Du bist nur so stark wie deine schwächste Stelle

Zu den Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit

Von Steffen Tepel* / Focus on Performance - 10. Januar 2018

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„Wir nehmen in unserer Arroganz an, der Sport sei maximal entwickelt. So dachten schon die Läufer in den 50er Jahren bis Sir Roger Bannister kam und als erster Mensch die Meile unter 4 Minuten lief. Es geht weiter. Immer weiter! Man ist nur so stark wie seine schwächste Stelle!“

Wenn man bedenkt, wie viele biologische Faktoren Einfluss auf die Leistung haben können, ist es dann unwahrscheinlich, dass diese Weltklasse-Athleten einfach deutlich mehr Faktoren auf ihrer Seite haben aber eben nicht alles stimmt? Es sollte also bei aller Skepsis gegenüber Topleistungen von scheinbar übermenschlichen Athleten im Auge behalten werden, dass auch bei den Besten der Besten, mit den besten Muskelstrukturen, Herzkreislauf-, Energie- und Nervensystemen immer noch Raum für Verbesserung offen ist.

Der Sport versinkt im Dopingsumpf. Soweit die öffentliche Meinung. Jeder Spitzenathlet, der „ungewöhnlich“ gute Leistungen bringt, ist per se schon mal auf dem Radar der skeptischen Öffentlichkeit. Ob Usain Bolt, Chris Froome oder Michael Phelps, die Besten der Besten mussten sicherlich nicht nur einmal die Frage beantworten, ob denn nun bei ihnen alles mit rechten Dingen zugehe. Sind sie nun gedopt oder nicht gedopt? Im Sport gilt erstmal die Unschuldsvermutung. Dieser, für den individuellen Athleten existentielle Grundsatz erreicht den gemeinen Fernsehzuschauer jedoch selten, so dass am Stammtisch kräftig diskutiert wird, welcher Athlet mit Sicherheit gedopt sei und welcher nicht. Es sind ja meist gerade die außergewöhnlich guten Leistungen, die dafür sorgen, dass ein Topathlet den Argwohn der Öffentlichkeit auf sich zieht. Beweise sind das jedoch keine.

 

Wo liegen die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit?

Was jedoch, wenn die Grenzen des biologisch Machbaren, entgegen der populären Meinung noch nicht ausgereizt sind? Könnte es sein, dass diejenigen die am Ende diese scheinbar unglaublichen Leistungen vollbringen, zwar alles ein Stück besser können als der Durchschnitt aber trotzdem “Energielecks” in der Ansteuerung ihrer Technik haben? Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften wie unser Gehirn Bewegung steuert, wachsendes Wissen über die Biologie des menschlichen Körpers gepaart mit technologischen Entwicklungen sind in Kombination eine starke Waffe für den Fortschritt. Sie wären Erklärungsansätze für scheinbar übermenschliche Leistungen und noch brachliegende Leistungsreserven von Topathleten.

Wo hat ein Champion Verbesserungspotential? Wo verlieren Spitzenathleten Energie, Zeit, Höhe, Geschwindigkeit oder Weite

Es wird immer wieder vereinfachend davon ausgegangen, dass der beste Athlet auch gleichzeitig das Monopol auf die beste, ja perfekte Technik hat. Diese ist im Vergleich zu Konkurrenten sicher besser aber ist sie auch wirklich diejenige Sequenz von Einzelbewegungen die jeden Kraft- und Energieverlust zu einhundert Prozent über die Dauer eines Rennens minimiert? Die wirklich unangefochten perfekte Technik? Unwahrscheinlich. Um hier Licht ins Dunkel zu bringen, muss man sich auf die Suche begeben wo eigentlich die Spitzenathleten ihre Energie und somit Zeit, Höhe, Geschwindigkeit und Weite verlieren. Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand über die Dauer eines gesamten Rennens zu jeder Zeit, in jedem Kraul- oder Schrittzyklus biomechanisch ALLES richtiggemacht? Zur Information: Schwimmer Paul Bieder-mann hat bei seinem Weltrekord über 200m Freistil über 130 Züge in 1:51,5min gebraucht. Usain Bolt bei seinem Weltrekord über 200m mehr als 80 Schritte in 19,19sek. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Marathonläufer bei einer Wettkampfzeit von über 2 Stunden mit JEDEM Schritt seine im Muskel produzierte Energie ohne den geringsten Verlust in Vortrieb umwandeln kann? Ist der Athlet auch unter starker Ermüdung, wie sie gegen Ende der Belastung auftritt, in der Lage seine Technik zu 100% über die gesamte Dauer der Zeit aufrecht zu erhalten? Jeder, der sich schon mal intensiv belastet hat, weiß wie schwer Gliedmaßen unter Ermüdung koordinierbar sein können.

Wie koordiniert das Gehirn die Bewegungen?

Wir haben oft darüber berichtet wie komplex das Zusammenspiel einzelner Muskeln in einer Bewegung ist. Das Gehirn muss das Timing zwischen An- und Abschaltung einzelner Arbeits- und Stabilisationsmuskeln in Perfektion beherrschen, um maximale Bewegungsökonomie (möglichst niedriger Energieverbrauch bei maximaler Leistung) zu gewährleisten. Wenn das Gehirn dieser Aufgabe jedoch nur unzureichend Rechnung tragen kann, muss die athletische Aufgabe ja trotzdem erfüllt werden. So wird das Gehirn Hilfsmuskeln zuschalten, damit die Bewegungen kompensatorisch aufgefangen werden können. Um diesen Prozess zu verstehen, müssen wir uns noch einmal vergegenwärtigen, wie eine auf den ersten Blick relativ ‚banale‘ Laufbewegung überhaupt zustande kommt. Denn bevor der eigentliche erste Schritt oder Bewegungszyklus von außen sichtbar abläuft geschieht eine komplexe Kette von neuronalen Ereignissen: Der Motorkortex kommuniziert über viele Schaltstationen mit der Arbeitsmuskulatur auf der Körpergegenseite und muss zur selben Zeit die gleichseitigen „Anti-Schwerkraft-Muskeln“ als Stabilisatoren aktivieren. Perfekte Bewegungsfolgen sind also das Produkt einer unglaublich eng verzweigten Reihe von Signalen, vieler Areale im Nervensystem. Muskelkraft und Effizienz sind somit nicht bloße Aktivierungsfolgen vom Kortex. Ermüdet ein Hirnareal springt ein anderes dafür ein und kompensiert. Als Trainer sind wir darauf getrimmt Schwachstellen in der Technik, auch bei den Besten, zu suchen. Technikfehler sind schließlich nicht nur ein Phänomen des hinteren Drittels im Wettkampffeld. Kurzum: Es ist unwahrscheinlich, dass die besten Athleten der Welt perfekte Bewegungen über die gesamte Dauer ihres Wettkampfes machen, nur weil sie am Ende den Wettkampf gewinnen.

Auch durch Ausdauer soll Energie effizient in Vortrieb umgesetzt werden

Ausdauer ist u.a. definiert als Ermüdungswiderstandsfähigkeit. Wenn ein Athlet der Ermüdung also widerstehen möchte, dann sollte er Strategien haben den Wettkampf mit möglichst wenig Energieverlust zu absolvieren. Zudem sollte seine zentrale Bewegungssteuerung fehlerfrei ablaufen. Das Ziel des Trainings war es klassischerweise immer, hohe Energieproduktionsraten zu ermöglichen um maximalen Output zu gewährleisten. Diese Rechnung geht jedoch nur auf, wenn mit dieser, vom Körper produzierten Energiemenge auch sinnvoll gehaushaltet wird, sie also dort eingesetzt oder gespart wird, wo es Sinn ergibt. Wenn das Gehirn die Symphonie zwischen Muskel An- und Abschaltung nicht beherrscht, wird es teuer. Kompensationsmuster in der Bewegungssequenz sind somit Wucher im Energiemanagement. Bei schlechter Technik tut der Körper sein Möglichstes um Gas zu geben aber der Athlet ist darauf ‘programmiert’, die Energie schnellstmöglich in alle Richtungen zu verteilen. Natürlich wandeln die Bewegungstechniken der Besten Energie äußerst effizient in Vortrieb um, trotzdem bleibt die Frage ob sie es nicht auch noch über ihre Bewegungssteuerung optimieren können.

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