Die schnellsten Geher sind nicht immer auch die Sieger (Teil 1)

Ziele, Aufgaben und Inhalte im Jugend-Aufbautraining

26. November 2006 (Pöhlitz) – Das Gehen ist der einzige Disziplinbereich innerhalb der Leichtathletik, bei dem der Erste im Ziel nicht immer auch der Sieger ist. Neben der physischen Leistungsfähigkeit des Athleten wird dies von „Gehrichtern“ bestimmt, die nach ihren subjektiven Empfinden darüber wachen, ob die Regel 230 der IAAF von den Gehern auch eingehalten wird. Dabei gab es in der Geschichte des Gehsports die kuriosesten, sicher auch „nationalpolitisch“ geprägten, Entscheidungen. So konnte ich selbst einmal im Ausland mit ansehen, wie ein Geher kurz vorm Einmarsch ins Stadion, bei großem Vorsprung vor dem einheimischen Zweiten, disqualifiziert wurde und dieser dann die Goldmedaille „bekam“, nein, gewonnen hatte er sie nicht, eher der Kampfrichter !

Trotzdem hat – sicher wesentlich in der Attraktivität durch die Einführung der 2 km – Wettkampfrunden unterstützt – die Popularität des Gehens in den letzten Jahren zugenommen, z.B. nahmen beim Welt-Cup der Geher 1999 61 Nationen teil. Über
so viele teilnehmende Nationen würden sich die Hammerwerfer sicher sehr freuen.

Die Regel 230 der IAAF bestimmt :

„Wettkampfmäßiges Gehen ist eine Abfolge von Schritten, die so gesetzt  werden, dass der Geher so Kontakt mit dem Boden hat, dass kein mit menschlichem Auge sichtbarer Kontaktverlust vorkommt. Das ausschreitende Bein hat vom Moment des Aufsetzens auf den Boden bis zur aufrechten Stellung gestreckt zu sein, d.h. im Knie nicht gebeugt“.

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Für die technische Ausbildung im Jugend-Aufbautraining bedeutet das vor allem, die regelgerechte Technik mit dem Ziel altersgemäßer Spitzenleistungen bis zur Feinform auszubilden und sie immer wieder dem steigenden Niveau der konditionellen Fähigkeiten anzupassen. Es ist eine Technik auszubilden, die bei Einhalt der vorgegebenen Regeln eine individuell hohe Geschwindigkeit durch optimalen Vortrieb über die Dauer des Wettkampfes ermöglicht und oftmalige Rhythmuswechsel durch teilweise spitze Kurven (Wendepunkte) toleriert. Außerdem ist durch Trainingsübungen „Gehen im Rudel“ das vor allem nach dem Start und in der ersten Runde auftretende Gedränge bei höchstem Tempo zu üben ( mit Aufgabenverteilung.)
Dazu sind bei Sicherung einer hohen technischen Stabilität und einer möglichst ökonomischen Fortbewegung vor allem die Beweglichkeit, die allgemeinen und speziellen Kraftfähigkeiten, die Bewegungsschnelligkeit, eine lanzeitausdauerorientierte Basis-Ausdauer (Fettstoffwechselausbildung auch schon in der Jugend durch „Long march“) altersgerecht lange Märsche – Ausflüge – langes gemeinsames „Walking“ in der Gruppe, lange Spaziergänge in den Bergen - auch zur Willensbildung für die Langzeitausdauerdisziplinen) und die spezielle Ausdauer für die jeweilige Wettkampfstrecke, auszubilden.

Das bedeutet für das Jugend-Aufbautraining die Ausbildungsschwerpunkte aus dem Grundlagentraining auf ein deutlich höheres Niveau zu heben und in der nachfolgenden Reihenfolge im Jahrestrainingsaufbau zu entwickeln:

  • zuerst die konditionellen Fähigkeiten auf ein im Vergleich zum Vorjahr neueshöheres Niveau bringen, danach, möglichst früh im Jahr die regelgerechte Technik ausbilden, Fehler aus dem letzten Jahr korrigieren und systematisch auf immer höherem Niveau stabilisieren Dabei ist zu beachten, dass auf jedem neuen konditionellen- und Kraftniveau die Technik neu „justiert“, d.h. diesem neuen Niveau angepasst werden muss (mehr Kraft ermöglicht z.B. eine größere Schrittlänge). Parallel dazu soll bei individuell beherrschbarer Technik schon früh im Jahr die „Gehschnelligkeit“ (Motorik) ins Training einbezogen werden
  • die erarbeitete Technik schrittweise auf immer längeren Strecken üben unddemonstrieren (bei möglichst ständiger Videopräsenz), phasenweise die Entwicklung der Kraftausdauer und nachfolgend der speziellen Ausdauer favorisieren, damit auch die Voraussetzungen für den jährlich notwendigen Leistungsfortschritt geschaffen werden.
  • regelmäßige Überprüfung des Ausbildungsstandes in Wettkämpfen,dabei sind Aufbauwettkämpf als Training auf höchstem Niveau zu betrachten.

Die Qualität der Bewegungsausführung ist im Gehen leistungsbestimmend.
Unter dem Einfluß der Ermüdung wird die Gehtechnik zum leistungsbestimmenden
Faktor. Geschwindigkeiten, die nicht „sauber gegangen werden können“ sollten im
Training nicht toleriert werden

Trotz dieses wichtigen Schwerpunktes „Geh-Technik-Ausbildung“ darf die Ausbildung technischer Fertigkeiten für alle einzusetzenden Trainingsübungen sowie eine parallele gleichwertig bedeutende Ausbildung der notwendigen konditionellen Fähigkeiten nicht zweitrangig sein. Dabei sind für Geher die speziellen Fähigkeiten mit einer hohen koordinativen Komponente in diesem Altersabschnitt vorrangig zu entwickeln.

Auch Beweglichkeit und Gewandtheit, Schnellkraft und Schnelligkeit, sowie eine
hohe spezielle Belastbarkeit sind Grundvoraussetzungen für schnelles Gehen.


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Diagram 1: Leistungsbestimmende Faktoren für das sportliche Gehen