Läuferinnen und die Berechenbarkeit ihrer Leistungen

EM-Normen und Kaderrichtwerte etwas genauer betrachtet

2014-09-07_Kaderrichtwerte_Ring Regensburg, 7. September 2014 (orv) – Was macht die Laufwettkämpfe in der Leichtathletik so interessant? Es ist wohl der Kampf Frau gegen Frau und Mann gegen Mann über mehrere Runden. Die dabei erzielten Zeiten spielen dann meist eine untergeordnete Rolle. Entsprechen sie nicht dem reellen Vermögen der/des Läufer/in spricht man von „taktischen Rennen“, was das Ganze noch interessanter macht, weil eben nicht der nominell am schnellsten gemeldete Athlet die Nase vorn haben muss. Die pure Bestleistung wird gebraucht bei Qualifikationen für Meisterschaften (man spricht dann von einer Norm) und Kaderbildungen (hier Kaderrichtwerte). Während Normen starre altersunabhängige Zeiten sind, werden Kaderrichtwerte auch vom Alter der/des Athleten/in abhängig gemacht und erreichen zumindest im deutschen Verbandswesen im angenommenen Höchstleistungsalter von 25 Lebensjahren ihre dann gleich bleibende Qualitätsstufe. Der DLV leitet seine Normen für internationale Meisterschaften im Frauen- und Männerbereich von der erweiterten Endkampfchance ab. Auf europäischer Ebene ergeben sich dann meist qualitativ nicht selten erheblich höhere Werte, auf Weltniveau (WM, Olympische Spiele) sind sie mit den vom internationalen Verband (IAAF) vorgegebenen Qualifikationszeiten fast identisch.

Nachdem die Europameisterschaften noch gut im Gedächtnis sind, lohnt ein Blick in die einzelnen Flachdisziplinen, beispielhaft einmal im Laufbereich (Bahn) der Frauen. Eingedenk der Tatsache, dass die Vorentscheidungen auf der Mittelstrecke (800m, 1500m) immer taktisch gelaufen werden und mit sehr schnellen letzten zweihundert Metern gelaufen werden, hat sich Deutschlands einzige Vertreterin Diana Sujew mit Platz acht über 1500m gut verkauft. Die Hamburgerin, nicht unbedingt als starke Spurtläuferin bekannt, schaffte den Einzug ins Finale dann auch über die Regelung „der weiteren Zeitschnellsten“. Wenn man davon ausgeht, dass die aktuelle Deutsche Meisterin Maren Kock von vorherein auf die 5.000m gesetzt hatte, wäre wohl nur noch Elina Sujew mit ihren 4:07,82min und Denise Krebs (4:08,21min) eine erweiterte Endlaufchance zuzutrauen gewesen, weil die dreimalige Deutsche Meisterin der Jahre 2011-13 Corinna Harrer von vornherein aus Verletzungsgründen nicht zur Verfügung stand.

Etwas anders verhält sich die Situation über 800m. Auch hier fehlte aus Verletzungsgründen die Meisterin des Vorjahres Fabienne Kohlmann. Ihre junge Trainingspartnerin Christina Hering holte sich in Ulm mit einem mutigen Temporennen in 2:01,45min den nationalen Titel und konnte diese Zeit dann beim Berliner ISTAF, unmittelbar nach der EM noch auf 2:01,25min steigern. Ihr gestand man die erweiterte Endkampfchance nicht zu, obwohl im Nachhinein durchaus davon ausgegangen werden kann, dass sie sogar eine Finalchance der besten Acht auf Grund ihres Stehvermögens auf den letzten hundert Metern gehabt hätte. Ist also der theoretisch berechnete „erweiterte Endkampfplatz“ höher zu bewerten als die reelle Chance einer jungen Athletin, beim ersten internationalen Einsatz über sich hinauszuwachsen und wertvolle Erfahrungen zu sammeln?

Etwas einfacher ist die Einschätzung auf den beiden Langstrecken 5.000m und 10.000m. Beide Strecken wurden nur in Finals ausgetragen, weil die geringe Anzahl der gemeldeten Läuferinnen Vorläufe überflüssig machte. Die Endläufe wurden in einem gemäßigten Temporennen (10.000m) und in einem sogenannten „Bummelrennen“ mit sehr schnellen letzten tausend Metern entschieden (5.000m). Die vom DLV geforderten 32:35min über 10.000m waren demnach eine echte Endkampfchance, was Deutschlands einzige Vertreterin Sabrina Mockenhaupt mit Platz sechs in 32:30,21min dann auch bestätigte. Die vom DLV angesetzten 15:27,00min können nur sehr schwer eingeschätzt werden, weil das gesamte Finalfeld bis auf den letzten Kilometer geschlossen beieinander blieb und am Schluss die Tagesform über die Plätze im Bereich von 8-12 entschied. Der deutsche Vertreterin Maren Kock gelang es nicht, in diesem Bereich anzukommen.

Die zu berechnende erweiterte Finalchance ist die eine Sache, diese vorgegebenen Werte zu laufen aber eine ganz andere. Deutsche Mittel- und Langstrecklerinnen besitzen in aller Regel nicht die Vorleistung, um in die qualitativ für 2:00,50/4:06,80/15:27,00/32:35,99 adäquaten Rennen reinzukommen. Bei den beiden Langstrecken fehlt es dann auch noch an der Masse von Rennen auf europäischen Boden, wenn man davon ausgeht, dass die Zeiten in reinen Frauen-Rennen erzielt werden müssen. Maren Kock schaffte dies nur über den Kunstgriff eines zweiten „gemachten“ Rennens, weil ihre 15:22,75min gemischt gelaufen erzielt wurden und der DLV auf der „besonderen“ Situation in 2014 letztendlich nur noch auf eine Leistungsbestätigung innerhalb der internationalen Norm von 15:45,00min Wert legte.

Bei den Kaderrichtwerten für den B-Kader (Zielalter 25. Lebensjahr) orientiert sich der DLV an der diesjährigen EM-Norm und legt die Anforderungen dabei etwas höher (2:00,20/4:07,00/15:25,00/32:20,00min). Noch einmal zum Vergleich. Die DLV EM-Normen lagen bei 2:00,50/4:06,80/15:27,00/32:35,00min). Lediglich der 1500m Kaderrichtwert fällt hier etwas aus dem Rahmen. Hier war die Norm schneller als der Kaderrichtwert. Während die EM-Normen von 4 Athletinnen (D. Sujew 1500m/Kock 5.000m/ Mockenhaupt und Harrer 10.000m) unterboten wurden, können derzeit nur 3 Athletinnen (D. Sujew 1500m/Kock 5.000m/ Mockenhaupt) mit ihrer diesjährigen Jahresbestzeit den Kaderrichtwert-Höchstanforderungen gerecht werden. Betrachtet man die zurückliegenden 5-7 Jahre ist dies über 800m keiner Athletin, über 1500m Diana Sujew (2012-14), Corinna Harrer (2012/13) und Denise Krebs (2012), über 5.000m Sabrina Mockenhaupt (2014/2012-2009/2007) und Maren Kock (2014), über 10.000m Sabrina Mockenhaupt (2013-2007) und Irina Mikitenko (2008) gelungen. Unterm Strich sind das letztendlich nur 6 Athletinnen. Durch die weicheren Entwicklungsrichtwerte für 19-24jährige Athletinnen haben in 2014 folgende Athletinnen den Kaderrichtwert für 2015 erfüllt:

800m

1500m

5.000m

10.000m

Hering Christina

Harrer Corinna

Heim Thea

Mosler Sonja

Klein Hanna

Sujew Diana

Sujew Elina

Harrer Corinna

Heim Thea

Granz Katharina

Klein Hanna

Mockenhaupt Sabrina

Kock Maren

Harrer Corinna

Harrer Corinna

Berücksichtigt man die Mehrfacherfüllung von Corinna Harrer (4x) und Sabrina Mockenhaupt (2x), Hanna Klein (2x) und Thea Heim (2x) sind dies letztendlich nur 10 Läuferinnen

Daraus ergeben sich Beziehungsfragen:

 

  • Sind die deutschen Läuferinnen zu schlecht oder die Kaderanforderungen zu hoch?
  • Warum erreichen deutsche Läuferinnen im angenommenen Höchstleistungsalter von 25 Lebensjahren die Höchststufe des Kaderrichtwertes nur selten, welche Gründe gibt es für diesen Mangel oder ist die dynamische Steigerung zu stark?
  • Was unternimmt der Verband, um dies zu ändern?
  • Ist der eingeschlagene Weg in 2013, den Schwerpunkt auf eine Hypoxie-Vorbereitung zu legen, wirklich erfolgreich umgesetzt worden? – Nur 3 von 9 Läuferinnen haben diesen Weg letztendlich konsequent eingeschlagen, fallen gegen über den „Klimaathletinnen“ nicht signifikant durch größere Leistungssteigerungen auf.
  • Wie sind aus diesem Häuflein von (qualifizierten) Kaderathletinnen in angedachten gemeinsamen Trainingslagern auch sinnvoll miteinander trainierende Gruppen zu formen?
  • Gibt es Sinn, „Auffüllathletinnen“ ohne erfüllten Kaderrichtwert mit einer „wildcard“ aber ohne finanzielle Zuwendungen aufzunehmen?

Das gute Auftreten von Maren Kalis, Konstanze Klosterhalfen und Alina Reh bei den Jugend-Olympischen Spielen ist nur ein Silberstreif am Läuferinnen-Horizont, mehr noch nicht. Solche Qualitätsleistungen im Jugend- und Juniorenalter hat es in den letzten 10 Jahren immer wieder einmal gegeben. Zudem scheinen Kalis und Klosterhalfen schon recht fixiert auf „ihre“ Strecke zu sein. Man findet in der Bestenliste jedenfalls keine adäquaten Zubringerleistungen in der Unter- und Überdistanz. Lediglich Alina Reh zeigt hier eine erfreuliche Vielfalt.

Bei der Spitzensporttagung am kommenden Montag bis Mittwoch in Kienbaum wird die verantwortliche Sportführung des DLV mit ihrem Lauf-Teamleiter und den Bundestrainern Antworten auf all die Fragen finden müssen.

Foto: Kiefner