Zankapfel 10 km

Das Bindeglied zwischen Bahn- und Straßenlauf sorgt für Unruhe

Start Gewerbeparklauf 2005Regensburg, 22. September 2006 (Ring) – Zehn Kilometer ist eine durchaus verständliche Maßangabe, bestehend aus zehntausend gleich langen Metern, die im normalen Leben absolut kein Aufreger sind. In der Leichtathletik ist das dann schon ein wenig anders. Da sind 10 km nicht gleich 10.000 m, zwar gleich lang, aber beileibe nicht dasselbe. Die 10 km werden nämlich auf der Straße gelaufen, die 10.000 m, als längste olympische Stadiondisziplin, auf dem Kunststoffoval. Und so stellen diese zehn Kilometer eben auch das Bindeglied zwischen Bahn- und Straßenlauf, aber auch zwischen Leistungssport und Breitensport her.

Der Leistungssport hat seine 10.000 m in den letzten Jahren nicht gerade freundlich behandelt. Zuerst hat man sie aus den großen Deutschen Leichtathletik Meisterschaften ausgelagert, teilweise mit Gründen, die sich nicht bestätigt haben. Weder die Qualität der Leistungen, noch die Quantität der Teilnehmer hat zugenommen. Die 10.000 m sind eine olympische Kernstrecke, der deutsche Terminkalender hat sie zur Randnotiz erklärt. Dann hat man sie mit einer zusätzlichen Missachtung bei Meetings bestraft – zu lang, zu wenig Eventcharakter.

Methodisch gesehen ist diese Distanz beileibe keine Zubringerstrecke, die einzig und allein von der Grundlagenausdauer des Frühjahrstrainings profitiert. Die 10.000 m werden mit einer Geschwindigkeit gelaufen, die etwa 103 bis 105 % der vL3 (aerob-anaerobe Schwelle, Geschwindigkeit bei Laktat 3) beträgt, also durchaus anaerobe Anteile hat. Eine qualitativ hochwertige Leistung auf dieser Distanz braucht die Unterdistanzleistung und viele anaerobe Trainingsinhalte auf der Bahn. Dies sollte jedoch am Beginn der Bahnvorbereitungszeit Ende April bis Anfang Mai schwer möglich sein. Man lässt so die längste Rundendistanz auf die Ebene der Zulieferstrecke verkümmern und verhindert damit für den weitaus größten Teil der ambitionierten deutschen Langstreckler/Innen den adäquaten, systematischen Aufbau der Distanz und die Ausschöpfung ihrer Möglichkeiten zum Saisonhöhepunkt.

Ganz anders der Ansatz der 10 km auf der Straße. Als nichtolympische Distanz dient sie als kürzeste Aufbaustrecke für den Marathon, ist zudem die ideale Einsteigerstrecke für den leistungsorientierten Breitensport und kann sowohl im Frühjahr als auch im Herbst positioniert werden. Viele laufen sie schon deshalb lieber, weil die psychische Belastung auf dem Asphalt bei weitem nicht so hoch ist wie die im Geschwindigkeitsgrenzbereich zu laufenden 25 Bahnrunden.

Der Aufschrei der diese Strecke ablehnenden Trainerschar aus dem Hochleistungsbereich bei Einführung als Meisterschaftsstrecke im Jahr 2000 war meiner Ansicht nach verständlich und ist es immer noch. Trotzdem ist der Schaden, den ein nationaler Meisterschaftsansatz anrichtet, als minimal anzusehen. Keiner braucht alles zu laufen. Dem durchaus zukunftsweisenden nächstjährigen Versuch des Leistungssports, die Deutschen Marathonmeisterschaften mit im sinnvollen Zeitabstand von 6-7 Wochen stattfindenden Deutschen Halbmarathonmeisterschaften als Meisterschaftsschiene des Straßenlaufs zu kreieren, würde die Beigabe der Deutschen 10 km Meisterschaften sogar noch verbessern, auch wenn’s dann für eine Distanz zwei Meistertitel gibt.

Führende Laufmethodiker fordern seit einiger Zeit zwei Vorbereitungsperioden im Herbst und im Frühling, die weitgehendst von Meisterschaften und wichtigen Wettkämpfen frei bleiben sollten, um dem ungestörten Leistungsaufbau freien Raum zu bieten. Mit der Verlegung der Deutschen Crosslaufmeisterschaften zurück ins Frühjahr ist der eine Teil der Forderung erfüllt, der andere, ein halbes Jahr später, beinhaltet immer noch die 10.000 m Meisterschaften auf der Bahn. Und genau dort liegt die Krux der ganzen Problematik.

Eine Verlegung derer in einen Zeitraum Anfang bis Ende Juni, je nach Lage der zentralen Meisterschaften im Stadion, oder vielleicht sogar in die Meisterschaften zurück, wäre den Zielen des Leistungssports sehr dienlich. Der Löwenanteil der in Frage kommenden Läufer/Innen hätte nun die ausreichende Trainingsvorlaufzeit, um die 25 Runden wieder komplex vorbereiten zu können, um zum Zeitpunkt der Meisterschaften im optimalen Zustand zu sein. Der Maxime „am Saisonhöhepunkt in Höchstform zu sein“ wäre genüge getan.

Für die wenigen Topleute sollte dieser Termin auch kein Hinderungsgrund sein. Eine Form mit gewissen Abstrichen in Richtung internationale Meisterschaften (in der Regel im August) sollte genügen, um erfolgreich trotzdem zu sein bzw. gewisse Limits zu erfüllen. Hier den allerhöchsten Ansprüchen zu genügen, ist auf Grund der vor allem für deutsche Läufer sehr hohen Qualifikationshürde (OS/WM-Norm bei 27:50) nicht möglich. Dafür gibt es die Challenge im April oder das eine oder andere internationale Rennen im Zeitraum Juni/Juli.

Ach ja, da wäre noch das böse Sommerwetter mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen über 30 Grad. Auch dem ist zu begegnen. Das kann man damit beheben, dass man unseren guten Stern einfach am Himmel untergehen lässt (Startzeit nach 20.30 Uhr) - was alle an der Leistung Orientierten sowieso seit langem fordern - und darauf hofft, dass man nicht gerade die zwei, drei Nächte im Jahr erwischt, in denen es tropisch warm und feucht bleibt. Das Risiko ist in dieser Richtung wirklich minimal.

Die grundsätzliche Problematik liegt meines Erachtens also nicht darin, ob 10.000 m oder/und 10 km Meisterschaften stattfinden sollen. Sie liegt eigentlich nur darin, wo sie terminiert werden.

von Kurt Ring