Wer den Herbst verschläft kann im Frühjahr nicht hart genug trainieren

Ein Blick über den Zaun könnte Dich vielleicht zu Veränderungen "verführen"

2011-09-01-Wer-den-Herbst-verschlaeft-kann-im-Fruehjahr-nicht-hart-genug-trainieren1.September 2011 (Lothar Pöhlitz) - Läufern ist nach der gerade beendeten Sommerwettkampfperiode ein Blick über den Zaun zu anderen erfolgreichen Ausdauersportarten zu empfehlen, sich dann vielleicht schnell noch die Augen zu reiben, um schließlich zu entscheiden, die VP I besser nicht mehr so zu wiederholen wie in den letzten Jahren. Es waren wieder nicht die zu hohen DLV-Normen für die Höhepunkte des Jahres, sondern Versäumnisse im Training, die, trotz nicht zu übersehender Fortschritte, bei vielen 2011 größere Sprünge verhinderten. Blicke hinter die Kulissen vermitteln das Gefühl das die Worte hoher Trainingsumfang und Geschwindigkeit in den leichtathletischen Ausdauerdisziplinen immer noch "Schimpfworte" sind. Auch wenn die meisten wissen, dass ein bisschen Hochleistungssport genauso wenig zum Erfolg führt wie ein bisschen schwanger, viele übersehen, dass der Läufer im Winter gemacht wird.

Bei den letzten Olympischen Winter-Spielen haben sie bestimmt auch Stefanie Beckert bewundert, die als 22 jährige zwei Silbermedaillen im 3000 m + 5000 m Eisschnelllauf gewann und Olympiasiegerin in der Teamverfolgung wurde. Im Heft 3 / 2010 gewährte die Deutsche Sporthilfe in ihrem Magazin (sporthilfe.de) einen Einblick in die Monate Mai, Juni, Juli, der Wintersportler persönlichen Herbst, bevor das spezifische Training für den neuen Winter für sie so richtig begann.

Hoffentlich haben sie oder Sie oder Du einmal gelesen, was Stefanie Beckert und andere Wintersportler berichtet haben und was es für sie heißt immer ab Mai alle Kräfte für den nächsten internationalen Winter auf Eis oder Schnee zu mobilisieren. Das sollte auch die Läufer und ihre Trainer zu neuen Vorsätzen für den neuen Winter "verführen", den nächsten Herbst bitte nicht mehr zu verschlafen, damit sie im Frühjahr disziplinspezifisch härter als bisher trainieren können. Der nächste Sommer kommt wieder schneller als man denkt. Wolltest Du / Sie / Ihr nicht auch einmal etwas gewinnen?

Im Wintersport beginnt es für alle immer am 1.Mai und im Lauf...

2011-09-01-Wer-den-Herbst-verschlaeft-kann-im-Fruehjahr-nicht-hart-genug-trainierenEigentlich ist es schade, dass das Leichtathletikjahr für Spitze und Nachwuchs nicht so strukturiert und organisiert ist wie die Wintersport-Saison. Die wissen dass der April für Urlaub und zur Regeneration geschützt ist und das das neue Trainings- und Wettkampfjahr am 1. Mai beginnt und zwar planmäßig und gleich richtig. Das bedeutet, dass ein Trainings- und Wettkampfjahr 11 Monate dauert! Demgegenüber beenden Läufer die Sommersaison irgendwann, jeder zu seinem Zeitpunkt, die letzten z.B. nach den Deutschen Meisterschaften im 10 km Straßenlauf - 2011 am 10.September oder noch später. Dem folgen, wie zu lesen ist, weitere Wettkämpfe, sogar Landesverbands-Länderkampfe des Nachwuchses oder 3 Wochen Pause. In den letzten Jahren hat der DLV-Lauf erst in der zweiten Oktoberwoche den "Eröffnungslehrgang" in Saarbrücken durchgeführt und im November mussten sich die Langstreckler - auch der Nachwuchs !!! - bei verschiedenen Cross-Läufen für die Cross-EM qualifizieren. Da muß doch die Frage erlaubt sein: welches System der Vorbereitung für wen, wann, wie lange, und für was gilt. Um neue aerobe und Kraft-Grundlagen zu schaffen werden 8 - besser 12 Wochen gebraucht. Das früher geläufige Wort "Wintertraining" mit Geschwindigkeit im systematisch aufzubauenden Trainingsumfang ist offensichtlich ganz aus der Mode gekommen.

Ohne Schmerzen geht es nun einmal nicht. Das ist alles kein Urlaub

Nachdem es also im Wintersport am 1. Mai begann berichtete Stefanie Beckert von gleich einmal 3 Wochen lang vorwiegend täglich 100 - 140 km "sehr viel bergauf" Rennradtraining in Livigno/ITA! Anschließend folgten in St.Moritz und in Font Romeu nicht minder anstrengende Wochen. Inline-Skaten mit Strecken von 8 -10 km täglich innerhalb des Höhentrainings, aber Athletik, Kraft und Spiele auch. Muskelkater und Erschöpfung sind das Ergebnis, aber "ohne Schmerzen geht es nun einmal nicht. Das ist alles kein Urlaub", konnte man lesen. Ende Oktober, Anfang November beginnt ja bereits wieder das internationale Kräftemessen, einige Wochen noch bei angemessener spezifischer Trainingsbelastung nebenbei. Und wir wissen, im Februar sind dann immer erst die Höhepunkte.

Wer nicht leidensfähig ist, braucht von großen Siegen nicht zu träumen.

2011-09-01-Wer-den-Herbst-verschlaeft-kann-im-Fruehjahr-nicht-hart-genug-trainierenEiner der jungen Wilden, der 20 jährige Skilangläufer Tim Tscharnke (Silbermedaillen- gewinner im Team-Sprint) ergänzte, dass auch die auf den langen Latten "sich Schwäche nicht leisten können", wenn es um äußerst hartes Training jeden Tag geht. Auch sie beginnen mit Athletik- /Kraft- und vielseitigem Ausdauertraining, dann steigert sich die Schinderei per pedes und auf Skirollern bis im Monat um die tausend Kilometer zurückgelegt werden, oft an den Hängen von Oberhof, auf Passhöhen am Gardasee und in Andermatt beispielsweise. Immer wieder oder fast ausschließlich in dünner Luft bergauf oder gegen "Widerstand". Die Monate gleichen einem Steigerungslauf mit zunehmenden Streckenlängen und Belastungen (Geschwindigkeiten), ehe Ende Oktober in den Wäldern Finnlands bei früh einbrechender Dunkelheit das dreiwöchige Abschlusstrainingslager auf Schnee erreicht ist. Dann erst folgen die Bewährungssituationen, bei denen die Zuschauer und Moderatoren am Fernseher oft leichtfertige Urteile fällen, wenn es einmal nicht gleich wie gewünscht läuft. "Der Körper ist oft extrem müde. In der knappen Freizeit möchte man am liebsten nur im Bett liegen und schlafen. Aber es ist ein Job wie jeder andere. Eine ordentliche Saisonvorbe-reitung ist eine Selbstverständlichkeit".

Die Trainingsphilosophie des Renato Canova (KEN) kann viele erschrecken

Vielleicht könnte auch ein kurzer Blick in die Trainingsphilosophie des erfolgreichen italienischen Trainers Renato Canova im Dienste kenianischer Läufer "verführen", der für den Herbst, die ersten Wochen des neuen Jahres folgendes verordnet:

"Die INTRODUCTIVE (einführende) PERIOD stellt den ca. 3 Wochen langen Beginn der Vorbereitung dar. In dieser Phase ist es das Ziel eine Grundfitness auf hohem Niveau auszubilden und dazu verschiedene Trainingsmittel zu nutzen: Longruns zur Steigerung der festen aeroben Basis, Fitnessstudio für Kraftaufbau, kurze Bergsprints um die Fähigkeit der Reizaufnahme zu erhöhen und Techniktraining für einen ökonomischeren Laufstil. Mit unterschiedlicher Umfangsverteilung sind dies die Ziele für Läufer von 800 m bis Marathon. Die anschließende FUNDAMENTAL PERIOD kann bis zu 2 Monate dauern und ist der wichtigste Teil Vorbereitungsphase. In diesem Zeitraum ist ein maximaler Kilometerumfang bei steigender Intensität Ziel" (la-coaching-academy.de 2010)

Die Qualität einer frühen Konditionierung ermöglicht ein hartes Novembertraining

Neid sollte bei den Läufern die an die Spitze wollen erst aufkommen, wenn sie etwas ändern, es einmal den Winterathleten oder den Afrikanern gleichgetan haben und trotzdem der Weltspitze nicht näher kommen. Vor allem müssen sie die Höhentrainingslager dieser Welt zu ähnlichen wirksamen Training nutzen, wie es andere Sportarten vorleben. Reserven erschließen bedeutet zuerst Trainingszeit gewinnen und zur Belastung nutzen. Erst wer in der Höhe wie unter NN trainieren kann hat eine Chance seine aerobe Kapazität sichtbar zu verbessern. Im Hochleistungssport kann man mit wenig und vorwiegend langsam nicht viel erreichen. Eine Konzentration der Kräfte, ein Team Gleichgesinnter "leidensbereiter" die den Fortschritt wollen, eine Neuorganisation des Trainings- und Wettkampfjahres, mehr Trainingszeiträume ohne "störende oder schlecht vorbereitete Wettkämpfe", Trainingsleitlinien mit neuen veränderten Inhalten, Führung und mehr Hilfen durch alle Bundestrainer.....,man könnte es weiter fortsetzen.

Neid sollte auch nicht bei Freunden aufkommen, wenn ihnen in Zukunft immer öfter eine schöne Ansicht aus den Bergen, aus den USA, der schönen Schweiz oder aus Kenia ins Haus flattert. Merke: dort geht es vor allem um Essen - Schlafen - Trainieren

"Wer den Herbst verschläft kann im Frühjahr nicht hart genug für seinen Fortschritt trainieren",

2011-09-01-Wer-den-Herbst-verschlaeft-kann-im-Fruehjahr-nicht-hart-genug-trainierendieses Motto könnte deutschen Läufern die wohl größte Reserve erschließen. 4-6 Wochen Basistraining bei einem frühen Beginn bis Ende Oktober! Dann zwei Monate mit der Härte der Wintersportler in ihren Höhen - oder Gipfelwochen mit maximalen Trainingsumfang bei steigender Intensität" (siehe Canova). Erst dann ist man den 3 Monaten "Frühjahrstraining" auf neuem Niveau näher. Neues Niveau soll heißen: in der VP II noch besser trainieren zu wollen als im November / Dezember. Es geht um Aufholung von Rückständen auf dem Weg ins Weltniveau, um Veränderung gegenüber der derzeitigen Praxis, für den Nachwuchs aber um die Vorbereitung des "später". Dies alles würde ein Umdenken zuerst in der Wettkampf-gestaltung voraussetzen. Wer die Sommer-Wettkampfsaison gut und richtig nutzt, hat doch sein Pulver spätestens Mitte August verschossen. Für die wenigen Teilnehmer an meist im August oder auch einmal im September liegenden Höhepunkten wie EM, WM oder OS ist eine individuelle Lösung zu diskutieren und zu vereinbaren. Dafür sollten Wettkämpfe bereits wieder im November entfallen. Auch sie müssen für den weiteren Fortschritt Trainingswochen gewinnen. Nach den Olympischen Spielen 2012 für einen systematischen Jahrestrainings-aufbau vielleicht auch einmal ohne Hallensaison für die schnellen Laufdisziplinen und ohne Herbst-Cross für die Langstreckler. Erfolg setzt voraus die Geschwindigkeit im Trainings-umfang, die Kraft und die individuell mentale Stärke zu erhöhen. Das haben uns die Weltbesten im letzten Jahrzehnt vorgelebt. Eine frühere Übergangsperiode und ein früherer Beginn, spätestens mit der 37./ 38.Woche wäre dafür eine Voraussetzung.

Ob 800 m oder Marathon die Ziele sind, eine systematische Geschwindigkeits- entwicklung in einem steigenden Trainingsumfang und mehr Kraft sind für alle die Schlüssel innerhalb eines komplexen Trainings. Die notwendige Zeit für das besser als im letzten Jahr muß dafür zuerst organisiert werden.

 

Fotos: Trainingslager der LG Telis Finanz Regensburg 2011, Steffi Volke, Susanne Lutz, Christiane Danner, Steffi Perfler, Maren Kock, Felix Plinke, Sebastian Reinwand, Florian Orth, Corinna Harrer, Jonathan Schaible (Arno Kosmider)