Trainingsplanung, Trainingsanalyse und Leistungsdiagnostik sind im Hochleistungstraining wichtige Teile des Gesamtprozesses (Teil 3)

2009-09-29-trainings-wettkampf-analyse-329. September 2009 (© Lothar Pöhlitz) - Grundlage der Leistungsentwicklung ist das Training in seiner ganzen Komplexität. Umfang, Belastungsdauer, Streckenlängen, Geschwindigkeiten, Pausen, Pausengestaltung und ausreichende Regenerationszeiten (einschließlich der Ernährung) können durch die beste Leistungsdiagnostik (LD) nicht ersetzt werden. Der Leistungsfortschritt, die Effektivität des Trainings aber, kann durch regelmäßige leistungsdiagnostische Maßnahmen auf dem Laufband oder im Feldtest unterstützt und beschleunigt werden. Dabei sind die Aussagen aus dem Labor bzw. von Tests in Hallen in Verbindung mit der Trainingsanalyse denen im Freien vorzuziehen, weil die negativen Einflussfaktoren (Witterung) geringer und die Vergleichbarkeit sicherer ist.

Nur sportartspezifische Tests (Feldtest oder Laufband) sind für Leistungs- bzw. Hochleistungsläufer bzw. -geher aussagekräftig und für die Trainingssteuerung verwendbar.

Eine mögliche Komplexität der Untersuchungen setzt eine „zentrale Leistungsdiagnostik“ im Prinzip unter Laborbedingungen voraus, z.B. am Ende der VP I, am Ende der VP II und vor der UWV.

2009-09-29-trainings-wettkampf-analyse-3

Eine komplexe Leistungsdiagnostik (KLD) muss aber eine gleichzeitige Einschätzung des individuellen Entwicklungsstandes aller leistungsbeeinflussenden Fähigkeiten, d.h. neben dem Komplex der Ausdauerfähigkeiten (vL 3, VO2max, SA) auch die der Beweglichkeit, Koordination, Schnelligkeit, Kraftfähigkeiten, sowie der psycho-physischen Belastbarkeit, ermöglichen.

Dies wird derzeit von keinem Institut angeboten.

Für die Trainingssteuerung zur Entwicklung der aeroben Leistungsfähigkeit sind der submaximale Stufentest – z.B. vL3 –, die Ermittlung der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) und konkrete Empfehlungen / Untersuchungsergebnisse für den Laktatbereich zwischen 1,5 – 7 mmol/l Laktat für die Laufdisziplinen nur zusammen optimal. Dezentrale Teildiagnostiken mit einem eingeschränkten Testprogramm in der Region sind zwischenzeitlich, sowie unterstützende Untersuchungen im täglichen Trainingsprozess und auch in Trainingslagern – (Herzfrequenz, Laktat, Serumharnstoff, Kreatinkinase, Hämoglobin, Glukose u.a.) zur Trainingsprogrammsteuerung sehr hilfreich, vorausgesetzt es gibt Personen im Team, die die Meßgrößen auch werten könnnen.

Die Abstände für Leistungsdiagnostiken sollten mehr als bisher von den Trainingsinhalten und den Adaptationszeiträumen bestimmt werden. Immer nach Abschluss eines bestimmten Ausbildungsschwerpunktes sollte geprüft werden, ob die geplante Wirkung auch eingetreten ist oder nicht. Daraus sind Konsequenzen für zukünftige inhaltlich vergleichbare Ausbildungsaufgaben zu ziehen und die nächsten Schritte festzulegen. Vergessen sie nicht sich immer entsprechende Aufzeichnungen zu machen. Wichtig ist zu wissen, dass biologische Messgrößen durch Restermüdung (deshalb sollten die letzten zwei Tage vor der LD immer gleich und immer aerob - leicht und auch ohne Krafttraining ablaufen) und durch gesundheitliche oder psychische Komplikationen, sowie durch Mangelernährung negativ beeinflussbar sind. Es konnte auch beobachtet werden, dass unmittelbar nach längeren „Pausen“ (z.B. nach der Übergangsperiode) durchgeführte Tests nicht erwartet gute Ergebnisse ergaben, die eigentlich für die aktuelle Trainingssteuerung unbrauchbar sind. Deshalb sind Leistungsdiagnostiken nicht zu Beginn des neuen Trainingsjahres, sondern erst nach 4 besser 6 Trainingsbelastungswochen zu empfehlen.

Während der submaximale Stufentest zur Ermittlung der „Schwelle“ ausschließlich der Steuerung der aeroben Ausdauerentwicklung dient und direkten Einfluß nur auf die Langstrecken-, Marathon- und Geherwettkampfleistung haben kann, ist er für die „schnellen Disziplinen“ nur Zubringerleistung. Schnelles Laufen, hohe Zielgeschwindigkeiten erfordern auch eine optimale Funktion der anaeroben Mechanismen, Laktatmobilisation, Laktattoleranz, Laktatverarbeitung während der Belastung, die Motorik und Laufökonomie bei hohen Wettkampfanforderungen. Diese Fähigkeiten müssen mit dem VO2max-Test und einem Zwei- bzw. Dreistrecken-Test zusätzlich überprüft werden.

Anforderungen an eine komplexe Leistungsdiagnostik Lauf / Gehen

  • Gesundheitscheck (Blutdruck, Blutbild, EKG, HF usw.)
  • Belastbarkeitsuntersuchung
  • Grundlagenausdauerfähigkeiten (Stufentest, VO2max-Test, SA)
  • Spezielle Ausdauerfähigkeiten (Zwei-, Drei-Strecken-Test)
  • Kraftfähigkeiten (Kraftausdauer, Schnellkraft, Beweglichkeit)
  • Koordinationsfähigkeiten
  • Schnelligkeitsfähigkeiten (Sprint-Test: 30 m fl, 60 m H-Start)
  • Lauf- bzw. Gehtechnikanalyse (Laufökonomie, Schrittlänge, Schrittfrequenz)
  • Wettkampfanalysen (Geschwindigkeitsverläufe, Laktatgrößen, Verhaltensbeurteilung)
  • Trainingsanalyse (Mesozyklus, Makrozyklus, Gesamtjahr)
  • Einschätzung des Standes der psychischen Bewältigung der Aufgaben (Belastungsbewältigung, Wettkampfbewältigung, Trainings- und Wettkampforganisation)
  • Auswertung der Ergebnisse im Team

In der folgenden Abbildung sind beispielhaft die Inhalte und Messgrößen einer vom IAT Leipzig angebotenen Leistungsdiagnostik für die Lauf- und Gehdisziplinen dargestellt.

2009-09-29-trainings-wettkampf-analyse-3

2009-09-29-trainings-wettkampf-analyse-3

Wichtig für das Ergebnis der Leistungsdiagnostik ist auch, dass die erwarteten Ergebnisse mit dem absolvierten Training in Umfang und Geschwindigkeit im Verhältnis zum Leistungsziel auch korrespondieren. Die Sportwissenschaftler können nur das messen was wirklich trainiert wurde! Um es aber beurteilen zu können, muss man das absolvierte Training kennen.

Für die Ableitung der Geschwindigkeiten für das Training von den Ergebnissen eines submaximalen Stufentest in einer Leistungsdiagnostik (Schwelle = 100 %) können für das aerobe Lauftraining folgende Geschwindigkeiten und Strecken verallgemeinert empfohlen werden:

Belastungs-
intensität
(mmol/l)
Geschwindig-
keiten
% von vL3 / vL4
Strecken
Mittel- Lang-
strecken - km
Stoff-
Wechsel
Trainings-
schwer-
punkte
           
    >12-20 >15-35 FFS Überdistanz
aerobe Basis
           
           
2 - 4 82-92 % 10-15 12-20 aerob
KH / FFS
GA
DL 2
VO 2max
           
           
4 – 7 > 93 % 6-10
8-25 x
4-15 x
8-15
400 m
1000 m
aerob-anaerob
KH
Mischstoffw.
GA
DL 3 / TL 1
DL – TW
TL 2
           
           
>7** > 105 – 120 % Unterdistanz-
orientiert
anaerob TL - SA
wsA
TL 2 / 3

** Geschwindigkeit und Strecken werden vom Leistungsziel Spezialstrecke abgeleitet

 

2009-09-29-trainings-wettkampf-analyse-3Je länger die Wettkampfstrecke, umso direkter ist der Zusammenhang zwischen aerober Leistungsfähigkeit im Test und der möglichen Wettkampfleistung. In den Langzeitausdauerdisziplinen sollten Testaussagen zur Fettstoffwechselleistungsfähigkeit immer Bestandteil der LD sein.

Laktatkontrollen im Training helfen die Wirksamkeit der Trainingsbelastung zu beurteilen und ermöglichen Korrekturen während der Belastung

Für die tägliche Trainingsbelastung gilt, dass äußere und innere Einflüsse und die „Tagesform“ auch Abweichungen vom längerfristig erstellten Plan zulassen müssen. Der Herzfrequenz - Tester sollte deshalb „Dein täglicher Begleiter“ sein. Mit Hilfe des Laktats und der Herzfrequenz sind Trainingswirkungskontrollen eine Überwachungsmöglichkeit der durch die Leistungsdiagnostik erhaltenen Trainingsempfehlungen.

2009-09-29-trainings-wettkampf-analyse-3

Achtung: Auch das Herzfrequenzverhalten ist individuell. Sie finden immer wieder Läufer/Innen die vom bekannten „Schema“ abweichen. Bei normalen Laktatanstieg reagieren sie mit deutlich erhöhten Herzfrequenzanstiegen. In solchen Fällen sind hohe Pulswerte aber nicht unbedingt mit schlechtem Trainingszustand zu verbinden. Dies ist geschlechts- und altersunabhängig und muss bei der Testauswertung und Trainingssteuerung berücksichtigt werden, d.h. allen Beteiligten müssen die individuellen Herzfrequenzbereiche (Ruhe- HF, max. HF) bekannt sein.

Trainingsbegleitende Laktatuntersuchung

In einem „Arbeitsblatt“ (Abbildung) wird beispielhaft nachgewiesen, wie innerhalb eines Zeitraumes von etwa 8 Wochen (1.12. – 21.1.) im vergleichbaren Programm ( 6 x 1000 m mit je 1´ Pause ) einer Spitzenmittelstrecklerin durch Laktatsenkung von 6,7 mmol/l bei einem Geschwindigkeitsdurchschnitt von 3 : 40 min auf 4,1 mmol/l bei 3 : 38,8 min ein deutlicher Leistungsfortschritt erzielt wurde.

So oder auch durch Laktatkontrollen nur am Ende der Trainingseinheit, aber auch in Serienpausen, kann überprüft werden, ob im Dauerlauf- Tempolauf- oder auch Schnelligkeitstraining die vom Trainer geplanten Belastungsvorgaben auch eingehalten bzw. erreicht wurden und ob die gewählten Trainingszeiträume auch effektiv waren.

2009-09-29-trainings-wettkampf-analyse-3

Vergleichbares TL - Programm (6x1000m (P: 1') einer Spitzenmittelstrecklerin
in einem Zeitraum von 8 Wochen (Arbeitspapier))

 

© Lothar Pöhlitz