Marcel Fehr 3:40,06 – 13:39,10 und zum Geburtstag in einer russischen Klinik

Ein LCA Interview

2015-09-15-Interview-Marcel-Fehr© Lothar Pöhlitz - 15. September 2015 - Das Wettkampfjahr 2015 begann für Marcel Fehr von der SG Schorndorf am 23.5. in Oordegem/BEL mit 13:39,10 (Bestleistung 2014 13:38,53) vielversprechend. Als am 5.Juni im französischen Montbéliard mit 3:40,06 auch noch eine neue schöne persönliche Bestleistung über 1500 m folgte waren sich er und sein Trainer Uwe Schneider bewusst das es eine gute Saison des erst 23 jährigen Lauftalents werden würde. Mit 2010 noch wenig Training wurde Marcel bereits Deutscher Jugendmeister und Vierter & Sechster bei den U20-EM und U20-WM über 1500 m. Ein „Goldkörnchen“? Vorsichtig und behutsam von seinem Trainer über die Jahre aufgebaut – weil Leistung und Trainingsbelastung noch lange nicht zusammen-passten – kam nach kontinuierlichem Fortschritten, aber auch Rückschlägen durch Blessuren 2014 – die im Hochleistungssport keinen verschonen - der große Sprung. Von 14:11,19 über 5000 m im Vorjahr auf 13:38,58 Minuten - endlich der Durchbruch. Über die Nominierung zur Team-Europameisterschaft am 20./21.Juni im russischen Cheboksary war die Freude groß. Für seine erste größere Aufgabe innerhalb der DLV-Nationalmannschaft hatte er sich eine Platzierung ganz vorn vorgenommen – alle 5000er im Rahmen der Team-EM in den Vorjahren gingen als Spurtrennen über die Bühne und da rechnete er sich eine Chance weit vorn aus.

Marcel Fehr (1992) – SG Schorndorf – Trainer: Uwe Schneider

Leistungsprofil 2015:

 

Freiluft 800 m 13.08.2011 1:48,84
  1.000 m 22.05.2011 2:24,91
  1.500 m 05.06.2015 3:40,06
  3.000 m 18.05.2014 7:54,63
  5.000 m 31.05.2014 13:38,53
  10 km 12.10.201 30:16

 

  • Vierter U20-EM 2011 (1.500m)
  • Sechster U20-WM 2010 (1.500m)
  • Deutscher U23 Meister 2014 (5.000 m)
  • Deutscher Jugendmeister 2010
  • Deutscher B-Jugendmeister 2010
  • Deutscher Jugend-Hallen-Meister 2010

... und dann ging bei etwa 3000 m plötzlich das Licht aus? Was ist passiert?

Nach ungefähr der Hälfte des Rennens war meine ganze Kraft von einen auf den anderen Moment - innerhalb von 100 m - komplett weg. Und das bei einem Tempo, das selbst für eine Trainingseinheit noch sehr niedrig wäre. Das hatte ich noch nicht erlebt. Meine einzigen Gedanken waren Du musst es ins Ziel schaffen, nicht aufgeben. Ich wollte ja möglichst viele Punkte für die Mannschaft retten. Besonders vernünftig war dieser Gedanke von mir jedoch nicht, hat man mir in Nachhinein gesagt.

Hat sich das im Vorfeld irgendwie angedeutet?

Das Training war zu 100% auf diesen Wettkampf abgestimmt, die Tage vorher waren gut, regenerativ und ruhig. Ich habe vorher auf einen geplanten Wettkampf sogar verzichtet. Am Wettkampftag selbst habe ich die Hitze (über 35°) gemieden, mich bis kurz vor dem Rennen im Hotelzimmer aufgehalten, viel getrunken, im Schatten warm gemacht und mit Wasser und Eis kühl gehalten. Selbst im Rennen habe ich mich nach dem Startschuss gut gefühlt und nach den ersten langsamen Runden schon auf einen Endspurt (so wie er mir normalerweise entgegenkommt) gefreut.

Der restliche Geburtstag endete im Krankenhaus von Cheboksary?

Nach dem Rennen wurde ich erst einmal lange vor Ort medizinisch versorgt. DLV-Arzt Dr. Schreiber und die russischen Ärzte vor Ort haben sich richtig bemüht. Meinen restlichen Geburtstag habe ich dann im dortigen Krankenhaus verbracht.

Eine für mich positive Überraschung erlebte ich in der Klinik. Alle sorgten sich um mich. Eine Krankenschwester kümmerte sich wohl nur um mich, der Chefarzt war Spitze und stellte mich auf den Kopf. Auf meine vorsichtige Frage nach der Finanzierung kam auf Englisch: „You don´t have to pay – you are our guest !“

Danke noch einmal nach Cheboksary!!! Danke an alle die vor Ort und im Nachhinein auch zu Hause und im Klinikum Tübingen an Dr.Nieß und seine Crew, die um meine Gesundung bemüht waren. Auch für die zahlreichen Aufmunterungsnachrichten, die mich per Handy, E-Mail oder persönlich erreicht haben, haben mir wieder auf die Beine geholfen.

Und ein Rückblick in diese Juni-Tage?

Bis jetzt kann ich mir nicht erklären, wie und warum das passiert ist. Wer meinen Trainer und mich gut kennt weiß dass wir uns vor so einem Ereignis alles andere als naiv und blauäugig verhalten. Was passiert ist schmerzt mich in doppelter Hinsicht. Trotz eines optimalen Rennverlaufs bei meinem ersten Nationalmannschaftseinsatz bei den Aktiven konnte ich nicht zeigen was ich kann und nur wenig zum tollen Team-Ergebnis beisteuern. Die für dieses Jahr angedachte Leistungsausprägung näher nach Olympia und der Universiade – Start im Sommer wurde schließlich unmöglich und viele Wochen Training habe ich versäumt.

Das Ergebnis der vielen Untersuchungen – bist Du wieder trainingsfähig?

Kreislaufkollaps, Virusinfektion, Ozon-Allergie ...es konnte alles sein. Und es bleiben noch viele Fragen offen. Die Erholung war richtig langwierig, nach 3 Wochen Pause und zwei Wochen Anlauf-Training bekam ich für die 1500 m bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg grünes Licht. Nach meiner Quali für das Finale habe ich gemerkt, dass ich noch nicht 100% fit bin. Und obwohl ich mich auf Anhieb wieder fürs Finale der besten 12 in Deutschland qualifiziert habe, habe ich aus sportlichen und gesundheitlichen Gründen darauf verzichtet.

Die Nachwirkungen von der Team EM sind komplizierter als wir erwartet hätten. Inzwischen geht es mir besser. Die Ursachenforschung und Untersuchungen haben zum Glück erste Anhaltspunkte geliefert für diesen Totalausfall. Es gibt immer noch offene Fragen, aber eine „heiße Spur“. Wichtig ist für mich und meinen Trainer, dass das Herz-Kreislaufsystem gesund und die Lunge in Ordnung sind.

Wie geht es nach der neuesten Planung weiter?

Der Blick ist natürlich nach vorn gerichtet, das neue Trainingsjahr beginnt früher als sonst. Kilometer sammeln, die Kräfteverluste aufarbeiten und ein paar verlorene Pfunde wieder anlegen sind die ersten Aufgaben. Der Traum von Olympia in Rio ist trotz verlorener „Sekunden – Annäherung“ an die Norm im Sommer noch nicht aufgegeben, schließlich bin ich erst 23 Jahre alt. Und wenn ich es, wider Erwarten, nicht schaffe, kommen erneut Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und auch wieder Olympische Spiele. Man hat mir von vielen Seiten immer gesagt, dass ich dafür das Potential hätte. Das will ich beweisen!

Danke Marcel für das Gespräch – wir drücken Dir die Daumen

Foto Markus Herkert