Von Null auf vier, dank Papaautorität – Vorsicht bei Grüning geklaut, aber verdammt richtig!

Ein guter Trainer braucht Durchsetzungsvermögen und Charisma

2012-07-19-Trainerautoritaet_RingRegensburg, 18. Juli 2012 (orv) – „Wenn es derzeit eine Läuferhochburg in Deutschland gibt, dann liegt sie in Bayern, genauer gesagt in Regensburg. Corinna Harrer, Maren Kock, Philipp Pflieger und Florian Orth sind alles junge Talente für die 1500m bis 5000m-Distanzen, alle waren sie bei den Europameisterschaften dabei und alle trainieren sie unter demselben Coach: Kurt Ring,“ schreibt Martin Grüning auf Seite 87 seiner Kolumne „Grünings Klartext“ in der August-Ausgabe 2012 von Runner’s world. Dazu möchte ich gleich als Schreiber dieser Abfassung und gleichsam in der breiten Öffentlichkeit Angesprochener gleich etwas zu meiner Person klarstellen. Natürlich bin ich so etwas wie der spiritus rector der Regensburger Laufphilosophie, muss aber dazu festhalten, dass im Falle Orth, Kock und Flügel die dafür zuständigen Heimtrainer Klaus Bornmann, Arno Kosmider und Jürgen Stephan am Mann/Frau absolut ganze Arbeit machen und ich im Falle der Drei lediglich in gesamtplanerischen Dingen oder eben bei der Betreuung im Trainingslager direkt mitmische. Trotzdem, die Philosophie ist bei allen die gleiche.

So mag wohl auch das stimmen, was Martin Grüning weiter schreibt: „Irgendwas macht der dort richtig. Verdammt richtig. Und es scheint kein Hexenwerk zu sein. Klar, die Infrastruktur stimmt: ein bisschen Athleten-WG, ein bisschen finanzielle Unterstützung, aber das macht den Kohl noch nicht fett. Der Coach ist’s, sagte mir Corinna Harrer, die sich über 1500m sogar für die Olympischen Spiele qualifiziert hat. Ja so einfach ist das. Scheint so. Und der Coach ist einer vom alten Schlag. Das ist vermutlich ein wichtiger Teil des Erfolgsgeheimnisses. Man siezt ihn. Was er sagt, ist Gesetz. Vorbei die Zeiten, als sich der Trainer seine Autorität durch Kumpeleien selbst untergrub. So ein Läuferleben ist hart, das Training kostet manches Mal Überwindung, und man muss an seinen Trainingsplan, der diese harten Einheiten vorschreibt, glauben, zu einhundert Prozent. Das tut man eher, wenn dieser Plan von jemandem geschrieben wird, den man respektiert, als von jemandem, der ihn mit einem diskutiert. Zu lange hatten – meines Erachtens – im deutschen Mittel- und Langstreckenlauf die Schmusetrainer das Sagen. Jetzt sind wieder Patriarchen gefragt. Wieder! Nein, natürlich keine Despoten, ich sehe aber eher den Typ strenger Papa!“

Da wäre doch gleich mal der wichtige Begriff Autorität zu klären. Autorität ist nach wikipedia im weitesten Sinne eine soziale Positionierung, die einer Institution oder Person zugeschrieben wird und dazu führt, dass sich andere Menschen in ihrem Denken und Handeln nach ihr richten. Sie entsteht (durch Vereinbarungen oder Herrschaftsbeziehungen) in gesellschaftlichen Prozessen (Lehrer/Schüler, Vorgesetzter/Mitarbeiter) oder durch vorausgehende Erfahrungen (von Entschlusskraft, Kompetenz, Tradition, Charisma oder Offenbarung). Der Begriff hat seine Wurzeln im römischen Recht (auctoritas). Für den normalen Trainer kommt dabei die zweite, meines Erachtens wertvollere Autoritätsform in Frage. Ich will sie mal intrinsische Autorität nennen. Bar jeglicher „Druckmittel“ in dem auf Freiwilligkeit aufgebauten Tun im (Hoch)leistungssport muss der Trainer als Lehrender überzeugen und erklären können, nicht nachmachen, sondern die ihm zur Verfügung stehenden Trainingsmittel und –methoden gezielt für die jeweiligen Entwicklungen einsetzen können.

Das dem Athleten transparent zu machen, damit er auch von Anfang dran glaubt, ist eine seiner wichtigsten Aufgaben. Dabei hat der Trainer seinen Ehrgeiz hintan zu stellen. Nicht das, was er sich wünscht, steht im Vordergrund, vielmehr das, was das Profil des Athleten letztendlich ermöglichen könnte. Da wäre zunächst einmal die intrinsische Motivation, nicht von außen durch irgendwelche Erfolgsversprechungen oder materieller Zuwendungen erzielt, sondern direkt aus dem Herzen des Athleten kommend. Er muss laufen wollen, möglichst schnell und möglichst viel und andauernd. Auch die körperlichen Ressourcen lassen sich nachpubertär mit gutem Trainerauge relativ exakt einschätzen, wobei die genetische Schnelligkeit dafür eine wichtige Rolle spielt. Dem Athleten ist diese Einschätzung in aller Klarheit zu sagen, damit er seine ganz eigene Aufwand- und Ertragsrechnung aufstellen kann.

Ein Athlet-Trainer-Verhältnis sollte teamfähig sein. Bei der Fülle der wissenschaftlichen Einflüsse auf ein Hochleistungstraining ist ein „Einer-für-alles-Trainer“ sehr schnell überfordert. Kluge und erfahrene Trainer werden so bald zum „Teammanager Training“, der zwar alle Fäden in der Hand hält, dabei ständig in vertrauensvollem Kontakt mit seinen verschiedenen Trainingsstabstellen bzw. Umfeldbereichen steht, aber letztendlich nicht mehr die spezielle Athletik-Einheit durchführt. Im Profifußball ist das schon längst das Gewöhnliche. Dies setzt natürlich voraus, nicht hinter jeder Einheit nur das allein von ihm gewusste Geheimnis zu sehen. Die Mischung macht es eben aus, wie bei einem Sterne-Koch auch. Training muss nicht jeden Tag neu erfunden werden.

Teamarbeit heißt ökonomisch arbeitsteilig zu arbeiten. Der allseits bekannte Managerkreis Ziele setzen-planen-durchführen-kontrollieren kann zur Erklärung dessen gut herhalten im Teamworking Athlet-Trainer: Zuerst formuliert der Athlet seine Saisonzielsetzung bei beratender Funktion des Trainers, dann plant der Trainer über Perioden, Makro- und Mikrozyklen das Training bei persönlicher Einflussnahme des Athleten betreffs seiner individuellen Besonderheiten (Studienzeiten etc.), worauf der Athlet sein Training selbständig durchführt unter beobachtender Begleitung seines Trainers, der wiederum die Kontrolle des Getanen wertet unter Einbeziehung der subjektiven Eindrücke des Athleten und gegebenenfalls Planungskorrekturen vornimmt. Der Athlet vertraut seinem Trainer dabei fast blind und der Trainer misstraut seinem Athleten in keiner Weise. Es entsteht eine sinnvolle, zielgerichtete Symbiose. Mitnichten autoritär, aber schnell und wirkungsvoll, weil die Schnelllebigkeit des Hochleistungssports oft blitzschnelle Entscheidungen mit hohen Verantwortungscharakter verlangt. Energie pur in das, was Athlet oder Trainer abverlangt wird.

Der erfolgreiche Athlet wird über die Leistungstäler gemacht, heißt ein schöner Satz. Das bedeutet aber auch, dass das System Trainer-Athlet über eine hohe Selbstkritik verfügt und ohne vorschnelle Schuldzuweisung analysiert. Nur so kann in der Fülle der möglichen Fehleinwirkungen die eigentliche Schadstelle gefunden werden. Das heißt aber auch für einen guten Trainer, bei all seinen Athleten prophylaktisch auf zu erwartende Bruchstellen, die er aus seiner Erfahrung kennt, hinzuweisen, damit der Athlet dann im Falle des Falles weitgehend rational handeln kann. Deren Hürden gibt es vor allem in der Entwicklungszeit einige, auf die hier nicht speziell eingegangen werden soll, die aber nicht selten zum vorzeitigen Abbruch einer hoffnungsvollen Sportkarriere führen, wenn entsprechende Erklärungen im Vorfeld gefehlt haben. Hochleistungssport baut sich über die Jahre auf und verlangt von vornherein Außergewöhnliches im Handeln. Garantie für einen erfolgreichen Abschluss gibt es dabei nicht. Es ist immer ein großes Wagnis. Mit außergewöhnlichen Talenten im Aufbautraining drei bis vier Mal pro Woche herumzuspielen, aus dem Grund, „damit man sie bei höheren Anforderungen bloß ja nicht verliert“, ist ein fahrlässiges Verhalten. „Irgendwie wird das schon gehen“ ist im Hochleistungssport ein No-Go.

Das „Irgendwie wird das schon gehen“ ist gern eine Methode von ansonsten bis in die Zehenspitzen motivierten jungen Übungsleiter, die auf Grund ihres und in der Leichtathletik üblichen Amateurstatus Kompromisse machen müssen, meist sogar viele. Mag es an der heutigen Zeit liegen, dass junge Himmelsstürmer, auch aus dem Trainerbereich, möglichst schnell möglichst alles packen wollen. Eine große Familie gründen, die Existenz aufbauen, die berufliche Karriere vorwärts treiben und seinen Athleten für Olympia fit machen geht auf dem Papier vielleicht, in der Praxis aber ganz selten, weil allein die zeitlichen Puffer für das im Hochleistungssport gewöhnliche „Außergewöhnliche“ fehlen wird (Auslandstrainingslager, weite Fahrten zum Gesundheitsspezialisten, usw., usw.). Es gibt zwei Wege, im Bereich Leichtathletik Karriere zu machen: die hauptberufliche mit Stellen beim DLV und den Landesverbänden und die nebenberufliche, die einfach ein langes und vorzeitiges Bereiten des eigenen privaten Umfelds in Richtung Hochleistungssport erfordert.

So mag denn der Patriarch für die deutsche Leichtathletik das erfolgreichere Modell sein, weil er sich über lange Jahre mit großen Entbehrungen im privaten Bereich und weiser Strategie für die Zukunft für seine gewiss nicht leichte Arbeit leidenschaftlich vorbereitet hat.

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