einmal die Ausführungen des Kanadiers Dick Pound (Chef der Anti-Doping-Agentur WADA) hinzugefügt werden, weil man solche Meinungen nicht oft genug öffentlich machen kann, der angesichts internationalen Lobes über die weit fortgeschrittenen Olympiavorbereitungen Pekings meinte:

„Die Welt wird den Erfolg der Olympischen Spiele nicht danach beurteilen, ob die Busse pünktlich fahren, sondern ob es ein wirkungsvolles nationales Anti-Doping-Programm in China gegeben hat oder nicht. Wenn sie mit tausend Athleten erscheinen, von denen vorher niemand etwas gehört und gesehen hat und alle Goldmedaillen gewinnen, ist das ein Problem!“

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Über die Verantwortung der WADA und ihre erfolgreichen ganzjährigen Kontrollmaßnahmen im Training weltweit im Vorfeld der Spiele referierte Pound leider nicht. Bis dahin muss jeder damit rechnen, dass der Läufer / Geher neben Dir in seiner Vorbereitung nicht immer „sauber“ war. Um aber „wettkampfdopingfrei“ zu sein, müssen sie schon vor einiger Zeit „absetzen“ und haben deshalb oft die Form der Wettkämpfe im Vorfeld nicht mehr. Es reicht auch nicht China als alleinigen „Buhmann“ aufzubauen, wenn man nicht in der Lage ist in den USA, Afrika, Asien, in allen Ländern, aktuell sicher auch in Marokko, durch intelligente, ganzjährige Trainingskontrollen die Konkurrenzfähigkeit aller zu sichern! Auch unter der Konsequenz dass die Spitzenleistungen dadurch etwas zurückgehen.

Fotos: Chai-Foto, Kiefner-Foto

La-coaching-academy.de & UnitedRunners.net vereinbaren Zusammenarbeit

 

2007-11-17-united-runnsers-kooperationNeu im Netz: UnitedRunners.net, eine Internetseite von Läufern für Läufer, von Lars Haferkamp & Christof Mosler mit dem Ziel entwickelt, „Läufern eine von überall erreichbare Unterstützung für ihren Sport zu geben“. Dienstleistung und Hilfen in und aus allen Richtungen ist das Ziel, einschließlich Laufstrecken, Lauftraining und Laufpartnern. Mit Lars Haferkamp, der seine persönlichen Bestleistungen (7:58 – 13:53,5 – 1:07,33) während seines Studiums zum Diplom-Informatiker an der TH Aachen aufstellte, inzwischen wegen seiner Festanstellung an der Uni Köln sein Training hinten anstellen muss, steht einer an der Spitze, der eine ganze Menge vom Lauffach versteht. Von frühester Jugend an bei den „Gerolsteinern“, zuletzt für den TV Refrath am Start, hat er Praxiserfahrung in allen Altersklassen. Besonders in der Problematik leistungssportorientiertes Training neben Studium, Lehre oder Beruf werden er und seine Mitstreiter eine ganze Menge Ratschläge geben können. Die Redaktion der Leichtathletik-Coaching-Academy freut sich über solche Initiativen, die wie im eigenen Interesse, vielleicht einen weiteren Beitrag zu wieder mehr guten Laufleistungen in Deutschland leisten können. Beide haben deshalb für die Zukunft eine Zusammenarbeit vereinbart, die einen gegenseitigen Zugriff auf die jeweilig interessierenden Beiträge zulässt. Deshalb haben Sie demnächst über unsere LINK-Seite unter www.unitedrunners.net einen direkten Zugriff zu dieser interessanten Aktivität.

Foto: Lars Haferkamp (rechts) wurde bei den DM in Ulm Sechster über 5000 m (Schröder-Foto)

Trainingspraxis: Ernährung ist Teil des Belastungsprozesses

Komplexe Ernährung ist für Leistungs- und Hochleistungstraining Lauf / Gehen wichtig

2007-11-20-die-ernaehrungspyramide20. November 2007 (Pöhlitz) - Unterversorgung, einseitige Mangelernährung oder Extreme behindern oft die Umsetzung auch ordentlicher Trainingsbelastungen in den erwarteten Leistungsfortschritt. Wenn dem Körper der erhöhte Bedarf an Mikronährstoffen, an Mineralien, Vitaminen, Aminosäuren, Eisen usw. nicht zur Verfügung steht, reagiert er mit Müdigkeit, verzögerter Regeneration und Stagnation in der Leistungsentwicklung. Mit der Ernährungspyramide soll darauf hingewiesen werden, dass für Läufer und Geher eine möglichst optimale, bewusste Ernährung – mit den angegebenen Kohlenhydrat – Fett – Eiweiß – Proportionen – neben dem Training, die wichtigste Voraussetzung auf dem Weg zur neuen persönlichen Bestleistung ist. Außerdem kann man durch eine ausreichende Kalorienversorgung über eine gesunde Mischkost viele €uro für zusätzliche Pillen sparen.

Ernährungspyramide

Foto: Mischkost (Ziegler-Foto)

Ein starker Körper braucht auch eine starke Psyche

Wenn die Beine weich werden und das Ziel verloren geht - Teil 1

 

2007-11-24-mentaltraining-teil124. November 2007 (Ring) - Treten bei heranwachsenden Athleten/Innen Probleme in der Leistungsentwicklung auf, werden die Ursachen meistens in der Trainingsarbeit gesucht. „Der ist ausgebrannt, der hat in jungen Jahren zuviel oder zu hart trainiert, der hatte den falschen Trainer“, sind oberflächliche, extrem vereinfachte Vermutungen. Tatsächlich kristallisiert sich in den meisten Fällen ganz einfach die Nichteignung für den Leistungssport heraus, in vielen Fällen auch die mentale Eingung betreffend, was in der Umgangssprache gerne als „Kopf“ bezeichnet wird. In diesem Artikel geht es im weitesten Sinn um diese, dem Leistungsgedanken zuträgliche „Kopfarbeit“.

Jeder Leistungssportler braucht eine klare ABC-Analyse seines Tuns

Gezieltes Handeln setzt eine Ordnung des eigenen Willens voraus. Wo will ich hin, was will ich erreichen. Die Fähigkeit „sein Ziel zu verfolgen“ muss einem Leistungssportler gegeben sein. Es gibt die Theorie, dass glückliche, aber auch erfolgreiche Menschen nur zwei Bereiche in den Mittelpunkt stellen sollten, die für sie höchste Priorität haben. Ansonsten besteht die Gefahr des Verzettelns, verbunden mit einer unweigerlichen Verflachung des Tuns. In der allgemein bekannten ABC-Analyse des Handelns ist diesen Bereichen ein klares „A“ zuzuweisen. Untergeordnet mag der Mensch noch drei Nebenschauplätze bedienen können (Kategorie B), alles andere muss der Kategorie „C“ zugeordnet werden.
In einer freiheitlich demokratischen Grundordnung hat jeder Mensch nun die Freiheit, nicht alles tun zu können, sondern sich seine beiden „A’s“ auszusuchen, was auf dem Papier nach großer Wahl aussieht, in Wirklichkeit für heranwachsende Leistungssportler eine ganz enge Kiste ist, denn ein „A“ ist in der Regel durch die Schulausbildung fest belegt. Das andere eben durch den Leistungssport. Weitere möglichen Ziele wie „zwischenmenschliche Beziehungen – Liebe, Freundschaft und Geselligkeit“ oder „Hobbys“ müssen dem zwangsläufig untergeordnet werden.
Vertiefend muss festgehalten werden, dass die beiden „A“ zwar rational gesehen dieselbe Priorität genießen (sollen), emotionell die intrinsische Motivation in Sachen Schule/Lernen in vielen Fällen nicht so hoch ausgeprägt ist. Die Folge davon ist ein sehr schlechtes Abarbeiten der so genannten ABC-Analyse, d.h. das unangenehm Wichtige des Lernens wird gerne nach hinten geschoben, dort, wo die körperliche und geistige Ermüdung am höchsten ist. Deshalb nützt den jungen Athleten/Innen die Erkenntnis über die ABC-Kategorien wenig, wenn sie über ein schlechtes Ordnungssystem verfügen.

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Leistungssportler tanzen aus der Reihe

Pflicht und Vergnügen sind für den Menschen wichtige Begriffe. Zum Pflichtbereich gehören neben den existentiellen Bereichen wie Broterwerb und Gesundhaltung auch das sich „in die eigene Pflicht“ nehmen, um ein sich selbst gestelltes Ziel plangerecht zu erreichen. Das widerspricht natürlich völlig der derzeit vorherrschenden Lust- und Feierstimmung unserer Gesellschaft in Richtung Freizeitgestaltung. Leistungssport bedeutet aber Askese, also vordergründig auch spontanen Lustgewinn und Hinkehr zur geordneten Arbeit. Kai Scholz schreibt dazu in Leichtathletiktraining 7/07 – Seite 36/37: „Anders geartetes Verhalten allgemein und somit auch diese Abkehr von der fortwährenden schnellstmöglichen Realisierung von „aufwandlosem Spaß”, also letztlich das leistungssportliche Verhalten und Denken wirken oft auf andere uncool. Die anderen vergessen dabei, dass Spaß, Glück und Erfüllung für jeden etwas anderes sind!“
Der Mut zum Anderssein fehlt vielen Menschen. Das „Aus der Reihe tanzen“ ist nicht jedermanns Sache, zumal der zeitaufwändige Leistungssport durchaus „Freunde fressen“ kann, weil die Zeit zum entspannten, ungeplanten Miteinander oft fehlt. Der Mangel an „sozialen“ Bedürfnissen, gerade bei jungen heranwachsenden Teens, wird von vielen jungen, ehrgeizigen Trainern oft übersehen, als nicht wichtig erachtet und dem Erfolgsstreben geopfert. Eine genaue Analyse der wichtigen Athletenumfeldfaktoren ist in dieser Richtung von ganz großer Bedeutung. Eine soziale Vereinsamung junger Leistungssportler auf Grund fehlender Zeiträume für deren Pflege kann entstehen und beginnt in aller Regel schleichend. Ein Thema, über das nachgedacht werden muss. Besonders gefährdet in dieser Beziehung sind Kleinvereinssysteme und Eltern-Trainingsbeziehungen.

Leistungssport ist zielorientiertes Verhalten

Voraussetzung für diesen „Freizeitstress“ muss eine intrinsische Motivation sein, ein Wille zum Handeln, der aus der/dem Athleten/In selbst heraus kommt, sozusagen die Bereitschaft zum „Schinden“ immer mit dem festen Auge auf das Einmalige der Zielsetzung. Hohe Ziel angehen heißt, gewohnte Wege zu verlassen. Körper und Geist brauchen Reize, die über das Normale hinausgehen. Was hilft, ist der naturgegebene Endorphinausstoß in solchen Fällen. Schinden kann also durchaus trotz Muskelkater, totaler Erschöpfung und Ausgrenzung seiner Möglichkeiten Glücksgefühle erzeugen.

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2007-11-24-mentaltraining-teil1Soweit so gut, solange der/die junge Athlet/In überhaupt die Chance bekommt, eigene Ziele zu formulieren. Häufig steht ein „erfahrener“ Trainer im Hintergrund, der weniger fragt „willst du das?“ sondern fordernd motiviert „du kannst das erreichen“. Die Balance zwischen der noch unerfahrenen Zielsetzung junger Athleten und des professionell ausgeloteten Trainerziels ist oft schwer auszutarieren, Motivationsschwankungen, die beim durchaus möglichen Nichterreichen eines Jahresziels fatale Folgen haben können, sind nicht selten. Der sich stets verändernden, oft schwankenden Psyche des jungen Leistungssportlers das Ohr zu leihen, lohnt sich allemal, das Hinzuziehen eines Fachmanns in Form eines sportpsycholgisch geschulten Beraters wäre dann schon professionell.

 

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Ähnlich verhält es sich mit der Anerkennung. In der polarisierten Stellung deines Tuns (nur wenige sind in der Lage Ähnliches zu leisten), kann nur selten mit herzlicher Zuneigung, vielmehr leider oft mit Kleingeistigkeit und Neid gerechnet werden. Für die eigene psychisch ausgeglichene, weil dann erheblich leistungsfördernde Verfassung ist ebenfalls anzuraten, aufkommende Neidgedanken gegenüber vermeintlich Erfolgreichere mit einer ehrlichen Anerkennung der Leistung jener zu ersetzen.
Sozialkontakte in der Leistungssportgruppe sind zum Miteinander und nicht zum Gegeneinander zu nutzen. Alles andere zieht nur noch weiter runter, wenn eins der unvermeidlichen Tiefs erreicht ist, die Trainer als Entwicklungsplateau bezeichnen. Fallen diese Plateaus oft recht dramatisch aus (gerade Mädchen sind dafür prädestiniert) kann es durchaus auch zum Leistungsrückschritt kommen. Ziele sind dann individuell neu zu formulieren, den derzeitigen Bedingungen anzupassen. Der neidvolle Blick über die Schulter zur „normal“ weiterkommenden Trainingskollegin hilft nicht weiter, damit lösen sich individuelle Problem auch nicht. Im Gegenteil, alles läuft nur noch schlechter, weil so ein Verhalten zur unweigerlichen Isolierung in der Gruppe führt.

Leistungssport ist in der Entwicklungsstufe (Jugendaufbautraining, Anschlusstraining) als leistungsorientierter Sport zu sehen, weil hier der „Sieg“ allein nicht zählen darf, oft im kurzfristigen Denken der langfristigen Entwicklung deutlich im Weg steht. Die Leistungsstärke des Nachwuchsjahrganges, die eigene Talentierung und somit Entwicklungsfähigkeit, der jeweilige Entwicklungsstand und ein noch nicht optimalisiertes Umfeld sind Unwägbarkeiten, die noch kein klares Bild auf ein bestimmtes Leistungsziel zulassen.

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Fotos: © Theo Kiefner

Ein starker Körper braucht auch eine starke Psyche

Eigenverantwortlichkeit im Leistungssport - Teil 2

 

2007-11-27-mentaltraining-teil227. November 2007 (Ring) - Auch wenn dein Trainer Berater, elterlicher Freund, Motivator und Mädchen für alles ist, bleibt die letzte Verantwortlichkeit deines Handelns immer in deinen Händen. Dem Trainer blind vertrauen, ja oft sogar Probleme und Zeichen deines Körpers, die nur du fühlen kannst, zu verschweigen, ist falsch. Dein Trainer ist keineswegs dein Befehlshaber. Dein Coach, dem du vertraust, dem du aber auch einmal Inhalte aus wohl überlegten Gründen ablehnst, wird im Lauf der Jahre immer mehr zum Partner werden, sofern du ihm ein menschliches Feedback gibst und dich nicht nur „unterwirfst“. Ein guter Coach wird immer den mündigen Athleten/In zu formen versuchen, letztendlich bist du später im großen Rund eines Meisterschaftsstadions auch weitgehend allein. Kai Scholz drückt das in Leichtathletiktraining 7/07 – Seite 38 so aus: Die Erfahrung zeigt sogar, dass Du erfolgreicher sein wirst, wenn Du einem „schlechten Trainer” vertraust, als an einem guten Trainer zweifelst. — Im Idealfall vertraust Du natürlich einem guten Trainer. Und nicht vergessen: Auch wenn Dein Trainer noch so viel Erfahrung und Wissen hat, kann er nie in jeder Situation die richtigen Entscheidungen treffen. Vieles ist häufig „Versuch und Irrtum”, aber Ihr werdet gemeinsam wachsen.

Eingefahrene Wege verlassen

Jörg Löhr, ehemaliger Handballnationaltrainer und jetzt erfolgreicher personal coach drückt das so aus: Menschen bewegen sich gerne in einer gewohnten Eihülle, selbst dann, wenn sie Unzufriedenheitsfaktoren aufweisen. Diese zu verlassen erzeugt zunächst die Angst, sich in unbekannte Gefilde zu begeben und dort vielleicht hilflos zu sein. Außerdem tut’s weh, weil neues Handeln das Ersetzen alter „Strickmuster“ erfordert. Will man also etwas verändern, muss man zwangsläufig sein bisheriges Verhalten ändern. Hilfreich und ratsam ist so ein Gedanke, wenn das eigene System für die möglichen individuellen Ziele sich als nicht mehr tragfähig erweist, oft der Fall im Übergang vom wohlbehüteten Jugendaufbautraining im kleinen Verein hin zum geforderten Anschlusstraining. Wer hier nicht den Schritt zu hochleistungserfahrenen Systemen macht, wird letztendlich erfolglos bleiben.

Für jüngere Athleten/Innen birgt jener Ansatz aber auch Gefahr. Nicht jede Formschwankung, nicht jedes schlechte Rennen ist dazu geeignet, den vertrauten Weg zu verlassen. Einen neuen Weg zu gehen, bedeutet immer, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben, mit einem Rüstzeug, das in vielen Fällen nicht ausreicht, den neuen Hindernissen gekonnt und sicher zu begegnen. In solchen Fällen ist Rat von mehreren, möglichst unabhängigen Kennern der Materie einzuholen.

Das Umfeld beeinflusst die Leistung im hohen Maße

„Vogel fliegt, Fisch Schwimmt und Läufer läuft“, dieser Satz von Emil Zatopek gibt immer noch preis, was viele denken. Wer als Läufer gut werden muss, muss einfach Kilometer in hoher Qualität schrubben. Für den Hochleistungssport ist allerdings ein wenig mehr notwendig. Umfeldfaktoren spielen eine überragende Rolle. Das geht beim hochleistungserfahrenen Physio an und endet vielleicht bei einer hochleistungssportgerechten Ernährung oder Unterbringung.

Das neue Stadion, die Halle mit der 200 m Rundbahn allein wird noch keine neuen Leistungssportler produzieren. Dahinter stehen immer Menschen, die ein großes Ziel vor Augen haben: Immer das Letzte aus sich herauszuholen. Ideal sind die Umfeldbedingungen erst, wenn sie dem Eigentlichen hundertprozentig dienen. So manche Klimaanlage in den modernen Hightech-Hallen kann gesundheitlich mehr Schaden anrichten als ein wohl dosiertes Training im klirrenden Frost eines Wintertages.

Unter optimalen Umfeld ist immer das speziell individuell optimale Umfeld zu verstehen. Da kann durchaus auch mal – für Läufer – die wohl temperierte Hallenrundbahn im Winter fehlen. Das heißt aber noch lange nicht, sich mit jedem Ungemach abzufinden nach dem Motto: „Das geht halt nicht, weil es nicht geht.“ Eine ruhige Überprüfung des Ist-Zustandes kann nie schaden im Hinblick auf die Ignoranten des oft Machbaren.

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Zur eigenen Verantwortung gehört auch das Management des „übrigen Lebens“

Ganz entscheidend für den erfolgreichen Leistungssportler sind die indirekten Einflussgrößen. Dazu gehört ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung, Dein Körpergewicht, Deine seelische und körperliche Gesundheit, einen aktiven Umgang mit Verletzungen, ausreichende Regeneration vor Hauptwettkämpfen usw.! Schon oft wurde ein unglaublicher Trainingsfleiß von manchen Athleten durch ungenügende Aufmerksamkeit in diesem Bereich zunichte gemacht.

Der richtige Umgang mit Verletzungen

2007-11-27-mentaltraining-teil2Verletzungen sind keine extraordinäre Bestrafung nur für dich. Verletzungen gehören zum Leistungstraining. Wer an seine Grenzen will, muss ausgrenzen, auch körperlich. Das richtige Maß dafür zu finden, ist nicht immer leicht, schon gar nicht beim heranwachsenden Körper. Such dir dazu ein leistungssportliches Umfeld, das mit diesen Problemen umgehen kann. Die werden dich dann sicher bei der Hand nehmen. Verletzt sein heißt noch lange nicht, alle Aktivitäten einstellen zu müssen. Nimm den Störfall als (überwindbaren) Teil deiner leistungssportlichen Entwicklung an. Nicht das Ziel ändert sich, sondern nur der Weg dorthin. Erfahrene Sportmediziner werden dir ganz schnell den Weg zeigen. Es gibt Fälle, bei denen es Mediziner geschafft haben, den Athleten auch während der Verletzung psychisch auf „optimistisch nach vorne schauend“ zu halten. Nur wer sich fallen lässt, also aufgibt, fällt wirklich. Eines bleibt dennoch unverrückbar: Jede Verletzung hat seine Heilungszeitdauer, die kann im Regelfall auch vom besten Sportmediziner nicht verkürzt werden. Verletzungen in der ersten Vorbereitungsperiode berechtigen noch lange nicht zur Aufgabe der Ziele für den Sommer.

Achte auf eine ausreichende Regeneration!

Es gibt viele Athleten, die in den Trainingsphasen ihre Möglichkeiten nicht ausreizen, aber auch einige, die all zu gerne übertreiben: Sehr trainingsfleißige Athleten, die häufig in der Phase unmittelbar vor einem Hauptwettkampf zu viel trainieren. Achte darauf, denn nur im ausgeruhten Zustand kannst Du Deine Leistung bringen! Die Regenerationsphase aber unmittelbar vor dem wichtigen Wettkampf anzusetzen, hieße ebenfalls den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Das Hochleistungssystem muss auch vor dem entscheidenden Wettkampf hochgefahren bleiben oder eben unmittelbar vorher wieder hochgefahren werden. Vor einer in der Seniorenklasse zur Unart gewordenen Vorgangsweise sei auch gewarnt. Die als Hauptregenerationszeit vorgesehene Urlaubs- oder Ferienzeit ist kein idealer Zeitpunkt für ein Trainingslager. Irgendwann im Jahr muss der Körper einmal raus aus dem Leistungsstress.

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Gewinner sind selten Trainingsweltmeister

Die ständige Suche nach der Höchstleistung macht unsicher. Kann ich die Prognose überhaupt erfüllen, schaffe ich das Ziel! Die Verführung, die vermisste Sicherheit und das fehlende Vertrauen in seine eigene Leistungsfähigkeit durch ständige Höchstleistungen im Training aufzuwerten, ist gerade bei Heranwachsenden sehr groß. Es kommt nicht selten zur Überreizung der noch fragilen Systeme und zu einem deutlichen Missverhältnis von Trainingswerten zu Wettkampfergebnissen. Das richtige Verhältnis kann in aller Regel nur der erfahrene Trainer einschätzen. Dies ist im Übrigen eine Kunst für sich, weil die Einflussgrößen auf Wettkämpfe vielfältiger, aber nicht immer leistungsfördernder Natur (Taktik, Witterung usw.) sind.

Die ständige Suche nach Gründen, warum die eigenen Erwartungen nicht ganz eingetreten sind, helfen nicht weiter. Es gibt selten Wettkämpfe, wo alle idealen Bedingungen zusammentreffen. In diesem Zusammenhang sei auch gesagt, dass der Sieg viel wichtiger ist, als die erzielte Zeit. Sicher hilft das allen Geschlagenen nicht weiter, vor allem denen nicht, die sich in der Unendlichkeit des Mittelfeldes wiederfinden. Doch auch denen sei gesagt: Jeder unmittelbar von dir niedergerungene Mitkonkurrent ist mehr wert, als die später am Papier stehenden ein paar Zehntel weniger in deiner Gesamtzeit. Noch eins: Wer seine Ängste vor der grenzwertigen Belastungen vor dem Trainer verbirgt, dem kann auch nicht geholfen werden.

Kai Scholz hat hier einen interessanten Vorschlag:

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Zum Schluss mag festgehalten werden, dass jedes leistungsgerichtete Handeln stets neu überdacht werden muss, weil sich die begleitenden Umstände ständig ändern. In der Analyse muss im Misserfolg nicht nur das Schlechte und im Erfolg nicht nur der Königsweg gesehen werden. Das Vorgehen muss dem Standard moderner Trainingsmethodik standhalten können. Eingeschlagene Handlungsweisen sind keine Geheimrezepte sondern sollen immer auf ihren Zweck hin erklärt werden. Es gibt kein „Wunderprogramm“ im Training. Jedes angewandte Trainingsmittel beinhaltet eine Zielsetzung. Lediglich die richtige Dosierung der Reize mag eine ganz besondere Fähigkeit guter Trainer sein.

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Zwei erfolgreiche amerikanischer Basketballtrainer sehen das so:

„Harte Arbeit garantiert nichts, aber ohne sie bist Du verloren!” (Chuk Daly)

und John Wooden stellt fest, dass das Bestreben, in Training und Wettkampf alles zu geben, mehr wert ist, als das Ergebnis, also Sieg oder Niederlage:

„Erfolg ist die innere Ruhe, die sich direkt herleitet aus der Zufriedenheit zu wissen, Du hast alles getan, was irgend möglich war, um das Beste aus Dir zu machen”. (Zitat gefunden bei Kai Scholz in Leichtathletik Training 07/Ausgabe Nummer 7)

Fotos: © Theo Kiefner