Das Bundesleistungszentrum Kienbaum 2011

20 Jahre nach der Einheit – modern, funktionell, leistungssportgerecht

2011-11-22-Kienbaum(Von Lothar Pöhlitz) - Kürzlich hatte ich wieder einmal Gelegenheit eine Woche im Bundes-leistungszentrum Kienbaum zu verbringen. Leider habe ich nicht buch-geführt wie oft ich seit dem ersten Mal im Jahre 1959 zu unterschiedlichen Anlässen, sie wissen es ja, bis 1979 für den DVfL der DDR, nach 1990 für den Deutschen Leichtathletikverband (DLV) da war. Ich habe mich dort immer wohlgefühlt, vor allem weil, auch schon unter den damals gegeben Möglichkeiten in der DDR, die Bedingungen für das Hochleistungstraining, zwar etwas politischer, aber immer optimal waren. Heute ist Kienbaum „schöner denn je“, groß, abgeschieden, ruhig und ungestört für ein - zwei Gipfelwochen oder mehr nur zum „essen, schlafen und trainieren“ in der schönen märkischen Landschaft, direkt am Liebenberger See.

2011-11-22-KienbaumIn jüngster Vergangenheit wurde weiter modernisiert. Das „alte Hauptgebäude“ ehemals einmal Sägewerk und bis 1945 Munitionsfabrik, seit Mitte der fünfziger Jahre durch den Sport genutzt, wurde 2011 durch ein sachlich schönes neues „Wahrzeichen“, das gerade eingeweihte Hauptgebäude ersetzt. Neu sind auch eine weitere große Spielhalle, eine Kältekammer, sich in die Landschaft einfügende schöne Sportler Bungalows, modernisierte Krafträume, das renovierte Kienbaum II und das die Bundespolizei-Sportkader dort ein neues zu Hause gefunden haben. In 20 Jahren restaurierte und auf den neuesten Stand gebracht, ist es heute, nicht zu unrecht, Bundesleistungszentrum Nr. 1 - zur Vorbe-reitung auf solche Events wie Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele und natürlich auch für den leistungsorientierten Nachwuchs.

Leistungszentrum Nr. 1 – ständig am Weltniveau orientieren

2011-11-22-KienbaumVielleicht kann man, nachdem Kienbaum schon lange der Werfer zweite Heimat ist, die Bedingungen auch für die anderen Leichtathleten nicht doch eines Tages noch optimieren, es fehlt eine Trainingshalle mit einer 200 m oder besser ganz modernen 300 m - Rundbahn für die langen Wintermonate in Deutschland.

Erst kürzlich berichtete Alberto Salazar (USA) in einem Interview, einer dem das wieder zurück in die Weltspitze der amerikanischen Läufer vor allem zugeschrieben wird, von einem im letzten Jahrzehnt in den USA geschaffenen „supermodernen Oregon-Leistungszentrum“ mit den modernsten Möglichkeiten Hochleistungstraining zu unterstützen und das sie es geschafft haben, dass die Besten dort zeitweilig trainieren. Sie hätten in der Vergangenheit leider die alte Weisheit intensiv wie nie erleben müssen, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Nun haben sie aber den Weg zurück in die Spur gefunden, einmal im Tal bedeutet nicht immer im Tal. Ein Vorbild auch für deutsche Läufer. Gegenwärtig bereiteten sich in Kienbaum Schwimmer, Turner, Volleyballer, Box-Weltmeister, Leicht-athleten, der neue Bundespolizeikader und Behindertensportler auf die nächsten großen Aufgaben in der Saison 2012 vor.

U-Kammer Kienbaum – ein Rückblick für die Sportgeschichte

2011-11-22-KienbaumWer von Kienbaum spricht kommt auch heute noch schnell auf die Unterdruckkammer aus der DDR-Zeit. Ein Weg weltweit das Training in den Ausdauersportarten zu optimieren und die Leistungen zu verbessern, Höhentraining. Seit der Wende geschlossen, hatte die DDR schon früh den Wert des Höhentrainings erkannt, 1979 ein damals sagenumwobenes Geheimnis in den märkischen Sand gesetzt, eine Unterdruckkammer in Kienbaum – streng geheim – schließlich wollte die DDR auch in den Ausdauersportarten – wie die Leute es landläufig ausdrückten – die größte DDR der Welt werden.

Natürlich erinnere ich mich heute noch als wäre es gestern gewesen, schließlich war ich an der Erarbeitung der Nutzungskonzeption für die „Sporthalle Kienbaum“ beteiligt. Die Eröffnung verzögerte sich in den Spätherbst 1979, wie man es bei jedem komplizierten Bau heute noch überall beobachten kann. Nach 10 jährigem Betrieb, mit leider später nicht genutzten Erfahrungen, wurde sie geschlossen. Jetzt steht man vor einem unscheinbaren Gebäude, mitten im Wald, außer Betrieb, von moderner Technik, kleineren Einheiten inzwischen in der ganzen Welt, überholt.

Auch mit künstlicher Hypoxie kann man Leistungen steigern

2011-11-22-KienbaumErste Erfahrungen mit den positiven Effekten von Unterdruckkammern hatte man in der DDR bereits in den 60er-Jahren gemacht. Damals durften einige wenige Athleten entsprechende Anlagen der Luftwaffe zum Training nutzen. Spätestens als 1972 Peter Frenkel direkt aus der Unterdruckkammer zum Olympiasieg im 20 km - Gehen nach München „marschierte“, wurde eine Unterdruckkammer für die Sportler beschlos-sen. Zwar konnte sich der Staat nur eine „kleine Version“ leisten, der Sport hatte sich eine „große Sporthalle“ gewünscht. sie aber bot Läufern und Gehern, die Bedingungen des natürlichen Höhentrainings zwischen 2000 und 4000 Meter künstlich zu simulieren.

Die Stunden auf dem Laufband waren hart

2011-11-22-Kienbaum39 Sportler konnten gleichzeitig in den zwei unterirdischen Kammern, die luftdicht abgeschlossen, von einem dicken Betonmantel umgeben und durch eine Schleuse zu begehen waren, trainieren. In den zwei 18 x 18 bzw. 10 x18 Meter großen Räumen gab es u.a. Laufbänder, Ergometer, Kraftgeräte und ein Paddelbecken für Rudern und Kanu. „Der unterirdische Fuchsbau“, wie ihn die Athleten nannten, war streng geheim, wie alles was den Hochleistungssport betraf, gut getarnt im Wald versteckt, nur für Kaderathleten.

Man wollte mit der U-Kammer auf der einen Seite Devisen für teures Höhentraining im westlichen Ausland, in der Schweiz oder Mexiko oder.... sparen, von dem man damals schon sehr überzeugt war, gleichzeitig aber durch Voranpassungen diese damals normalen 3 Auslandswochen effekti-vieren, Höhentrainingsforschung betreiben oder auch Erfahrung mit Höhentraining im Ausdauer-Nachwuchsbereich sammeln. Die Stunden auf dem Laufband waren hart, aber wer die Chance bekam nutzte sie. Diese Erfahrung gilt noch heute.

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Bei allen hypoxiegestützten trainingsmethodischen Lösungen sind übergreifend spezielle Einflussfaktoren und Aspekte zu berücksichtigen:

  • die Wahl der Aufstiegshöhe
  • die Belastungsdauer
  • der Realisierungsgrad der Sporttechnik
  • die Gestaltung der Phase der „scharfen Akklimatisation“
  • die Gestaltung der Phase der Readaptation“
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    Heute sind Höhenketten die Mittel der Wahl

    2011-11-22-KienbaumInzwischen gibt es einfachere, kleinere Systeme für künstliches Höhentraining (siehe auch www. höhenbalance.de) an verschieden Orten in Deutschland, vielleicht demnächst auch wieder im BLZ Nr. 1. Außerdem fahren die Läufer heute natürlich lieber gleich nach St.Moritz, Südafrika, Mexico, Font Romeau oder Flagstaff (USA), als Stunden auf den Laufbändern im Keller zu verbringen. Aber vorher bereiten sie sich u.a. auch im Bundesleistungszentrum Kienbaum darauf vor.

    Fotos: Pöhlitz und www.höhenbalance.de - Siehe auch: Lothar Pöhlitz: Praxiserfahrungen mit Training in 600 – 3500m Höhen, in: Theorie und Praxis des Leistungs- und Hochleistungstrainings im Laufen und Gehen (2011)