Trainingsplanung, Trainingsanalyse und Leistungsdiagnostik sind im Hochleistungstraining wichtige Teile des Gesamtprozesses (Teil 1)

2009-09-23-trainings-wettkampf-analyse-123. September 2009 (© Lothar Pöhlitz) - Der schrittweise Einstieg der Sportmedizin und Sportwissenschaft in die Trainingspraxis führte vor allem in den letzten 40 Jahren zur Aufhellung biologisch- physiologischer Vorgänge und trainingsmethodischer Abläufe, leistete einen beträchtlichen Beitrag in der wissenschaftlichen Begleitung und Theoriebildung der Trainingslehre und zu unserem gegenwärtigen Wissen in der Leistungs- und Trainingssteuerung in den Lauf- und Gehdisziplinen der Leichtathletik. An diesem Prozeß waren deutsche Ärzte, Trainer und Sportwissenschaftler aus Ost und West mit bedeutenden Beiträgen gleichermaßen beteiligt.

Die Weiterentwicklung der Trainingswissenschaft für das Hochleistungstraining hängt aber von einer gegenüber der derzeitigen Praxis wieder verstärkt planmäßigen gemeinsamen Arbeit zwischen Sportlern, Trainern und der Sportwissenschaft ab. Nur auf der Grundlage realisierten Trainings, d.h. präziser Trainingsdokumentation und entsprechender Begleitung im Trainingsprozess durch die Sportwissenschaft ist praxisorientierte Forschung, die Beantwortung von noch vielen offenen Fragen und eine Erkennung von Reserven für einen weiteren Leistungsfortschritt, möglich. Oft zitierte veraltete Forschungsergebnisse oder Ergebnisse aus der Arbeit mit Anfängern, Studenten oder schlecht trainierten Kindern dürfen nicht länger zu Empfehlungen für das Hochleistungstraining „missbraucht“ werden.

Es begann mit der praxisorientierten Forschung etwa vor 40 Jahren
Ein kurzer historischer Rückblick – nach Ost und West

Auch wenn man derzeit weniger gern darüber spricht: einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Hochleistungstrainings leistete in den 70iger und 80iger Jahren das DDR-Leistungssportsystem. Vor allem weil die Sportwissenschaft schon früh praxisorientiert ausgerichtet wurde und die Ergebnisse aus einer engen Zusammenarbeit mit dem Hochleistungsbereich – wenn auch „streng geheim“- erzielt wurden. Den Bereich Lauf / Gehen unterstützte damals das Zentralinstitut für Sportmedizin in Kreischa (Langzeitausdauerdisziplinen Marathon und Gehen), das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (ehemals FKS) den Mittel- und Langstreckenlauf, das Institut Leichtathletik der DHfK den Nachwuchsleistungssport und das Wissenschaftliche Zentrum (WZ Lauf / Gehen) des Deutschen Verbandes für Leichtathletik. Das WZ war für die Trainingsplanung (RTP) und Trainingsanalysen und damit für das trainingsmethodische Vorgehen in Spitze und Nachwuchs auf der Grundlage von Rahmentrainingsplänen und die Zusammenarbeit mit den Heimtrainern in den Sportclubs zuständig. Das Besondere war, dass eine praktizierte Zusammenführung zwischen Trainingsanalyse – Wettkampfanalyse, Trainingsplanung und sportwissenschaftlicher Begleitung schon in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1972 in München durchgesetzt wurde und in gemeinsamen Beratungen in den Trainerräten jährlich die Ergebnisse mit den Heimtrainern zu konkreten Schlussfolgerungen und zu verbesserten nicht nur zentralen Trainingsplanmaterialien führten. Durch die Einbeziehung der Nachwuchstrainer in dieses System war deren Qualifizierung schon früh sehr intensiv und ständig gesichert. Die vor, aber vor allem nach der deutschen Wiedervereinigung auf den Markt gekommene Literatur gibt zwar nur einen relativen, aber durchaus guten Einblick in diese Arbeit.
Mehr verhinderte die politische Führung die glaubte, dass in eine politische Abgrenzung zum Westen auch die Leistungssportforschung und die Trainingsmethodik einbezogen werden müsste, dadurch in vielen Fragen die „Trainingswissenschaft noch einmal neu erfunden werden musste“ und mit der Einstufung aller Arbeitsmaterialien im Leistungssport unter „Streng vertraulich“ oder „Geheim“ einen ehrlichen Erfahrungsaustausch (aber auch mit den damaligen Ostblockländern) verhinderte. Schließlich hatte Priorität den Klassenfeind im Westen möglichst empfindliche Niederlagen zuzufügen.

Gleichermaßen waren die Beiträge von Hollmann, Mader (DSHS Köln), Kindermann (Saarbrücken), Liesen (Paderborn), Dickhuth (Tübingen), Keul (Freiburg) u.a. mit ihren Instituten für das gegenwärtige Wissen um die biologischen Gesetzmäßigkeiten der Leistungsentwicklung und zunehmende Erfahrungen mit der Leistungsdiagnostik bedeutend. Schade, dass diese großen Kapazitäten nie zum Wohle des deutschen Hochleistungssports, vielleicht in einem „Zentralinstitut“, zusammengeführt wurden. Obwohl fast alle Zugänge zu deren Arbeiten versperrt waren, waren sie bekannt und beeinflussten Theorie und Praxis.

Leider haben sich die Bedingungen und Voraussetzungen in den 90iger Jahren so verändert, dass eine sportwissenschaftlich-sportmedizinische Forschung und Begleitung des Hochleistungstrainings der Kader nur noch punktuell, nicht zentralisiert (wie in der DDR) und auf der Grundlage individueller Interessen der Institute und eingeschränkter finanzieller Möglichkeiten sowie weniger noch vorhandener hauptamtlicher Trainer und Sponsoren praktiziert wird. Die derzeit knappen zeitlichen und finanziellen Ressourcen, die nur geringe Unterstützung durch unsere Regierung und die politischen Führungen in den Ländern, verhindern die internationale Konkurrenzfähigkeit auf breiter Front. Die ständige Zunahme der Leistungsdichte im Weltmaßstab und unser sich vergrößernder Abstand zur Weltspitze ist z.B. im Laufen und Gehen nur durch eine notwendig zu erhöhende Trainingszeit, eine individuelle Wirksamkeitssteigerung des Trainings, eine weitere Belastungserhöhung, neue wirksame Trainingsformen und ein systematisches Höhentraining zu verkürzen.. Dazu kommt das ein positives Ergebnis im Hochleistungssport nur erzielt werden kann, wenn dieser Prozess durch optimale leistungs- und trainingsbegleitende sportwissenschaftliche Maßnahmen (Trainingsplanung, Leistungsdiagnostik, Trainingsanalyse, Steuerung im Höhen- und Heimtraining, Physiotherapie u.a.) begleitet wird.

Als Leistungs- Trainingssteuerung bezeichnet man im Hochleistungstraining gezielte Analysen, Abstimmungen und Empfehlungen aller kurz- und langfristigen Maßnahmen der Planung, Durchführung, Analyse und Korrektur des Trainings- und der Wettkämpfe zum Zwecke der Leistungsoptimierung mit Hilfe eines TEAMs.

Dazu zählen:

  • Analysen der individuell-aktuellen Leistungsfähigkeit
  • Analysen von Entwicklungs- bzw. Stagnationsverläufen
  • Einschätzung der Belastbarkeit und des Gesundheitszustandes
  • Individuelle Trainings- / Belastungsempfehlungen (Planung) auf der Grundlage moderner internationaler Trainingsmethoden
  • Begleitung der psycho-physischen Belastungsumsetzung, bei einer echten Wirksamkeitssteigerung durch Steuerung
  • Sportmedizinische Gesundheits- / Belastbarkeitsbegleitung

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Die entscheidende Steuergröße für die Leistung ist die Trainingsbelastung, als Einheit von Belastung und Erholung – im Laufen und Gehen ausgerichtet auf die jeweilige Zielstrecke. Ein hoher Trainingsumfang ohne ausreichende intensive Anteile, bzw. auch eine hohe intensive Belastung ohne ausreichende Umfänge und notwendige Regenerationszeiten, führen nicht zur erhofften Anpassung.

Voraussetzung für eine wirksame komplexe Leistungs- und Trainingssteuerung ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Sportler, Trainer und einem kompetenten Team aus Sportwissenschaftlern (Arzt, Masseur, Physiologe, Trainingsmethodiker, Psychologen, Ernährungsberater).

Dies setzt für Trainer und Athleten möglichst gute Kenntnisse um Inhalte und Probleme der Trainingsmethodik und der Leistungsdiagnostik, einschließlich der Bewertung der Messgrößen und für die Sportwissenschaftler und Ärzte Kenntnisse vom Hochleistungstraining und der Bewertung der Trainingskennziffern und ihrer Zusammenhänge, voraus.

Als komplexe Leistungsdiagnostik kann man das Gesamtergebnis mit entsprechenden Entscheidungen für die nächste Phase des Trainingsprozesses erst dann bezeichnen, wenn folgende Untersuchungen auch komplex – parallel durchgeführt werden und möglichst schnell nach der Analyse ausgewertet zu gemeinsamen Konsequenzen führen:

  • Trainings- und Leistungsplanung
  • Trainingsanalyse (ständig begleitend)
  • Wettkampfanalysen
  • Leistungsdiagnostik (Labor- oder Feldtest)
    (aerobe-, anaerobe-, Schnelligkeits-, Beweglichkeits- und Kraftfähigkeiten)
  • Gesundheits-, Ernährungs- und Belastbarkeitsdiagnostik
  • Lauf- bzw. Gehtechnikanalyse
  • Persönlichkeitsbeurteilung im Verhältnis zur Aufgabe (Motivation, Willensqualitäten, Selbstvertrauen, Wettkampfverhalten u.a.)
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