Anschlusstraining ist wie der Schritt vom Abitur zur Eliteuniversität (Teil 1)

Warum deutsche U 20-Talente die Weltspitze nur selten erreichen

 2009-12-15-anschlusstraining-vom-abi-zur-eliteuni-115. Dezember 2009 (© Lothar Pöhlitz) - Liebäugeln begabte Jugendliche damit eines Tages einmal eine Eliteuni zu besuchen ist ihnen schon sehr früh klar, dass neben sehr guten Noten im Abitur auch der Schritt aus dem Mama-Hotel in die Selbstständigkeit, an den Ort der gewünschten Lehrstätte, in ein Studentenwohnheim, ein Internat, sogar in einen Campus in den USA oder in ein Zimmer bei Familie xyz mit allen nun selbständig zu lösenden Aufgaben dazugehören. Einige machen sich auch Gedanken darüber, wo sie die Dozenten mit dem besten Ruf in ihrer angedachten Spezialisierungsrichtung treffen.
Handelt es sich aber um die wenigen hochbegabten Läufer oder Geher, die vielleicht davon träumen einmal gegen die Großen der Welt in ihrer Disziplin konkurrenzfähig zu sein, ist es meist nicht selbstverständlich, dass sie sich schon früh mit den notwendigen Leistungen und Leistungsvoraussetzungen am Ende des Jugend – Aufbautrainings auseinandersetzen. Darüber nachdenken wie sie die „bisherigen Interessen, das Hobby leistungsorientiertes Laufen, mit den neuen Aufgaben gut verbinden können oder wo sie, spätestens an dieser Schwelle zum Anschlusstraining, das erforderliche Umfeld und den besten Trainer finden, um ihre Träume auch zu realisieren. Da und dort bietet man schon Hilfen an, bietet Internatsplätze, Sportlerwohnungen oder sogar ein Athletenhaus.

Eine weitere Wirksamkeitssteigerung im AST setzt quantitative und qualitative Fortschritte in allen Belastungsbereichen voraus – in den Langstreckendisziplinen sind Trainingsumfangserhöhungen unabdingbar. Eine notwendige Neuorganisation des Trainings- und der Wettkampfleistung entscheiden über den weiteren Leistungsfortschritt.

Damit sollen keineswegs die vielen Heimtrainer in ihrem Ruf beschädigt werden, die sich viel Mühe geben, den jungen Sportlern möglichst viel mitzugeben. Leider wollen es aber auch eine ganze Reihe von ihnen nicht wahrhaben, dass man mit einer Ausbildung die einem Meisterbrief in der Wirtschaft gleichkommt oder mit Leistungssporterfahrung mehr vermitteln kann, als Trainer ohne, mit einer B-Trainerausbildung, als „Papa-Coach“ oder einem Übungsleiterschein. Leider muss man auch den Eindruck haben, dass die Lauf- / Geh - Problematik (konsequenter Abbau der hauptamtlichen Bundestrainer nach 2000) die DLV-Führung seit einigen Jahren nicht mehr besonders tangiert hat.

Anschlusstraining ist die Übergangsetappe vom Nachwuchs- zum Hochleistungstraining. Auf der Grundlage des im Jugend – Aufbautrainings erworbenen individuellen Niveaus der notwendigen Basisvoraussetzungen, der allgemeinen und speziellen Belastbarkeit und der erreichten Wettkampfleistungsfähigkeit ist nun ein baldiger Anschluss an das Spitzenniveau der Junioren in der Welt bzw. der vergleichbaren Altersklasse durch eine möglichst deutliche umfassende Belastungserhöhung, vor allem aber in den Bereichen des speziellen Trainings, eine Aufgabe von strategischer Bedeutung. Das Tempo der weiteren Leistungsentwicklung wird von einer möglichst dynamischen, inhaltlichen Gestaltung dieses Übergangs vom Nachwuchs- zum Hochleistungstraining, vor allem von der effektiven Nutzung dafür zu organisierenden Trainingszeit, bestimmt.

Ein sehr gutes positives Beispiel bietet Robin Schembera, der sich in sehr jungen Jahren, als sich seine Mutter entschied aus Leverkusen in ihre alte Heimat nach Halle/Saale zurückzuziehen, für die guten Bedingungen und den Leistungssport beim TSV Bayer 04 und eine Eliteschule des Sports entschied und derzeit schon zu den besten seines Jahrgangs in Europa gehört.

Leistungsentwicklung von Robin Schembera

Anschlusstraining bedeutet Annäherung an das Hochleistungstraining. Verlieren Sie beim anzustrebenden Anschluss ans Weltniveau möglichst wenig Zeit. Nur wenn Sie sich noch einmal neu organisieren, notwendige Veränderungen schnellstmöglich Leistungsentwicklung Robin Schembera (800 m) einleiten, können Sie das Tempo der Leistungsentwicklung sichtbar erhöhen. Ein Organisationsplan ist vor allem auf die erforderliche Zeit für das „neue Training“ auszurichten.

Das Anschlusstraining beginnt nicht am Tag X

Landläufig besteht die Meinung, dass das Anschlusstraining und damit ein bewusster Schritt zum Hochleistungstraining hin, mit dem Übergang aus der A-Jugend in die Juniorenklasse zu verbinden ist. Dabei wird zuwenig der Erfahrung Rechnung getragen, dass die Jugend-Basisarbeit, die Vermittlung von allen notwendigen Voraussetzungen für das Hochleistungstraining in Abhängigkeit von der „ererbten Ausstattung des Athleten“ auch unter einem guten Trainer Zeiträume von mindestens 4-5 Jahren erfordert. Das setzt aber voraus, dass bereits im Schüleralter im Vergleich zur gegenwärtigen Praxis mit einem Training begonnen werden müsste, dass eine solche Ausbildung zum Ziele hat. Insofern wäre z.B. eine frühe Differenzierung zwischen Schülern einer normalen Schule oder Talenten einer Eliteschule des Sports wünschenswert. Das vor allem auch, weil die Belastung später einmal, beim Übergang in die Erwachsenenklasse, nur so erhöht werden kann, wie es die bis dahin aufgebaute individuelle Belastbarkeit zulässt.

Mit der Schaffung eines Netzes von Eliteschulen des Sports wurde zwar der erste Schritt zur Verbesserung des Leistungssport- Bedingungsgefüges getan, der zweite Schritt, die Verbesserung der sportlichen Ausbildung im Rahmen der schulischen Ausbildung oder auch eine sportspezifische Spezialisierung der Eliteschulen muss folgen. Deshalb sollten Talente vor ihrem Schritt dorthin eine sehr gewissenhafte Angebotsprüfung vornehmen bzw. sich gut beraten lassen.

Die gegenwärtige Diskussion um die Reformierung der vorschulischen- und schulischen Ausbildung in der Grundschule, weg vom „Spielunterricht ohne Bewertung“ der abgelieferten Leistung z. T. noch bis zur 4. Klasse, hin zu einer früheren Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten, bei Nutzung der Möglichkeiten der Kinder zum frühzeitigen Lernen und begleitender Erziehung, sollte unter der Maxime „schneller – höher - weiter“ alsbald auch wieder im Sport, zumindest im außerschulischen Sport zur Veränderung der Inhalte führen. Vor allem auch weil die Praxis der „Spielleichtathletik“ im letzten Jahrzehnt gezeigt hat, dass die angestrebte Belastungsverträglichkeit und Fitness unserer Jugend nicht zu-, sondern eher beträchtlich abgenommen hat. Auch der Leistungsgedanke blieb wohl beim allzu langen Hüpfen über die Bananenkistchen auf der Strecke.

Insofern beginnt das Anschlusstraining besser individuell, in Abhängigkeit von der bis dahin erzielten Anschlussleistung zu den besten des Altersbereichs und der geschaffenen Voraussetzungen für ein Hochleistungstraining, unabhängig von formalen Altersklasseneinteilungen. Je früher für den Einzelnen ein sportliches Leistungstraining beginnt, je früher seine körperliche Reife abgeschlossen ist, je höher die Belastbarkeit ausgebildet ist umso früher kann die für den Leistungsfortschritt erforderliche Belastung bei fließendem Übergang erhöht werden.

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Die Etappe Anschlusstraining muss von Veränderungen geprägt sein

Ein zielgerichtetes Heranführen an die besten Junioren der Welt, was in der Regel zugleich einem Anschluss an das Spitzenniveau der Erwachsenen gleichkommt, setzt als wichtigste Bedingung einen großen Schritt im Denken und Handeln hin zu einer komplexen professionellen Vorbereitung in der inzwischen feststehenden Spezialdisziplin voraus.

Der Übergang zu einer professionellen Gestaltung des Trainings in der Etappe des Anschlusstrainings setzt die persönliche Entscheidung von Sportlern und Trainern voraus, diesen Weg auch mit den notwendigen Konsequenzen gehen zu wollen. In Zeiten wo viele noch darüber nachdenken „ob sie nun vielleicht bald sollten“, laufen andere schon gegen die Weltspitze.

Anschlusstrainingszeit ist Spezialisierungszeit. Die Entwicklung der speziellen konditionellen Fähigkeiten muss so erfolgen das sie in wettkampfspezifischen Fertigkeiten leistungswirksam werden.

Der DLV ist für die Organisation eines leistungsorientierten Nachwuchstrainingssystems für alle Disziplinbereiche gleichermaßen verantwortlich .

In einem 3 - 4 jährigen Strategieplan sollten Aufgaben und Ziele nicht nur für den Sportler, sondern auch für den Trainer und das private und sportliche Umfeld festgeschrieben werden. Für das Training bedeutet das nicht nur Leistungsziele aufzuschreiben, sondern auch die geplanten trainingsmethodischen Wege und die wichtigsten Belastungskennziffern für die Jahre zu fixieren. Dabei dürfen nicht Wünsche den Plan bestimmen, sondern das unter den gegebenen organisatorischen Bedingungen (Trainingszeit, Trainingsbedingungen, Möglichkeiten für das Höhentraining, sportmedizinische Begleitung, Physiotherapie usw.) machbare. Mehr und längere Trainingseinheiten setzen organisatorische Veränderungen im Tagesablauf voraus. Bei der Sicherung dieser erforderlichen Konsequenzen darf der Sportler aber nicht allein gelassen werden. Nutzen Sie z.B. mehr als bisher die OSP. Machen sie den Sponsoren klar, dass sie zukünftig den gleichen Leistungsgedanken verfolgen werden wie sie ihnen die Sponsor-Firma vorlebt und das sie eines Tages mit ihrer erlernten Ordnung, Zielstrebigkeit und Disziplin aus dem Leistungssport gern in der Firma arbeiten würden.

In unserem Beitrag vom 18.3.2009 “Fakten – Hintergründe - Standpunkte“ über die Erfahrungen einer langjährig beobachteten Talententwicklung in den USA wird dort zusammengefaßt:

„Es wird eine dynamische, langfristige, z.T. progressive Entwicklung der Jahrestrainingsumfänge deutlich. Auffällig sind:

  • eine kontinuierliche, ständige Zunahme der Trainingsumfänge über viele Jahre
  • progressive, sprunghafte Steigerungen der Umfänge, vor allem beim Übergang zum Juniorenbereich
  • sowie dann noch einmal beim Übergang in den Seniorenbereich“

Wer in seiner bisherigen Belastung noch nicht einmal ein tägliches Training absolviert hat, sollte im ersten Jahr des „Neuanfangs auf höherem Niveau“ aber nicht gleich die Trainingseinheiten verdoppeln. Aber es sollte auch der Abstand zum Training der Weltbesten nicht einfach ausgeklammert werden und Mittel und Wege praktiziert werden, diesen meist zu großen Abstand schneller zu verkürzen. Beobachten sie wie die „armen“ jungen Afrikaner bereits mit 19 Jahren das Weltniveau erreichen, weil sie begriffen haben, dass sie früher ans Geld kommen wenn sie früher mehr tun. Gibt es Defizite in bestimmten Trainingsbereichen, sollten sie durch längerfristige inhaltliche Akzentuierungen, Schwerpunktphasen frühzeitig aufgearbeitet werden.

Mehr spezifisches Training setzt aber zugleich neue Überlegungen zur weiteren vorbereitenden Verbesserung der Belastbarkeit als auch der Möglichkeiten der verbesserten physiotherapeutischen Begleitung voraus. Neue spezifische Trainingsformen, kombinierte Geschwindigkeitsanforderungen innerhalb der TE und längere TE setzen neue Maßstäbe und erhöhen die Wirksamkeit des Trainings.

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Eine beschleunigte Leistungsentwicklung der Elite / besten Talente in der Jugend ist durch eine frühzeitige Einbeziehung in zentrale Maßnahmen des Hochleistungsbereichs (Vorbildwirkung), bei weiterer Belastung auf der Grundlage des individuellen Ausbildungsstandes, anzuraten. Elite setzt Auslese und diese ein gut geführtes Training voraus.

„Leistungsauffälligkeit im Juniorenalter ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine erfolgreiche Entwicklung sportlicher Spitzenleistungen“ (ROST / PFÜTZNER – IAT Leipzig 2006)

Alle Versuche mit nur ein bisschen Hochleistungstraining sind bisher gescheitert. Es sind Veränderungen in den leistungsentwickelnden Hauptbelastungsbereichen, im Trainingsumfang, in den Anteilen und Proportionen der Trainingsbereiche, aber auch in der Qualität und Zielgerichtetheit des allgemein - vorbereitenden Trainings erforderlich. Langjährig eingesetzte, in ihrer Wirkung abnehmende Trainingsformen sind systematisch durch andere, vor allem auf die Entwicklung des wettkampfnahen Trainings (95 – 105 % vom Leistungsziel) wirkende, zu ersetzen.

Trainer, Landesverbände und der DLV müssen sich ihrer Verantwortung stellen

Auch für die Trainer sollte mit diesem neuen Ausbildungsabschnitt ein Neuanfang auf höherem Niveau verbunden sein. Dies gilt nicht nur für die inhaltliche Neuausrichtung des Trainings in Richtung auf die anspruchsvollen Ziele, sondern auch aus Beobachtungen aus der Trainingspraxis abzuleitende notwendig größere Präsenz beim Training. Wer nicht die notwendige Zeit für eine komplexe Betreuung im Hochleistungstraining aufbringen will und kann, sollte besser nicht mit solchen Talenten arbeiten. Viele Athleten haben immer wieder bestätigt, dass die Trainingsqualität um Einiges besser ist, wenn der Trainer im Training anwesend ist.

Im Anschlusstraining muss sich der erfolgreiche Übergang vom Nachwuchs- zum Hochleistungstraining vollziehen. Es ist die entscheidende Etappe innerhalb eines langfristigen Leistungsaufbaues mit dem Ziel sportlicher Spitzenleistungen.
Die Aufgabe des DLV und ihrer Bundestrainer ist es vor allem an dieser Schnittstelle nach oben, nun nicht mehr nur die Leistungsziele und Qualifikationsnormen vorzugeben, sondern den dafür geeigneten Sportlern und ihren Trainern sowohl eine trainingsmethodisch wirksame Konzeption in die Hand zu geben, sie in ihrer Arbeit zu begleiten, als auch neue verbesserte Förderbedingungen für deren Umsetzung gemeinsam mit den jeweiligen Vereinen oder Zentren zu organisieren.

Belastungssteigerungen sind mit Gefahren verbunden

Auch eine kontinuierliche Steigerung von Umfang und Intensität ist mit Verletzungsgefahren verbunden. Unvorbereitete Intensivierungen, neue, zu umfangreich angesetzte Tempolauf- bzw. Sprungbelastungen oder technisch nicht vorbereitete Hantelkraftübungen führen schnell zu Trainingsausfällen. Für Läufer sind nicht ausreichende Wechsel der Bodenuntergründe, eine feste Wadenmuskulatur oder schief gelaufene Schuhe Ursachen für Schienbeinschmerzen oder Achillessehnenprobleme, die nicht frühzeitig behandelt, schnell langwierig behindernd sein können.
Trotz ausreichender Hinweise in der laufspezifischen Literatur wird einer frühen Ausbildung der Füße oft nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die auf Grund ihrer Anteiligkeit an der Leistung angebracht wäre. Den Muskeln, Sehnen und Bändern rund um das Fußgewölbe, den Zehen und den Fußgelenken kommt eine vielfältige, stabilisierende oder auch kraft- übertragende Rolle zu. Auch ihnen tun nicht nur möglichst vielseitige kräftigende Übungen, sondern auch verletzungsprophylaktische (z.B. die tägliche Nachbelastungs-Hand- oder Bürstenmassage oder Fußwechselbäder oder …) gut. Wurden diese Aufgaben im Aufbautraining nicht ausreichend gelöst sind sie unbedingt nachzuholen!

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Die Belastbarkeit des gesamten Systems, die individuelle Trainierbarkeit, ist in allen Phasen der Ausbildung Voraussetzung für weitere Belastungserhöhungen. Deshalb haben auch im Anschlusstraining mehrmals jährlich Phasen mit allgemeinen und speziellen belastungs- vorbereitenden Inhalten Priorität.

Die Weltbesten geben die Orientierung auch für die Begabten vor

Es kann eingeschätzt werden, dass es im Training der Weltbesten keine Geheimnisse gibt, dass ihre Leistungsfortschritte auf der Nutzung individueller Talentvoraussetzungen und der Umsetzung bekanntem trainingsmethodischen Wissens unter optimalen, professionellen Bedingungen durch oftmaliges grenzwertiges Training (Gruppentraining) beruhen. Und sollten wir z.B. gegenüber afrikanischen Talenten genetische Defizite haben, besteht immer noch die Möglichkeit Einiges durch verbesserte Arbeit auszugleichen. Immer wieder kann man nachlesen, dass ihr Training seine Grundlage in der europäischen Trainingslehre hat.

Die angestrebten Leistungen führen uns noch mehr als bisher zur Notwendigkeit, auf der Grundlage einer möglichst hohen konditionellen Basis, dem speziellen, qualitativen Teil der Trainingsbelastung, als wichtigste Voraussetzung für Spitzenleistungen, spätestens jetzt mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sind die Belastungen nicht individuell optimal, sondern unterschreiten die momentanen Möglichkeiten des Athleten, verlaufen die Anpassungen langsamer oder stagnieren. Spätestens im Anschlusstraining ist dies zu organisieren.