Die harte Trainingsarbeit öfter in Rennen zeigen wollen

Die Trainings- und Wettkampflehre 2017 zusammenführen

2017_04_15_Wettkampflehre© Lothar Pöhlitz – 15. April 2017 - „Weniger Wettbewerb führt zu leichteren Siegen oder guten Platzierungen auf einem niedrigeren Niveau. Leichtere Siege führen zu abnehmenden Anstrengungen im Training. Deshalb ist es an der Zeit, den Überlegungen zu mehr Anstrengungen im Training neue Überlegungen zu einem wirksameren Wettkampfsystem für alle anzufügen. Dabei muss mit dem Wort System systematisch im Sinne der Unterstützung des Leistungsgewinns und Ausbildung in den Altersklassen verbunden sein. Der Aufbau von umfassenden Leistungsvoraussetzungen muss früh beginnen. Dafür ist nicht der DLV allein, sondern sind auch die Landesverbände zuständig“ (Lothar Pöhlitz 2009)

 

Variable Taktik - Wettkampfdichte - Wettkampferfahrung - Erfolge

8 Jahre nach diesen 2009 formulierten Handlungsbedarf muss man sagen: über die Wettkampflehre und ihrem immanenten Teil der Taktikausbildung als wichtigen Teil der Trainingslehre muss nach den Erfahrungen der Saison 2016 noch einmal geredet werden. Entschärfte Normen, leichte Siege und zu wenig qualitativ fordernde Wettkämpfe, vor allem auch gegen bessere, führen zu abnehmenden Anstrengungen im Training und weniger Wettkampferfahrung für den Kampf um Zeiten, wenn es eines Tages darauf ankommt. Vielleicht wird dies nun die neue Generation der Bundestrainer in die Hand nehmen.

Enttäuschend auch die IOC-Bach-Signale im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Rio Betrüger nur in Russland und nicht in der ganzen Welt konsequenter zu jagen. Und bis heute gibt es keine neuen Signale. Das macht natürlich unseren jungen Läufern den Weg auf ein Podium weiter schwer. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, der Kampf gegen das weltweite Doping wird weitergehen - trotz IOC und IAAF. Ein wirksamer Schritt wäre die Verdächtigen aus Kenia, Äthiopien, USA, Jamaika, Türkei etc. nicht mehr zu Starts in Deutschland oder besser nach ganz Europa einzuladen um das Geld zu verdienen das unseren Athleten danach fehlt.

Wenn die Ansprüche sinken werden die Anstrengungen geringer

Auch 2016 - das zeigte die Läufer-Touristik zu den Top organisierten Wettkämpfen des Flanders-Cup nach Belgien - wurden Läufer und Trainer wieder mit dem Problem einer unzureichend organisierten leistungsfördernden Bahn-Wettkampfstruktur, nicht nur für die zweite Reihe, den zweiten, dritten oder zehnten der Disziplin-Bestenlisten aller AK, sondern auch für die Besten konfrontiert. Man vermisst Kader-Pflichtwettkämpfe gegeneinander die es in den 80iger Jahren schon gab. Auch die Wettkampfdichte war damals höher. Eigentlich sollen sie sich von Juni bis August den Lohn für neun Monate Training zuerst „zu Hause in Deutschland“ abholen können und sich für die Kader im neuen Jahr mit möglichst hoher Qualität anbieten. Danach müssen die Besten öfter gegen mindestens international gleichstarke Wettkampf-erfahrung sammeln. Aber auch Reisen bildet. Dafür hat der Run nach College-Plätzen in die USA zugenommen. Dort erlebten sie was eigentlich Training, Wettkampf und duale Karriere bedeuten, explodierten aber leider nicht, wenn sie zurückkamen.

Oft hat man das Gefühl, dass die Kaderathleten unorganisiert nicht miteinander um mehr laufen wollen, sich - neben den Meisterschaftsterminen - aus dem Weg gehen, lieber Wettkämpfe mit leicht zu besiegenden Gegnern suchen. Dabei wissen die Trainer genau, dass leichte Siege die Stagnation unterstützen oder sogar zu abnehmenden Anstrengungen im Training führen und ein zielgerichtetes Zusammenführen mehr Leistungsfortschritt bringen würde. Erst kürzlich mussten sich Hanna Klein und Alina Reh bei der Hallen-EM ungewohnten 2 x 3000 m in 3 Tagen im Bestleistungsniveau stellen oder sich unsere jungen 800 m Läufer in VL, HF und F mit ungewohnten Taktiken auseinandersetzen.

Nicht alle vor Euch sind gedopt

Sind Sportler und ihre Trainer wirklich glücklich, wenn sie mit entschärften Normen Teilnehmer bei EM, WM oder OS werden, um dort enttäuscht mit Tränen von der Bahn zu schleichen. Aus der Sicht der weltweiten Dopingproblematik natürlich schon, ob aber dafür auch noch ein leistungsverschleierndes Lob angebracht ist. Schließlich müssen sie erfahren, dass sie gegen die Besten fast chancenlos sind, ein Start gegen die Weltbesten aber zum Hochleistungssport, zur Olympischen Leichtathletik gehört.

Es gilt auch für uns weiterhin der Grundsatz wer antritt ist „sauber“ bzw. bisher „nicht erwischt“ und muss besiegt werden. Das macht es in Zukunft nicht leichter auf sich aufmerksam zu machen. Im 5000 m Lauf bei der U-20 WM hat man es gesehen als die 17-19 jährigen den Gold - Silber und Bronzegewinnern mit 13:21.21 - 13:21,50 - 13:23,34 gegenüberstanden!

Die „schlauen Doper sehr vieler Länder“ werden auch in den nächsten 4 Jahren unter Euch sein. Aber nicht alle die derzeit vor Euch sind gedopt! Sie bereiten sich aber trotzdem „zum Ruhme ihres Landes“ viele Wochen professionell und im Höhentraining vor. Bedenke in diesem Zusammenhang einmal welche Anstrengungen, Leistungen und Entbehrungen deutsche Medaillengewinner und Olympiasieger 40 Jahre lang aufbrachten um damals schon gegen Doper vieler Länder und mit Normen am Weltniveau orientiert zu bestehen. Das muss auch der DLV mit seiner „Förderungsstruktur gegen die Weltbesten in allen Altersklassen“ berücksichtigen, wenn man sich, wie nach der Hallen-EM, über Medaillen und viele Nationenpunkte freuen will. Weltspitze erfordert Profis professionelle Bedingungen zu bieten.

14 Diamond - League - Meetings ohne Deutschland

Die Weltbesten „gegeneinander“ wollen in der neu strukturierten Diamond League vom 5.5. - 20.8. 2017 nach 12 Stationen in zwei Finals am 24.8. in Zürich und 1.9. in Brüssel Geld verdienen. In diesem Konzept sind nicht nur Deutsche Veranstalter außen vor, sondern ob fehlender Konkurrenzfähigkeit wohl auch die Läufer. Ob die Meeting-Flucht aus Deutschland eine Retourkutsche gegenüber dem DLV ist?

Die immer noch für nur wenige deutsche Läufer möglichen Startplätze bedeuten erst einmal im nahen Ausland - Dessau - Regensburg - Oordegem oder/und beim Flanders Cup ums näher ans Weltniveau zu kämpfen

2017_04_15_Wettkampflehre

Immer mehr große Traditionsveranstaltungen wurden gecancelt, Wettkampfreisen ins nahe Ausland können aber von vielen mangels Geld nicht wahrgenommen werden, immer weniger „Sondermeldungen“ von jungen Talenten aus den Landesverbänden werden wöchentlich bei leichtathletik.de transportiert, das Lob bekommt man neuerdings schon, wenn man in Finals aufrecht ins Ziel läuft. Im Ferien-Trainingslagern waren sie auch nicht, sonst hätte man von dort ja mehr Kartengrüße lesen können.

Die einst großen Internationalen Meetings des Manfred Germar in Köln oder des Fredi Schäfer in Koblenz für das sogar Zusatztribünen aufgebaut wurden hat als Mini-Internationales wohl seinen Tiefpunkt erreicht. Man hört das 2016 wohl nicht einmal ein Bundestrainer anwesend war um sich seinen Nachwuchs anzusehen - d.h. keine Spitze - keine organisierten Rennen! Mehrere ehemaliger Trainerkollegen aus den nahen Ausland haben schon gefragt, was mit Deutschlands einstigen wettkampf-starken System los wäre.

Besser als in anspruchsvollen Wettkämpfen kann man nicht trainieren. Es muss aber auch Zwischenwettkampfphasen geben

Für einen Platz in den Bestenlisten bzw. im Individuellen Leistungsfortschritt in allen Landesverbänden, für einen schnelleren Weg aus dem Tal müssen für 2017-2020 möglich schon 2017 Reserven in der Organisation der Wettkampfleistung erschlossen werden. Eine neue Wettkampfstruktur im Lande ist überfällig. Wer aber macht´s? Die Aufgaben des Referats Veranstaltungsmanagement beim DLV - für das 9 Personen (!) arbeiten -, werden so beschrieben: …organisiert die jährlichen Deutschen Meisterschaften in allen Altersgruppen und Wettkampf-Disziplinen der Leichtathletik und sorgt für ein einheitliches Regelwerk und Wettkampfangebot in ganz Deutschland und dessen Durchsetzung“. Na also.

Deutschland um Jahre in der Wettkampforganisation voraus präsentierte sich auch 2016 wieder die International Flanders Athletics Meeting-Serie in Belgien. Dahin wäre eine Studienreise lehrreich. In Oordegem liefen beispielsweise in einem 5000 m Rennen mit 35 Teilnehmern ohne irgendwelche Probleme Florian Orth als Zweiter 13:23,67 - Marcel Fehr als Siebenter 13:39,83 - und Simon Stützel als Siebenundzwanzigster 14:00,73 - und das Ergebnis aller fand man innerhalb von Minuten im Internet!

„Wenn Spitzenverbände die Richtlinienkompetenz für die Trainingskonzepte haben, fällt ihnen auch die konzeptionelle Verantwortung für die Ausgestaltung von Wettkampfsystemen zu. Jedoch kann das nur im Zusammenspiel mit den Landesfachverbänden geschehen“ (ROST 1993)

Schon beim DLV-Verbandstag 2013 gab DLV-Präsident Clemens Prokop seinen Mitarbeitern mit auf den Weg: „Aus diesem Grund setzte ich mich auch dafür ein, dass wir den Verlust an Meetings bekämpfen. Wir müssen die vorhandenen Meetings stärken und auch inhaltlich stützen. Auch mit Blick auf Athleten, die nicht bei den ganz großen Sportfesten starten können, denn ohne Wettkämpfe ist die Gefahr groß, dass sie die Lust an der Leichtathletik verlieren“.

Die Zentrale wird es wohl überhört haben!

Wie wahr - er hat aber nicht namentlich gesagt wer es tun soll! Vielleicht bringt der neue „General“ Lameli die Erfahrung vom Fußball mit das alle letztendlich für gute Ergebnisse in Wettkämpfen arbeiten und verteilt die Arbeit im DLV zukünftig besser als sein Vorgänger.

Die z.T. bis ins Detail differenzierten Ergebnislisten der meisten Landesmeisterschaften unterstreichen jährlich das Anliegen. Immer mehr Jahrgangsklassen ermöglichen leicht errungene Medaillen für die Vereine und legen immer wieder auch offen, dass da und dort Hochbegabte nicht besonders gefordert Landesmeister „unter Wert“ wurden. Immer seltener gibt es bei diesen Veranstaltungen steigerungsfähige Anschlussleistungen von Talenten näher an der Spitze. Dabei sollten doch alle auch für die „Olympische Leichtathletik im DLV“ arbeiten deren Ziel „Weltniveauleistungen in allen AK“ sind. Hier schon wäre die Aufgabe fördern und fordern auf den Weg in die internationalen Spitzenfelder eine wichtige Voraussetzung. Auch weil es bei den Deutschen Meisterschaften logischerweise vor allem um den Sieg oder das Podium geht, natürlich erst einmal für sich, aber auch für den Verein oder den Landesverband.

Die jungen Kaderathleten wären dem DLV-Management für mehr Hilfen, mehr Anspruch in dieser Richtung bestimmt sehr dankbar und müssten nicht in Amerika „Laufsport studieren wollen“. Wenn unsere Besten demnächst bei der U18-U23 EM/WM oder der EM, WM oder OS unterwegs sind, müsste der organisierte Wettkampfbetrieb für alle anderen Mittel- und Langstreckler zumindest bis Mitte August gut organisiert weitergehen, auch weil sich allmählich durchsetzt, dass das neue Trainings- und Wettkampfjahr – wenn Talente Leistungsrückstände minimieren wollen - bereits wieder Anfang September beginnt.

„Die Nachwuchsleistungsaufgaben eines Verbandes sind nur dann zu erfüllen, wenn für alle Leistungsbereiche des Nachwuchses ausreichende, und in den Altersklassen qualitativ gute Wettkämpfe sinnvoll platziert und gut organisiert angeboten werden“ (Lothar Pöhlitz 1986)

2017_04_15_Wettkampflehre

Wettkampferfahrung sammeln ein wichtiger Lehrauftrag - Tempo machen damit es für alle dahinter hart wird.

Ein bisher offensichtlich unterschätzter „Lehrauftrag“ für später ist Wettkampferfahrungen zu sammeln und immer wieder zu überprüfen ob Läufer oder Läuferin wirklich schon auf hohem Niveau spurten können, auf Tempowechsel auch in anspruchsvollen Rennen vorbereitet sind, sich in Rennen mit vielen Teilnehmern unfallfrei bewegen können oder ob er/sie bereit sind einmal in weniger wichtigen Wettkämpfen nicht nur „vornweg zu laufen“ sondern - wie Konstanze Klosterhalfen damals in Ostrava“ offensiv Tempo zu machen. Sie hat nicht nur eine Norm erfüllt, auch sehr gut „trainiert“ und für sich richtig Erfahrung gesammelt. Anfang März in Belgrad hat sie gezeigt des es nun nicht in jedem Rennen um eine neue persönliche Bestleistung gehen muss, sondern das erfolgreiche Taktik auch in schwierigen Rennen anwendungsbereit zu beherrschen ist.

Eine wichtige Trainer-Erfahrung ist das man durch längere Trainingsausfallzeiten durch Verletzungen in dieser Zeit keine Wettkampferfahrung sammeln kann.

Die Läufer-Abendsportfeste wiederaufleben lassen. Sie ermöglichen eine öftere Auseinandersetzung mit den Besten der verschiedenen AK.

Zusammenführen wäre eine Aufgabe der Stunde

Positive Erfahrungen machen junge Läufer immer wieder bei U18- / U20 - EM oder U23-WM wenn er/sie im Finale grenzwertig gefordert plötzlich zu einer tollen persönlichen Bestleistung in der Lage waren. Negative damit, dass sie in ihrem Leben vorher noch nie 3 Runden (VL - HF - F) gehen oder die notwendige Taktik anwenden mussten, wenn in einem Rennen ungewöhnlich viele am Start waren und mehrere gleichstarke siegen wollten.

Fazit: Schnellere Fortschritte erfordern „Zusammenführen“ für mehr Geschwindigkeit, Taktik- und Wettkampferfahrung, also öfter üben. Talente sollten nicht nur für die Schlagzeile in der Regionalzeitung und um leichte Siege laufen sondern ihrem Leistungsniveau entsprechend früher in höheren Altersklassen bzw. bei den Erwachsenen starten, Taktikvarianten erproben, Mädchen gegen stärkere Jungen laufen oder Läufe bei den Landesmeisterschaften zukünftig nach dem Leistungsprinzip (z.B. Jugend B, Jugend A, Junioren gemischt) zusammenstellen. Das Laufen von vorn (á la Klosterhalfen und Reh) um die neue persönliche Bestleistung entwickelt auch die mentale Stärke.

Wieder mehr Rennen - wie es schon in den 80iger Jahren war - eine Neuorganisation der Wettkampfgestaltung wären dringende Aufgaben für den neuen Olympiazyklus, auch die hilfreiche Mitarbeit der DLV-Bundestrainer bei der Organisation von anspruchsvollen Wettkämpfen, bei der Installation von Lauf-Abendsportfesten wären Optionen, schließlich sind sie auch die organisatorischen Leiter ihres Disziplinbereichs. Sie kennen am besten den Bedarf, die richtigen Zeitpunkte, Strecken und geeigneten Orte. Wer in seiner „Lehrzeit“ nicht genug ausbildende Wettkämpfe macht kann die notwendige Wettkampferfahrung für kommende sportliche Höhepunkte nicht sammeln. Bei Olympia und auch bei der HEM hat man gesehen das es Handlungsbedarf gibt.

„Wer nicht fördert, kann auch nichts fordern“, Florian Orths Botschaft an den Deutschen Leichtathletik-Verband (FAZ vom 3.3.2017)

Fotos: Weiss, Kiefner, Pöhlitz