GER - eine einst stolze Sport-Nation halbiert seit 1992 die Medaillen

Über Siege, Emotionen, Niederlagen, Tränen und Ansprüche

2016-08-25-Grenzen_Ueberschreiben© Lothar Pöhlitz - 25. August 2016 - Deutschland halbiert die Medaillen bei den Olympischen Spielen seit 1992 von damals 82 auf 42 in Rio de Janeiro. Die Leichtathletik kann nur 2x Gold (Thomas Röhler / Christoph Harting) und 1x Bronze (Daniel Jasinski) beisteuern, die Schwimmer gehen ganz leer aus. Für die deutschen Spitzenläufer waren die Ergebnisse zum Ende des Olympiazyklus 2013-2016 bei den sportlichen Höhepunkten in allen Altersklassen (bei der U-18 EM, U-20 WM, den EM in Amsterdam und den Olympischen Spielen in Rio) positiv und negativ zugleich. Die einen konnten sich in den Jahren über Finals oder sogar Siege und Beifall freuen, andere über Stagnationen oder Niederlagen ärgern. Sorgen macht, das deutsche Läufer nur in Ausnahmefällen international konkurrenzfähig sind, in zu vielen Finals oder der Champions League gar nicht vertreten waren. Die Ausnahmen waren zuletzt Gesa Felicitas Krause als Sechste mit DR in Rio und Gold bei der EM, sowie Richard Ringer mit Bronze bei der EM in Amsterdam. Übersehen darf man bei einem Rückblick nicht das die aktuelle Qualität der Laufleistungen in allen Altersklassen - beispielsweise bei den U-20 WM - für uns demnächst keinen schnellen Anschluss auf breiter Front an die Welt-Leichtathletik erwarten lassen. Auch Rio hat gezeigt das die Besten demnächst noch keinen Leistungsstillstand zulassen werden. Nicht übersehen darf man auch das aus der Lauf-Talentarbeit des letzten Jahrzehnts 2016 nur Gesa Felicitas Krause bei den Olympischen Spielen - dem wichtigsten Ziel der Abt. Olympischen Leichtathletik - konkurrenzfähig in der Weltspitze angekommen ist.

„Der Maßstab für bessere Leistungen im Spitzensport das sind Spitzenplätze und das heißt nun mal Medaillen im Sport. Sport ist international, die olympische Idee ist international, wir wollen uns mit den Besten der Welt messen. Die Sportler haben das übrigens am wenigsten kritisiert, sondern eher diejenigen, die ohnehin schon kritisch sind gegenüber der Spitzensportförderung“. (Quelle: BMI - Bundesministerium des Innern *Deutschlandradio.de / 06.12.2015 - Auszüge aus einem Interview mit dem Bundesinnenminister über die Olympischen Spiele, den Umbau der Spitzensportförderung und Doping.)

Medaillengeschichte 1968 - 2014 (nach WIKIPEDIA)

2016-08-25-Grenzen_Ueberschreiben

Medaillenbilanz Deutschland seit 1992 (nach WIKIPEDIA)

2016-08-25-Grenzen_Ueberschreiben

2016-08-25-Grenzen_Ueberschreiben

...und es ging auch 2016 in Rio um Medaillen

Besonders stark waren in Rio in allen Sportarten die US-Amerikaner mit 121 Medaillen vor China mit 70 und GBR mit 67. Großbritannien hat den Schwung ihrer Vorbereitung auf London 2012 und ihr nationales Sportsystem erfolgreich und verdient genutzt und sich im Medaillenspiegel vor Deutschland platziert. Sie investieren mehr, organisieren den Hochleistungssport besser und trainieren offensichtlich auch besser als wir.

Medaillen-Nationenwertung Gesamt:

  • USA 121 - China 70 - GBR 67 - RUS* 53 - GER 42 - FRA 42 - JAP 41
  • Insgesamt 88 Nationen gewannen Medaillen, *RUS ohne Leichtathletik

DLV - Bilanz:

  • 3 Medaillen (2x Gold / 1 x Bronze) in 47 Disziplinen.
  • London 2012: 8 Medaillen (1 x Gold / 4 x Silber / 3 x Bronze)

Quo vadis Deutschland

Mit den aktuell wirren Diskussionen rund um die Olympischen Spiele stellt sich natürlich für alle die möglichst schnell zu beantwortende Frage ob Deutschland, neben dem Fußball, in Zukunft überhaupt noch international konkurrenzfähig sein soll, die Wirtschaft und Politik noch Hochleistungssport wollen. Politik bedeutet nicht CDU / SPD - Koalition allein sondern auch alle anderen sportlich offensichtlich nicht interessierten Parteien für unser Land, die Grünen, die FDP und die Linken in allen Bundesländern. Schwimmen und Leichtathletik zwei „ehemalige deutsche Grundsportarten“ haben weiter verloren. Einen wichtigen Grund muss man an der Quantität und Qualität des Schulsports, der wichtigsten Basis für eine erfolgreiche Sportnation, ablesen.

Nicht alle die derzeit vor uns sind - sind gedopt. IOC und IAAF haben bis 2020 3 große Baustellen zu schließen

Zuerst sollte man den Nationen und ihren Sportlern gratulieren die in Rio wie z.B. im Schwimmen oder Laufen - ganzjährig von der WADA und ihren nationalen Laboren dopingüberwacht - nach IOC also dopingfrei - teilweise weit vor den Anderen Gold, auch bei Weltrekord mit Abstand für ihr Land gewannen. Wer eine Medaille hat ist Weltspitze und ist sauber bis die Kontrollen irgendwann das Gegenteil ans Licht bringen, das wurde als die aktuelle Wahrheit vom IOC übermittelt. Wir sollten also nicht Zweifel vorschieben sondern an die Arbeit gehen. Sicher werden demnächst wieder welche entlarvt, wie gerade die 4x100 m Goldstaffel der Russen aus dem Jahre 2008 !!!

Neben der Doping-Baustelle und den Laufsöldnern in vielen Ländern bleibt als dritte Baustelle das Problem rund um den Hyperandrogenismus / den erhöhten Testosteronspiegel von Frauen für das IOC und die IAAF. Nach dem 800 m Lauf der Frauen ist die Diskussion neu entbrannt. Caster Semenya (RSA), Francine Niyonsaba (Burundi) und Margaret Wambui (Kenia), die drei Läuferinnen die Medaillen gewannen, werden verdächtigt einen nicht unumstritten medizinischen, bisher nicht geklärten Status eines erhöhten Testosteronspiegels zu haben. Ist das nicht auch Betrug - wie Doping - an den folgenden „4-6 Frauen“ im Rennen? Auch hier gibt es dringenden Handlungsbedarf. Vielleicht können sich die Älteren noch erinnern das dieses Problem „mit einem Sex-Pass für Frauen“ schon bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokyo präsent war und gelöst schien.

Sachlich feststellen muss man auch das Funk und Fernsehen - diesmal Tag und Nacht für viele Millionen Zuschauer übertragen - den vor Rio publizierten Wünschen von Innenminister de Maiziere, dem DOSB und auch DLV-Sportdirektor Kurschilgen nicht folgten, nun nicht mehr Medaillen zu zählen. Sie taten es nicht. Gold-Silber-Bronze, Verlierer und Blech waren, wie immer, die Botschaften die den ansonsten ganzjährig vorwiegend von Fußballübertragungen lebenden Sportfans, über den großen Teich transportiert wurden. Und am Montag danach wurde in allen Medien, wie immer, groß der Medaillenspiegel präsentiert und kommentiert. Dabei sollten sie auch einmal anerkennen das sie, durch ihre in den Jahren Sport-Abstinenz außerhalb des Fußballs in Spitze und Nachwuchs, einen großen Anteil am Niedergang der Sport-Nation Deutschland haben.

Die Politik muss Hoch-Leistungssport wollen und ermöglichen. Sport und Schulsport sind ein Teil deutscher Bildung und Erziehung

Eins ist auch wahr. Nicht alle die derzeit vor uns sind sind gedopt! Und trotzdem ging es seit 1992 weiter bergab, vor allem in den Sportarten die weltweit verbreitet, immer stärker wurden, wie Schwimmen und Laufen. Wenn DOSB, DLV und Regierung in Zukunft weniger Medaillen zählen wollen bleiben doch aber wohl Siege Ziele des Sports und erwünscht? Da kommen in dieser wirren Diskussionszeit - in der Schuld scheinbar immer die anderen haben - doch nicht etwa Regierung und Opposition auf den Gedanken bei noch weniger gewollter deutscher Konkurrenzfähigkeit im Weltsport, um noch mehr Geld für....... zu haben, vielleicht sogar die Mittel für die Abt. Olympische Leichtathletik beim DOSB oder den DLV weiter zu kürzen. Die 27 Millionen starke Mitgliedergemeinde in den DOSB-Sportvereinen, 7 Millionen DFB-Mitglieder und Millionen TV-Sportfans könnten ja bei den nächsten „Gelegenheiten“ einmal deutlich machen ob Deutschland in der Welt als Sport-Nation wieder präsent sein soll. Keiner müsste sich dann schämen unsere Nationalhymne mit zusingen und wieder ein wenig mehr Nationalstolz - wie ihn andere zeigen - könnte uns nicht schaden. Sicher würden die USA, China, Afrika, Türkei, Australien, Canada, Japan und auch Russland auch ohne Deutschland weiter gegeneinander um Medaillen kämpfen, ihre Olympiasieger ehren und ihre Nation stolz machen.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann : „Ich denke, das Ergebnis von Rio wird uns noch mal eindrucksvoll vor Augen führen, dass es höchste Zeit ist, die Dinge anzugehen und nicht weiter nur drüber zu reden, wir haben eindrucksvoll gesehen wohin sich der Weltsport entwickelt“. Wie recht er hatte.

Franziska van Almsick in der ARD: „Wir müssen etwas tun, nicht nur im Deutschen Schwimm-Verband. Wir sind nicht die einzigen. Das muss man jetzt nicht vertiefen, aber so geht es nicht weiter!“ Die mehrfache Olympia-Medaillen-Gewinnerin (viermal Silber und sechsmal Bronze) will „einen massiven Kurswechsel einläuten. Davon reden wir seit Jahren.“ (SID)

Geld macht Medaillen - so war es zumindest früher

Die geführten Diskussionen um die Zukunft Deutschlands Hochleistungssports und der weltweiten Überwachung des Dopings, über die Lauf-Söldner in immer mehr Ländern und über die “Testosteronspiegel von Frauen“ können natürlich unsicher machen was Fairplay ist und unsere Sportler und Trainer demnächst eigentlich wollen sollen. Dr. Thomas Bach als IOC-Chef ist sich scheinbar sicher das Doping weltweit demnächst nicht auszurotten sei, zumindest sind seine Signale und Entscheidungen so zu deuten, er will ja schließlich das IOC und seine Sponsoren erhalten. DOSB Präsident Alfons Hörmann wollte vor Rio weniger Medaillen aber „mehr Charakter, Herzblut und Leidenschaft“, - ob er da mehr die Funktionäre im Sinn hatte? Trotzdem gab er eine Orientierung um 44 Medaillen wie nach London 2012 vor. Auch DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen will den Medaillenspiegel nicht mehr als Symbol internationaler Sportwettbewerbe, das sollte sicher dem Verband erleichtern seine Arbeitsergebnisse zu erklären. Der mitverantwortliche DLV-Generaldirektor - eigentlich der Hausherr im Glaspalast Darmstadt - äußerte sich gleich gar nicht, wenigstens wurde es öffentlich nicht transportiert. Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag (SPD), hat in diesem Zusammenhang ein „Umdenken im Sport“, einen Weg aus der Glaubwürdigkeitskrise gefordert, IOC-Präsident Thomas Bach aufgefordert „eine Richtung vorzugeben“. Dabei vermisst man schon länger eine / ihre klare Orientierung aus der Regierung und ihrem Sportausschuss, eine Richtung, ein Statement zum wie weiter mit dem Hochleistungssport und Schulsport in Deutschland.

Eine Wende oder weiter wie bisher? Funktionäre die in der Vergangenheit zeigten das sie nur ein bisschen Hochleistungssport wollten, den Niedergang seit 1992 begleiteten, in ihrem Verantwortungsbereich für Sportler und Trainer keine Hilfe waren, sollten nun bereit sein an den notwendigen Veränderungen mitzuarbeiten. Es ist peinlich nach Rio immer wieder lesen zu müssen das die Sportler und ihre Trainer „schuld sind“. Über die die ihnen die Bedingungen für den Hochleistungssport - vor allem die notwendige Trainingszeit - im Olympiazyklus 2013-2016 nicht zur Verfügungen gestellt haben, müsste auch geredet werden.

2016-08-25-Grenzen_Ueberschreiben

2016-08-25-Grenzen_Ueberschreiben

2016-08-25-Grenzen_Ueberschreiben

Was können, sollten oder müssten Läufer nun bis Olympia 2020 tun - Voraussetzungen, Aufgaben und Ansprüche

Was tun mit dem zu wenigen Geld, fehlenden Hochleistungs-Trainingsbedingungen, fehlenden Fachpersonal, fehlenden Profis, fehlender im Prinzip täglicher sportmedizinisch - physiotherapeutischen Begleitung und fehlenden nahen Talenten die auf breiter Front nachdrängen? Wie gegen die höhenvorbereiteten Besten innerhalb eines weltweit nicht beherrschbaren Dopingkontrollsystems siegen. Auf das das angekündigte neue Konzept zum Hochleistungssport von Regierung und DOSB darf man gespannt sein.

Bessere Vorlagen als sie die „Russin Stepanova und Hajo Seppelt“ in Sachen Dopingbekämpfung gegeben haben kann man als Sportpolitiker doch nicht bekommen. Manchmal hat man das Gefühl das sie das alles gar nicht glauben wollen. Dabei sind die Praktiken in Ost und West innerhalb des kalten Krieges für Insider doch erst 26 Jahre alte bekannte Geschichte. Sie wollen das „neue Wissen“ aber offensichtlich gar nicht nutzen, die Einflüsse von „außen“ sind offensichtlich sehr groß. Die Basis aber will Signale, besser Entscheidungen, wie Betrüger in Zukunft konsequent - überall in der Welt - gejagt werden sollen, bald. Sollen deutsche Läufer weiterhin 10-15 Kenianern bei deutschen Veranstaltungen hinterherlaufen? Auch wollen die Eltern junger Leichtathleten wissen ob sie ihre Kleinen in Zukunft überhaupt noch zum Vereinssport schicken sollten.

Der Schulsport ist auf dem Tiefpunkt, viele Sporthallen für die Flüchtlinge entfremdet, der Vereinssport kränkelt, Ärzte schlagen Alarm. Keine Kinder - keine Talente. Da lässt sich gut mit dem „schwarzen Peter Russland“ von den Problemen ablenken. Dicke Lobe für einen gerade so Einzug ins Halbfinale bei Olympia bringt uns nicht ins Weltniveau. Wäre die Teilnahme ohne Medaille unserer Fußballer allein Volkes Wille gewesen? Vielleicht zählen DOSB und Regierung in Zukunft die Siege und die Presse und TV die Medaillen, so wie sie es während der Spiele jeden Tag getan wurde. In dieser Zeit überlegt gleichzeitig der Fußball was er in Zukunft mit den Milliarden machen soll, Ausländer machen die Bundesliga stark, sie bauen Nachwuchsleistungszentren für ausländische Talente, hielten junge Talente von Olympischen Spielen ab und wundern sich selbst warum es in dieser Sportart keine Dopingdiskussion gibt, in unserer Demokratie.

Wenn „wir“ Hochleistungssport und aufs Podium wollen...

...muss nicht nur der DLV innerhalb einer Hochleistungssport - Strukturreform die professionellen Bedingungen schaffen die in die Finals führen und Siege gegen die Weltbesten möglich machen. Dazu müssen persönliche Bestleistungen beim Höhepunkt - vom Marathon bei mehr als 30 Grad im Schatten oder 95 % Luftfeuchtigkeit einmal abgesehen - Ziele sein. Die jungen Leistungssportler müssten besser unter Führung von hauptamtlichen Hochleistungssport-Fachpersonal ihre Anstrengungsbereitschaft erhöhen, wie die Besten trainieren, sich neu organisieren und wissen das nur wenn auch der Kopf, das Gehirn das will, man eines Tages mit dem Finale oder sogar dem Podium belohnt wird, unabhängig von der Altersklasse. Talent allein bringt noch keine Medaillen, das lernt man aus den letzten Jahren. Übungsleiter die im normalen Leben einem Vollzeit-Job nachgehen können Talente nicht auf das Hochleistungstraining vorbereiten. Warum haben Staat und DOSB eigentlich Eliteschulen des Sports vor inzwischen „vielen Jahren“ ermöglicht?

Wer den notwendigen psychophysischen Zustand zu Hause lässt, erwartet hat das in Rio 20 Grad herrschen, bei Olympia Spaß haben will ist nicht Olympiareif. Viele hatten Tränen in den Augen nach Siegen aber auch nach Niederlagen. Das die Olympiateilnehmer im Vorfeld nicht gegen die Besten das taktische Verhalten üben konnten, die Wettkampflehre offensichtlich unterschätzt wird, muss sich der Verband ankreiden. Zu oft wird übersehen dass die jeweiligen „kleinen Teams Trainer - Athlet“ nicht allein die Ursache des Erfolgs oder Misserfolgs sind, wenn ihnen die notwendigen Bedingungen für die Wunschziele, für das tägliche Training nicht zur Verfügung stehen und es auch mit der Teamarbeit im DLV nicht so recht passt. Man hatte beim zusehen das Gefühl das nun neue höhere Ansprüche - die es schon gab - wieder dringend notwendig sind.

An Erfolgen und Niederlagen sind also immer alle beteiligt, nicht nur die Sportler und ihre Trainer, sondern alle die für die Olympische Leichtathletik arbeiten, beim DLV und in den Landesverbänden, auch die Funktionäre die zu oft glauben nur an Erfolgen teilzuhaben. Auch die die glauben das mit weniger Geld mehr Medaillen möglich seien. Wer an dieser Stelle übersieht das die derzeitigen Laufergebnisse in Rio Ergebnis der Arbeit, auch der Nachwuchsarbeit des letzten Olympiazyklus sind, und auf die zu wenigen Goldkörnchen im Nachwuchs für demnächst verweist, negiert die Notwendigkeiten für einen Neuanfang.

„Von ganz oben muss jetzt was kommen. Davon hängt ab, wie gut die Leute sind, wie gut ich sie ausbilden kann, wie gut die Trainingsbedingungen sind und wie viele Leute ich mitnehmen kann um die Sportler herum und wie oft ich ins Trainingslager fahre. Adam Peaty aus Großbritannien kann drei Monate nach Australien zum Training. Da kann ich ja hier mal fragen, ob Mami oder Papi das Geld geben. So funktioniert es nicht. Die Engländer sind ein kleineres Volk als wir, haben gleich viele Aktive hier wie wir, aber mehr Geld im Hintergrund, mehr Leute um die Sportler und somit professionellere Strukturen“ (Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz noch in Rio)

Das letzte Wort bekommt DOSB-Präsident Alfons Hörmann:

„Wir haben Verbände wie Schwimmen, Leichtathletik, die Radfahrer die ihre Ziele klar und deutlich verfehlt haben. Es gibt Rede- und Handlungsbedarf"

„Wir alle wissen dass die ganz großen Helden, im Sommer wie im Winter und über alle Sportarten hinweg, deshalb irgendwann große Helden sind, weil sie große Siege errungen, aber auch bittere Niederlagen haben einstecken müssen. Auch diese Seite der Medaille sollten wir mit Respekt und Anstand würdigen, weil das Wiederaufstehen nach Niederlagen manchmal die größte Kunst und die größte Gabe im Sport ist. Neben den klassischen deutschen Tugenden, der jahrzehntelangen Vorbereitung sind Themen wie Akribie und Präzision, aber auch die Fokussierung und Hingabe auf das große Ziel entscheidend.“

Fotos: Kiefner, Kiefner, Neuthe

„Es gibt Rede- und Handlungsbedarf“ (DOSB-Präsident Alfons Hörmann)

2017 ist die WM in London - 2018 die EM in Berlin und 2020 Olympia in Tokyo

2016-09-10-Rede-und-Handlungsbedarf© Lothar Pöhlitz - 10. September 2016 - Mit der Saison und Rio 2016 ist für Läufer gleichzeitig der Olympiazyklus 2013-2016 vorüber. Nach der Aufforderung von DOSB-Präsident Alfons Hörmann, besonders auch an die Leichtathleten, nun zu reden und zu handeln haben die Trainer und Läufer sicher ihre Arbeit bereits analysiert und über die neuen Ziele und das wie weiter schon gesprochen. Sie haben dabei sicher berücksichtigt das man nicht alle Ergebnisse der vergangenen Jahre dem Doping in der Welt unterschieben darf, dass nicht alle die vor uns sind dopingunterstützt laufen.

Die Stärken und Schwächen in der Organisation und Führung des Hochleistungssportsystems müssen andere aufarbeiten, z.B. die Analyse zum DLV-Strukturplan 2013-2016, über die Zurverfügungstellung der materiellen Bedingungen, zum Fachpersonal, zur Teamarbeit, der Führung der Trainer und ihrer Ausbildung und der zukünftigen Organisation von Trainingslagern in mittleren Höhen, in Höhenketten, für die Ausdauerdisziplinen. Vielleicht berücksichtigt der DLV mit seinen Förderbedingungen demnächst auch das es in den 47 olympischen Disziplinen große Unterschiede in der Konkurrenzsituation und Leistungsdichte in der Welt gibt. Man könnte den Fans auch einmal erklären warum Gesa Felicitas Krause wie berichtet schon mehrere Jahre und in der Vorbereitung 2016 5 x 3 Wochen Höhentraining die notwendigen professionellen Bedingungen zur Verfügung gestellt wurden, warum aber ähnliche Bedingungen (wie sie von vielen europäischen Läufern seit Jahren genutzt werden) nicht auch für unsere Kaderathleten im Team organisiert wurden. Die Läuferwelt demonstrierte auch 2016 wieder: schnell laufen ohne Höhentraining geht nicht. Beim Marathon in Rio wurde deutlich über welche Basisausdauer für die Bahndisziplinen z.B. Galen Rupp (USA) verfügt.

Sinnvoll scheint zwischendurch ein kurzer Seitenblick auf die Laufleistungen bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Mönchengladbach. Eine Tendenz? Diese U-20 Generation hat bestimmt nicht nur das Fachpersonal erschreckt. Noch dazu wenn man darüber nachdenkt wie lange man braucht um wenigstens die Besten dieser Altersklassen an beispielsweise den Elite-Nachwuchs- oder B-Kader heranzuführen ohne an Final - Ansprüche bei Olympischen Spielen zu denken.

Auch die „verlorenen Talente“ aus dem letzten Jahrzehnt sollten einmal ein Thema sein.

Zur Organisation des Trainings und der Wettkampfleistung - Verlorene Zeit bedeutet verlorene Leistung

Nachfolgend sollen nun Läufern und ihren Trainern aller Altersklassen Erfahrungen und Tipps angeboten werden, die für den Bereich Hochleistungstraining und Kader 2017-2020 neue höhere Ziele möglich machen.

Um individuelle Grenzen zu überschreiten, um in die Lauf-Finals zu wollen oder sogar von Medaillen zu träumen bedarf es für viele einer individuell neuen Organisation des Trainings und der Wettkampfleistung, einer Bereitschaft ab sofort innerhalb eines komplexen Trainings Umfang und Intensität zu erhöhen und gleichzeitig Belastung und Erholung dafür in Balance zu bringen. Verlorene Zeit bedeutet verlorene Leistung. Für ein professionelles Training braucht man Partner, auch für duale Karrieren die das Vorhaben im Olympiazyklus 2017-2020 mehr zu tun als bisher möglich machen, wie die Vereine, die OSP, Sponsoren, funktionierende BLZ, eine sportmedizinisch-physiotherapeutische Begleitung und die Fach-Bundestrainer. Dazu gehören auch hilfreiche Trainingspartnerschaften, gemeinsam auch in Wochenendlehrgängen oder Trainingslagern.

Die Leistungsfortschritte und Leistungsverdichtungen im letzten Jahrzehnt in den Weltbestenlisten in allen Lauf-Disziplinen resultieren aus neuen höheren Belastungen, höheren Geschwindigkeiten bei kürzeren Pausen, ökonomischer Lauftechnik, Höhentraining und mehr Kraft. Erkenntnisse für die weiterentwickelte Trainingsmethodik kamen vor allem aus der Trainingspraxis. Neues aber auch von der Sportwissenschaft und Trainingspraxis aus Übersee, Canada, Australien und USA, aus unserem eigenen trainingsmethodischen Wissen, aus Beobachtungen aus der Distanz und der Lauf-fachliteratur. Daraus zusammenfassend werden nun Empfehlungen und Tipps angeboten um individuelle Grenzen auch unserer deutschen Läufer zu verschieben: bei Starts bei U-18 bis U-23 EM oder WMs, die WM 2017 in London, die EM 2018 in Berlin und auch schon für die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo.

2016-09-10-Rede-und-Handlungsbedarf

„Als ich 2005 erstmals erleben durfte wie hart Weltklasseläufer trainieren ging es für mich nur noch um essen, schlafen und trainieren“ (Mo Farah)

Für und mit den Läufern jetzt neu denken und handeln - Mit geringen Ansprüchen sinken auch bei Läufern die Anstrengungen

In einer Neuorganisation des Trainings und der Wettkampfleistungen muss zuerst für jeden Einzelnen das bisherige Training in den MIZ, MEZ und MAZ analysiert und Reserven offengelegt und fixiert werden. Dabei bilden ein verändertes Wochenschema mit mehr Trainingszeit, mögliche Gipfelwochen und Trainingslager (auch im Höhentraining) die erste Voraussetzung für das mehr. Vielleicht braucht es für solche Veränderungen da und dort auch neuer Führungsqualität, auch einmal von „außer-halb“.

Mit komplexen Training hat man den Schlüssel um die individuellen Grenzen zu verschieben. Dazu gehören die Lauftechnik auf dem Mittelfuß im Dauerlauf und dem Vorfuß für das schnelle Laufen, die spezielle Kraft für kurze, vortriebswirksame Bodenkontakte, eine verbesserte Laufökonomie um Energie auf der Strecke für die Endphasen zu sparen, das Unterdistanztraining und ein reizwirksames spezielles Ausdauertraining, orientiert an der jeweiligen Spezialstrecke.

Innerhalb des täglichen Trainings bedeutet komplexes Kader-Training das öfter in Trainingseinheiten von 2-3 Stunden Schwachstellen bekämpft und Voraussetzungen für den nächsten MEZ geschaffen werden und dadurch das Training effektiver wird. Für 45 Minuten DL sollten sich Spitzenathleten nicht mehr umziehen.

Bei der Schaffung des komplexen Athleten sollte langfristig an der mentalen Stärke in wichtigen Rennen gearbeitet und innerhalb der Wettkampflehre eine optimale Renntaktik für die verschiedensten Rennsituationen gelehrt und öfter praxisnah geübt werden. Dafür sollten in Wettkampfphasen mehr Wettkämpfe mit „Taktik-Ausbildungscharakter“ realisiert werden. Dafür ist eine geeignete Wettkampfstruktur zu schaffen.

Das Partnertraining mit möglichst stärkeren „pacemakern“ für Frauen und Männer, vor allem für das Schnelligkeitsausdauer- und spezielle Ausdauertraining, sollte man ganz oben innerhalb der Neuorganisation des Trainingssystems ansiedeln. Dabei muss die Chemie stimmen, im Team, mit dem engen Umfeld und natürlich mit dem Heim- und Bundes-Trainer.

Mit der Geschwindigkeit im Trainingsumfang und den kürzeren Pausen, systematisch ansteigend im Jahresverlauf, beginnend aber früh in der VP I sowohl im mittleren DL-2, den DL-3, den Tempodauerläufen, dem Schnelligkeitstraining und allen Tempolaufaktivitäten organisiert man ganzjährig den Leistungsfortschritt. Die notwendig höchste Belastung im Frühjahr ist nur möglich wenn im Herbst dafür die Grundlagen und das Rhythmustraining langfristig aufgebaut und vorbereitet wurden.

Ex- Schwimm-Bundestrainer Dirk Lange über seine Erfahrungen mit der Nachwuchsarbeit im Schwimmen:

„Junioren-Europameister werden hofiert wie Olympiasieger. Die denken alle, sie sind schon Champions League, überschätzen sich, wie auch viele Trainer. Die meisten Athleten, die hier waren, sind aber nur Landesliga. Sie glauben, sie spielen oben mit, tun sie aber nicht. Die Sportler sind das Ergebnis ihrer Trainer. Ich kenne kein Land, in dem so sehr auf Sportler eingegangen wird wie in Deutschland.“ (BILD 17.8.2016)

2016-09-10-Rede-und-Handlungsbedarf

Wer eine Medaille will muss um Gold kämpfen

Gewichtarbeit, die Füße und Körpermitte stärken

Um stärker zu werden und schneller zu Laufen sollten Mittel- und Langstreckler noch einmal über das Krafttraining für die Füße und schlanke, stärkere Muskeln nach-denken. Die Mär das 5000 m oder 3000 m Hindernisläufer kein anspruchsvolles Krafttraining brauchen ist Geschichte und hält sich immer noch hartnäckig. Es ist Zeit den Erfahrungen auch von „außerhalb“ zu folgen, neu zu Denken und das immer noch vorrangig praktizierte Zirkeltraining durch ein schnelleres „UMO“-Ganzkörper-Stationstraining um das „Zentrum und die Füße zu stärken“ - auch mit dem Medizinball - und eine „schwere schnelle Gewichtarbeit mit nur 8-4 Wiederholungen“ (siehe auch LCA vom 6.10.2014) zu praktizieren, wobei in der VP I zunächst 2x pro Woche, in der VP II 3 x 30-40 Min. pro Woche die Bewältigung des eigenen Körpergewichts, später aber auch das 1 ½ fache Ziel sein sollte. Und wenn man dann noch zur Fußkräftigung 2x wöchentlichem Barfuß t r a i n i n g einsetzt, wäre schon in einem Jahr nicht nur der Fortschritt in der Körperstatik sondern auch in der Lauftechnik „unverkennbar“. Wichtig wäre dafür schon im Winter eine neue Basis zu erarbeiten. Wer nicht über die nötige Kraft in der Körpermitte und im Oberkörper verfügt wird nicht in der Lage sein, in einer optimalen Lauftechnik bis ins Ziel zu laufen.

Auf den Weg in die Spitze brauchen Langstreckler nicht nur 160-180 km/Wo sondern nach dem Vorbild von Mo Farah, Galen Rupp und anderen auch noch 4-5 x 1 Stunde/Woche im Kraftraum. Fitness-Coach Mc.Henry berichtete auf einer Fortbildung das Farah und Rupp auch nach zwanzig Kilometer Dauerlauf noch Gymnastik, Balance-Übungen, Medizinball-übungen und Kraft machten um belastbarer zu werden.

Das Training war erst gut wenn die ganze Woche gut war

Nicht nur die großen Muskeln, auch die kleinen tiefliegenden, die bei Verbesserungen im Detail helfen, sind für das Ergebnis bedeutend. Das Auffinden von Schwachstellen des Körpers und deren Beseitigung ist eine bedeutende „Physio“- und Traineraufgabe. Auch die Sicherung von Belastung und Erholung braucht Zeit. Viele Verletzungen in den Beinen haben ihre Ursachen in einer zu schwachen Körpermitte und der Rückenmuskulatur. Wer mehr und intensiver trainiert sollte auch die Maßnahmen zur schnelleren Regeneration, zur Verringerung eines erhöhten Muskeltonus, verstärken, die Erholung und die sportmedizinisch-physiotherapeutische Begleitung einbauen und sich aller 2 Wochen einen Ruhetag für das Nervensystem gönnen. Hochleistungs-training „ohne Physio“ geht gar nicht.

Mehr Beweglichkeitstraining macht „weicher, effizienter“ und vergrößert die Gelenkbeweglichkeit, das mögliche Schrittmaß

Mehr Kraft muss natürlich in Geschwindigkeit umgesetzt werden. Deshalb kommt vor allem für Mittelstreckler, aber auch für die schnellen Langstreckler, dem Schnelligkeits- und Schnelligkeitsausdauertraining im Streckenbereich zwischen 30-300 m eine große Bedeutung zu. Das funktioniert natürlich erst wunschgemäß wenn die Bewegungs-amplituden, die Gelenkbeweglichkeit die notwendig Schrittstruktur ermöglicht. Der Fortschritt über 400 m ist dafür letztendlich der Maßstab. Von Galen Rupp wurde einmal berichtet das er sein Intervalltraining mit maximaler Anstrengung schon mal mit einer 400 m in 51 Sekunden plus einem 100m Lauf in 11 (!) Sekunden abschloss. Und in Rio haben wir gesehen er kann auch Marathon !

Wer jetzt die Frage stellt wie das alles in den nächsten 4 Jahren zu bewältigen sei muss sich zuerst zum echten Leistungssport bekennen, seine Wochen neu organisieren, das alles richtig wollen, die Nebenkriegsschauplätze reduzieren, zwischen normalen Wochen und Gipfelwochen differenzieren, öfter zum Partner-Training in Trainingslagern bereit sein oder auch an mögliche 2-3 TE an den Wochenenden denken. Auch über die Möglichkeit zwischen dem Morgenlauf und dem Abendtraining 2-3 x mittags eine Stunde im Krafttraum die „schwere Kraft“ aufzubauen, um eines Tages den Weltbesten auch in diesem Voraussetzungsbereich folgen zu können, sollte man ernsthaft nachdenken. Vielleicht sollte man für eine solche neue Struktur in den drei ersten Monaten einmal auf Wettkämpfe verzichten. Dafür könnten im Winter einige „schnelle Lauf-TE“ nach der Kraft im Studio auf dem Laufband aushelfen. Mann sollte auch darauf vorbereitet sein das es in den ersten Wochen ungewohnt schwer werden könnte und die Muskeln auch einmal zumachen wenn das Entmüdungsbad oder der Physio danach ausgelassen wurden.

"Talent hilft nur so weit, sagte Mo Farah einmal, wie wir bereit sind es zu nutzen. Wenn man wirklich eine Gold-, Silber oder Bronze – Medaille will muss man hart arbeiten. Jede neue Übung die mich zu einem Bruchteil einer Sekunde besser macht lohnt sich einzusetzen. Meine Botschaft ist: hart trainieren, Ruhe und Erholung, gut essen und schlafen, und gegen die eigenen Schwächen arbeiten“.

“Eliteschulen des Sports sind an Olympia-stützpunkte angebunden: Die besten Nachwuchsathleten können auf diese bewährten Serviceeinrichtungen der Bundeskader zugreifen“ (DOSB)

Fazit und Ausblick 2017 - 2020:

  • Es gibt also Reformbedarf im und für den Leistungssport, auch im DLV - die Grenzen müssen jetzt verschoben werden, in allen Institutionen, auf allen Ebenen. Steht eines Tages das für Hochleistungstraining notwendige Geld und das Fachpersonal für das Training zur Verfügung müssten 3 Aufgaben in den Mittelpunkt: Aufgabe 1: die Struktur für das Hochleistungstraining neu schaffen 2.Talentsuche und Talentausbildung für Spitzenleistungen in den Landesverbänden neu organisieren und durch-setzen, 3. Aufgabe: echte Talente mit mehr Anspruch durch Fachpersonal anders, „leistungszielgerecht“ fördern und fordern. - Nicht länger verwalten, neu gestalten !
  • Es sollten nach den Rio-Ergebnissen nicht die Athleten allein „vorgeführt“ werden. Die Trainer, Cheftrainer, Generäle und Funktionäre beim DLV, in den LV und DOSB und auch die - wie z.B. Hauptsponsor NIKE in den USA - die die materiellen Bedingungen für das Hochleistungstraining in der Vergangenheit nicht zur Verfügung stellten sind am Niedergang der Leichtathletik beteiligt. Es sind nicht nur die gegenwärtigen Strukturen und das Training die z.B. im Laufen nicht mehr zuließen sondern auch das fehlende, nur von Ausnahmen genutzte, mehrjährig aufzubauende Höhentraining, das für alle Ausdauerdisziplinen eine Selbstverständlichkeit sein sollte.
  • Es wäre aber zu einfach die materiellen Bedingungen oder die Bundestrainer allein für die Ergebnisse verantwortlich zu machen. Die über Jahre unbefriedigenden Leistungsfortschritte der Läufer sind auch das Ergebnis der Heimtrainerarbeit, das Wettkampfsystem oder der fehlenden Massagen die sich mehr als bisher an dem Training der Weltbesten orientieren müssten.
  • Deutschland brauchte zeitnah eine „Schulsportrevolution“ - 4 x 90 Min./ Woche und Ernährungslehre z.B. - das bringt auch Gesundheit, Fitness, Leistungsfähigkeit, Talente, weniger Übergewichtige und Intelligenz. Bildung und Erziehung sind Teil der Kultur einer Nation. Sport ist Teil der Bildung und darf nicht länger Privatsache von Eltern und Vereinen sein.
  • Im Kinder- und Jugendsport in den Landesverbänden und in den Sportschulen der Länder werden die Voraussetzungen für die internationale Konkurrenzfähigkeit geschaffen, dabei fängt alles bei einer offensiveren Arbeit der Sportbünde der Länder, Kreise und Gemeinden an. Nachwuchsarbeit mit Anspruch und Scouts wie im Fußball um Talente zu finden wäre eine Lösung.

2016-09-10-Rede-und-Handlungsbedarf

Auch für die Jüngsten müssen neue höhere Ansprüche gelten

2016-09-10-Rede-und-Handlungsbedarf

 

  • Der deutsche Sport braucht Bedingungen unter denen echte Talente und die Kader in Sportschulen und den Eliteschulen des Sports auf das Hochleistungstraining vorbereitet werden. Sie dürfen aber nicht nur diesen Namen tragen sondern müssen auch in ihren Ausbildungsinhalten das Hochleistungstraining vorbereiten, damit die so ausgebildeten Schüler danach über Jahre 10-12x pro Woche bzw. 25-30 Std. + 4-5 Std sportmedizinisch - physiotherapeutischer Begleitung trainieren können. Olympische Medaillen schaffen von Fachtrainern in Eliteschulen des Sports und Profi-Trainern in Bundesleistungszentren vorbereitete Athleten.
  • Die Leichtathletik muss mehr als bisher die Eliteschulen des Sports nutzen - mit 4-5 x 2 Std. Grundlagentraining am Vormittag und 5-6x Training am Nachmittag durch hauptamtliche Fachtrainer, vielleicht kombiniert für die Disziplinbereiche: Sprint / Laufen bzw. Mehrkampf / Sprung / Wurf. Die bisherige Wertschätzung dieser wichtigen DOSB - Ausbildungseinrichtungen durch den DLV wird deutlich wenn man sie innerhalb der Verbandsstruktur z.B. auf der Homepage leichtathletik.de / Jugend vergeblich sucht !
  • Die Leichtathletik braucht eine Hochleistungssport-Ausbildungs-Akademie an der Trainer für Spitzenleistungen und Nachwuchsleistungssport ausgebildet, über die international modernen Trainingsmethoden informiert und fortgebildet werden.
  • Die WADA muss neutral, sportpolitisch unabhängig weltweit agieren und darf nicht nur unter amerikanischer oder britischer Führung stehen. Nur wenn die ganzjährigen Dopingkontrollen auf alle Länder ausgedehnt werden können kommt man „sauberen - dopingfreien“ Leistungssport näher. Betrüger sollten 2 Olympiaden oder besser lebenslang gesperrt und bekannte Dopingsünder von deutschen Veranstaltern nicht länger zu Wettkämpfen nach Deutschland eingeladen werden.
  • Deutschland braucht sportinteressierte Politiker in der Regierung und in den Ländern - natürlich auch die aus der Opposition sind herzlich eingeladen, auch wenn viele von ihnen offensichtlich nicht so viel vom sporttreiben halten wie man sieht. Sie müssen die Präsentation einer leistungsfähigen Nation auch durch mehr Sport für unsere Kinder und Jugendlichen, aber auch bei Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen wollen und ermöglichen. Das bisherige Desinteresse der Bundeskanzlerin und ihrer Minister wurde durch die Abwesenheit in Rio noch einmal unterstrichen. Es muss ihnen doch peinlich sein der Welt zu demonstrieren wie nach dem Niedergang deutscher Infrastruktur nun auch Olympische Spiele für Deutschlands Regierung unwichtig geworden sind. Vorbild für unsere Kinder und Jugendlichen sollten nicht die sein, die vor allem eine Sportart favorisieren, bei der der Sportlerhandel derzeit bei 120 Millionen pro Person angekommen ist !
  • Seit der Wiedervereinigung um das Jahr 1990 ist die internationale Repräsentation Deutschlands durch Sport innerhalb 6 Olympiazyklen systematisch zurückgegangen, die Medaillen wurden halbiert. Neu ist das kurz vor Rio Sportdirektor Thomas Kurschilgen auch den gesunkenen DLV-Anspruch dadurch deutlich machte das er den Medaillenspiegel als Monstranz bezeichnete und Medaillen keine Auskunft über die Leistungsfähigkeit eines Verbandes gäben. Sicher hätte er sich aber ein positiveres Ergebnis mit mehr als 2 Siegern für die Abt. Olympische Leichtathletik im DLV -gewünscht.

Die Leichtathletik hat 2016 mit 3 Medaillen in Rio einen nicht erwarteten Tiefpunkt erreicht. Hinweise, dass einige Athleten knapp an einer Medaille gescheitert sind sollte man nicht gelten lassen weil Siege und Niederlagen Teil des Hochleistungssports sind und diese Tatsache für alle vorherigen Olympischen Spiele auch gilt !

Fotos: Kiefner, privat, Steininger, Rigal

Sarah Schmidt 53,19 – 2:01,44 - und eine U20-EM-Silbermedaille über 800 m im LCA – Interview

2015-08-15-Interview-Sarah-Schmidt© Lothar Pöhlitz / Pierre Ayadi - 15. August 2015 - Als die heute noch 18 jährige Sarah Schmidt vom LAZ Mönchengladbach vor einem Jahr am 10.8.2014 um 12,45 Uhr in Wattenscheid mit 2:06,29 Deutsche Jugendmeisterin wurde hat wohl niemand erwartet, dass ihre Eltern den deutschen Leichtathletik-Fans „ein Goldkörnchen“ geschenkt haben. Nicht nur ein „Einser Abitur“, eine Silbermedaille bei der U20-EM sondern – für mich - die Krönung ihres Erfolgsjahres 2015 am 2.8.2015 bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Jena im Alleingang von vorn nach Zwischenzeiten von knapp unter 29 Sekunden, 58,28 Sek. bei 400 m und 1:28,8 bei 600 m eine tolle persönliche Bestleistung von 2:01,44. Trainer wissen das solche Voraussetzungen eine gute Perspektive erahnen lassen, am besten wäre allerdings wenn man ihr die notwendige Zeit gibt – vor allem zur weiteren Ausprägung der Schnelligkeit, Schnelligkeitsausdauer und schnellen Kraft - vielleicht erst einmal bis zur Europameisterschaft 2018 in Berlin.

2015-08-15-Interview-Sarah-Schmidt

Wie gingen Abi und U20-EM – Vorbereitung zusammen? Hattest Du von der Schule Unterstützung?

Meine Schule hat mich für Trainingslager freigestellt. Ich war auf keinem Sportgymnasium, habe also sonst keine Vergünstigungen bekommen. Trotzdem hat es gut geklappt, das Abi habe ich gut bestanden (1,0).

Wie geht es nun weiter? Welches Studium hast Du wo favorisiert?

Erstmal gehe ich nach Washington DC zur Georgetown University im Rahmen eines Sportstipendiums. Dort gibt es ein gutes Team. Diese Entscheidung fiel bereits im Winter als ich noch bei 2:05 stand. Danach werde ich in Deutschland studieren.

Traust Du Dich uns einmal Deinen Trainer zu charakterisieren?

Mein Trainer Johannes Gathen ist eher eine ruhige Persönlichkeit, kann gut auf mich eingehen und sieht ohne viele Worte wie es mir geht. Er kann mich gut einschätzen und ist sich dabei sehr sicher. Druck kommt von Ihm gar nicht, eher von mir selber.

Traust Du Dir in Zukunft Studium und Hochleistungssport mit 10-12 TE wie die Weltbesten zu ?

Ja, aber im Moment habe ich erst 6-7x pro Woche trainiert, wenn es gut organisiert ist und mit der Uni abgestimmt kann ich mir das durchaus vorstellen.

Hast Du in Vorbereitung auf die U20-EM mehr trainiert?

In der Regel 6-7x pro Woche. Seit dem Winter ist es insgesamt etwas mehr geworden!

Frauen im Spitzenbereich trainieren oft mit einem männlichen Sparringspartner, hast Du diese Hilfen bisher auch genutzt?

Ich trainiere eigentlich nur mit Jungs, wenn ich nach Gladbach komme und es passt. Sonst mache ich gut die Hälfte des Trainings zu Hause in Viersen allein!

Wo siehst Du Deine Stärken? Gibt es auch Schwachstellen?

 

  • Zielstrebigkeit, Organisationsfähigkeit, Gelassenheit
  • kleine Unsicherheiten wenn es drauf ankommt, hin und wider bin ich auch ungeduldig

Wann hast Du begonnen leistungsorientiert zu trainieren? Gleich beim LAZ Mönchengladbach?

2011 bin ich vom ASV Süchteln nach Gladbach gekommen und da ging es sofort leistungssportlich los! Anfangs habe ich nur 2-3x pro Woche trainiert, ab dann wurde das Training sukzessive gesteigert.

In der U20-EM-Vorbereitung bist Du in Rhede 400 m in 55,15 Bestleistung gelaufen, bei der DM in Nürnberg starke 53,19 – wo siehst Du Deine Sprintfähigkeiten, die Schnellkraft und Möglichkeiten über die 400 m in der Zukunft?

Ich habe da ein gutes Gefühl, da die Testergebnisse im Rahmen unserer DLV Kaderlehrgänge und die Trainingsergebnisse recht vielversprechend waren! Ich werde es nicht aus den Augen lassen und denke dass ich in diesen Bereichen noch Steigerungspotential habe. Von der 400 m Zeit in Nürnberg wurde ich selbst überrascht. In Amerika sollen Sprint, 400 m und 800 m Priorität haben.

Mit Deiner Bestzeit von 2:01,44 in Jena gehörst Du jetzt zu den besten Nachwuchs-Mittelstrecklerinnen Europas und drittbeste Deutsche über 800 m. Sind für Dich als bis Oktober noch 18 jährige die EM 2018 in Berlin und Olympia 2020 Ziele?

Meine Saison verlief schon sehr perfekt und ich hoffe, dass ich das neue Niveau auch in den nächsten Jahren stabilisieren bzw. verbessern kann. Die EM Norm ist ja gar nicht so weit entfernt. Die Olympianorm ist für mich weit, aber in 3-4 Jahren wären das schon Ziele. Dafür muss ich natürlich gesund und verletzungsfrei bleiben.

Die 1500 m stehen mit 4:24,54 in Deinem Leistungsprofil – wäre das auch eine Strecke für die Zukunft?

Ich bin dieses Jahr nur einmal 1500m gelaufen, im Alleingang 4:24,54 min und damit war ich ganz zufrieden. Im nächsten Jahr möchte ich aber auch auf dieser für mich Überdistanz noch schneller laufen! Aber vorerst bleibt die 800 m meine Hauptwett-kampfstrecke.

Nicht nur wir interessieren uns bei diesen Fortschritten natürlich für Dein Training. Kannst Du es uns kurz schildern?

3x pro Woche mache ich in Gladbach Tempoläufe und Schnelligkeit. Die restlichen 3-4x mache ich zu Hause Dauerläufe und Tempowechselläufe. Krafttraining habe ich bisher noch wenig gemacht, es wird aber sicher in Amerika mehr. Die längsten Dauerläufe gingen bis 12 km.

So habe ich in der letzten Woche vor dem Abflug zur U20-EM trainiert:

Training Sarah Schmidt 6. – 12. Julis 2015 (vor Abflug zur U20-EM nach Eskilstuna)

2015-08-15-Interview-Sarah-Schmidt



Sieht Dein Trainingssystem bisher und in Zukunft eine Doppelperiodisierung mit Hallensaison vor?

Ja, eigentlich schon. Bisher war ich im Winter oft erkältet, deshalb lief es nicht immer nach Plan. Diesmal hat mir die verkürzte Hallensaison bei der Verbesserung meiner Grundlagen geholfen. Ich muss sehen wie es in Washington läuft. Bisher lag mein Schwerpunkt aber immer auf der Freiluftsaison.

Welche Programme trainierst Du am liebsten – welche Programme hasst Du eher?

Am liebsten mag ich 200er, aber eigentlich alles was schnell ist und sich gut anfühlt! Nicht so gerne mag ich 1000er. Längere Tempoläufe habe ich bisher noch nicht gemacht. Aber wenn es nötig ist werde ich auch die machen!

Die immer unangenehmste Frage nach den Leistungszielen in den nächsten Jahren ersparen wir Dir und wünschen Dir ein gesundes und erfolgreiches Jahr in Washington und in Zukunft Erfolg auf den Laufbahnen dieser Welt.

Danke Sarah für das Gespräch.

Foto: LAZ

Fabian Gering – Silbermedaille über 10000 m bei der U20 – EM im LCA - Interview

Noch vor Ort gewährte Fabian Gering der Leichtathletik-Coaching-Academy das nachfolgende Interview

2015-07-20-Interview-Fabian-Gehring© Lothar Pöhlitz  -  20. Juli 2015  - Langstreckler Fabian Gering hat bei der U20-Europameisterschaft in Eskilstuna (Schweden) in 30:20,69 Minuten überraschend die Silbermedaille über 10.000 Meter erkämpft. In einem klugen Rennen lies der 19 jährige Vogtländer während des Rennens keine Lücke zu groß werden die sich vor ihm auftat und verpasste nach einer bravourösen letzten Runde hinter dem Sieger Pietro Riva (ITA – 30:20,45) Gold nur denkbar knapp. Eine tolle erfreuliche Leistung des jungen Langstrecklers – zumal dem Langstreckennachwuchs im DLV lange Jahre keine besondere Aufmerksamkeit galt.

Fabian Gering geb. am 1.11.1996 in Plauen / Vogtland
5000 m / 10.000 m / Größe - Gewicht 181 cm - 65 kg
Bisherige Vereine : SV Theuman – SC Syrau - LG Vogtland - TV Wattenscheid 01
Trainer: Wolfgang Rossbach - Udo Hendel - Tono Kirschbaum
Leistungsprofil:

  • 2014 : 1:53,93 – 3:51,38 – 14:21,82 – 31:52 (10 km)
  • 2015 : (bis 17.7.)– 3:52,12 - 14:33,50 - 30:17,17

Das Abi und Deutscher 10000 m Meister am 2.5.2015 in Ohrdruf in 30:17,17 – wie ging das zusammen ?

Es war relativ schwer, direkt nach Deutsch und Chemie und noch vor Mathe. Der LK- Feiertag hat das einfacher gemacht, der gab mir einen Tag zum durchatmen. Ein Trainingslager mußte ich dadurch auslassen. Das UWV - TL ist auch weggefallen, da ich zu dem Zeitpunkt noch eine Nachprüfung in Chemie hatte. Abi war aber recht erfolgreich mit einem 1,5 Schnitt! Natürlich habe ich auch trainiert.

Die Entscheidung für die 10000 m bei der U20-EM fiel erst vor Ort – was war entscheidend ?

Ich habe mich in Absprache mit meinem Trainer Udo Hendel auf mein Bauchgefühl verlassen – der letzte 5000er vorher war nicht so erfolgreich, bei den 10000 m hatte ich die besseren Erfahrungen in dieser Saison. In einem zu erwartenden taktischen 10000m Rennen habe ich auf meine Chance in der Endphase gehofft, da ich auch einiges für die Mittelstrecke trainiert hatte.

Die Schlussrunde in 56,1 hat Dich wohl selbst überrascht?

Das ich die letzte Runde in 56,1 Sekunden kann habe ich erst nach dem Ziel erfahren. Das konnte ich bisher nicht einmal über 1.500 Meter. Ich war aber nach 9600 m noch richtig gut drauf.

Du willst Dich nun wegen dem Medizinstudium in Bochum oder Essen von Deinem Heimtrainer Udo Hendel und der LG Vogtland trennen und startest schon für Wattenscheid.

Erst habe ich Fußball gespielt und das länger parallel gemacht. Dann wurde beides zu viel, Anfang der U-18 bin ich vom Fußball zum Laufen zu Trainer Udo Hendel gewechselt. Dabei hat mich die Trainingspartnerschaft mit Sebastian Hendel besonders interessiert und motiviert aus meinem kleineren Verein (SC Syrau) zur LG Vogtland zu wechseln. Nun finde ich in Sachsen nicht die Möglichkeiten ein Medizinstudium mit Leistungssport zu verbinden. Wattenscheid und Trainer Tono Kirschbaum waren da für mich die beste Adresse.

Arzt oder Profi ? Die Langstrecke erfordert viel Zeit – wie willst Du es bewältigen ?

Das Studium soll beginnen, aber möglichst gestreckt werden. Bei wichtigen Ereignissen muss dann zeitweise die Priorität mehr auf dem Sport oder auch mal auf dem Studium liegen. Das große Ziel ist es aber erstmal mehr zu trainieren und auszuloten was dann im Sport möglich ist. Dafür habe ich mich für die professionellen Bedingungen und deren Hilfen im Ruhrgebiet mit kurzen Wegen zwischen Studienort und Verein entschieden.

Und dann fehlt auch noch das familiäre Umfeld in Plauen, Mama und ihre Mischkost ? Besser nach NRW als an ein USA-College ?

Irgendwann muss man zu Hause raus. Meine Eltern und Geschwister (waren auch alle hier in Schweden vor Ort) unterstützen mich sehr! Gegen die USA sprach das Medizinstudium. Das wäre in den USA zu kompliziert gewesen. NRW weil die Möglichkeiten dort sehr gut sind und auch schon einige Leistungssportler vor mir den Weg dort geschafft haben.

Wenn man Vogtland hört denkt man sofort an bergiges Gelände, Wald und Bergantraining. Hat das Dir auch voran geholfen oder ?

Auf jeden Fall, viele Berge und ein Wintersportleistungszentrum ist in der Nähe. Gerade im Winter trainierten wir viel am Berg! Flache Strecken findet man das ganze Jahr fast gar nicht. Fast jeder 10 km DL hat ca. 100 Höhenmeter.

Bist Du Dir bewusst dass Du aus einer Region Deutschlands kommst die bis 1990 immer wieder sehr gute Mittel- und Langstreckler hervorbrachte. Nach längerem Tiefgang endlich wieder ein Lauftalent aus "dem Osten". Woran lag das ?

Ich sehe keinen großen Zusammenhang mit meiner Herkunft zu früher. Ich glaube, dass die Konstellation vor Ort einfach für mich persönlich sehr gut gepasst hat. Ich hatte mich beispielsweise auch gegen eine Sportschule entschieden, ich wollte Sport und Schule so verbinden und glaubte so mehr Zeit für die Schule / Studium zu haben.

Eigentlich hat in der Vergangenheit Sebastian Hendel – nur 1 Jahr älter als Du - auf den Namen der LG Vogtland immer wieder aufmerksam gemacht. Ward ihr Trainingspartner ?

Wir haben bis vor einem Jahr viel zusammen trainiert und voneinander profitiert, die Haupteinheiten in der Regel zusammen. Sebastian studiert nun seit einem Jahr in den USA. Da musste ich oft allein trainieren. Deshalb freue ich mich nun auch auf ein Gruppentraining in Wattenscheid.

An welche Leistungsbereiche denkst Du – weiter EM, WM oder eines Tages sogar OS ?

Erstmal in der U-23 weiter den Anschluss finden. Danach es auch in den internationalen Bereich bei den Aktiven zu schaffen. Aber da kommt noch viel Arbeit auf mich zu!

Wie schätzt Du Dein gegenwärtiges Leistungsprofil ein ? Stärken und Schwächen ?

Auf den Unterdistanzen lief es noch nicht wie erhofft, aber im nächsten Jahr soll es deutlich schneller über die 1500m gehen und auch die 5000m müssen natürlich schneller werden. Meine Stärke ist die Endbeschleunigung in Langstreckenrennen. Schwächen gibt es noch bei schnellen Rennen in der Anfangsphase, da fehlt mir (auch durch das Abi) bestimmt noch ein wenig mehr Umfang.

Über täglich 2 Trainingseinheiten, auch Läufe bis zu 25 km, ein ausgiebiges Kraft- und Schnelligkeitsprogramm und verletzungsvorbeugende Athletik-Übungen wurde in der heimatlichen Presse berichtet. Welche speziellen Programme haben Dich am meisten beeindruckt ?

2x habe ich erst nach dem Abi trainiert, vorher im Prinzip nur 1x täglich, meine langen Dauerläufe sind in der Regel 20-21 km, seltener 25 km - Athletik und Kraft habe ich im Winter 2x und aktuell eher nur 1x absolviert. In der UWV bin ich beispielsweise einmal 12 x 400m in 66-67s gelaufen. Das lief schon recht gut, das war für mich ein Zeichen das ich gut in Form bin.

Wem dankst Du nach der Deutschen Meisterschaft und diesem ersten großen internationalen Erfolg in der Jugend?

Meine Familie und einige enge Freunde waren komplett vor Ort in Schweden und haben mich bis zum Ende unterstützt. Das war für mich hilfreich. Auch das ganze deutsche Team hat mich angefeuert, das war wirklich stark, das habe ich während des Rennens alles mitbekommen. Mein Bundestrainer Pierre Ayadi war sehr überrascht als wir nach einer endlosen Dopingkontrolle als die allerletzten aus dem Stadion kamen und die ganze Familie noch auf mich gewartet hat und mich feierte. Keine Frage mein Trainer natürlich. In der Endphase meiner Vorbereitung auf die U20-EM hat mir aber auch meine Schule sehr geholfen. Der Antrag auf Nachteilsausgleich hat mich sehr gefreut. Ich hoffe er wird anerkannt! Danke an alle !

Foto: Ayadi

Marcel Fehr 3:40,06 – 13:39,10 und zum Geburtstag in einer russischen Klinik

Ein LCA Interview

2015-09-15-Interview-Marcel-Fehr© Lothar Pöhlitz - 15. September 2015 - Das Wettkampfjahr 2015 begann für Marcel Fehr von der SG Schorndorf am 23.5. in Oordegem/BEL mit 13:39,10 (Bestleistung 2014 13:38,53) vielversprechend. Als am 5.Juni im französischen Montbéliard mit 3:40,06 auch noch eine neue schöne persönliche Bestleistung über 1500 m folgte waren sich er und sein Trainer Uwe Schneider bewusst das es eine gute Saison des erst 23 jährigen Lauftalents werden würde. Mit 2010 noch wenig Training wurde Marcel bereits Deutscher Jugendmeister und Vierter & Sechster bei den U20-EM und U20-WM über 1500 m. Ein „Goldkörnchen“? Vorsichtig und behutsam von seinem Trainer über die Jahre aufgebaut – weil Leistung und Trainingsbelastung noch lange nicht zusammen-passten – kam nach kontinuierlichem Fortschritten, aber auch Rückschlägen durch Blessuren 2014 – die im Hochleistungssport keinen verschonen - der große Sprung. Von 14:11,19 über 5000 m im Vorjahr auf 13:38,58 Minuten - endlich der Durchbruch. Über die Nominierung zur Team-Europameisterschaft am 20./21.Juni im russischen Cheboksary war die Freude groß. Für seine erste größere Aufgabe innerhalb der DLV-Nationalmannschaft hatte er sich eine Platzierung ganz vorn vorgenommen – alle 5000er im Rahmen der Team-EM in den Vorjahren gingen als Spurtrennen über die Bühne und da rechnete er sich eine Chance weit vorn aus.

Marcel Fehr (1992) – SG Schorndorf – Trainer: Uwe Schneider

Leistungsprofil 2015:

 

Freiluft 800 m 13.08.2011 1:48,84
  1.000 m 22.05.2011 2:24,91
  1.500 m 05.06.2015 3:40,06
  3.000 m 18.05.2014 7:54,63
  5.000 m 31.05.2014 13:38,53
  10 km 12.10.201 30:16

 

  • Vierter U20-EM 2011 (1.500m)
  • Sechster U20-WM 2010 (1.500m)
  • Deutscher U23 Meister 2014 (5.000 m)
  • Deutscher Jugendmeister 2010
  • Deutscher B-Jugendmeister 2010
  • Deutscher Jugend-Hallen-Meister 2010

... und dann ging bei etwa 3000 m plötzlich das Licht aus? Was ist passiert?

Nach ungefähr der Hälfte des Rennens war meine ganze Kraft von einen auf den anderen Moment - innerhalb von 100 m - komplett weg. Und das bei einem Tempo, das selbst für eine Trainingseinheit noch sehr niedrig wäre. Das hatte ich noch nicht erlebt. Meine einzigen Gedanken waren Du musst es ins Ziel schaffen, nicht aufgeben. Ich wollte ja möglichst viele Punkte für die Mannschaft retten. Besonders vernünftig war dieser Gedanke von mir jedoch nicht, hat man mir in Nachhinein gesagt.

Hat sich das im Vorfeld irgendwie angedeutet?

Das Training war zu 100% auf diesen Wettkampf abgestimmt, die Tage vorher waren gut, regenerativ und ruhig. Ich habe vorher auf einen geplanten Wettkampf sogar verzichtet. Am Wettkampftag selbst habe ich die Hitze (über 35°) gemieden, mich bis kurz vor dem Rennen im Hotelzimmer aufgehalten, viel getrunken, im Schatten warm gemacht und mit Wasser und Eis kühl gehalten. Selbst im Rennen habe ich mich nach dem Startschuss gut gefühlt und nach den ersten langsamen Runden schon auf einen Endspurt (so wie er mir normalerweise entgegenkommt) gefreut.

Der restliche Geburtstag endete im Krankenhaus von Cheboksary?

Nach dem Rennen wurde ich erst einmal lange vor Ort medizinisch versorgt. DLV-Arzt Dr. Schreiber und die russischen Ärzte vor Ort haben sich richtig bemüht. Meinen restlichen Geburtstag habe ich dann im dortigen Krankenhaus verbracht.

Eine für mich positive Überraschung erlebte ich in der Klinik. Alle sorgten sich um mich. Eine Krankenschwester kümmerte sich wohl nur um mich, der Chefarzt war Spitze und stellte mich auf den Kopf. Auf meine vorsichtige Frage nach der Finanzierung kam auf Englisch: „You don´t have to pay – you are our guest !“

Danke noch einmal nach Cheboksary!!! Danke an alle die vor Ort und im Nachhinein auch zu Hause und im Klinikum Tübingen an Dr.Nieß und seine Crew, die um meine Gesundung bemüht waren. Auch für die zahlreichen Aufmunterungsnachrichten, die mich per Handy, E-Mail oder persönlich erreicht haben, haben mir wieder auf die Beine geholfen.

Und ein Rückblick in diese Juni-Tage?

Bis jetzt kann ich mir nicht erklären, wie und warum das passiert ist. Wer meinen Trainer und mich gut kennt weiß dass wir uns vor so einem Ereignis alles andere als naiv und blauäugig verhalten. Was passiert ist schmerzt mich in doppelter Hinsicht. Trotz eines optimalen Rennverlaufs bei meinem ersten Nationalmannschaftseinsatz bei den Aktiven konnte ich nicht zeigen was ich kann und nur wenig zum tollen Team-Ergebnis beisteuern. Die für dieses Jahr angedachte Leistungsausprägung näher nach Olympia und der Universiade – Start im Sommer wurde schließlich unmöglich und viele Wochen Training habe ich versäumt.

Das Ergebnis der vielen Untersuchungen – bist Du wieder trainingsfähig?

Kreislaufkollaps, Virusinfektion, Ozon-Allergie ...es konnte alles sein. Und es bleiben noch viele Fragen offen. Die Erholung war richtig langwierig, nach 3 Wochen Pause und zwei Wochen Anlauf-Training bekam ich für die 1500 m bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg grünes Licht. Nach meiner Quali für das Finale habe ich gemerkt, dass ich noch nicht 100% fit bin. Und obwohl ich mich auf Anhieb wieder fürs Finale der besten 12 in Deutschland qualifiziert habe, habe ich aus sportlichen und gesundheitlichen Gründen darauf verzichtet.

Die Nachwirkungen von der Team EM sind komplizierter als wir erwartet hätten. Inzwischen geht es mir besser. Die Ursachenforschung und Untersuchungen haben zum Glück erste Anhaltspunkte geliefert für diesen Totalausfall. Es gibt immer noch offene Fragen, aber eine „heiße Spur“. Wichtig ist für mich und meinen Trainer, dass das Herz-Kreislaufsystem gesund und die Lunge in Ordnung sind.

Wie geht es nach der neuesten Planung weiter?

Der Blick ist natürlich nach vorn gerichtet, das neue Trainingsjahr beginnt früher als sonst. Kilometer sammeln, die Kräfteverluste aufarbeiten und ein paar verlorene Pfunde wieder anlegen sind die ersten Aufgaben. Der Traum von Olympia in Rio ist trotz verlorener „Sekunden – Annäherung“ an die Norm im Sommer noch nicht aufgegeben, schließlich bin ich erst 23 Jahre alt. Und wenn ich es, wider Erwarten, nicht schaffe, kommen erneut Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und auch wieder Olympische Spiele. Man hat mir von vielen Seiten immer gesagt, dass ich dafür das Potential hätte. Das will ich beweisen!

Danke Marcel für das Gespräch – wir drücken Dir die Daumen

Foto Markus Herkert