Entwicklung ist kein Ereignis – es ist ein Prozess

Im Interview: Jimmy „Simba“ Beauttah – Cheftrainer im IAAF-Camp Eldoret / Kenia „Ich habe 1982 in einem Trainerkurs der Deutschen viel gelernt, mit Walter Abmaier fing alles an“ - Von Christophe Chayriguet

2012-03-14-Interview_Jimmy_BeauttahHerr Beauttah – Trainer in Kenia – wie kam´s?
Mein Name ist Jimmy „Simba“ Beauttah, ich bin verheiratet und habe 2 Mädels und 2 Jungs. Ich habe eine Zeit lang in der Marine gedient bevor ich ausgetreten bin und mich zu 100% auf Leichtathletik konzentriert habe. Noch bei der Marine hatte ich die Möglichkeit an einem Trainerkurs teilzunehmen der von der deutschen und kenianischen Regierung organisiert wurde. Das war zu dem Zeitpunkt als Walter Abmaier in Kenia National Trainer war. Seit dem ich die Marine 1995 verlassen habe arbeite ich vollberuflich als Leichathletik -Trainer.

Mit wem haben Sie zusammen gearbeitet?

Ich habe zunächst für das Management Kim McDonald international gearbeitet. Dieses Management kümmerte sich um Athleten wie Moses Kiptanui, Daniel Komen, Laban Rotich, Noah Ngeny, Jackline Marenga - die bis heute kenianische Rekordhalterin über 1500 m ist. Das ganze ging richtig los als wir unser Camp in Nyahururu errichtet haben. Das ist der Ort wo sich die kenianische Mannschaft auf die Olympischen Spiele in Mexico vorbereitet hat. Einer unser Freunde der damals das Camp besuchte war Dieter Baumann. Er kam öfter nach Nyahururu und hat sich auch unserer Gruppe angeschlossen. Er hat alles mitgemacht, die Hügelläufe, die „long runs“ und das Athletik- Training. Zudem war er ein sehr guter Freund. Ich nehme an, dass es sich für Ihn ausgezahlt hat, er war der zweite nicht Afrikaner der die 13 min. Barriere über 5000 m geknackt hat. Der erste war der Amerikaner Bob Kennedy. Er war auch ein Athlet von Kim McDonald und hat in den Sommermonaten mit uns gemeinsam in unserem Camp in London trainiert. Ich will betonen dass ich damals sehr vom Trainerkurs profitiert habe der von den deutschen Dozenten Walter Abmaier 1982 in Nairobi angeboten wurde. Dieses Wissen wende ich bis heute an, darauf bin ich richtig stolz.

Welche Bedeutung haben „hills“ im Jahresaufbau von Mittelstrecklern?

Hügelläufe sind Bestandteil der 3 Fenster des Leichtathletik Jahrestrainingsaufbaus zur Saison hin: Aufbau – Halbfinale – sharpening (Feilen / Feinschliff). Die Hügelläufe zielen während der Aufbauphase mehr auf Ausdauer und das Stehvermögens (KA). Dies wird durch eine hohe Anzahl an Wiederholungen oder durch die Vorgabe eines Zeitfensters erreicht in dem möglichst viele Läufe bspw. in 30 - 60 min. absolviert werden. Der Berg sollte zwischen 250 – 300 m lang sein.

Wenn der Athlet oben ankommt soll er sofort umdrehen und zurücktraben. Kommt er unten an läuft er sofort wieder los. Es soll kein Sprint sein, es soll ja das ganze Muskelgewebe angesprochen werden. Die Ausdauer, das Stehvermögen und auch das schwache Muskelgewebe soll eine Chance bekommen sich an der Arbeit zu beteiligen. Wir wollen also den Muskel ganzheitlich ansprechen, die starken und schwachen Gewebestrukturen.

Wenn man sich dem finalen Fenster, also dem Sommer nähert, wird die Länge und Dauer der Läufe kürzer. Die Intensität und die Technik werden immer wichtiger. Es wird jetzt an der Schnelligkeit / Geschwindigkeit und Schnelligkeitsausdauer gearbeitet. Dafür nutzen wir bspw. einen 250 m langen Berg. Dieser wird in der Mitte markiert. Ziel ist die Geschwindigkeit unter Ermüdung. Wir lassen den Athleten bis ganz hoch laufen, dann bis zur Hälfte zurück und sofort schnell wieder hoch. Man kann das Ganze auch umdrehen: zuerst der halbe Berg – zurück und dann den ganzen Berg, je nach aktuellem Trainingsziel. Wir setzen Bergläufe auch noch kurz vor dem Saisonhöhenpunkt ein, stellen aber sicher, dass es von der Physiotherapie begleitet wird.

Man kann auch alle 10 m Hütchen aufstellen, mit dem Ziel das der Athlet an jedem Hütchen beschleunigt und 10 – 12 oder mehr Hütchen / Hürden / Hindernisse überspringt.

Sie erwähnten dass Dieter Baumann damals alles mit trainiert hat als er in Nyahururu war. War das etwas Außergewöhnliches für einen Europäer?

Dieter war außergewöhnlich, viele der Europäer die nach Kenya kamen isolierten sich und trainierten allein. Man sah sich, auf der Bahn und auf den Laufwegen. Dieter war eine Ausnahme, er war zu jedem freundlich, schloß sich an und hat sehr gut in die Gruppe gepasst.

Seitdem das Camp in Nyahururu nicht mehr existiert sind sie Cheftrainer im IAAF Trainingszentrum in Eldoret. Mit welchen Athleten haben sie in den letzten Jahren gearbeitet?

Danile Komen Jr. Er kam nach Daniel Komen dem Senior. Er hat es auf eine 3:29 über 1500 m gebracht. Asbel Kiprop ist auch einer unserer Athleten vom Camp. Asbel kam 2006 dazu in der Vorbereitung auf die Junioren WM in Peking. Er hatte versucht sich für die U18 WM zu qualifizieren. Er wurde jedoch nur 4. bei den Trials, also keine Qualifikation. Ich hatte diesen Läufer an der 4. Position bemerkt (Asbel) und dachte ich sehe da ein Talent dass richtig organisiert werden müsste. Man sagt ja Musik seih organisierter Lärm. Ich sah etwas davon in Asbel und sprach ihn an und erfuhr dass er allein trainiere, somit lud ich ihn ein sich dem Camp anzuschließen. Ende 2006 ist er zu uns gekommen. Kurz darauf wurde er Cross Weltmeister bei der Jugend in Mombasa. Dies war mehr eine Zufallsentdeckung durch ein gutes Auge. Als wir uns trafen hatte er eine Bestzeit von 3:42, international nicht ausreichend. Somit habe ich ihn überzeugt eine Cross-Vorbereitung zu machen und den einen oder anderen Cross mitzulaufen. Wenn es in den Wettkämpfen gut läuft super, wenn nicht ist es immer noch ein guter Aufbau für die Bahnsaison. Er wurde schließlich Cross Weltmeister 2007 in Mombasa. Das war der Anfang von Asbel, kurz darauf wurde er zu einem 3000 m Lauf nach Mauritius eingeladen. Er gewann und war bis zu seinem Olympiasieg 2008 über 1500 m nicht mehr aufzuhalten.

Wen haben Sie außer Kenianern trainiert?

Ich habe beispielsweise 2 Läufer aus Tanzania trainiert, John Yuda Silbermedaillengewinner 2002 bei der Cross WM und Fabian Joseph Silber- und Goldmedaillengewinner bei der Halbmarathon WM , Shaminda aus Sri Lanka, ein Land das eher für Kricket bekannt ist, hat sich bei der WM in Daegu ins Halbfinale mit nationalem Rekord von 3:39 gekämpft. Darüber hinaus war Shaminda 2010 4. bei den Commenwealth Games in Indien. Ein weiteres Beispiel ist Moussa Camara aus Mali, er ist Ende Februar 2011 mit einer 1:51 über 800 m zu unserem Camp gekommen. In Daegu war er im Halbfinale und lief nationalen Rekord - 1:46,38. Ich bin darüber sehr froh, weil gute Leistungen von nicht Kenianern für mich von hohem Wert sind. Für Kenianer sind gute Leistungen ganz natürlich, für Ausländer ist es etwas sehr besonderes. Natürlich hoffen wir auf mehr, wir sind offen.

Wie beurteilen Sie die Situation über die Mittelstrecken, wo in den letzten Jahren eher eine Stagnation zu beobachten ist?

Meine Vermutung ist, dass es aktuell viele junger talentierter Läufer gibt, die aber Führung brauchten. Für viele unserer jungen Läufer scheint es, als sei Geld gewinnen das einzige was zählt. Ohne richtige Führung und richtiger mentaler Stärke werden sie aber nicht die Zeiten laufen die wir aus der Vergangenheit kennen, das Geldverdienen steht derzeit zu sehr im Vordergrund. Es muss wieder eine Veränderung der Einstellung erfolgen, sie müssen erst einmal wissen, dass nur mit besseren Leistungen mehr Geld kommt.

Vergleicht man Halbmarathon und Marathon sehen wir jede Menge Läufer unter einer Stunde und schon viele zwischen 2:04-2:05. Ist 2:07 nichts Besonderes mehr?

Im Halbmarathon und Marathon bzw. den Straßenrennen hat sich das Verständnis bezüglich der Strecken verbessert, es gibt eine neue Herangehensweise an das Training. Lange Zeit glaubten Trainer und Läufer nur an Ausdauer weil 42 Km ja lang sind. Auch Langstrecke war lange Zeit vor allem Ausdauer. Heutzutage wird Tempotraining ins Marathon Training integriert, da überrascht es nicht, dass viele Marathonläufer jetzt auch an Crossläufen teilnehmen. Das hilft ihre Schnelligkeit und Schrittgestaltung zu verbessern. Wenn man viele lange Läufe macht neigt man dazu „zu flach“ zu laufen. Für kürzere Strecken braucht man außerdem eine höhere Schrittfrequenz. Auch das hat geholfen die Marathonleistungen zu verbessern. Marathon ist heute keine Strecke mehr für Athleten zwischen 30-40 Jahren. Es gibt immer mehr junge Athleten die jetzt Marathon laufen. Sie bringen andere athletische Voraussetzungen hinsichtlich Agilität und Geschwindigkeit mit. Das ist ein Grund für die großen Veränderungen in den Marathonleistungen.

Wer keine Geschwindigkeitsarbeit in seinem Marathon - Training hat, sollte noch einmal in sich gehen!

Wir haben uns gerade gemeinsam die deutsche Bestenliste über 400 – 1500m angeschaut, das Niveau ist nicht so gut. Sie aber waren gar nicht so beunruhigt?

Wenn man weiter springen möchte benötigt man eine Plattform, einen Ort wo man seinen Fuß platziert um gut abspringen zu können. Mit der Bestenliste die ich gesehen habe gibt es eigentlich keinen so großen Grund zur Beschwerde. Die Grundlage, um ein starke Mannschaft zu formen ist vorhanden. Für Fortschritte brauchte es eine langfristige Planung. Es wird nicht in 3 Tagen zu machen sein. Du brauchst die Idee und die Entschlossenheit, dann wird sich die Sache langfristig auszahlen. Man könnte beispielsweise Top Athleten aus dem 400 und 800 m Bereich gewinnen mit dem Ziel nach einer Weile gute Ergebnisse zu erzielen. Es gibt ein Zitat: „Development is not an Event it’s a process“ Entwicklung ist kein Ereignis, es ist ein Prozess. Man muss aber etwas Geduld mitbringen. Geduld und die richtigen Trainer mit Leidenschaft für das Training und ein Oberhaupt, eine Führungspersönlichkeit die die Menschen zusammenbringt und alles in Bewegung bringt, verändert. Mit dieser Bestenliste steht Deutschland gar nicht so schlecht da. Da sehe ich Athleten die sich verbessern könnten. Man muß Ihnen klarmachen wie Unmögliches möglich werden kann.

Sollten es die Athleten auf ihrer aktuellen Distanz versuchen oder auf längere Distanzen wechseln?

Man kann 400 m Läufer auswählen und es über die 800 m probieren. Man kann einen 800 m Läufer als 400/800 oder als 800/1500 Typ interpretieren. Wir versuchen sie früh richtig zu erkennen und zu orientieren. So dass wir uns z.B. nicht nur auf die 800 m konzentrieren. Das 400 m Training kann also mit dem Training der 800 m Läufer kombiniert werden oder das 800 m Training mit dem Training der 1500 m Läufer. Einfach mal trainieren, dann werdet Ihr überrascht sein. Es gibt Menschen die 400 m laufen, weil Ihr Freund es tut. Sie haben die Grundschnelligkeit sind aber kein 400m Läufer für Spitzenleistungen, über 800m könnten sie bessere Leistungen bringen. So ist es auch mit längeren Strecken. Dafür bedarf es jedoch eines professionellen Auges um über den Umstieg zu entscheiden. Somit macht es Sinn Athleten über mehrere Distanzen auszuprobieren bevor man sie spezialisiert.

Warum scheitert der Umstieg von den 400 m auf die 800 m oft? Stellen sich die 47 sec. – Läufer den Umstieg zu einfach vor?

Dafür gibt es meines Erachtens 2 Ursachen. Wir haben einen Athleten der 46/47 sec. laufen kann und dazu den Mittelstreckentrainer. Zunächst muß entschieden werden ob es sich um einen 200/400 m oder 400/800 m Typen handelt. Die Athleten die besser 400 m können sind die 400/800 m Typen. Das ist als Trainer zu bedenken, falsch gemacht kann es das baldige Karriereende bedeuten. Es entstehen große Frustrationen weil der Athlet über die 800 m nicht zu Recht kommt und wenn er sich den 400 m zuwendet, glaubt er schließlich dass er wegen des „falschen“ Trainings nun auch nicht mehr 400 m kann. Das ist ein Problem. Deshalb ist es wichtig dass die Trainer einige Athleten dem veränderten Training auszusetzen und die Entwicklungen beobachten. Man muß einen solchen 400 m Läufer einem ganzheitlichem Training aussetzen, damit meine ich ein Programm, dass alle erforderlichen energetischen Aspekte anspricht: Ausdauer und die Sprintfähigkeiten. Mit diesem Programm kann man dann auch 800 m laufen. Andere könnten eine 800 m Vorbereitung machen und auch die Geschwindigkeit der 400 m für die 800 m trainieren lassen. Es ist von Athlet zu Athlet unterschiedlich. Ich habe Erfolge mit dem Umstieg von 400 m auf 800 m erzielt. Z.B. Patrick Ndururi, der 2009 leider verstorben ist. Er war ein 400 m Läufer und ist eine 1:42 gelaufen. Fred Onyancha gewann Bronze in Atlanta über die 800m. Es gibt Wege die erfolgreich sein können und andere die scheitern, aber es bedarf viel Geduld und Beobachtung. Es gilt die Möglichkeiten zu erkennen, aber den Athleten auch nicht unter Druck zu setzen. Wichtig ist die Möglichkeiten früh zu erkennen damit die Karriere des Athleten nicht total daneben geht und er im Mittelmaß hängen bleibt. Es bedarf der Kooperation von Trainern, dem Gedankenaustausch und den richtigen Entscheidungen.

Vielen Dank für diese tiefen Einblicke und das Gespräch

Foto: Jimmy „Simba“ Beauttah