Zur strategischen Reserve des DLV im Mittel- und Langstreckenlauf (Teil 2)

8 Läufer im DLV-Aufgebot der U20-WM 2014 in Eugene (USA), 3 in den Finals – für 5 war das leider alles eine neue unbekannte Erfahrung

2014-09-04_Teil 2 Zur strategischen Reserve des DLV im Mittel 04. September 2014 (Lothar Pöhlitz) -  2012 brachten die jungen U20 - DLV-Athleten/innen aus Barcelona 2x Gold, 4x Silber und Rang 3 in der Nationenwertung mit. 2014 erkämpften 57 Athleten 2x Silber und 5x Bronze. Die USA liegt in einer Medaillenrangliste mit 21 Medaillen vor Kenia, das 16 erkämpfte, Deutschland wurde „ohne Gold“ 22 (!). In der Nationenwertung (Plätze 1-8) wurde der 3. Rang von 2012 wiederholt.

Ein „starkes, euphorisches Team“ signalisierte „Team-Chef“ Chounard, bevor es in den USA losging, die 57 Qualifizierten konnten aber sachlich-fachlich beurteilt die Hoffnungen, dass es nach inzwischen zwei Jahren Arbeit weiter aufwärts geht, nicht erfüllen. Der DLV hat ein Nachwuchsleistungsproblem, im Mittel- und Langstreckenlauf sogar auf breiter Front. Schließlich soll der U20- bzw. U23-Talentpool die DLV-Konkurrenzfähigkeit in der Zukunft besser ermöglichen. So ist es auch nicht außergewöhnlich, dass im Abschlussbericht über die Ergebnisse in den USA bei leichtathletik.de vom 29.7.2014 von Silke Morrissey die Läufer gar nicht erwähnt wurden.

Leistungsübersicht

Marc Reuther

 

800 Meter                         VL 1:52,33 (5.)

Julius Lawnik

 

1.500 Meter                                                          F3:44,96 (7.)

Sebastian Hendel

 

1.500 Meter                      VL 3:54,59 (11.)

Patrick Karl

 

3.000 Meter Hindernis    VL 8:47,20 (6.) p.B.  F:9:03,16(12.)

Sarah Schmidt

 

800 Meter                         HF 2:08,60 (7.)

Alina Ammann

 

800 Meter                         HF 2:10,03 (6.)

Tina Donder

 

3.000 Meter Hindernis   VL 10:14,51 (8.) p.B. F:10:24,04 (10.)

Ronja Böhrer

 

3.000 Meter Hindernis    VL 10:25,43 (6.)

57 Athleten waren in die USA gereist, davon „nur“ 8 Läufer. „Unter ihnen finden sich trotz ihres jungen Alters bereits erfahrene Nationalmannschafts-Athleten, aber auch absolute Neulinge“, titelte Alexandra Neuhaus bei leichtathletik.de „Ein starkes Team.“ formulierte Dietmar Chounard, verantwortlicher Bundestrainer der U18/U20. Eine Fehleinschätzung? „Die Stimmung in der Mannschaft ist schon jetzt euphorisch“, signalisiert der Bundestrainer dazu noch aus dem Vorbereitungs-Camp vor Ort. Von den 8 Läufern wurden sicher die Finals, Medaillen aber doch hoffentlich nicht erwartet. Mit einer persönlichen Bestleitung zum Jahreshöhepunkt – natürlich unter Berücksichtigung taktischer Läuferzwänge – könnte man unseren jungen Talenten die Erfüllung ihrer Aufgabe bei dieser WM-Bewährung bescheinigen. In der großen Vorschau bei leichtathletik.de aber auch im Abschlussbericht kamen Läufer dann aber nicht mehr vor.

Schönreden macht keine Medaillen

Die Erwartungshaltung bei den Athleten und auch Trainern ist natürlich vor einer U20-WM unterschiedlich. Wie so oft redete man sie stark, sollte aber wieder sachlich-kritischer werden. Schönreden macht keine Medaillen. Es wird zu wenig bedacht, dass wie immer bei „kleinen“ und großen Weltmeisterschaften viele erstmals mit dem bunten Mix aus Sprachen und Kulturen konfrontiert werden, vielleicht auch erstmals die Nationalmannschaftkleidung tragen dürfen. Wem im amerikanischen Hayward Field unter dem internationalen Flaggenmeer oder beim Frühstück seine Gegner aus aller Welt begegneten, verlor bestimmt gleich einige Zentimeter seiner Körpergröße und vergaß für einen Moment das „Brust raus, ich bin hergekommen um zu bestehen!“

Die Aufgabe ist zu den Besten in den Altersklassen aufzuschließen

Sehr schön der 7.Platz des Magdeburgers Julius Lawnik (Trainer Jürgen Eberding) über 1500 m (3:44,96) und die persönliche Bestleistung von Tina Donder im Vorlauf über 3000 m Hindernis (10:14,51), die sie leider im Finale (Platz 10) nicht wiederholen konnte. Auch Patrick Karl erreichte mit persönlicher Bestleistung von 8:47,20 das Finale, die Regenerationszeit bis zur Bewährung war offensichtlich zu kurz, es blieb, 16 Sekunden „langsamer“, auf Platz 12 hängen. Trotz dreier Finalplätze gehörten die Läufer mit ihrem Leistungsabstand zur Spitze ihrer Altersklasse (s.u.), sicher nicht zu denen die auf Schultern durch die Arena getragen wurden und die erwartete Bilanz der 57 mit Hoffnung Entsandten schönen konnten. Die Versäumnisse der letzten Jahre sollten aber bitte nicht den Athleten und ihren Heimtrainern allein zugeschoben werden. Hoffentlich bekommen sie nach diesen Enttäuschungen wenigstens ausreichende Hilfen, was sie nun tun sollten.

Einige Gedanken über Verantwortung gegenüber jungen Talenten in ihrer Lehrzeit - Hoffentlich wurden sie von den Bundestrainern „aufgefangen“

Bei leichtathletik.de wurde u.a. von den Erfahrungen des Sebastian Hendel in seinem Vorlauf über 1500 m berichtet, leider keine besonders guten. Sicher auch, weil er geglaubt hatte, zu den besten Talenten des DLV zu gehören und er bei einer U20-WM eine Chance hätte. Sonst wäre er ja nicht nominiert worden. Damit man nicht leichtfertig über eine solch herbe Niederlage eines jungen Athleten zur Tagesordnung übergeht, möchte ich für diesen jungen Mann an dieser Stelle, beispielhaft für auch andere, einmal eine Lanze brechen und hoffen, dass ich nicht der Einzige bin, der ihn gern vor einem tiefen Fall bewahren möchte. So nimmt man einem jungen Läufer die Motivation für mehr. Es muss doch Verantwortliche geben, die zukünftig junge Athleten, aber auch den DLV vor Schaden bewahren. Nur mit Hochleistungsmaßstäben sehr gut vorbereitete Läufer sollten zukünftig für eine Weltmeisterschaft ausgewählt werden, auch für eine U18- oder U20-WM. Es wird ja zukünftig nicht die Devise „dabei sein ist alles „gelten, sondern „ wir schicken unsere Besten“. Nun ist Zeit, darüber nachzudenken, warum wir keine haben oder warum sie nicht, wie viele andere, zweimal gut laufen können. Oder war es vielleicht für ihn sogar, wie mir scheint die zu kurze, falsche Strecke? Eine Weltmeisterschaft sollte kein Übungsfeld sein, ohne zu negieren das man auch bei hoher Leistungsfähigkeit Erfahrungen sammeln kann. Junge Talente sollte man aber davor bewahren, sich unnötig psychische Schäden fürs Leben zu holen. Die Bundestrainer müssen den internationalen Anspruch in den Altersklassen jährlich analysieren und das System der Vorbereitung darauf ausrichten. Das Schlüsselwort dazu heißt „besseres Training unter Leistungssportbedingungen“!

Was ist passiert?

Von seinem Vorlauf wurde bei leichtathletik.de so berichtet: „Er schlich mit hängendem Kopf aus dem Stadion – so hatte er sich seine WM-Premiere nicht vorgestellt. „Ich habe mich total schlecht gefühlt“, gestand er  und das sogar schon vor dem Rennen. „Die lange Call-Room-Zeit, die Atmosphäre und so ein Rennen – das war neu für mich. Es wurde  ständig geschubst und geschoben, alle waren so eng beisammen.“

Sebastian Hendel (LG Vogtland) reiste 19-jährig als Mittelstreckler mit 1:52,66 (17.Platz U20-BL / 3:46,22 (13. Platz BL Erwachsen) als Vorleistungen in Osterode bzw. Regensburg erzielt, zur U20-Weltmeisterschaft in die USA. Dort musste er es gegen 23 Gegner „aus aller Welt“ aufnehmen. In den Läufen wurde die letzten 300m jeweils zwischen 41-42 Sekunden gelaufen. Das entspricht einem 800 m -Tempo um 1:50 bzw. 400 m um 55 Sekunden - bei einer persönlichen Bestleistung 2014 über 800 m von 1:52,66 !!! Im 1.Vorlauf wäre er mit persönlicher Jahresbestleistung nur 8 (!) geworden. Rang 11 und 3:54,59 Minuten im 2.VL ging für ihn in die Ergebnislisten ein.

Auch Alina Amman stellte nach ihrem Halbfinal-Aus über 800 m in 2:10,03 (6.) enttäuscht fest: „So ein Meisterschaftsrennen kenne ich nicht, das war einfach nicht mein Rhythmus – auch wenn ich mich eigentlich an alles anpassen können müsste“. Nur 2 Beispiele. Solche Erfahrungen müssten unsere Talente in Zukunft bei entsprechenden Rennen vor einer U20-WM oder auch U18-EM im nahen Ausland (weil es sie bei uns nicht gibt) gegen Stärkere machen. In den USA hat sich gezeigt dass uns die Besten auch schon in diesen Altersklassen „entlaufen“ sind.  Alina Amman hat glücklicherweise bei den DM Jugend bewiesen dass sie keinen Schaden genommen hat.

Die Maßstäbe für die U20 - Zukunft in den Laufdisziplinen werden nicht geringer

Das konnten beispielsweise die Besten 2014:

 

  • 800 m MJU20 1.Alfred Kipketer (96) KEN 1:43,95
  • 1500 m MJU20 Sieger Kiplono (KEN) läuft 3:40,02
  • 5000 m MJU20 Sieger Yomif Kejelcha (97) ETH in 13:25,19
  • 3000 m Hindernis MJU20 Kipyego 8:25,5 KEN / Kipruto Kibiego KEN 8:26,15
  • Kein deutscher unter den 38 10.000 m Läufern - Siegerzeit: 28:32,86
  • 800 m WJU20 M.Wambui (95) KEN 2:00,49 (400 m Zwischenzeit 56,33)
  • 1500 m WJU20 Dawit Seyaum ETH 4:09,86 von der Spitze
  • 3000m WJU20 1. Mary CAIN (96) USA 8:58,48
  • 5000 m WJU20 - 2x ETH mit 15:10.08 und 15:10.46 !!!
  • 3000 m Hindernis WJU20 1.Ruth Jebel (96) BRN 9:36,74