Viel Läufer-Sonne in Schweden – Schatten in Tallin und Cali

Bilanz und Ausblick nach den U18 - / U20 - / U23 - EM/WM - 2015

2015-09-03-Nachwuchssituation-DLV © Lothar Pöhlitz – 3. September 2015 - Die Nachwuchsleistungssituation im Bereich Mittel- und Langstreckenlauf stellt sich nach der weltweiten Bestenermittlung 2015 in den Altersklassen (AK), den U18- / U20- / U23- Höhepunkten differenziert dar, mit sehr viel Sonne in Eskilstuna und Schatten in Cali und Tallin. Die Läufer und Läuferinnen der Altersklasse U20 und ihre Trainer machen Hoffnung für demnächst, haben sicher die Fans und das Fachpersonal mit ihren Fortschritten überrascht und erfreut. Sie kamen mit nicht erwartenden 6 Medaillen als stärkste Disziplingruppe des DLV aus Schweden heim. 2x Gold – 3x Silber – 1x Bronze, toll.

DLV - Lauf - Medaillenbilanz U18 – U 20 – U23 EM / WM 2015
U-23 EM

  • Christina Hering (800 m Bronze)

U-20 EM

  • Alina Reh (3000 m / 5000 m Doppel-Gold)
  • Fabian Gering (10000 m Silber)
  • Sarah Schmidt (800 m Silber)
  • Patrick Karl (Hindernis Silber)
  • Konstanze Klosterhalfen (1500 m Bronze)

U-18 WM

  • -

Diese Euphorie bremsen die Bereiche U 18 mit nur 5 Lauf-Teilnehmern und keiner Medaille und vor allem die U23 mit nur 1x Bronze durch Christina Hering über 800 m der Frauen. Da sollte man wohl, nach 3 Jahren Arbeit im neuen Olympiazyklus, einmal über neue Konzepte nachdenken. Auch weil es 2015 wieder nicht gelungen ist die Besten aus dem Anschlusstraining - die Läufer jenseits der 19 Jahre - in Tallin näher an die Spitze zu führen. So ist nur 1 Jahr vor den Olympischen Spielen die erhoffte Verstärkung der Olympiamannschaft aus diesem Bereich fast unwahrscheinlich. Wo junge Mittel- und Langstreckler anderer Länder in diesem Altersbereich schon in der Champions League unterwegs sind bleiben dem DLV die Lauf - Probleme der Vergangenheit.

6 Läufermedaillen bei der U-20-EM – Aufbruch - sensationell

Die vor 2 Jahren vom DLV installierte neue Bundestrainer Nachwuchsstruktur macht Hoffnung auf mehr. Die U-20 – Läufer haben ein Zeichen gesetzt, völlig ungewohnt aus den letzten Jahren, fährt die Disziplingruppe Lauf mit den meisten Medaillen nach Hause und es sind sogar die lange Jahre vernachlässigten Langstreckler dabei. Diese Ergebnisse machen Hoffnung und sind sicher auch das erfreuliche Ergebnis der Neuordnung des Nachwuchsbereiches mit den Bundestrainern Georg Schmidt – Thomas Dreißigacker – Pierre Ayadi – Enrico Aßmus und Andreas Michallek. Auch wenn noch nicht einmal alle Träume in Erfüllung gegangen sind hat sich die offensichtlich organisatorisch-inhaltlich veränderte Talentarbeit im Team, gemeinsam mit den Heimtrainern, ausgezahlt.

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Alina Reh – U20 - Doppel-Gold und 15:51,48

Toll wie Alina Reh mit den hohen Erwartungen in Eskilstuna umgegangen ist, Gold über 3000 m – dann die Emotionen einer Europameister-Siegerehrung und noch einmal Gold direkt am darauf folgenden Tag über 5000 m und das auch noch sehr sicher in guten 16:02,01. Das zeugt von einem hohen aeroben Qualitätsniveau in ihrem Leistungsbereich und mentaler Stärke. Das sie mit 15:51,48 von vorn gleich noch die Wachablösung bei den DM der Aktiven in Nürnberg einleitete hatte so überzeugend wohl niemand erwartet.

Glückwunsch auch für die Silbermedaillen von Sarah Schmidt (800 m) – Fabian Gering (10000 m) – Patrick Karl (3000 m Hindernis) – und Bronze durch Konstanze Klosterhalfen (1500 m). Sie brachten nicht nur ihren Heimtrainern Lob und Anerkennung sondern machen auch allen Lauf-Fans Freude weil deutlich wird das Teamarbeit zu Fortschritten führen kann und die deutsche Leichtathletik in Teilen auch Nachwuchsleistungssport kann. Offen bleibt natürlich wer es nun schon 2018 zu einem EM-Start in Berlin schafft.

Beste DLV - U23 - Mannschaft bei der EM – aber nur 1 Laufmedaille

Die einzige Medaille (Glückwunsch zu Bronze von Christina Hering über 800 m) in 10 Disziplinen des Mittel- und Langstreckenlaufs bei der U23-EM in Tallin erschreckt, widerspiegelt die ganze Problematik und wird nicht nur Lauf-Cheftrainer Wolfgang Heinig in Erklärungsnot bringen wenn er an die 3 letzten Arbeitsjahre mit dieser AK, an Olympia 2016 und danach denkt, dabei ging es in Tallin nur gegen Europa.

Die Aufgabe bleibt: mit Bestleistungen in den AK der Welt nähern

EM, WM und OS sind in Zukunft kaum erfolgreich zu gestalten wenn der Leistungs-fortschritt der 19-22 jährigen nicht durch Veränderungen in der Arbeit mit Talenten beschleunigt wird. Der derzeit präsentierte Unterbau gefährdet das Abscheiden deutscher Läufer bei den Olympischen Spielen 2020 und 2024. Auch wenn man bedenkt das bis dahin einige der älteren Etablierten der Leichtathletik adé sagen werden.

Das sich die erhofften Fortschritte auch noch in Rückschritte umkehrten macht hoffentlich nicht ratlos. Für die vom DLV und den Medien gewünschten bzw. erwarteten Ergebnisse / Medaillen / Siege / Finals bei den internationalen Wettkampfhöhepunkten (EM, WM, OS) der Zukunft reichen die eingeleiteten Maßnahmen – von Ausnahmen abgesehen – offensichtlich nicht. Wenn man bei den inzwischen Etablierten und von den Ländern offensiv angenommenen internationalen U18- / U20- / U23 Prüfungen in zwei von drei Altersklassen mit fast leeren Händen nach Hause reist muss man wohl noch einmal intensiv über alles nachdenken.

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Die Probleme sind nicht geringer geworden. Es ist wieder nicht gelungen eine Reihe der U-23 Kader näher an die Weltspitze wenigstens erst einmal ihrer Altersklasse zu führen. In einem Beitrag bei der LCA im August 2014 konnte man beispielsweise lesen: "Einige, noch im Vorjahr „als Talente gehandelte“, wie beispielsweise Maya Rehberg (94), Christine Gess (94) oder Sonja Mosler (93), haben den Durchbruch erst einmal nicht geschafft. Ob es für sie aber ein verlorenes Jahr war wird sich 2015 zeigen". Natürlich gibt es für Stagnationen immer Gründe – wenn aber beispielsweise Christine Gess (2013: 2:04,22) – Maya Rehberg (9:55,73) – Sonja Mosler (2:03,76) auch 2015 keine Fortschritte in Richtung internationale Ansprüche machten und mit Dennis Krüger (1:45,79) – Patrick Zwicker (1:46,69) – Hendrik Pfeifer (29:16,14) – Martin Grau (8:24,29) und ihren Leistungen aus dem Vorjahr nun der männliche Nachwuchs auch stagnierte müssen wohl die Ursachen auf den Tisch der olympischen Leichtathletik. Der Verluste sind es zu viele. Wenn in anderen Disziplingruppen Medaillen oder gute Finalleistungen gefeiert werden sollte man Läufer nicht länger für eine Qualifikation zu einer Nachwuchs-EM oder WM loben.

Wenn die DLV - Zentrale Weltniveau in den Altersklassen plant

Wie schon 2014 bleibt auch für die Mittel-, Langstreckler und Hindernisläufer nach den 3 Nachwuchshöhepunkten U18- / U20- / U23 - 2015 die Aufgabe „Weltniveau in diesen Altersklassen“. Dafür hat sich der DLV in seinem Strukturplan zu Beginn des Olympia-zyklus 2013-2016 entschieden.

DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska unterstrich die Wichtigkeit konkurenzfähiger Nachwuchs-Leistungen nach der für den DLV erfolgreichen U23-EM so: „Für uns ist die U23-EM eine sehr wichtige Meisterschaft. Hier können wir Entwicklungen nach dem Jugendbereich im Wettbewerb gegen starke Konkurrenz beobachten und auf der Basis der Auswertungen Athleten auf den Sprung in A-Nationalmannschaft vorbereiten. In Tallinn haben wir Teile des möglichen Kernteams für die Heim-EM 2018 in Berlin gesehen.“

Ein schnellerer Anschluss ans Weltniveau erfordert das Nachwuchsleistungstraining zu optimieren und das Anspruchsniveau bereits für den U20-Altersbereich zu erhöhen. Es fehlen nicht nur Talente, sondern vor allem "Goldkörnchen" oder Wunderkinder, wie die Amerikaner gern sagen, für das Podium. Und in einer Vorstufe zunächst erst einmal für Starts gegen die Weltspitze in den Champions League Wettbewerben. Es muss demnächst auch einmal um die Großbaustelle „Leistungsbreite 400 m – Unterdistanzbereich“ gehen ohne die sich Leistungen über 800 m und 1500 m nahe zur Weltspitze immer weiter entfernen werden. Ein Neuanfang scheint auch in diesen Disziplinbereich in den Altersklassen notwendig. Das keine 400 m Läufer und keine 4 x 400 m Staffeln für Peking nominiert wurden ist wohl als erstes Signal zu werten.

Erst am 17.7.2015 wurde beim großen Internationalen in Monaco für alle Läufer beispielsweise in den zwei 1500 m Rennen der Männer und Frauen demonstriert was gegenwärtig unter Weltspitze zu verstehen ist. Gegen die sollen unsere Besten ja in Rio in den Finals bestehen. In der Regel wird in einer Olympia-vorbereitung bei den Besten noch ein Schritt zugelegt.

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Reserven im Team mit LV und Heimtrainern erschließen

Junge Läufer und Läuferinnen – auch wenn die Mädchen in diesem Alter den Jungen in ihrer Entwicklung oft voraus sind - müssen nicht unbedingt bei einer U18-WM Medaillen holen, trotzdem sollte die Konsequenz aus nur 5 Jungen und Mädchen (3 x 800 m / 2 x 3000 m) des Laufbereichs bei der U18 – WM in Cali sein: wir müssen näher dran in den Altersklassen! Vor allem aus einer größeren Breite kommt die Leistung. Das vorrangige Ziel müsste deshalb erst einmal sein mit mehr Talenten möglichst viele der Startplätze zu besetzen und in den Finals erste internationale Erfahrungen zu sammeln. Damit würden in Zukunft auch weniger Hoffnungsträger bis zur U23 auf der Strecke bleiben.

Erfahrung: U18 - Leistungen erfordern bessere Trainings-Bedingungen und neue Wettkampf-Organisationsformen – schon für den C/D - Kader

Der U20 - Aufbruch sollte alle motivieren die Kaderarbeit als einen Teilbereich „Talente / Hochbegabte U18 / U-20 / U-23 – Elite“ zu organisieren. Das Training ist darauf auszurichten besser als bisher und mit neuem Anspruchsniveau auf die internationale Konkurrenzfähigkeit und den „Anschluss ans Weltniveau dieser AK“ vorzubereiten. Die Konsequenzen wären kleinere Kader mit den für diesen Weg und Anspruch bereiten Talenten und Heimtrainern. Altersleistungsorientiert und wie die gleichaltrigen anderer Länder mit täglichem Training. Auch die Landesverbände sollten sich – als Teil des DLV - gemeinsam mit der Abt. Nachwuchs beim DLV dieser Aufgabe stellen. Die Talentsuche, ihre Grundausbildung auf höherem Niveau und ein dafür zu überarbeitendes Wettkampfsystem wären wichtig. Wenn auch noch den Heim-Trainern vor Ort zu besseren Bedingungen für solche Talente verholfen wird könnte eine Konzentration der Arbeit schneller voran helfen, auch weil mehr Geld – wie der Innenminister signalisierte - sicher nicht zu erwarten ist. Es reicht nicht länger nur Mitglied in einem Kader zu sein.

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Schüler auf das Jugendtraining besser vorbereiten

Das Training der 12-14 jährigen ist mehr als bisher als Talent-Erkennungstraining mit höherem Anspruch zu gestalten. Talente – nicht alle - müssen früher entdeckt und durch ein Ganzkörpertraining besser als bisher auf das Jugendtraining vorbereitet werden. Die Spielleichtathletik 2-3x wöchentlich bleibt für die denen der Leistungswille fehlt und sich deren Eltern mit der derzeitigen Welt-Dopingdiskussion der Großen entschuldigen. Das Voraussetzungstraining U-18 sollte schon mehr zentral gelenkt werden und z.B. durch ein Regional-Wettkampfsystem (vielleicht Süd-Ost-Nord-West) die mögliche Leistungsdarstellung - und damit die Ausbildung zu fördern. Die Bundestrainer könnten vielleicht die Koordination der Zusammenarbeit des DLV mit immer mehreren „ihrer“ Landesverbände – nach dem Beispiel früherer Koordinatoren für die OSP - übernehmen.

Zuletzt noch ein Rückblick auf die Jahre 2013 – 2014 – 2015 der Besten
Leistungsentwicklung des Junior – Elite – Teams - Lauf (Junior-Elite-Team 2014)

 

800m Männer Ergebnis 2013 Ergebnis 2014 Ergebnis 2015
Krüger Dennis (1993) 1:47,20 1:45,79 1:46,65
Lange Andreas (1991) 1:45,69 1:46,79 1:48,91
Stadler Kevin (1993) 1:47,31 1:48,27 1:50,20
Zwicker Patrick (1994) 1:46,04 1:46,69 1:48,97
Langstrecke Männer
Sonnenberg Nico (1991) 14:00,07 14:06,40 / 8:45,24 Hi. ----/8:40,54
Pfeifer Hendrik (1993) 14:27,43 / 29:38,99 14:04,52 / 29:16,14 ----/30:09,53
3000m Hindernis
Grau Martin (1992) 8:42,60 8:24,29 8:31,55
1500m Frauen
Sujew Elina (1990) 4:08,82 4:07,82 4:09,28
Langstr./Marathon Fr
Stöcker Nina (1992) 35:10 / 2:37:46 ------- ---------/---------
Hahner Lisa (1989) 33:50 / 2:30:17 ------- ---------/--------
3000m Hindernis Frauen
Rehberg Maya (1994) 10:00,04 9:55,73 9:49,88

 

Wer gefördert werden will muss sich fordern lassen, das war bereits einmal in den 80iger Jahren DLV-Prinzip. Nach der Nominierung für Peking fragt sich der DLV bestimmt gerade wer von wem! Für Kader und ihre Heimtrainer sollte auch aktuell als Voraussetzung zur Kaderaufnahme die Bereitschaft zu einer gemeinsamen Arbeit mit den Bundestrainern, zum täglichen Training und zu 9-10x Training in Gipfelwochen vereinbart und jährlich erneuert werden. Trainingslager in allen Ferien, komplexes Training mit stärkerer Beachtung der Unterdistanzen, der schnellen Kraft und einer optimalen Lauftechnik/ Laufökonomie wären Möglichkeiten. Und alles orientiert am Weltniveau, auch in den Altersklassen. Auch mit einer engeren Arbeit mit den verantwortlichen Lauf-Landesverbandstrainern im Team könnte man Reserven ausgraben. Schneller voran geht es vor allem über mehr Geschwindigkeit im Trainingsumfang, natürlich jeder in den Bereichen seines aktuellen Leistungsniveaus. Für solche psychophysischen Belastungen wären auch eine sportmedizinisch-physio-therapeutische Begleitung außerordentlich wichtig !

Foto: LAZ